Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Die Persönlichkeit, die Anna Pawlowna ihren Gästen an diesem Abend als neues Gericht vorsetzte, war Boris Drubezkoj, der soeben als Kurier von der preußischen Armee nach Petersburg gekommen war, da er bei einer sehr hochstehenden Persönlichkeit den Posten eines Adjutanten bekleidete.
Der Stand des politischen Thermometers, wie er an diesem Abend der Gesellschaft angezeigt wurde, war wie folgt: Wie sehr sich auch alle europäischen Herrscher und Feldherren bemühen mögen, Napoleon in Schutz zu nehmen, um mir und uns allen diese Unannehmlichkeiten und diesen Kummer zu bereiten – unsere Ansicht über Napoleon steht fest. Wir werden niemals aufhören, unsere ehrliche Überzeugung über diesen Punkt offen zum Ausdruck zu bringen, und können dem preußischen König und anderen Herrschern nur sagen: »Um so schlimmer für euch! Tu l’as voulu, George Dandin[91]!« Das ist alles, was wir sagen können. So zeigte das politische Thermometer in der Abendgesellschaft bei Anna Pawlowna an.
Als Boris, der heute den Gästen vorgesetzt werden sollte, in den Salon trat, war schon fast die ganze Gesellschaft versammelt. Das Gespräch, von Anna Pawlowna geleitet, war eben auf unsere diplomatischen Beziehungen zu Österreich hinübergeglitten, und man sprach die Hoffnung aus, daß es zu einem Bündnis mit Österreich kommen werde.
Boris, der viel männlicher geworden war und frisch und gesund aussah, trat in seiner feschen Adjutantenuniform ungezwungen in den Salon und wurde, wie es sich gehörte, zuerst zur Tante geleitet, um diese zu begrüßen, und dann erst in den allgemeinen Kreis eingeführt.
Anna Pawlowna reichte ihm ihre vertrocknete Hand zum Kuß, stellte ihn einigen Herren, die ihn noch nicht kannten, vor, wobei sie jeden flüsternd irgendwie charakterisierte.
»Le prince Hippolyte Couraguine – charmant jeune homme. Monsieur Crouq – chargé d’affaires de Copenhague, un esprit profond«, und dann sagte sie einfach nur: »Monsieur Shitoff – un homme de beaucoup de mérite«, indem sie jenen jungen Mann vorstellte, den sie unter dieser Bezeichnung im Salon eingeführt hatte.
Boris war es während der kurzen Zeit, die er beim Militär diente, dank den Bemühungen Anna Michailownas und seinem eignen Taktgefühl und seinen gemessenen Charaktereigenschaften bereits gelungen, sich eine höchst vorteilhafte dienstliche Stellung zu erringen. Er war Adjutant bei einer sehr hochgestellten Persönlichkeit, war jetzt mit einem höchst wichtigen Auftrag in Preußen gewesen und soeben erst als Kurier von dort zurückgekehrt. Er hatte sich jenes ungeschriebene Subordinationsreglement, das ihm in Olmütz so gefallen hatte, jetzt ganz zu eigen gemacht, demzufolge ein Fähnrich ungleich höher stehen kann als ein General und man zum Vorwärtskommen im Dienst weder dienstliche Anstrengungen noch Mühe, Tapferkeit oder Ausdauer vonnöten hat, sondern nur mit denen umzugehen verstehen muß, die dienstliche Beförderungen zu bestimmen haben. Oft wunderte er sich selbst über sein schnelles Vorwärtskommen, aber noch mehr staunte er darüber, daß andere dies nicht ebenso verstanden. Seine ganze Lebensanschauung, all seine Beziehungen zu den früheren Bekannten, seine sämtlichen Zukunftspläne hatten sich infolge dieser Entdeckung von Grund aus geändert. Er war nicht reich, gab aber sein letztes Geld dafür aus, sich besser als alle anderen anzuziehen, und konnte sich eher ein Vergnügen versagen, als es über sich gewinnen, in einem Wagen zweiter Güte oder in einer alten Uniform durch die Straßen Petersburgs zu fahren. Nur solche Bekannte wählte er sich aus und mit solchen Leuten freundete er sich an, die höher standen als er, und die ihm infolgedessen irgendwann einmal nützlich sein konnten. Er liebte Petersburg und haßte Moskau. Die Erinnerung an die Rostowsche Familie und seine Jugendliebe zu Natascha war ihm unangenehm, und er hatte die Rostows, seit er ins Feld gezogen war, noch nicht einmal wieder aufgesucht. In Anna Pawlownas Salon empfangen zu werden, hielt er für wichtig und dienstfördernd, fand sich auch gleich in seine Rolle, und während er Anna Pawlowna alles Interessante, was an ihm war, für ihre Zwecke auszunutzen überließ, betrachtete er aufmerksam alle Anwesenden, prüfte die Möglichkeit, sich diesem oder jenem zu nähern, und wog die Vorteile ab, die jeder ihm bringen konnte. Er nahm den ihm angewiesenen Platz neben der schönen Helene ein und hörte dem allgemeinen Gespräch zu.
