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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Maria Magdalena war der Name, der mir in den Sinn kam, als ich die Hände wie zum Gebet über den Kopf hob, um mir das Untergestell aus Weidengeflecht über die Schultern auf die Hüften gleiten zu lassen. Oder Mata Hari, obwohl ich mir sicher war, dass sie es nie in den Heiligenkalender schaffen würde. Ich war mir zwar auch in Bezug auf Magdalena nicht sicher, doch als geläuterte Prostituierte war sie die himmlische Helferin, von der am ehesten Mitgefühl für das gegenwärtige Vorhaben zu erwarten war.

Eine solche Einkleidung hatte der Konvent der Engel vermutlich noch nie gesehen. Zwar wurden auch die Postulantinnen vor ihrem endgültigen Gelübde wunderhübsch als Bräute Christi gewandet, doch rote Seide und Reispuder spielten vermutlich keine große Rolle bei den Zeremonien.

Sehr symbolisch, dachte ich, als mir die voluminösen scharlachroten Stoffmassen über das zum Himmel gekehrte Gesicht glitten. Weiß für die Reinheit und Rot für … was auch immer das hier war. Schwester Minèrve, eine junge Schwester aus einer wohlhabenden Adelsfamilie, war ausgewählt worden, um mir bei meiner Toilette zu assistieren; gekonnt und souverän frisierte sie mir das Haar und steckte ein kleines, mit Mohnsamenperlen verziertes Straußenfederchen hinein. Sie kämmte mir sorgsam die Augenbrauen und schwärzte sie mit kleinen Bleikämmen, dann malte sie mir den Mund mit einer in Rouge getauchten Feder rot an. Es kitzelte unerträglich auf meinen Lippen und verstärkte meinen Hang, in unkontrolliertes Kichern auszubrechen. Nicht aus Fröhlichkeit, aus Hysterie.

Schwester Minèrve griff nach dem Handspiegel. Ich gebot ihr mit einer Geste Einhalt; ich wollte mir nicht ins Auge sehen. Ich holte tief Luft und nickte.

»Ich bin so weit«, sagte ich. »Lasst die Kutsche kommen.«

In diesem Teil des Palastes war ich noch nie gewesen. Nach vielfachem Abbiegen in kerzenhellen, verspiegelten Korridoren war ich mir irgendwann auch nicht mehr sicher, wie viele Male es mich gab, ganz zu schweigen davon, wohin sie alle gingen.

Der diskrete, anonyme Kammerdiener führte mich zu einer kleinen, holzvertäfelten Tür in einem Alkoven. Er klopfte einmal an, dann verneigte er sich vor mir, machte kehrt und ging, ohne eine Antwort abzuwarten. Die Tür schwang nach innen, und ich trat ein.

Der König hatte die Hose noch an. Dieser Anblick verlangsamte meinen Herzschlag immerhin auf ein annähernd erträgliches Maß, und ich fühlte mich nicht länger, als würde ich mich jede Minute übergeben.

Ich wusste nicht genau, was ich erwartet hatte, doch die Realität war einigermaßen beruhigend. Er war zwanglos in Hemd und Hose gekleidet und hatte sich einen Morgenrock aus brauner Seide um die Schultern gelegt, um sich zu wärmen. Seine Majestät lächelte und drängte mich mit der Hand unter meinem Arm, mich wieder aufzurichten. Seine Handfläche war warm – ich hatte unbewusst damit gerechnet, dass sich seine Berührung feucht anfühlen würde –, und ich erwiderte sein Lächeln, so gut ich konnte.

Der Versuch war anscheinend nicht ganz erfolgreich, denn er tätschelte mir freundlich den Arm und sagte: »Habt keine Angst vor mir, Madame. Ich beiße nicht.«

»Nein«, sagte ich. »Natürlich nicht.«

Er war um einiges selbstsicherer als ich. Nun, natürlich ist er das, dachte ich, er tut so etwas dauernd. Ich holte tief Luft und versuchte, mich zu entspannen.

»Nehmt Ihr ein wenig Wein, Madame?«, fragte er. Wir waren allein; es waren keine Bediensteten da, doch der Wein stand bereits eingeschenkt in zwei Kristallkelchen, die wie Rubine im Kerzenschein leuchteten. Das Gemach war zwar prunkvoll, aber sehr klein, und abgesehen von dem Tisch und zwei Stühlen mit ovalen Rückenlehnen enthielt es nur eine luxuriös gepolsterte Couch aus grünem Samt. Ich gab mir Mühe, sie nicht anzusehen, als ich meinen Weinkelch nahm und mich murmelnd bedankte.

