Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Als ich den Kopf von dem Papier hob, sah ich, dass Magnus und Louise einen äußerst merkwürdigen Blick wechselten.
»Was ist?«, sagte ich abrupt. »Wo ist Jamie?« Ich hatte die Tatsache, dass er dem Hôpital des Anges nach der Fehlgeburt ferngeblieben war, seinen Schuldgefühlen angesichts des Wissens zugeschrieben, dass seine rücksichtslose Handlungsweise unser Kind umgebracht hatte, Frank umgebracht hatte und mich um ein Haar das Leben gekostet hatte. Zu diesem Zeitpunkt war es mir gleichgültig gewesen; auch ich hatte ihn nicht sehen wollen. Jetzt kam mir eine andere, unheilvollere Erklärung für seine Abwesenheit in den Sinn.
Es war Louise, die schließlich das Wort ergriff, nachdem sie tief Luft geholt und sich aufgerichtet hatte.
»Er ist in der Bastille«, sagte sie. »Weil er sich duelliert hat.«
Meine Knie wurden weich, und ich setzte mich auf die nächstbeste Oberfläche.
»Warum zum Teufel hast du mir das nicht erzählt?« Ich war mir gar nicht sicher, was ich bei dieser Neuigkeit empfand; Erschrecken oder Grauen – Angst? Oder leise Genugtuung?
»Ich – ich wollte dich nicht in Aufregung versetzen, Chérie«, stotterte Louise, verblüfft über meine Bestürzung. »Du warst so schwach … und du hättest ja doch nichts tun können. Und du hast nicht gefragt«, ergänzte sie.
»Aber was … wie … wie lange ist die Strafe?«, wollte ich wissen. Was auch immer ich im ersten Moment empfunden hatte, wich jetzt plötzlicher Dringlichkeit. Murtaghs Note war vor zwei Wochen an der Rue Tremoulins eingetroffen. Jamie hätte sogleich nach ihrem Erhalt aufbrechen sollen – doch das war er nicht.
Louise rief in einem Atemzug nach Bediensteten und bestellte Wein, Ammoniakgeist und angesengte Federn; ich musste wirklich alarmierend aussehen.
»Er hat eine königliche Anordnung missachtet«, sagte sie in einer kurzen Atempause. »Er wird im Gefängnis bleiben, solange es dem König gefällt.«
»Jesus H. Roosevelt Christ«, murmelte ich und wünschte, mir würde etwas Kräftigeres einfallen.
»Es ist ein Glück, dass le petit James seinen Gegner nicht getötet hat«, fügte Louise hastig hinzu. »In diesem Fall wäre die Strafe noch viel …« Sie raffte ihre gestreiften Röcke gerade noch rechtzeitig beiseite, um der Kaskade aus Schokolade und Plätzchen auszuweichen, als ich die gerade eingetroffene Stärkung umstürzte. Das Tablett schepperte unbeachtet zu Boden, und ich starrte sie an. Ich hatte die Hände fest auf meine Rippen gepresst und die Rechte schützend über den Goldring an meiner Linken gekrümmt. Das schmale Metallrund schien auf meiner Haut zu brennen.
»Dann ist er nicht tot?«, fragte ich wie im Traum. »Hauptmann Randall … er lebt noch?«
»Ja, doch«, sagte sie und blinzelte mich seltsam an. »Wusstest du das nicht? Er ist zwar schwer verwundet, doch es heißt, dass er genesen wird. Geht es dir gut, Claire? Du siehst aus …« Doch der Rest ihrer Worte ging in dem Tosen unter, das meine Ohren füllte.
»Du hast zu schnell zu viel getan«, sagte Louise streng und zog die Vorhänge zurück. »Ich habe es dir doch gesagt, nicht wahr?«
»Vermutlich.« Ich setzte mich und schwang die Beine aus dem Bett, wobei ich auf mögliche Ohnmachtssymptome achtete. Kein Schwindelgefühl, kein Klingeln in den Ohren; ich sah weder doppelt, noch drohte ich zu Boden zu fallen. Alles gut.
»Ich brauche mein gelbes Kleid, und würdest du dann die Kutsche rufen lassen, Louise?«
Louise sah mich entgeistert an. »Du willst doch nicht ausgehen? Unsinn! Monsieur Clouseau ist unterwegs, um dich zu behandeln! Ich habe einen Boten entsandt, um ihn auf der Stelle hierherzuholen!«
Hätte ich der Motivation bedurft, so hätte die Nachricht, dass Monsieur Clouseau, ein prominenter Arzt der Pariser Gesellschaft, unterwegs war, um mich zu untersuchen, ausgereicht, um mich auf die Beine zu bringen.
Es waren noch knapp vier Wochen bis zum achtzehnten Juli. Mit einem schnellen Pferd konnte der Weg von Paris nach Oviedo bei gutem Wetter und unter Missachtung körperlicher Unannehmlichkeiten in drei Wochen bewerkstelligt werden. Damit blieben mir vielleicht vier Tage, um Jamies Entlassung aus der Bastille einzufädeln. Keine Zeit, mich mit Monsieur Clouseau zu befassen.