»Wien findet die Grundlagen dieses vorgeschlagenen Vertrages so unerreichbar, daß man sie selbst durch eine Reihe der glänzendsten Erfolge nicht zu erreichen imstande wäre, und zweifelt an unseren Mitteln, solche Erfolge zu erzielen. C’est la phrase authentique du cabinet de Vienne«, sagte der Däne, chargé d’affaires. Und als Mann à l’esprit profond fügte er mit feinem Lächeln hinzu: »C’est le doute, qui est flatteur.«
»Man muß einen Unterschied machen zwischen dem Wiener Kabinett und dem Kaiser von Österreich«, warf Mortemart ein. »Der Kaiser von Österreich dächte nie an so etwas, das ist nur das Wiener Kabinett, qui le dit.«
»Eh, mon cher vicomte«, mischte sich Anna Pawlowna ein, »l’Urope« – sie sprach aus irgendeinem Grund das eu wie u aus, als wäre das eine besondere Feinheit der französischen Sprache, die sie sich einem Franzosen gegenüber erlauben könne –, »l’Urope ne sera jamais notre alliée sincère.«
Darauf lenkte Anna Pawlowna die Unterhaltung auf den Mut und die Charakterfestigkeit des Königs von Preußen, um Boris ins Gespräch zu ziehen.
Boris hörte aufmerksam auf jeden, der sprach, und wartete, bis die Reihe an ihn kommen würde, versäumte dabei aber nicht, ab und zu seine Nachbarin, die schöne Helene, anzusehen, die lächelnd ein paarmal die Blicke des hübschen jungen Adjutanten auffing.
Es machte sich ganz natürlich, daß Anna Pawlowna, während sie über die Lage Preußens sprach, Boris bat, etwas von seiner Reise nach Glogau zu erzählen, und von dem Zustand, in dem er die preußischen Truppen dort angetroffen habe. Ohne sich zu beeilen, erzählte nun Boris in reinem fehlerfreiem Französisch viele interessante Einzelheiten von den preußischen Truppen und vom preußischen Hofe, bemühte sich aber während seiner ganzen Erzählung, seine eigenen Ansichten über die Tatsachen, die er berichtete, zu verbergen. So nahm Boris eine Zeitlang die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch, und Anna Pawlowna fühlte, daß ihr neues Gericht von allen Gästen mit Vergnügen aufgenommen wurde. Mehr Interesse als alle übrigen zeigte die schöne Helene für Boris’ Erzählung. Sie fragte wiederholt nach verschiedenen Einzelheiten seiner Reise, als interessierte sie die Lage der preußischen Armee im höchsten Grad. Kaum war er mit seiner Erzählung zu Ende gekommen, als sie sich mit ihrem gewohnten Lächeln zu ihm wandte: »Sie müssen unbedingt einmal zu mir kommen«, sagte sie zu ihm in einem Ton, als wäre dies aus irgendwelchen Gründen, die er nicht wissen könne, unumgänglich notwendig. »Dienstag zwischen acht und neun Uhr. Sie würden mir ein großes Vergnügen bereiten.«
Boris versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, und wollte sich eben mit ihr in ein Gespräch einlassen, als ihn Anna Pawlowna unter dem Vorwand, die Tante wolle ebenfalls seine Schilderungen hören, herausrief.
»Sie kennen doch wohl ihren Mann?« fragte Anna Pawlowna, klappte die Augen zu und wies mit bekümmerter Gebärde auf Helene. »Ach, diese arme, entzückende Frau! Erwähnen Sie ihr gegenüber ihren Mann niemals, ich bitte Sie darum, sprechen Sie nicht von ihm! Das würde ihr zu weh tun.«
7
Als Boris und Anna Pawlowna dann zum allgemeinen Kreis zurückkehrten, hatte Fürst Hippolyt das Gespräch an sich gerissen.
91
Tu l’as voulu, George Dandin: dieser Satz aus Molières Komödie George Dandin ist zum geflügelten Wort für selbstverschuldetes Unglück geworden.