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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der Kammerdiener ging mit den Briefen auf das Zimmer des jungen Fürsten, fand ihn aber dort nicht vor und begab sich deshalb nach den Gemächern der Prinzessin Marja, aber auch dort war er nicht. Doch hier sagte man ihm, der Fürst wäre ins Kinderzimmer gegangen.

»Durchlaucht, soeben ist Petruscha mit Briefen gekommen«, meldete eines der Stubenmädchen dem Fürsten Andrej, der auf einem kleinen Kinderstuhl saß und mit zitternden Händen und finsterer Stirn aus einer Flasche etwas Medizin in ein halb mit Wasser gefülltes Glas tropfen ließ.

»Was ist los?« fragte er ärgerlich, zuckte unvorsichtig mit der Hand und goß dadurch zuviel Tropfen aus der Flasche in das Glas. Er schüttete die zu starke Arznei aus dem Glas auf den Fußboden und ließ sich frisches Wasser bringen. Das Mädchen brachte es ihm.

Im Zimmer standen ein Kinderbettchen, zwei Truhen, zwei Sessel, ein Tisch, ein Kindertischchen und ein Stühlchen, eben das, auf dem jetzt Fürst Andrej saß. Die Fenster waren verhängt, und auf dem Tisch brannte nur eine Kerze, vor der ein gebundenes Notenheft stand, damit das Licht nicht auf das Bettchen fallen sollte.

»Lieber Bruder«, wandte sich Prinzessin Marja, die neben dem Bettchen stand, an den Fürsten Andrej, »wir wollen lieber noch ein Weilchen warten … später …«

»Tu mir den einzigen Gefallen und schwatze nicht so dummes Zeug zusammen. Da hast du nun immer gewartet und gewartet, und nun siehst du es, wozu dein Warten führt«, sagte Fürst Andrej ärgerlich flüsternd, sichtlich bemüht, der Schwester eine Stichelei zu sagen.

»Aber lieber Andrej, es ist doch wirklich besser, ihn nicht zu wecken, er ist doch soeben eingeschlafen«, erwiderte die Prinzessin mit flehender Stimme.

Fürst Andrej stand auf und schlich mit dem Glas in der Hand auf den Zehen an das Bettchen hin.

»Soll man ihn wirklich nicht wecken?« meinte er unentschieden.

»Wie du willst, allerdings … ich meine … aber wie du willst«, sagte Prinzessin Marja schüchtern und schämte sich sichtlich darüber, daß sie mit ihrer Ansicht recht haben sollte. Sie wies den Bruder auf das Stubenmädchen hin, das ihn flüsternd herausrief.

Es war schon die zweite Nacht, die sie beide nicht geschlafen und mit der Pflege des fiebernden Kindes zugebracht hatten. Da sie zu ihrem Hausarzt kein rechtes Vertrauen hatten, und der aus der Stadt erwartete Arzt noch nicht eingetroffen war, hatten sie es während der beiden Tage und Nächte bald mit diesem, bald mit jenem Mittel versucht. Durch die schlaflosen Nächte abgespannt und gequält, hatte einer dem anderen die Schuld an all diesem Kummer zugeschoben, sie hatten sich gegenseitig Vorwürfe gemacht und gezankt.

»Petruscha ist mit Briefen da vom Herrn Papa«, meldete die Zofe flüsternd.

Fürst Andrej ging hinaus.

»Hol sie der Teufel!« brummte er, aber er hörte doch die mündlichen Aufträge an, nahm die ihm überreichten Papiere samt einem Brief seines Vaters dem Diener ab und kehrte ins Kinderzimmer zurück.

»Nun, wie steht’s?« fragte Fürst Andrej.

»Immer noch so. Warte nur, um Gottes willen. Karl Iwanowitsch sagt auch immer, daß Schlaf das beste Mittel ist«, erwiderte Prinzessin Marja flüsternd und seufzte.

Fürst Andrej ging zu dem Kinde hin und fühlte es an. Es glühte.

»Verschont mich mit eurem Karl Iwanowitsch!« Er nahm das Glas, in das er die Tropfen hineingegossen hatte, und trat wieder an das Bett heran.

»Andrej, tu’s nicht!« sagte Prinzessin Marja.

Aber er sah sie mit einem bösen und zugleich leidenden Ausdruck an und beugte sich mit dem Glas über das Kind.

»Doch, ich will es«, sagte er. »Ich bitte dich, gib es ihm ein.«

Prinzessin Marja zuckte die Achseln, nahm aber gehorsam das Glas, rief die Kindermuhme und fing an, dem Kind die Medizin einzuflößen. Der Kleine schrie und keuchte. Fürst Andrej zog die Stirne kraus, griff sich an den Kopf, ging aus der Kinderstube hinaus und setzte sich im Nebenzimmer aufs Sofa.

