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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Er hatte sich in seinem Sessel nach vorn gebeugt und sagte gerade: »Le roi de Prusse«, brach aber sogleich in Gelächter aus. Alle wandten sich nach ihm um. »Le roi de Prusse?« fragte Hippolyt, fing nochmals an zu lachen und setzte sich dann wieder ernsthaft in seinen Sessel zurück. Anna Pawlowna wartete eine Weile, da aber Hippolyt anscheinend wirklich nichts mehr sagen wollte, fing sie an, davon zu sprechen, wie sich der gottlose Bonaparte in Potsdam den Degen Friedrichs des Großen angeeignet habe.

»C’est l’épée de Frederic le Grand, que je …« fing sie an, aber Hippolyt unterbrach sie mit den Worten: »Le roi de Prusse …« doch wieder. Als alle sich ihm zuwandten, entschuldigte er sich durch eine Geste und schwieg.

Anna Pawlowna zog die Stirn kraus. Da wandte sich Mortemart, Hippolyts Freund, kurz entschlossen an ihn mit der Frage: »Voyons, à qui en avez-vous avec votre roi de Prusse?«

Hippolyt fing an zu lachen, schämte sich aber gleichsam über sein Lachen.

»Non, ce n’est rien, je voulais dire seulement …« Er hatte die Absicht, ein Wortspiel zu erzählen, das er in Wien gehört und schon den ganzen Abend anzubringen versucht hatte. »Je voulais dire seulement, que nous avons tort de faire la guerre ›pour le roi de Prusse‹.«

Boris lächelte vorsichtig, so daß man sein Lächeln ebenso als Spott wie auch als Beifallsäußerung für diesen Scherz auffassen konnte, je nachdem es die andern aufnehmen würden. Alles lachte.

»Das ist ein schlimmes Wortspiel, sehr geistreich, aber ungerecht«, sagte Anna Pawlowna und drohte ihm mit ihrem runzligen Finger. »Wir führen den Krieg nicht ›pour le roi de Prusse‹, sondern der guten Prinzipien wegen. Ah, il est méchant, ce prince Hippolyte!« sagte sie.

Die Unterhaltung kam den ganzen Abend nicht einmal ins Stocken und drehte sich vorzugsweise um politische Neuigkeiten. Ganz zum Schluß wurde man besonders lebhaft, als man auf die vom Kaiser verliehenen Auszeichnungen zu sprechen kam.

»Da hat doch im vorigen Jahr dieser N.N. eine Tabaksdose mit dem Bild des Kaisers bekommen«, sagte l’homme à l’esprit profond, »warum sollte nun dem S.S. nicht eine ebensolche Auszeichnung zuteil werden?«

»Je vous demande pardon«, sagte der Diplomat, »eine Tabaksdose mit dem Bildnis Seiner Majestät ist eine Belohnung, aber keine Auszeichnung. Man könnte es vielmehr ein Geschenk nennen.«

»Es hat früher ähnliche Fälle gegeben, ich erinnere nur an Schwarzenberg.«

»C’est impossible«, rief ein anderer.

»Wetten? Le grand cordon, c’est différent …«

Als alle sich erhoben, um aufzubrechen, wandte sich Helene, die den ganzen Abend nur wenig gesprochen hatte, noch einmal mit ihrer Bitte an Boris und wiederholte ihre freundliche und bedeutsame Aufforderung, sie am Dienstag zu besuchen.

»Mir liegt sehr viel daran«, sagte sie lächelnd mit einem Blick auf Anna Pawlowna, und jene bestätigte diesen Wunsch Helenes mit demselben schwermütigen Lächeln, das ihre Worte zu begleiten pflegte, wenn sie von ihrer hohen Gönnerin sprach.

Es erweckte den Anschein, als hätte sich aus irgendwelchen Äußerungen, die Boris über das preußische Heer hatte fallen lassen, für Helene die unumgängliche Notwendigkeit ergeben, Boris bei sich zu sehen, und in ihrem Lächeln lag anscheinend das Versprechen, ihm diese Notwendigkeit zu erklären, wenn er am Dienstag zu ihr kommen werde.

Doch als Boris am Dienstagabend den prächtigen Salon Helenes betrat, erhielt er keinerlei deutliche Erklärungen darüber, warum er unbedingt hatte kommen müssen. Es waren noch andere Gäste da, die Gräfin sprach nur wenig mit ihm, und nur als er ihr beim Abschied die Hand küßte, flüsterte sie ihm, sonderbarerweise ohne wie immer zu lächeln, plötzlich zu: »Kommen Sie morgen zum Essen … abends. Sie müssen unbedingt kommen … Venez!«

So wurde Boris während seines Aufenthalts in Petersburg der Hausfreund der Gräfin Besuchowa.

8

Der Krieg war entfacht, und sein Schauplatz näherte sich immer mehr den russischen Grenzen. Überall hörte man Bonaparte als den Feind des Menschengeschlechtes verfluchen. In den Dörfern sammelte man Rekruten und Landwehrleute, und vom Kriegsschauplatz drangen allerlei Nachrichten herüber, die einander widersprachen und meistens erlogen waren und denn auch die verschiedenartigsten Auslegungen erfuhren.

