Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Raymond dagegen wirkte ruhig wie ein Steinbutt auf Eis. Ungerührt stand er da, die Hände in die Ärmel seiner üblichen, abgetragenen Samtrobe gesteckt, das breite, flache Gesicht gelassen und unergründlich.
»Diese beiden Männer stehen als Angeklagte vor uns, Madame«, sagte Louis und wies auf Raymond und den Comte. »Der Zauberei, der Hexenkunst, der Verkehrung legitimen Wissensdurstes in eine Erkundung obskurer Künste.« Seine Stimme war kalt und grimmig. »Solche Praktiken konnten unter der Herrschaft meines Großvaters gedeihen, doch wir werden solche Verruchtheit in unserem Reich nicht dulden.«
Der König schnippte mit den Fingern in die Richtung eines der Kapuzenmänner, der mit Feder und Tinte vor einem Häufchen Papiere saß. »Lest die Anklagepunkte vor, bitte«, sagte er.
Die Gestalt mit der Kapuze erhob sich gehorsam und begann, von einem der Blätter abzulesen: Vorwürfe der Bestialität, des Blutvergießens an Unschuldigen, der Verhöhnung der Heiligen Messe durch die Entweihung der Hostie, des Vollzugs von Liebesritualen auf dem Altar Gottes – mir fuhr durch den Kopf, wie es wohl ausgesehen haben musste, als mich Raymond in Hôpital des Anges geheilt hatte, und ich war zutiefst dankbar, dass ihn niemand entdeckt hatte.
Ich hörte, wie der Name »du Carrefours« erwähnt wurde, und schluckte plötzliche Übelkeit herunter. Was hatte Pastor Laurent gesagt? Der Zauberer du Carrefours war in Paris verbrannt worden, nur zwanzig Jahre zuvor und aufgrund von Anklagepunkten, wie ich sie hier gerade hörte: »… das Heraufbeschwören von Dämonen und dunkler Mächte, das Verursachen von Krankheit und Tod gegen Bezahlung …« Ich legte mir die Hand auf den Bauch, weil ich lebhaft an die Cascararinde denken musste. »… die Verwünschung von Mitgliedern des Hofes, die Entweihung von Jungfrauen …« Ich warf dem Comte einen hastigen Blick zu, doch sein Gesicht war versteinert, und er hörte mit fest aufeinandergepressten Lippen zu.
Raymond stand reglos da, das Silberhaar auf den Schultern, als lauschte er etwas Belanglosem wie dem Lied einer Drossel im Gebüsch. Zwar hatte ich die kabbalistischen Symbole auf seinem Schrank gesehen, doch es war mir kaum möglich, den Mann, den ich kannte – den mitfühlenden Giftmischer, den pragmatischen Apotheker – mit der Liste der Unsäglichkeiten in Einklang bringen, die hier vorgetragen wurde.
Schließlich endete der Vortrag. Der Mann mit der Kapuze blickte zum König hinüber, und auf ein Signal hin sank er wieder auf seinen Stuhl.
»Es wurden weitreichende Nachforschungen angestellt«, sagte der König an mich gewandt. »Es wurden Beweisstücke vorgelegt, und Zeugenaussagen wurden zu Protokoll genommen. Es scheint klar«, sein Blick fiel kalt auf die beiden angeklagten Magier, »dass sich beide Männer mit den Schriften alter Philosophen befasst und die Kunst der Wahrsagung ausgeübt haben, indem sie Berechnungen der Bewegungen von Himmelskörpern zugrunde legten. Dennoch …« Er zuckte mit den Schultern. »Das allein ist noch kein Verbrechen. Man hat mir zu verstehen gegeben«, sein Blick fiel auf einen untersetzten Kapuzenträger, von dem ich vermutete, dass es der Bischof von Paris war, »dass dies nicht notwendigerweise im Konflikt mit den Lehren der Kirche steht; selbst der heilige Augustinus hat sich bekanntermaßen mit den Mysterien der Astrologie befasst.«
Ich erinnerte mich ziemlich dumpf, dass sich Augustinus in der Tat mit Astrologie befasst und sie verächtlich als blanken Unsinn abgetan hatte. Doch ich bezweifelte, dass Louis Augustinus’ »Bekenntnisse« gelesen hatte, und so war diese Argumentation für einen angeklagten Zauberer gewiss von Vorteil; Sternguckerei schien im Vergleich mit Säuglingsopfern und unaussprechlichen Orgien ja recht harmlos zu sein.
Mit beträchtlicher Nervosität begann ich, mich zu fragen, was genau ich in dieser Versammlung zu suchen hatte. Hatte doch jemand Meister Raymond mit mir im Hôpital gesehen?
