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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Jetzt hast du das kleine Licht gesehen«, sagte eine Stimme zu ihm. Dann wurden die Kerzen wieder angezündet und man sagte ihm, nun müsse er auch das große Licht sehen. Wieder nahm man ihm die Binde ab, und mehr als zehn Stimmen riefen zu gleicher Zeit: »Sic transit gloria mundi.«

Pierre kam allmählich zu sich und sah sich das Zimmer, wo er sich befand, und die Leute, die darin waren, an. An einem langen Tisch, der ganz schwarz verhangen war, saßen zwölf Männer, alle in derselben Kleidung, wie er sie vorhin gesehen hatte. Einige von ihnen waren Pierre von der Petersburger Gesellschaft her bekannt. Auf dem Platz des Präsidenten saß ein junger Mann, den er nicht kannte. Er trug ein besonderes Kreuz um den Hals. Rechts von ihm saß der italienische Abbé, den Pierre vor zwei Jahren bei Anna Pawlowna gesehen hatte. Außerdem erkannte er auch einen sehr hohen Beamten und einen Schweizer, der bei den Kuragins Hauslehrer gewesen war. Alle saßen in feierlichem Schweigen da in Erwartung der Worte des Präsidenten, der einen Hammer in der Hand hielt. In die Wand war ein leuchtender Stern eingelassen. Auf der einen Seite des Tisches lag ein kleiner Teppich mit verschiedenen Sinnbildern, auf der anderen befand sich eine Art Altar mit einer Bibel und einem Totenschädel. Rings um den Tisch herum standen sieben große Armleuchter, wie man sie in den Kirchen hat. Zwei der Brüder führten Pierre an den Altar, setzten ihm die Füße rechtwinklig auseinander und befahlen ihm, sich hinzulegen: das bedeute das Niederwerfen vor den Pforten des Tempels, wie sie sagten.

»Erst muß er doch eine Kelle bekommen«, flüsterte einer von den Brüdern.

»Ach, lassen Sie nur, ich bitte Sie«, erwiderte ein anderer.

Pierre sah sich mit seinen kurzsichtigen Augen zerstreut um und gehorchte nicht sogleich: plötzlich stieg ein Zweifel in ihm auf: Wo bin ich? Was tue ich? Macht man sich nicht über mich lustig? Werde ich mich nicht schämen, wenn ich später daran zurückdenke? Aber dieser Zweifel dauerte nur einen Augenblick. Pierre schaute auf die ernsthaften Gesichter der ihn umgebenden Männer, dachte an alles, was er hier schon durchgemacht hatte, und es wurde ihm klar, daß er unmöglich auf halbem Weg stehen bleiben konnte. Er erschrak über sein Zweifeln, gab sich Mühe, die frühere weiche Stimmung wieder in sich hervorzurufen, und warf sich vor den Pforten des Tempels nieder. Und wirklich kehrte auch die weiche Stimmung noch stärker als vorher in seine Seele zurück. Als er eine Zeitlang so gelegen hatte, befahl man ihm aufzustehen, bekleidete ihn mit einem ebensolchen Schurz, wie ihn die anderen trugen, gab ihm eine Kelle und drei Paar Handschuhe in die Hand, und nun wandte sich der Meister vom Stuhl zu ihm. Er sagte ihm, er solle sich stets bemühen, diesen weißen Lederschurz, der die Charakterstärke und Sittenreinheit versinnbildliche, unbefleckt zu erhalten. Die Bedeutung der Kelle erklärte er nicht, sagte nur, er solle damit aus seinem Herzen die Laster auskratzen, hingegen über die Herzen seines Nächsten nachsichtig glättend hinfahren. Von dem ersten Paar Handschuhe, die Männerhandschuhe waren, sagte er, ihre Bedeutung könne Pierre jetzt noch nicht fassen, er solle sie aber aufbewahren; das zweite Paar, ebenfalls Männerhandschuhe, solle er in den Versammlungen tragen, und über das dritte Paar endlich, das Frauenhandschuhe waren, sagte er: »Geliebter Bruder, die Frauenhandschuhe sind ebenfalls für Sie bestimmt. Geben Sie sie derjenigen Frau, die Sie mehr als alle anderen achten. Durch dieses Geschenk werden Sie derjenigen Ihre Herzensreinheit beweisen können, die Sie als würdige Freimaurerin selbst auserwählt haben.« Er schwieg eine Weile und fügte dann hinzu: »Aber hüten Sie sich, geliebter Bruder, daß diese Handschuhe nicht unreine Hände schmücken.« Als der Meister vom Stuhl diese letzten Worte sagte, hatte Pierre den Eindruck, als werde der Meister verlegen. Pierre geriet in noch größere Verlegenheit, wurde so rot, daß ihm die Tränen kamen, wie das oft bei Kindern geschieht, und sah sich unruhig um. Es entstand ein peinliches Schweigen.

