Die Suche nach dem Auge der Welt
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #1
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:
Der grauhaarige Mann beobachtete sie neugierig und nachdenklich, so wie Meister al'Vere, wenn er nach der Lösung eines Problems suchte. Er hielt die Axt gedankenverloren in den Händen.
Der Zelteingang wurde zur Seite geschoben, und ein hochgewachsener Mann trat ein. Sein Gesicht war schmal und hager; die Augen lagen so tief, daß sie aus Höhlen hervorzublicken schienen. Er hatte kein bißchen überflüssiges Fleisch auf den Knochen, kein bißchen Fett. Die Haut spannte sich straff über den Muskeln und Knochen.
Perrin konnte kurz in die Nacht draußen blicken, sah Lagerfeuer und zwei in weiße Mäntel gehüllte Wächter am Zelteingang, und dann war das Zelt wieder geschlossen. Sobald der Ankömmling eingetreten war, blieb er stehen, stand stocksteif da und blickte geradeaus auf die hintere Zeltwand. Sein aus Metallplatten auf einem Kettenhemd bestehender Panzer schimmerte wie Silber zwischen dem schneeweißen Mantel und dem weißen Unterhemd. »Mein Lordhauptmann.« Seine Stimme klang so steif, wie seine Haltung war, und knarrte irgendwie völlig ausdruckslos. Der grauhaarige Mann machte eine lockere Handbewegung. »Steht bequem, Kind Byar. Ihr habt unsere Verluste bei diesem... Zusammentreffen überprüft?«
Der hochgewachsene Mann stellte sich breitbeiniger hin, aber ansonsten sah Perrin nichts Bequemes in seiner Haltung. »Neun Mann tot, mein Lordhauptmann, und dreiundzwanzig verwundet, sieben davon schwer. Es können jedoch alle reiten. Dreißig Pferde mußten getötet werden. Ihre Sehnen waren durchgebissen.« Das betonte er mit seiner gefühllosen Stimme besonders, als sei das, was den Pferden geschehen war, schlimmer als tote und verwundete Menschen. »Viele der Ersatzpferde sind weggelaufen. Wir finden möglicherweise einige bei Tagesanbruch wieder, aber da Wölfe in der Nähe sind und sie ängstigen, kann es Tage dauern, sie alle wieder einzufangen. Die Männer, die sie eigentlich hätten bewachen sollen, sind bis zum Erreichen von Caemlyn zum Nachtdienst eingeteilt.«
»Wir haben nicht tagelang Zeit, Kind Byar«, sagte der grauhaarige Mann sanft. »Wir reiten bei Sonnenaufgang. Dabei bleibt es. Wir müssen rechtzeitig in Caemlyn sein, ja?«
»Wie Ihr befehlt, mein Lordhauptmann.«
Der grauhaarige Mann blickte zu Perrin und Egwene hinüber und dann wieder weg. »Und was haben wir vorzuweisen, von diesen beiden Jugendlichen abgesehen?«
Byar atmete tief ein und zögerte. »Ich habe den Wolf abhäuten lassen, der sich bei denen befand, mein Lordhauptmann. Das Fell sollte einen schönen Bettvorleger für das Zelt meines Lordhauptmanns ergeben.«
Springer! Perrin knurrte und stemmte sich gegen seine Bande. Dabei war ihm nicht einmal bewußt, was er tat. Die Seile schnitten ihm in die Haut — seine Handgelenke waren schlüpfrig von Blut -, aber sie gaben nicht nach.
Zum ersten Mal sah Byar die Gefangenen an. Egwene schreckte vor ihm zurück. Sein Gesicht war genauso ausdruckslos wie seine Stimme, aber in den eingesunkenen Augen glimmte ein grausames Licht, ebenso eindeutig wie in Ba'alzamons Augen Flammen loderten. Byar haßte sie, als seien sie langjährige Feinde und nicht Menschen, die er vor dem heutigen Abend noch nie gesehen hatte. Perrin blickte trotzig zurück. Sein Mund verzog sich zu einem angespannten Lächeln, als er sich ausmalte, die Zähne in die Kehle dieses Mannes zu schlagen.
Plötzlich verging ihm das Lächeln, und er schüttelte sich. Meine Zähne? Ich bin ein Mensch und kein Wolf! Licht, dem muß ein Ende gemacht werden! Aber er widerstand Byars haßerfülltem Blick und gab ihn in gleicher Münze zurück.