»Hmm«, sagte ich und sah mich nachdenklich im Zimmer um. »Nun, ruf auf jeden Fall die Zofe, damit sie mich ankleidet. Ich möchte nicht, dass mich Monsieur Clouseau im Hemd antrifft.«
Sie wirkte zwar immer noch argwöhnisch, doch dies klang plausibel; die meisten Damen bei Hofe hätten sich vom Totenbett erhoben, um sicherzustellen, dass sie bei diesem Anlass angemessen gekleidet waren.
»Also schön«, stimmte sie zu und wandte sich zum Gehen. »Aber du bleibst im Bett, bis Yvonne kommt, hörst du?«
Das gelbe Kleid war eines meiner besten; ein loses, elegantes Stück im modischen Capestil mit einem breiten, umgeklappten Kragen, langen Ärmeln und einer Verschlussleiste mit Perlen an der Vorderseite. Als ich schließlich fertig gepudert, gekämmt, bestrumpft und parfümiert war, betrachtete ich die Schuhe, die Yvonne mir bereitgestellt hatte. Stirnrunzelnd drehte ich den Kopf hin und her.
»Mm, nein«, sagte ich schließlich. »Lieber nicht. Ich nehme die anderen mit den roten Lederabsätzen.«
Die Zofe warf einen skeptischen Blick auf mein Kleid, als ob sie sich im Geiste die Wirkung von rotem Leder zu gelber Moiréseide ausmalte, doch sie machte gehorsam kehrt, um am Boden des gewaltigen Kleiderschranks herumzukramen.
Ich trat lautlos auf Strümpfen hinter sie, schubste sie kopfüber in den Schrank und knallte die Tür hinter der strampelnden, kreischenden Masse unter dem Kleiderberg im Inneren zu. Ich schloss die Tür ab, ließ den Schlüssel zielsicher in meine Tasche fallen und klopfte mir im Geiste selbst auf die Schulter. Gut gemacht, Beauchamp, dachte ich. Diese ganzen politischen Intrigen lehren dich Dinge, die sich in der Schwesternschule mit Sicherheit niemand hätte träumen lassen.
»Keine Sorge«, sagte ich beruhigend zu dem wackelnden Schrank. »Es kommt gewiss gleich jemand, um Euch zu befreien. Und Ihr könnt der Prinzessin sagen, dass Ihr nicht daran schuld wart, dass ich gegangen bin.«
Ein verzweifelter Heullaut aus dem Schrank schien Monsieur Clouseaus Namen zu erwähnen.
»Sagt ihm, er soll einen Blick auf den Affen werfen«, rief ich im Gehen. »Er hat Räude.«
Der Erfolg der Episode mit Yvonne hatte mir Auftrieb verliehen. Doch als ich dann in der Kutsche saß und nach Paris zurückklapperte, sank meine Stimmung wieder.
Meine Wut auf Jamie war zwar längst nicht mehr so groß, doch ich wollte ihn nach wie vor nicht sehen. Meine Gefühle waren vollkommen in Aufruhr, und ich hatte nicht die Absicht, sie genauer unter die Lupe zu nehmen; es schmerzte zu sehr. Da war Trauer und ein furchtbares Gefühl des Versagens und vor allem Verrat, auf seiner wie auf meiner Seite. Er hätte nie in den Bois de Boulogne gehen dürfen; ich hätte ihm niemals folgen dürfen.
Doch wir hatten beide getan, was uns unsere Natur und unsere Gefühle diktierten, und gemeinsam hatten wir – vielleicht – den Tod unseres Kindes verursacht. Ich hatte nicht den Wunsch, meinem Komplizen bei diesem Verbrechen zu begegnen, und erst recht nicht, ihm meinen Schmerz zu zeigen, meine Schuld mit der seinen zu vergleichen. Ich floh vor allem, was mich an den tropfenden Morgen im Bois erinnerte; ganz gewiss floh ich vor jeder Erinnerung an mein letztes Bild von Jamie, der sich vom Körper seines Opfers aufrichtete, das Gesicht von der glühenden Rache erfüllt, die in Kürze seine eigene Familie ereilen würde.
Ich konnte nicht einmal flüchtig daran denken, ohne dass sich mein Bauch verkrampfte und der Geist des vorzeitigen Wehenschmerzes zurückkehrte. Ich presste meine Fäuste in den blauen Samt der Sitzbank und stützte mich auf, um den imaginären Druck in meinem Rücken zu lindern.
Ich wandte den Kopf ab, um aus dem Fenster zu schauen und mich abzulenken, doch ich war blind für das, was ich sah, und meine Gedanken widmeten sich ungebeten wieder meiner Reise. Was auch immer ich für Jamie empfand, ob wir uns je wiedersehen würden, was wir füreinander sein würden oder auch nicht – erst einmal war er im Gefängnis. Und ich glaubte zu wissen, was das für ihn bedeutete, angesichts seiner Erinnerungen an Wentworth, an die tastenden Hände, die ihn in seinen Träumen tätschelten, die Steinmauern, gegen die er im Schlaf hämmerte.