Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Raymond trat gelassen in seinen mit Kreide markierten Bereich und nickte mir freundlich zu. Kein Hauch von Hilfestellung in seinen runden schwarzen Augen.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich als Nächstes tun sollte. Der König winkte mir, ihm gegenüberzutreten und mich zwischen die beiden Pentagramme zu stellen. Die Gestalten in den Kapuzen erhoben sich, um hinter den König zu treten; eine bedrohliche Ansammlung leerer Gesichter.
Es herrschte extreme Ruhe. Kerzenrauch hing wie ein Nebelschwaden unter der vergoldeten Decke und schwebte in Fäden auf den trägen Luftzügen dahin. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Aus Verzweiflung wandte ich mich schließlich an den Comte und nickte.
»Ihr dürft beginnen, Monsieur le Comte«, sagte ich.
Er lächelte – zumindest vermutete ich, dass es ein Lächeln sein sollte – und begann mit einer Ergründung der Anfänge der Kabbala, auf die ein Vortrag über die dreiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets und den tiefgehenden Symbolismus des Ganzen folgte. Es klang durch und durch akademisch, vollkommen harmlos und schrecklich langweilig. Der König gähnte, ohne sich die Mühe zu machen, sich die Hand vor den Mund zu halten.
Unterdessen ging ich im Kopf die Alternativen durch. Dieser Mann hatte mich bedroht und angegriffen, und er hatte versucht, Jamie umbringen zu lassen – ob aus politischen oder persönlichen Gründen, änderte dabei nicht viel. Er war aller Wahrscheinlichkeit nach der Rädelsführer der Bande von Vergewaltigern gewesen, die mir und Mary aufgelauert hatten. Abgesehen davon und von den Gerüchten, die ich über seine anderweitigen Umtriebe gehört hatte, stellte er eine ernste Bedrohung für unseren Versuch dar, Charles Stuart aufzuhalten. Würde ich ihn damit durchkommen lassen? Ihn damit fortfahren lassen, seinen Einfluss beim König für die Stuarts einzusetzen und mit seiner Bande maskierter Flegel die dunklen Straßen von Paris heimzusuchen?
Ich konnte meine Brustwarzen steif vor Angst unter der Seide meines Kleides aufragen sehen. Doch ich riss mich zusammen und funkelte ihn an.
»Einen Moment«, sagte ich. »Bis jetzt ist alles, was Ihr sagt, die Wahrheit, Monsieur le Comte, doch ich sehe einen Schatten hinter Euren Worten.«
Der Mund des Comte öffnete sich. Louis, der sich an den Tisch gelehnt hatte, wurde plötzlich neugierig und richtete sich auf. Ich schloss die Augen und legte die Finger auf meine Lider, als blickte ich nach innen.
»Ich sehe einen Namen in Eurem Kopf, Monsieur le Comte«, sagte ich. Ich klang atemlos und halb erstickt vor Angst, doch es ging nicht anders. Ich ließ die Hände sinken und sah ihn geradewegs an. »Les Disciples du Mal«, sagte ich. »Was habt Ihr mit Les Disciples zu tun, Monsieur le Comte?«
Er war wirklich nicht gut darin, seine Gefühle zu verbergen. Seine Augen quollen hervor, sein Gesicht wurde weiß, und ich empfand einen heftigen Stoß der Genugtuung unter meiner Angst.
Auch dem König war der Name Les Disciples du Mal vertraut; seine schläfrigen dunklen Augen zogen sich mit einem Mal zu Schlitzen zusammen.
Der Comte mochte ja ein Gauner und ein Scharlatan sein, aber ein Feigling war er nicht. Er riss sich zusammen, sah mich finster an und warf den Kopf zurück.
»Diese Frau lügt«, sagte er und klang nicht weniger selbstsicher als vorhin, als er seine Zuhörerschaft darüber belehrt hatte, dass der Buchstabe Aleph das Becken mit dem Blut Christi symbolisierte. »Sie ist keine wahre Weiße Dame, sondern die Dienerin Satans! Im Bunde mit ihrem Meister, dem berüchtigten Magier, du Carrefours’ Schüler!« Er wies mit einer dramatischen Geste auf Raymond, der einen etwas überraschten Eindruck machte.
Einer der Kapuzenmänner bekreuzigte sich, und ich hörte das leise Flüstern eines Stoßgebets im Schatten.
