Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Bei deinen Worten, Martial, wird's mir in der Tat wohler zumute!« sagte Schuri, und Martial fragte ihn: »Nicht wahr? Und nun denken wir nicht weiter mehr an den schlimmen Traum?« »Versuchen will ich es ja,« erwiderte Schuri.
»Um vier Uhr also holst du uns ab? Vergiß nicht, daß um fünf schon die Post abgeht.«
»Topp!« antwortete Schuri, »aber sieh da! Wir sind ja gleich in Paris ... Laß die Droschke halten! Ich will zu Fuß bis zur Charentoner Linie gehen und versuchen, ob ich Herrn Rudolf noch einmal werde sehen können.«
Der Wagen hielt, und Schuri stieg aus ...
Martial rief ihm noch einmal nach... »Also nicht vergessen! Punkt vier!«
Schuri hatte vergessen, daß es der Tag nach Mittfasten war, sonst hätte er sich kaum gewundert über das wunderliche, häßliche Schauspiel, das ihm wurde, als er über einen Teil des äußern Boulevards ging in der Absicht, zur Charentoner Linie zu gelangen.
Elftes Kapitel.
Gottes Finger.
Schuri sah sich nach wenig Augenblicken durch eine geschlossene Menge mit hinweggerissen, die aus den Vorstadtwirtshäusern geströmt war und sich vor der Linie gestaut hatte, um sich von dort über den Boulevard Saint-Jacob zu ergießen. Von weither hörte man, wiewohl es schon heller Tag war, schallende Orchestermusik, denn in keiner Schenke ging es heute still her. Fast alle Männer, auch Weib und Kind trugen Maskenkostüme, und wer sich den Luxus eines Kostüms nicht leisten konnte, hatte doch für allerhand Ausputz, und wenn er sich aus Lumpen und Flitter zusammensetzte, gesorgt. Auf allen durch Ausschweifung und Laster zerstörten Gesichtern leuchtete wilde Freude, und nicht zum mindesten hatte sich die frohe Stimmung dadurch schier ins Maßlose gesteigert, daß sich die Kunde von der für den Morgen zu erwartenden Hinrichtung unter der Menge verbreitet hatte.
Schon war ja das Schafott aufgeschlagen worden. Eine unermeßliche Volksmenge – der ekelhafteste Abschaum der Pariser Bevölkerung, aus Räubern, Wegelagerern, Dieben und Gaunern aller erdenklichen Schattierungen bestehend – drängte sich hier, wo sich der äußere Boulevard erheblich verengert.
All seine Riesenkraft half Schuri nichts: er mußte in dieser geschlossenen Masse stehen bleiben, ohne daß er ein Glied rühren konnte. Er fügte sich darein, da ihm für den Augenblick weiter nichts übrig blieb. Wie ihm gesagt worden war, sollte Fürst Rudolf in der zehnten Stunde aus der Rue Plumet abfahren, konnte also vor elf Uhr nicht an der Charentoner Linie sein. Jetzt war es erst etwa sieben Uhr.
Schuri fühlte einen unüberwindlichen Abscheu vor diesem Pöbel, in dessen Mitte er geraten war, wenngleich er früher nur mit den niedrigsten Elementen Umgang gehabt, hatte. Der Menschenstrom schob ihn bis an die Mauer eines der vielen Boulevard-Wirtshäuser, und so wurde er, ohne es zu wollen, Zeuge einer wunderlichen Szene, die sich in einem großen, zum Tanzsaale hergerichteten Schenkraume abspielte.
An demjenigen Saalende, wo die Musik ihren Platz hatte, wo Bänke und Tische mit allerhand Tafelresten, zerbrochenem Geschirr und umgestürzten Flaschen aneinander gerückt standen, erging sich ein Dutzend von Halbbetrunkenen kostümierten Männern und Weibern in einem tollen, unzüchtigen Tanze, der in der Regel erst dann unternommen wird, wenn die Polizeistunde geschlagen hat und der betreffende Raum, der dafür ausersehen ist, nach außen hin geschlossen werden kann.
Zwischen den Paaren, die an diesen Saturnalien sich beteiligten, fielen Schuri zwei auf, die durch ihre geradezu empörenden Stellungen und Lieder die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen.
Das erste Paar bildeten ein als Bär verkleideter Mann und eine wilde Marketenderin. Die Kopfmaske mochte dem Manne lästig geworden sein, wenigstens hatte er sie durch ein wie eine Kapuze aussehendes Ding ersetzt, das sein ganzes Gesicht verhüllte, bis auf zwei Löcher in der Augengegend und einem breiten Spalte, der dem Munde das Sprechen und Atmen ermöglichte.
