Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Louise beugte sich vor, so dass sich ihr Gesicht unvermittelt in mein Blickfeld schob.
»Ich kann sämtliche Knochen in deinem Gesicht sehen! Wenn du schon nichts isst, geh wenigstens ein bisschen ins Freie!«, sagte sie ungeduldig. »Der Regen hat aufgehört; komm, wir sehen nach, ob schon Muskatellertrauben im Garten sind. Vielleicht isst du die.«
Draußen oder drinnen war mir völlig gleich; das sanfte, betäubende Grau folgte mir überallhin, so dass alles verschwamm und ein Ort wie der andere aussah. Aber es schien Louise wichtig zu sein, also erhob ich mich gehorsam, um mit ihr zu gehen.
Doch an der Gartentür wurde sie von der Köchin abgefangen, die eine Liste mit Fragen und Beschwerden zum Speiseplan für das Abendessen dabeihatte. Es waren Gäste eingeladen, die mich ablenken sollten, und das geschäftige Treiben der Vorbereitungen entlud sich schon den ganzen Morgen in kleinen Explosionen häuslicher Dissonanz.
Louise stieß den Seufzer einer Märtyrerin aus, dann klopfte sie mir auf den Rücken.
»Geh nur weiter«, sagte sie und drängte mich auf die Gartentür zu. »Ich schicke dir einen Bediensteten mit deinem Umhang.«
Es war ein kühler Tag für August, weil es seit gestern Abend immer wieder geregnet hatte. Die Kieswege waren voller Pfützen, und von den nassen Bäumen tropfte es beinahe so unablässig, als regnete es noch.
Der Himmel war grau und verhangen, doch das wütende Schwarz der Regenwolken hatte sich gelichtet. Ich legte mir die Arme um die Ellbogen; es sah zwar so aus, als würde gleich die Sonne hervorkommen, aber es war immer noch so kalt, dass ich tatsächlich gern einen Umhang gehabt hätte.
Als ich hinter mir Schritte auf dem Weg hörte, drehte ich mich um und sah François, den Hausdiener, doch er hatte das Kleidungsstück nicht dabei. Er machte einen zögernden Eindruck und sah mich an, als wollte er sich vergewissern, dass ich tatsächlich die Person war, die er suchte.
»Madame«, sagte er, »Ihr habt Besuch.«
Ich seufzte innerlich; ich wollte nicht mit der Mühe konfrontiert werden, mich gegenüber anderen zur Höflichkeit aufzuraffen.
»Bitte sagt ihm, es geht mir nicht gut«, sagte ich und machte wieder kehrt, um meinen Weg fortzusetzen. »Und wenn er fort ist, bringt mir meinen Umhang.«
»Aber Madame«, sagte er hinter mir, »es ist le seigneur Broch Tuarach – Euer Gemahl.«
Erschrocken fuhr ich zum Haus herum. Es stimmte; ich konnte Jamies hochgewachsene Gestalt bereits um die Hausecke kommen sehen. Ich wandte mich ab, als hätte ich ihn nicht gesehen, und schritt zum Obstgarten davon. Dort standen dichte Büsche; vielleicht konnte ich mich ja verstecken.
»Claire!« Es war zwecklos, so zu tun, als ob; er hatte mich ebenfalls gesehen und kam jetzt über den Weg auf mich zu. Ich beschleunigte meine Schritte, doch seinen langen Beinen war ich nicht gewachsen. Ich keuchte schon auf halber Strecke zum Obstgarten und war gezwungen, langsamer zu gehen; meine Kondition reichte für solche Anstrengungen nicht aus.
»Warte, Claire!«
Ich wandte mich halb um; er hatte mich fast erreicht. Die sanfte graue Taubheit ringsum erbebte, und ich empfand eine Art panischer Starre bei dem Gedanken, dass sein Anblick sie mir rauben könnte. Wenn das geschah, würde ich sterben, dachte ich, wie eine Made, die man aus dem Boden grub und auf einen Felsen warf, damit sie nackt und schutzlos in der Sonne verschrumpelte.
»Nein!«, sagte ich. »Ich will nicht mit dir sprechen. Geh!« Er zögerte einen Moment, und ich wandte mich von ihm ab und setzte hastig meinen Weg zum Obstgarten fort. Ich hörte seine Schritte hinter mir auf dem Kiesweg, drehte mich aber nicht um, sondern ging noch schneller, bis ich beinahe rannte.
Als ich innehielt, um mich in den Obstgarten zu ducken, bewegte er sich mit einem plötzlichen Satz auf mich zu und packte mein Handgelenk. Ich versuchte, es ihm zu entziehen, doch er hielt mich fest.