»Wir haben keine Einwände gegen den rechten Einsatz des Wissens oder die Suche nach Weisheit«, fuhr der König in gemessenem Tonfall fort. »Es gibt vieles, das man von den Schriften der alten Philosophen lernen kann, wenn man sich ihnen mit der angebrachten Vorsicht und Demut annähert. Doch es ist wahr, dass nicht nur Gutes in diesen Schriften zu finden ist, sondern auch Böses, und dass sich das reine Streben nach Weisheit in die Sucht nach Macht und Reichtum umkehren kann – nach den Dingen dieser Welt.«
Wieder ließ er den Blick zwischen den beiden angeklagten Zauberern hin- und herschweifen, während er offenbar seine eigenen Schlüsse zog, von wem eine solche Verdrehung eher zu erwarten war. Der Comte schwitzte unablässig, auf der weißen Seide seines Rockes zeichneten sich dunkle Flecken ab.
»Nein, Eure Majestät!«, sagte er. Er schüttelte sich das dunkle Haar zurück und heftete die brennenden Augen auf Meister Raymond. »Es ist wahr, dass dunkle Mächte im Lande am Werk sind – das Böse, von dem Ihr sprecht, wandelt unter uns! Doch solche Verruchtheit hat keinen Platz in der Brust Eures getreuen Untertanen.« Er hämmerte sich auf die Brust, für den Fall, dass wir ihn nicht verstanden hatten. »Nein, Eure Majestät! Die Verkehrung alten Wissens und die Anwendung verbotener Künste müsst Ihr außerhalb Eures eigenen Hofes suchen.« Er beschuldigte Meister Raymond zwar nicht direkt, doch es war nicht zu übersehen, an wen sich sein vielsagender Blick richtete.
Der König blieb von diesem Ausbruch unbeeindruckt. »Solche Perversionen konnten unter der Herrschaft meines Großvaters gedeihen«, sagte er leise. »Wir haben sie an der Wurzel ausgerissen, wo immer sie gefunden wurden; die Drohung des Bösen vernichtet, wo immer sie existierte. Zauberer, Hexen, jene, die die Lehren der Kirche ins Gegenteil verkehren … Messieurs, wir werden es nicht dulden, dass dieses Böse sich wieder erhebt. Nun denn.«
Er schlug beide Handflächen leicht auf den Tisch und richtete sich auf. Ohne den Blick von Raymond und dem Comte abzuwenden, streckte er die Hand in meine Richtung aus.
»Wir haben eine Zeugin hergebracht«, erklärte er. »Eine Frau, die die Wahrheit und die Reinheit des Herzens unfehlbar erkennen kann.«
Ich stieß ein leises, gurgelndes Geräusch aus, und der König wandte sich zu mir um.
»Eine Weiße Dame«, sagte er leise. »La Dame Blanche kann nicht lügen; sie blickt den Menschen in Herz und Seele und kann diese Wahrheit zum Guten wenden – oder zur Vernichtung.«
Die unwirkliche Atmosphäre, die über dem ganzen Abend gehangen hatte, verschwand mit einem Schlag. Der leise Nebel des Weins war dahin, und ich war plötzlich stocknüchtern. Ich öffnete den Mund, dann schloss ich ihn, weil ich begriff, dass es exakt gar nichts gab, was ich sagen konnte.
Grauen kroch mir über den Rücken und ringelte sich in meinem Bauch zusammen, als der König seine Anordnungen traf. Zwei Pentagramme sollten auf den Boden gezeichnet werden, und die beiden Zauberer sollten sich dort hineinstellen. Ein jeder würde dann sein Tun und seine Gründe dafür schildern. Und dann würde die Weiße Dame beurteilen, was davon die Wahrheit war.
»Jesus H. Christ«, murmelte ich.
»Monsieur le Comte?« Der König deutete auf das erste Pentagramm, das mit Kreide auf den Teppich gezeichnet war. Nur ein König konnte einen echten Aubusson mit derart selbstverständlicher Geringschätzung behandeln.
Auf dem Weg zu seinem Platz strich der Comte dicht an mir vorüber. Als er neben mir war, fing ich ein schwaches Flüstern auf: »Seid gewarnt, Madame. Ich arbeite nicht allein.«
Äußerlich gefasst, nahm er seinen Platz ein und wandte sich mir mit einer ironischen Verbeugung zu.
Es war hinreichend klar, was er meinte; wenn ich ihn verurteilte, würden seine Helfershelfer prompt vorbeischauen, um mir die Brustwarzen abzuschneiden und Jareds Lagerhaus abzufackeln. Ich leckte mir die trockenen Lippen und verfluchte Louis. Warum hatte er nicht einfach nur meinen Körper gewollt?