Die Briefe hatte er immer noch in der Hand. Er machte sie mechanisch auf und fing an, sie zu lesen. Der alte Fürst schrieb auf blauem Papier mit seinen großen, langen Schriftzügen, wobei er sich stets irgendwelcher Abkürzungen bediente, folgendes:

»Habe soeben durch einen Kurier recht freudige Nachrichten erhalten, wenn’s nicht wieder nur erlogenes Zeug ist. Bennigsen soll bei Eylau einen vollen Sieg über Bonaparte errungen haben. In Petersburg soll alles jubeln und frohlocken, und in der Armee soll es Auszeichnungen nur so geregnet haben. Ist zwar ein Deutscher, dieser Bennigsen – doch gratuliere ich, Was dieser Chandrikow, der Kommandeur von Kortschewa, eigentlich treibt, ist mir unverständlich. Bis jetzt hat er weder Ersatzleute noch Proviant geliefert. Fahre sogleich zu ihm hin und sage ihm, daß es ihn den Kopf kostet, wenn binnen acht Tagen nicht alles zur Stelle ist. Über die Schlacht bei Preußisch-Eylau schreibt mir übrigens auch Peter, der dabei gewesen ist, es ist also doch alles wahr. Wenn nicht Leute, denen es nicht zukommt, ihre Nase in alles stecken, so schlägt diesen Bonaparte sogar ein Deutscher. Es wird erzählt, daß sie in voller Auflösung die Flucht ergriffen haben. Also sieh zu, fahre unverzüglich nach Kortschewa und führe meinen Auftrag aus.«

Fürst Andrej seufzte und riß einen andern Briefumschlag auf. Es war ein Brief von Bilibin, zwei engbeschriebene Seiten. Er faltete ihn, ohne ihn gelesen zu haben, wieder zusammen und las noch einmal den Brief seines Vaters bis zu dem letzten Satz durch: »Fahre unverzüglich nach Kortschewa und führe meinen Auftrag aus.«

Nein, da müßt ihr mich schon entschuldigen, jetzt fahre ich nicht, solange es meinem Kind nicht besser geht, dachte er, ging an die Tür und warf einen Blick ins Kinderzimmer.

Prinzessin Marja stand noch immer neben dem Bettchen und schaukelte leise das Kind.

Ja, was war es doch? Schrieb er nicht auch etwas Unangenehmes? dachte Fürst Andrej und rief sich den Inhalt des Briefes noch einmal ins Gedächtnis zurück. Ach so, der Sieg der Unsrigen über Napoleon, gerade jetzt, wo ich nicht dabei bin. Ja, ja, als wenn mich alles narrte … Na meinetwegen, wohl bekomm’s … und er fing an, Bilibins französischen Brief zu lesen. Er begriff nicht die Hälfte davon, trotzdem las er ihn, und zwar deshalb, um nur einen kurzen Augenblick nicht an das denken zu müssen, was ihn so ausschließlich und quälend beschäftigte.

9

Bilibin befand sich, jetzt als diplomatischer Beamter im Hauptquartier des Heeres und beschrieb den ganzen Feldzug zwar in französischer Sprache und mit französischen Geistesblitzen und Redewendungen, aber doch mit einem ausschließlich russischen Nichtzurückschrecken vor Selbstbeurteilung und Selbstverspottung. Er schrieb, die diplomatische Schweigepflicht drücke ihm das Herz ab, und er sei glücklich darüber, in Fürst Andrej einen zuverlässigen Gesinnungsgenossen gefunden zu haben, vor dem er die ganze Galle ausschütten könne, die sich beim Anblick dessen, was in der Armee vorgehe, in ihm angesammelt habe. Der Brief war älteren Datums, er war noch vor der Schlacht bei Preußisch-Eylau geschrieben.

»Sie wissen, mon cher prince«, schrieb Bilibin, »daß ich seit unseren großen Erfolgen bei Austerlitz das Hauptquartier nicht mehr verlasse. Ich habe dem Krieg entschieden Geschmack abgewonnen und bin gut gefahren dabei. Was ich während dieser drei Monate gesehen habe, ist unglaublich.

Ich fange ab $ovo an. L’ennemi du genre humain hatte, wie Sie wissen, die Preußen angegriffen. Die Preußen sind unsere treuen Verbündeten, die uns in den letzten drei Jahren nur dreimal betrogen haben, also schlagen wir uns auf ihre Seite. Aber es stellt sich heraus, daß l’ennemi du genre humain unseren schönen Reden keinerlei Beachtung schenkt, sich in seiner ungehobelten und verwilderten Art auf die Preußen stürzt, ohne ihnen Zeit zu lassen, ihre begonnene Parade zu Ende zu führen, sie in zwei Handstreichen kurz und klein schlägt und sich im Potsdamer Schloß häuslich niederläßt.

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