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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Ich raffte mich zu einem weiteren Versuch auf.

»Und nehmen Eure Majestät Befehle von den Engländern entgegen?«, fragte ich unverblümt.

Im ersten Moment riss Louis erschrocken die Augen auf. Dann lächelte er ironisch, weil er sah, worauf ich hinauswollte. Dennoch hatte ich einen Nerv getroffen; ich sah das leise Zucken seiner Schultern, als er das Bewusstsein seiner eigenen Macht erneut wie einen unsichtbaren Mantel um sich legte.

»Nein, Madame, das tue ich nicht«, sagte er ziemlich trocken. »Allerdings berechne ich … diverse Faktoren mit ein.« Seine schweren Lider sanken ihm einen Moment über die Augen, doch er ließ meine Hand nicht los.

»Ich habe gehört, dass sich Euer Gemahl für das Tun meines Vetters interessiert«, sagte er.

»Eure Majestät ist gut informiert«, sagte ich höflich. »Doch da das so ist, wisst Ihr gewiss auch, dass mein Mann die Wiedereinsetzung der Stuarts auf dem schottischen Thron nicht unterstützt.« Ich betete, dass es das war, was er hören wollte.

Anscheinend war es so; er lächelte, hob meine Hand an seine Lippen und küsste sie flüchtig.

»Ah? Mir waren … widersprüchliche Dinge über Euren Gemahl zu Ohren gekommen.«

Ich holte tief Luft und verkniff mir den Impuls, meine Hand zurückzureißen.

»Nun, es hat geschäftliche Gründe«, sagte ich, um einen gelassenen Ton bemüht. »Der Vetter meines Mannes, Jared Fraser, ist eingefleischter Jakobit; Jamie – mein Mann – kann seine Ansichten wohl kaum öffentlich äußern, solange er sich in einer Partnerschaft mit Jared befindet.« Ich sah den Zweifel aus seinem Gesicht schwinden und half noch einmal nach. »Fragt Monsieur Duverney«, schlug ich vor. »Die wahren Sympathien meines Mannes sind ihm bestens vertraut.«

»Das habe ich bereits getan.« Louis hielt einen Moment inne und sah zu, wie seine dunklen Stummelfinger zarte Kreise auf meinem Handrücken beschrieben.

»So herrlich blass«, murmelte er. »So fein. Ich glaube, ich könnte das Blut unter Eurer Haut fließen sehen.«

Dann ließ er meine Hand los und betrachtete mich. Eigentlich war ich extrem gut darin, Gesichter zu lesen, doch Louis’ Miene war im Moment völlig undurchdringlich. Ich begriff plötzlich, dass er mit fünf Jahren König geworden war; die Fähigkeit, seine Gedanken zu verbergen, war genauso Teil von ihm wie seine Bourbonennase oder die schwarzen Schlafzimmeraugen.

Dieser Gedanke zog einen weiteren nach sich – und eine Kälte, die mich mitten in die Magengrube traf. Er war der König. Die Bürger von Paris würden sich erst in über vierzig Jahren erheben; bis zu diesem Tag war er der absolute Herrscher in Frankreich. Er konnte Jamie mit einem Wort befreien – oder ihn töten. Er konnte mit mir tun, was er wollte; Regress war nicht möglich. Ein Kopfnicken, und die Staatssäckel Frankreichs würden das Gold ausschütten, das Charles Stuart als Startkapital brauchte, und ihn wie einen tödlichen Blitzschlag in Bewegung setzen, der Schottland mitten ins Herz treffen würde.

Er war der König. Er würde tun, was er wollte. Und so beobachtete ich seine dunklen, von Gedanken verhangenen Augen und wartete bebend ab, was Seiner Majestät gefallen würde.

»Sagt mir, ma chère Madame«, sagte er schließlich und tauchte aus seinen Betrachtungen auf. »Wenn ich Euch Eure Bitte gewähren und Euren Gemahl befreien würde …« Er hielt inne und überlegte.

»Ja?«

»Er würde Frankreich verlassen müssen«, sagte Louis und zog warnend die Augenbraue hoch. »Das wäre eine Bedingung für seine Freilassung.«

»Ich verstehe.« Mein Herz schlug so heftig, dass es seine Worte beinahe übertönte. Genau darum ging es ja, dass Jamie Frankreich verließ. »Aber er wurde aus Schottland verbannt …«

»Ich denke, das ließe sich arrangieren.«

Ich zögerte, schien aber kaum eine andere Wahl zu haben, als an Jamies Stelle zuzustimmen. »Also schön.«

»Gut.« Der König nickte zufrieden. Dann kehrte sein Blick zu mir zurück, ruhte auf meinem Gesicht, glitt über meinen Hals, meine Brüste, meinen Körper. »Ich würde Euch dafür gern ebenfalls um einen kleinen Dienst bitten, Madame«, sagte er leise.

Eine Sekunde lang sah ich ihm direkt in die Augen. Dann neigte ich den Kopf. »Ich stehe Eurer Majestät zur freien Verfügung«, sagte ich.