Doch einer der Brüder brach dieses Schweigen, führte Pierre an den Teppich und fing an, ihm aus einem Heft die Erklärungen aller darauf befindlichen Sinnbilder vorzulesen: der Sonne, des Mondes, des Hammers, der Richtschnur, der Kelle, des rohen und des zum Würfel behauenen Steines, des Pfeilers, der drei Fenster und so weiter. Dann wies man Pierre einen Platz an, erklärte ihm das Zeichen der Loge, gab ihm das Losungswort zum Eintritt und erlaubte ihm endlich, sich zu setzen. Der Meister vom Stuhl fing an, die Satzungen zu verlesen. Diese Satzungen waren sehr lang, und Pierre war vor Freude, vor Aufregung und vor scheuer Andacht gar nicht imstande, das in sich aufzunehmen, was man ihm vorlas. Er verstand nur die letzten Worte der Satzungen, die er sich merkte.

»In unseren heiligen Hallen«, las der Meister vom Stuhl, »gibt es keine Abstufungen, außer denen, die die Tugend vom Laster trennen. Hüte dich, irgendeinen Unterschied zu machen, der unsere Gleichheit stören könnte. Eile deinem Nächsten zu Hilfe, wer immer es auch sei, leite den Irrenden auf den rechten Weg, richte den Gefallenen auf, und hege niemals Groll oder Feindschaft gegen einen deiner Mitmenschen. Sei freundlich und höflich. Fache in allen Herzen das Feuer der Tugend an. Teile das Glück deines Nächsten, ohne daß jemals der Neid dir diesen reinen Genuß trübe. Vergib deinem Feind und räche dich nicht an ihm, höchstens dadurch, daß du ihm Gutes tust. Und wenn du so das höchste Gesetz erfüllst, wirst du zu den Spuren der Urgröße zurückkehren, die du verloren hattest.«

Nachdem der Meister vom Stuhl zu Ende gelesen hatte, erhob er sich und umarmte und küßte Pierre. Mit Freudentränen in den Augen sah sich Pierre rings um, und wußte nicht, was er auf die Glückwünsche aller, die ihn umringten und die Bekanntschaft mit ihm erneuerten, antworten sollte. Er beachtete seine früheren Bekannten nicht, sondern sah in allen diesen Männern nur seine Brüder und brannte voller Ungeduld darauf, mit ihnen zu Werke zu gehen.

Der Meister vom Stuhl klopfte mit dem Hammer auf den Tisch, und alle nahmen ihre Plätze wieder ein. Einer von ihnen verlas eine belehrende Abhandlung über die Notwendigkeit der Demut.

Darauf forderte der Meister vom Stuhl auf, die letzte Pflicht zu erfüllen, und der hohe Beamte, der mit dem Namen »Almosensammler« bezeichnet wurde, fing an, bei den Brüdern die Runde zu machen. Pierre wollte auf der Almosenliste alles Geld zeichnen, das er hatte, aber er fürchtete, hochmütig zu scheinen, und zeichnete nur soviel wie die anderen auch.

Die Sitzung war zu Ende. Als er wieder zu Hause war, hatte Pierre das Gefühl, als wäre er von einer langen Reise, die Jahrzehnte gedauert hätte, heimgekehrt, auf der er sich völlig verändert habe und seiner bisherigen Ordnung und den früheren Lebensgewohnheiten ganz fremd geworden sei.

5

Am Tag nach der Aufnahme in die Loge saß Pierre zu Hause, las in einem Buch und bemühte sich, in den Sinn jenes Quadrates einzudringen, dessen eine Seite Gott, die zweite den geistigen Menschen, die dritte den physischen Menschen und die vierte die Verschmelzung dieser beiden versinnbildlicht. Zuweilen riß er sich von dem Buch und dem Quadrat los und legte sich seinen neuen Lebensplan im Kopf zurecht. Man hatte ihm gestern in der Loge gesagt, daß dem Kaiser die Kunde von seinem Duell zu Ohren gekommen sei und er besser täte, sich aus Petersburg zu entfernen. So nahm sich Pierre vor, auf seine Güter im Süden zu reisen und sich dort mit seinen Bauern zu beschäftigen. Freudig malte er sich dieses neue Leben aus, als unerwartet Fürst Wassilij ins Zimmer trat.

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