»Ich bin nicht an Wolfspelz-Bettvorlegern interessiert, Kind Byar.« Die Zurechtweisung in der Stimme des Lordhauptmannes war sanft, aber Byar stand wieder stramm, die Augen stur auf die rückwärtige Zeltwand gerichtet. »Ihr wart dabei zu berichten, was wir heute nacht erreicht haben, oder? Falls wir etwas erreicht haben.«
»Ich schätze, das Rudel, das uns angriff, dürfte mindestens aus fünfzig Tieren bestanden haben, mein Lordhauptmann. Davon haben wir zumindest zwanzig, wenn nicht sogar dreißig, getötet. Ich habe es nicht für wert gehalten, den Verlust weiterer Pferde zu riskieren, um die Kadaver noch heute nacht herbeizuschleifen. Morgen früh werde ich sie einsammeln und verbrennen lassen, jedenfalls diejenigen, die nicht bis dahin im Dunklen weggeschleppt wurden. Neben diesen beiden waren mindestens noch ein Dutzend weiterer Männer beteiligt. Ich glaube, wir haben vier oder fünf davon erledigt, aber es ist unwahrscheinlich, daß wir ihre Leichen finden. Die Schattenfreunde haben ja die Angewohnheit, ihre Leichen verschwinden zu lassen, um so ihre Verluste zu vertuschen. Es scheint sich um einen wohlgeplanten Überfall gehandelt zu haben, aber das läßt natürlich die Frage offen... «
Perrins Kehle war wie zugeschnürt, als der hagere Mann fortfuhr. Elyas? Vorsichtig und zögernd tastete er in Gedanken nach Elyas, nach den Wölfen... und fand nichts. Es war, als sei er niemals in der Lage gewesen, die Gedanken und Gefühle eines Wolfs zu spüren. Entweder sind sie tot, oder sie haben dich verlassen. Er wollte lachen — ein bitteres Lachen. Jetzt hatte er endlich, was er wollte, doch der Preis dafür war hoch.
In dem Augenblick lachte der grauhaarige Mann. Es war ein volles, sarkastisches Lachen, das Byar die Röte in die Wangen trieb. »Also, Kind Byar, Ihr schätzt, daß wir in einem geplanten Angriff von mehr als fünfzig Wölfen und einem guten Dutzend Schattenfreunden überfallen wurden? Ja? Vielleicht, na ja, wenn Ihr noch ein paar Kampfhandlungen erlebt... «
»Aber, mein Lordhauptmann Bornhald... «
»Ich würde sagen, es waren sechs oder acht Wölfe, Kind Byar, und vielleicht überhaupt keine weiteren Menschen außer diesen beiden. Ihr legt den wahren Eifer an den Tag, habt aber keine Erfahrung außerhalb der Städte. Es ist etwas anderes, das Licht zu bringen, wenn Straßen und Häuser weit weg sind. Es scheinen bei Nacht oft mehr Wölfe und auch mehr Menschen beteiligt zu sein. Höchstens sechs oder acht, glaube ich.« Byars Röte wurde langsam kräftiger. »Ich hege auch die Vermutung, sie waren aus dem gleichen Grund hier wie wir: wegen des einzigen gut erreichbaren Wassers im Umkreis eines Tagesmarsches. Eine viel einfachere Erklärung als Spione oder Verräter unter den Kindern, und für gewöhnliche ist die einfachste Erklärung die richtige. Mit mehr Erfahrung werdet Ihr das auch noch lernen.«
Byars Gesicht wurde totenblaß, als der großväterliche Mann ausgeredet hatte, doch im Gegensatz dazu brannten die beiden Flecke auf seinen Wangen nun dunkelrot. Einen Moment lang blickte er zu den beiden Gefangenen hin.
Jetzt haßt er uns nur noch mehr, dachte Perrin, nachdem er das gehört hat. Aber warum hat er uns eigentlich von vornherein gehaßt?
»Was haltet Ihr davon?« sagte der Lordhauptmann und hielt Perrins Axt hoch.
Byar sah seinen Befehlshaber fragend an, und auf ein Kopfnicken hin gab er seine stramme Haltung auf und ergriff die Waffe. Er wog sie in der Hand und brummte überrascht. Dann wirbelte er sie in engem Bogen über seinem Kopf und verfehlte das Zeltdach nur ganz knapp. Er ging damit so gewandt um, als sei er mit einer Axt in der Hand geboren worden. Widerwillige Bewunderung zeigte sich einen Augenblick lang auf seinem Gesicht, aber als er die Axt senkte, war seine Miene bereits wieder ausdruckslos.