Das Leben des alten Fürsten Bolkonskij, des Fürsten Andrej und der Prinzessin Marja hatte sich seit dem Jahre 1805 in vieler Beziehung geändert.

Im Jahre 1806 war der alte Fürst zum Oberkommandierenden der Landwehr ernannt worden, ein Posten, wie es deren in ganz Rußland nur acht gab. Trotz seiner Altersschwäche, die sich besonders während jener Zeit bemerkbar gemacht hatte, als er seinen Sohn für gefallen hielt, glaubte er doch, nicht das Recht zu haben, ein Amt auszuschlagen, das ihm der Kaiser selber übertragen hatte, ja, dieser sich ihm neu eröffnende Wirkungskreis rüttelte ihn auf und verlieh ihm neue Kräfte. Er reiste beständig durch die drei Gouvernements, die ihm anvertraut waren, erfüllte alle seine Pflichten mit pedantischer Genauigkeit, war gegen seine Untergebenen bis zur Grausamkeit streng und ging selber allen Dingen bis auf den Grund. Prinzessin Marja hatte nun aufgehört, Mathematikstunden bei ihrem Vater zu nehmen, und kam nur, wenn er zu Hause war, morgens einmal zu ihm aufs Zimmer, in Begleitung der Amme und des kleinen Fürsten Nikolaj, wie ihn der Großvater nannte. Der kleine Fürst Nikolaj bewohnte mit seiner Amme und der alten Kindermuhme Sawischna die Gemächer der verstorbenen kleinen Fürstin, und Prinzessin Marja verbrachte den größten Teil des Tages im Kinderzimmer, um ihrem kleinen Neffen, so gut sie konnte, die Mutter zu ersetzen. Auch Mademoiselle Bourienne schien den Kleinen abgöttisch liebzuhaben, und so leistete Prinzessin Marja oft selber Verzicht und überließ der Freundin den Genuß, den kleinen Engel, wie sie ihren Neffen nannte, zu warten und mit ihm zu spielen.

Neben dem Altar der Kirche in Lysyja-Gory war über dem Grab der kleinen Fürstin eine Kapelle errichtet worden. Man hatte ein Marmordenkmal aus Italien kommen lassen und in dieser Kapelle aufgestellt, das einen Engel mit ausgebreiteten Flügeln darstellte, der sich anschickt, gen Himmel zu fliegen.

Der Engel hielt die Oberlippe ein wenig nach oben gezogen, als wolle er lächeln, und Fürst Andrej und Prinzessin Marja hatten einmal, als sie aus der Kapelle traten, einander eingestanden, daß sie das Gesicht dieses Engels sonderbarerweise immer an das Gesicht der Verstorbenen erinnere. Was aber noch merkwürdiger schien und Fürst Andrej seiner Schwester nicht eingestand, war, daß er aus dem Ausdruck, den der Künstler zufällig dem Gesicht dieses Engels verliehen hatte, dieselben sanft vorwurfsvollen Worte herauslas, wie er sie damals auf dem Antlitz seiner toten Frau gelesen hatte: »Ach, warum habt ihr mir das angetan?«

Bald nach Fürst Andrejs Rückkehr hatte der alte Fürst seinen Besitz mit dem Sohn geteilt und ihm das große Gut Bogutscharowo abgetreten, das vierzig Werst von Lysyja-Gory entfernt lag. Zum Teil aus dem Grund, weil sich für den Fürsten Andrej an Lysyja-Gory so traurige Erinnerungen knüpften, zum Teil auch, weil er nicht die Kraft in sich fühlte, den Charakter seines Vaters immer zu ertragen, und endlich teilweise auch deshalb, weil er Einsamkeit brauchte, siedelte Fürst Andrej nach Bogutscharowo über, baute sich dort an und verbrachte den größten Teil seiner Zeit auf diesem Gut.

Er hatte nach der Schlacht bei Austerlitz den festen Entschluß gefaßt, nie wieder in den Kriegsdienst zu treten, und als dann der Krieg von neuem begann und alle wieder einrücken mußten, nahm er, um sich vom aktiven Dienst zu befreien, einen Posten im Kommando seines Vaters zur Aushebung der Landwehr an. Es schien, als hätten seit dem Feldzug von 1805 Vater und Sohn die Rollen getauscht. Der alte Fürst, durch seine Tätigkeit angeregt, erwartete alles Gute von dem jetzigen Feldzug, Fürst Andrej dagegen, der nicht am Krieg teilnahm, was ihm im Grunde der Seele doch leid tat, sah immer nur schwarz.

Am 26. Februar 1807 war der alte Graf dienstlich in seinen Bezirk abgereist. Fürst Andrej blieb, wie immer, wenn sein Vater abwesend war, auch diesmal in Lysyja-Gory. Der kleine Nikoluschka war schon den vierten Tag nicht recht wohl. Die Kutscher, die den alten Fürsten in die Stadt gefahren hatten, waren eben von dort zurückgekehrt und hatten für den Fürsten Andrej Briefe und Zeitungen mitgebracht.

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