»Setzt Euch doch.« Louis ließ sich auf einen der Stühle sinken und winkte mir, den anderen zu nehmen. »Und jetzt«, sagte er und lächelte mich an, »sagt mir bitte, was es ist, das ich für Euch tun kann.«

»M-Mein Mann«, begann ich leicht stotternd vor Nervosität. »Er ist in der Bastille.«

»Natürlich«, murmelte der König. »Eines Duells wegen. Ich erinnere mich.« Er nahm meine freie Hand in die seine und ließ die Finger sacht auf meinem Puls ruhen. »Was möchtet Ihr denn, das ich tue, chère Madame? Ihr wisst, dass es ein ernstes Vergehen ist; Euer Gemahl hat mein eigenes Dekret verletzt.« Sein Finger streichelte die Unterseite meines Handgelenks und sandte ein leises Kribbeln durch meinen Arm.

»J-Ja, ich verstehe das. Doch er wurde … provoziert.« Ich hatte eine Idee. »Ihr wisst doch, dass er Schotte ist; die Männer dieses Landes sind«, ich versuchte, mir ein passendes Synonym für »Berserker« einfallen zu lassen, »sehr stürmisch, wenn es um Fragen ihrer Ehre geht.«

Louis nickte, den Kopf anscheinend gebannt über die Hand gebeugt, die er in der seinen hielt. Ich konnte den schwachen Fettglanz seiner Haut sehen und sein Parfum riechen. Veilchen. Ein kräftiger, süßlicher Duft, der aber seinen säuerlichen Männergeruch nicht völlig überdecken konnte.

Er leerte seinen Wein in zwei tiefen Zügen und stellte den Kelch beiseite, um meine Hand besser zwischen die seinen nehmen zu können. Sein kurz manikürter Finger zeichnete die Konturen meines Eherings mit ihren verschlungenen Knoten und Distelblüten nach.

»In der Tat«, sagte er und zog meine Hand dichter an sich, als wollte er den Ring genauer betrachten. »In der Tat, Madame. Allerdings …«

»Ich wäre Euch … äußerst dankbar, Eure Majestät«, unterbrach ich. Sein Kopf hob sich, und ich sah ihm in die dunklen, fragenden Augen. Mein Herz raste wie ein Schmiedehammer. »Äußerst … dankbar.«

Er hatte schmale Lippen und schlechte Zähne; ich konnte seinen fauligen Zwiebelatem riechen. Ich versuchte, meinerseits den Atem anzuhalten, doch auch das konnte höchstens ein vorübergehender Ausweg sein.

»Nun …«, sagte er langsam, als dächte er darüber nach, und seine Finger legten sich warnend um die meinen. »Ich selbst würde ja zur Gnade neigen, Madame. Doch wisst Ihr, es gibt Komplikationen.«

»Ach ja?«, sagte ich schwach.

Er nickte, ohne den Blick von meinem Gesicht abzuwenden. Seine Finger wanderten sacht über meinen Handrücken und zeichneten die Adern nach.

»Der Engländer, der das Unglück hatte, Milord Broch Tuarachs Unmut zu erregen«, sagte er. »Er stand in den Diensten eines … gewissen Mannes – eines englischen Adeligen von einiger Bedeutung.«

Sandringham. Mein Herz tat einen Satz bei seiner Erwähnung, auch wenn sie nur indirekt war.

»Dieser Adelige befindet sich in … sagen wir, gewissen Verhandlungen, die große Rücksichtnahme auf ihn erfordern.« Die schmalen Lippen lächelten, was die gebieterische Kontur seiner Nase darüber noch betonte. »Und dieser Adelige hat sich für das Duell zwischen Eurem Gemahl und dem englischen Hauptmann Randall interessiert. Ich fürchte, er hat in aller Deutlichkeit gefordert, dass Euer Mann die volle Strafe für seine Indiskretion erleidet, Madame.«

Verflixt und zugenäht, dachte ich. Natürlich – da sich Jamie geweigert hatte, sich mit einer Begnadigung bestechen zu lassen, wie konnte man ihn besser daran hindern, sich in die Angelegenheiten der Stuarts einzumischen, als indem man dafür sorgte, dass er die nächsten paar Jahre in der Bastille verbrachte. Sicher, diskret und kostengünstig – eine Methode, die dem Herzog gefallen musste.

Andererseits atmete Louis immer noch schwer auf meine Hand, was ich als Zeichen dafür betrachtete, dass noch nicht unbedingt alles verloren war. Wenn er mir meine Bitte abschlug, konnte er kaum erwarten, dass ich mit ihm ins Bett gehen würde – oder falls doch, konnte er sich auf eine böse Überraschung gefasst machen.

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