»Claire!«, sagte er erneut. Ich kämpfte gegen ihn an, hielt mein Gesicht jedoch abgewandt; wenn ich ihn nicht ansah, konnte ich mir einreden, dass er gar nicht da war. Ich konnte in Sicherheit bleiben.
Er ließ mein Handgelenk los, packte mich aber stattdessen bei beiden Schultern, so dass ich den Kopf heben musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sein Gesicht war sonnenverbrannt und schmal mit tiefen Falten um den Mund, und seine Augen waren vom Schmerz verdunkelt. »Claire«, sagte er sanfter, jetzt, da er meinen Blick auf sich gerichtet sah. »Claire … es war doch auch mein Kind.«
»Ja, das war es – und du hast es umgebracht!« Ich riss mich von ihm los und stürzte durch den engen Spalierbogen davon. Im Inneren des Gartens blieb ich stehen und keuchte wie ein verängstigter Hund. Mir war nicht klar gewesen, dass der Bogen in eine kleine, mit Wein bewachsene Laube führte. Spaliere umgaben mich auf allen Seiten – ich saß in der Falle. Das Licht hinter mir verdunkelte sich, als sein Körper den Durchgang blockierte.
»Rühr mich nicht an!« Ich wich zurück und starrte zu Boden. Geh doch!, dachte ich panisch. Bitte lass mich doch in Gottes Namen zufrieden! Ich konnte spüren, wie meine graue Umhüllung unausweichlich entfernt wurde, und kleine leuchtende Strahlen aus Schmerz durchfuhren mich wie Blitze, die eine Wolke durchbohren.
Er blieb in einigem Abstand stehen. Ich stolperte blindlings auf die Spalierwand zu und ließ mich auf eine Holzbank fallen. Mit geschlossenen Augen saß ich zitternd da. Es regnete zwar nicht mehr, doch ein kalter, feuchter Wind durchdrang das Spalier und ließ mich am Hals frösteln.
Er kam nicht näher. Ich konnte spüren, wie er dastand und auf mich hinunterblickte, konnte ihn angestrengt atmen hören.
»Claire«, sagte er erneut, und etwas wie Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. »Claire, siehst du denn nicht … Claire, du musst mit mir sprechen! In Gottes Namen, Claire, ich weiß doch noch nicht einmal, ob es ein Mädchen oder ein Junge war!«
Ich saß da wie erstarrt und klammerte mich an das rauhe Holz der Bank. Im nächsten Moment knirschte es laut vor mir auf dem Boden. Ich öffnete die Augen einen Spalt und sah, dass er sich so, wie er war, auf den nassen Kies zu meinen Füßen gesetzt hatte. Er saß mit gesenktem Kopf da, und die Regentropfen glitzerten in seinem von der Nässe verdunkelten Haar.
»Willst du, dass ich dich anflehe?«, sagte er.
»Es war ein Mädchen«, sagte ich nach einigen Sekunden. Meine Stimme klang seltsam heiser und rauh. »Mutter Hildegarde hat sie getauft. Faith. Faith Fraser. Mutter Hildegarde hat einen seltsamen Sinn für Humor.«
Der gesenkte Kopf bewegte sich nicht. Dann sagte er leise: »Hast du das Kind gesehen?«
Meine Augen waren jetzt ganz offen. Ich blickte auf meine Knie, wo Wassertropfen, die hinter mir von den Weinranken geflogen kamen, nasse Flecken auf der Seide hinterließen.
»Ja. Die maîtresse sage-femme hat gesagt, ich sollte es sehen, also haben sie mich gezwungen.« In meiner Erinnerung hörte ich Madame Bonheur, die erfahrenste und angesehenste Hebamme, die dem Hôpital des Anges ihre Zeit spendete, leise sprechen.
»Gebt ihr das Kind; es ist immer besser, wenn sie es sehen. Dann brauchen sie sich nichts auszumalen.«
Also malte ich mir nichts aus. Ich erinnerte mich.
»Sie war perfekt«, sagte ich leise wie zu mir selbst. »So klein. Ich konnte ihren Kopf in meine Handfläche legen. Ihre Ohren standen ein kleines bisschen ab – ich konnte sehen, wie das Licht hindurchschien.«
Das Licht hatte auch durch ihre Haut geschienen und ihre Wangen und ihr Gesäß mit dem Schimmer der Perlen überzogen; still und kühl, als seien sie immer noch Teil jener seltsamen Welt unter Wasser.
»Mutter Hildegarde hat sie in ein Stück weißen Satin gewickelt«, sagte ich, den Blick auf meine Fäuste gerichtet, die geballt auf meinem Schoß lagen. »Ihre Augen waren geschlossen. Sie hatten noch keine Wimpern, aber sie standen schräg. Ich habe gesagt, sie hätte deine Augen, doch die Schwestern meinten, alle Babys hätten solche Augen.«