Dieser Mensch, der sich unter einer Bärenmaske versteckte, war kein anderer als Niklas Martial, der sich mit Barbillon, seinem Zellengenossen in Bicêtre, und den beiden Mördern, die zu Anfange dieser Erzählung in der Penne zum weißen Kaninchen verhaftet worden waren, nach ihrem gemeinsamen Ausbruch aus dem Gefängnis hier bei diesem Volksfest wieder zusammen gefunden hatte.
Die mit ihm tanzende Marketenderin trug einen Lederhut voll Beulen, der mit zerschlissenen Bändern ausgeputzt war, dazu ein Wams aus verschossenem roten Tuche mit drei Reihen Kupferknöpfen, das an einen Husarendolman erinnerte, einen grünen Oberrock und Beinkleider aus weißem Kattun. Ihr Haar fiel verworren auf die Stirn, und ihr bleiches Gesicht verriet schamlose Frechheit.
Das Vis-a-vis des Paares war nicht minder roh und gemein: Der Mann, fast ein Riese, als Robert Macaire kostümiert, hatte sich das knochige Gesicht bis zur Unkenntlichkeit mit Ruß beschmiert. Eine breite Binde bedeckte das rechte Auge, und das matte Weiß des von diesem Gesichte abstechenden Augapfels verunstaltete es noch mehr. Der untere Teil des Gesichts verschwand in einer hohen Krawatte, die aus einem alten roten Schal gedreht worden war. Auf dem Kopfe trug er, entsprechend der Robert Macaire-Maske, einen grauen, abgeschabten, plattgedrückten, schmutzigen Hut, dem der Boden fehlte. Dazu einen zerrissenen grünen Frack und ein Paar rote, an tausend Stellen geflickte Beinkleider, unten mit Bindfaden zusammengeschnürt, und über stahlblauen Strümpfen ein Paar strohgelbe Sandalen.
In diesem Kostüm spielte sich dieser gefährliche Verbrecher – in welchem der Leser wahrscheinlich schon das »Skelett« wiedererkannt haben dürfte – als der rüpelhafteste aller Chahut-Tänzer auf – Chahut ist der Name des unanständigsten aller obszönen Tänze, die das Paris nach dem letztmaligen Regiment der Bourbonen gekannt hat – warf seine langen, eisenharten Glieder nach rechts und links, bald vor-, bald rückwärts und brachte sie in alle möglichen Formen mit einer Kraft und Elastizität, wie wenn sie aus Stahlfedern bestünden.
Seine Tänzerin war ein großes, gewandtes Geschöpf mit frechem Gesichte, trug eine Soldatenmütze, auf das Ohr gekippt, über einer gefiederten Perücke mit langem Zopfe, eine Jacke und grünsamtne, stark abgeschabte Beinkleider, um die Taille eine orangefarbige Schärpe mit langen Enden, die um sie herflatterten.
Ein dickes, gemeines Weib, die Wirtin aus der Penne »zum weißen Kaninchen«, saß auf einer Bank, über den Knien die karierten Mäntel der Marketenderin und dieses frechsten aller Weibsbilder haltend, die gleich ihrer Kameradin in den frechen Stellungen und wilden Sprüngen mit dem »Skelett« und mit Niklas Martial wetteiferte.
Unter den Tänzern fiel auch ein kleiner, lahmer Wicht auf, der sich als Teufel kostümiert hatte, aber in einem schwarzen Trikot, der ihm viel zu weit und zu groß war, und dazu eine grüne Maske trug. Trotz seinem Gebrechen besaß dieses kleine Ungeheuer eine bewunderungswürdige Gewandtheit. Seine frühreife Verdorbenheit war, wenn nicht größer, doch wenigstens ebenso groß wie die seiner schlimmen Genossen, und er sprang so frech und wild vor einer feisten Weibsperson herum, daß sich jeder, der ihn sah, verwundern mußte, wie sich ein Mensch so zu gebärden vermochte.
Wider den lahmen Jungen Rotbarts war kein Strafverfahren erhoben worden, und sein Vater, der einstweilen in Untersuchungshaft behalten worden war, hatte ihn für diese Zeit dem alten Micou, dem Hehler, der durch keinen seiner Komplizen angezeigt worden war, in Pflege gegeben.
Als Staffage zu diesem Verbrecherbilde, das wir zu zeichnen versucht haben, denke man sich das gemeinste, schändlichste Gesindel dieses raubsüchtigen, blutdürstigen, gottlosen Pöbels, der sich allzeit feindlich gegen die soziale Ordnung auflehnt, und man bekommt eine Lösung für das Rätsel, woher in Tagen der Revolution die schlimmen Gestalten kommen, die dann Leben und Sicherheit auf das schrecklichste gefährden – die wie aus dem Erdboden gewachsen erscheinen und doch jahraus, jahrein die Hefe der großstädtischen Bevölkerung bilden ...