»Ich kann meine Worte beweisen«, erklärte der Comte, der niemand anderen zu Wort kommen ließ. Er griff in die Brust seines Rockes. Ich musste an den Dolch denken, den er bei unserer Dinnergesellschaft aus dem Ärmel gezogen hatte, und machte mich darauf gefasst, mich zu ducken. Doch was er hervorholte, war kein Messer.
»Die Heilige Bibel sagt: ›Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die‹«, donnerte er. »›In meinem Namen werden sie Schlangen vertreiben!‹«
Ich vermutete, dass es ein kleiner Python war. Er war vielleicht neunzig Zentimeter lang, glänzend, golden und braun, glatt und geschmeidig wie ein geölter Strick mit zwei beunruhigenden gelben Augen.
Bei seinem Auftauchen schnappte alles nach Luft, und zwei der Richter in den Kapuzen traten hastig einen Schritt zurück. Auch Louis war mehr als nur etwas verblüfft und sah sich hastig nach seinem Leibwächter um, der mit großen Augen an der Tür des Gemaches stand.
Die Schlange züngelte ein- oder zweimal, um die Luft zu kosten. Da sie anscheinend beschloss, dass die Mischung aus Kerzenwachs und Weihrauch nicht essbar war, machte sie kehrt und versuchte, sich wieder in der warmen Tasche zu vergraben, aus der man sie so unsanft entfernt hatte. Der Comte packte sie gekonnt hinter dem Kopf und schob sie auf mich zu.
»Seht Ihr?«, sagte er triumphierend. »Die Frau weicht angsterfüllt zurück! Sie ist eine Hexe!«
Tatsächlich war ich im Gegensatz zu einem der Richter, der an der entferntesten Wand kauerte, ein Monument der Tapferkeit, doch ich muss zugeben, dass ich beim Auftauchen der Schlange unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten war. Jetzt trat ich wieder vor, um sie ihm abzunehmen. Das verflixte Tier war schließlich nicht giftig. Vielleicht würden wir ja sehen, wie harmlos sie war, wenn ich sie ihm um den Hals legte.
Doch ehe ich ihn erreichen konnte, erhob sich Meister Raymonds Stimme hinter mir. In all dem Hin und Her hatte ich ihn völlig vergessen.
»Das ist aber nicht alles, was die Bibel sagt, Monsieur le Comte«, stellte Raymond fest. Er sprach leise, und sein breites Amphibiengesicht war völlig ausdruckslos. Dennoch verstummte das Stimmengewirr, und der König wandte sich ihm zu.
»Ja, Monsieur?«, sagte er.
Raymond nahm höflich nickend zur Kenntnis, dass er jetzt das Wort hatte, und griff mit beiden Händen in seine Robe. Aus der einen Tasche zog er eine Flasche, aus der anderen einen kleinen Becher.
»›In meinem Namen werden sie Schlangen vertreiben‹«, zitierte er, »›und so sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden.‹« Er stellte sich den Becher auf die Handfläche, und die silberne Innenfläche glänzte im Kerzenschein. Er hielt die Flasche darüber, zum Einschenken bereit.
»Da sowohl Milady Broch Tuarach als auch ich angeklagt sind«, sagte Raymond und warf mir einen raschen Blick zu, »schlage ich vor, dass wir alle drei an dieser Prüfung teilnehmen. Mit Eurer Erlaubnis, Eure Majestät?«
Louis schien über diese rapide Entwicklung verblüfft zu sein, doch er nickte, und eine bernsteinfarbene Flüssigkeit plätscherte als dünnes Rinnsal in den Becher, wo sie sich auf der Stelle rot verfärbte und Blasen zu werfen begann, als ob der Inhalt kochte.
»Drachenblut«, ließ Raymond die Anwesenden wissen und wies auf den Becher. »Vollkommen harmlos für die, die reinen Herzens sind.« Er lächelte ein zahnloses, ermunterndes Lächeln und reichte mir den Becher.
Anscheinend blieb mir nicht viel anderes übrig, als es zu trinken. Drachenblut schien eine Art Natronlösung zu sein; es schmeckte wie Brandy mit Seltzer. Ich trank zwei oder drei nicht allzu große Schlucke und reichte den Becher zurück.
Auch Raymond trank feierlich. Dann ließ er den Becher sinken, und auf seinen Lippen blieben rötliche Flecken zurück. Er wandte sich dem König zu.
»Wenn ich La Dame Blanche bitten dürfte, den Becher an Monsieur le Comte zu überreichen?«, sagte er. Er wies auf die Kreidestriche zu seinen Füßen, um anzuzeigen, dass er den Schutz des Pentagramms nicht verlassen konnte.