»Ah.« Er erhob sich und warf den Morgenrock beiseite, um ihn achtlos auf der Lehne seines Sessels liegen zu lassen. Er lächelte und hielt mir die Hand entgegen. »Très bien, ma chère. Dann kommt mit mir.«

Ich schloss kurz die Augen und zwang meine Knie, mir zu gehorchen. Du bist zum zweiten Mal verheiratet, zum Kuckuck, dachte ich. Hör gefälligst auf, dich so anzustellen.

Ich erhob mich und nahm seine Hand. Zu meiner Überraschung wandte er sich nicht der Samtcouch zu, sondern führte mich stattdessen zu der Tür auf der anderen Seite des Zimmers.

Eiskalte Klarheit erfüllte mich, als er meine Hand losließ, um die Tür zu öffnen.

Zur Hölle mit dir, Jamie Fraser, dachte ich. Fahr zur Hölle, verdammt!

Ich stand reglos auf der Schwelle und blinzelte. Meine Gedankengänge über die Vorschriften beim Entkleiden eines Königs wichen blankem Erstaunen.

Das Zimmer war vollkommen dunkel und wurde nur durch Öllampen erhellt, die jeweils zu fünft in kleine Nischen an der Wand eingelassen waren. Das Zimmer selbst war rund, ebenso wie der gigantische Tisch, der in der Mitte stand und auf dessen glänzendem dunklen Holz sich die Lichter wie Stecknadelköpfe spiegelten. Es saßen Menschen daran, nicht mehr als verschwommene dunkle Flecken in der Schwärze des Zimmers.

Bei meinem Eintreten regte sich Gemurmel, das beim Auftauchen des Königs rasch verstummte. Als sich meine Augen an das Zwielicht gewöhnten, begriff ich erschrocken, dass die am Tisch Sitzenden Kapuzen trugen; der Mann, der mir am nächsten saß, wandte sich mir zu, und ich sah seine Augen schwach duch die Löcher im Samt schimmern. Es sah aus wie ein Kongress von Henkern.

Anscheinend war ich der Ehrengast. Einen nervösen Moment lang fragte ich mich, was wohl von mir erwartet wurde. Nach dem, was Raymond und Marguerite angedeutet hatten, hatte ich Alptraumvisionen von okkulten Zeremonien mit Kinderopfern, rituellen Vergewaltigungen und diversen anderen satanischen Praktiken. Allerdings kommt es nur äußerst selten vor, dass das Übernatürliche tatsächlich an das heranreicht, was man darüber erzählt, und ich hoffte, dass dieser Anlass keine Ausnahme bilden würde.

»Wir haben von Eurem großen Können gehört, Madame, und von Eurer … Reputation.« Louis lächelte mich zwar an, doch es lag ein Hauch von Vorsicht in seinem Blick, als sei er sich nicht ganz sicher, was ich wohl tun würde. »Wir wären Euch zu Dank verpflichtet, meine liebe Madame, solltet Ihr bereit sein, uns heute Abend an diesem Können teilhaben zu lassen.«

Ich nickte. Soso, zu Dank verpflichtet. Nun, das war schön und gut; ich wollte ja, dass er mir zu Dank verpflichtet war. Doch was erwartete er von mir? Ein Bediensteter stellte eine große Wachskerze auf den Tisch und zündete sie an, so dass sie einen Kreis aus warmem Licht auf das polierte Holz warf. Die Kerze war mit Symbolen verziert ähnlich denen, die ich in Meister Raymonds geheimer Kammer gesehen hatte.

»Regardez, Madame.« Die Hand des Königs lag unter meinem Ellbogen und lenkte mein Augenmerk über den Tisch hinaus. Jetzt, da die Kerze brannte, konnte ich die beiden Gestalten sehen, die schweigend in den flackernden Schatten standen. Bei ihrem Anblick fuhr ich zusammen, und die Hand des Königs drückte fester zu.

Der Comte St. Germain und Meister Raymond standen Seite an Seite etwa anderthalb Meter voneinander entfernt. Raymond ließ sich nicht anmerken, dass er mich kannte, sondern stand nur wortlos da und blickte mit den pupillenlosen schwarzen Augen eines Froschs in einem abgrundtiefen Brunnen zur Seite.

Der Comte riss bei meinem Anblick ungläubig die Augen auf; dann sah er mich finster an. Er war wie immer im Sonntagsstaat, ganz in Weiß; ein weißer versteifter Satinrock über cremefarbener Weste und Kniehose. Ein zartes Muster aus Mohnsamenperlen zierte Manschetten und Kragen und glänzte im Kerzenschein. Trotz seiner glanzvollen Garderobe hatte ich den Eindruck, dass der Comte mitgenommen aussah – sein Gesicht war von Strapazen gezeichnet, und die Spitze an seiner Halsbinde war erschlafft, sein Kragen vom Schweiß verdunkelt.

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