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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Aber mein Liebster, Bester, was hast du denn in Moskau angestellt? Warum hast du dich denn mit Lola gezankt, mon cher? Du bist im Irrtum«, sagte Fürst Wassilij, indem er ins Zimmer trat. »Ich habe alles erfahren und kann dir mit aller Bestimmtheit sagen, daß Helene dir gegenüber so unschuldig ist wie Christus vor den Juden.«

Pierre wollte etwas entgegnen, aber Fürst Wassilij unterbrach ihn.

»Und warum hast du dich nicht offen und ehrlich an mich gewandt wie an deinen Freund? Ich weiß doch alles, kann doch alles verstehen«, sagte er. »Du hast dich korrekt benommen wie ein Mensch, der auf Ehre hält. Vielleicht hast du ein bißchen übereilt gehandelt, doch das wollen wir dahingestellt sein lassen. Aber bedenke nur das eine, in was für eine Lage du dadurch sie und mich vor den Augen der Gesellschaft und sogar des Hofes gebracht hast«, fügte er hinzu und senkte etwas die Stimme. »Sie lebt nun in Moskau und du hier. So komm doch nur zur Besinnung, mein Lieber!« Er zog Pierre an der Hand herab. »Hier liegt doch nur ein Mißverständnis vor, das mußt du doch selber fühlen, sollte ich meinen. Wir wollen ihr gleich zusammen einen Brief schreiben, und dann wird sie herkommen, und alles wird sich aufklären. Andernfalls wirst du selber den Schaden davon haben, das kann ich dir sagen, mein Lieber.« Fürst Wassilij sah Pierre bedeutsam an. »Mir ist aus sicherer Quelle bekannt, daß die Kaiserinwitwe ein lebhaftes Interesse an dieser Angelegenheit nimmt. Du weißt, daß sie sich immer sehr gnädig gegen Helene gezeigt hat.«

Ein paarmal hatte Pierre einen Anlauf genommen, etwas zu erwidern, aber einerseits ließ ihn Fürst Wassilij gar nicht zu Wort kommen, und anderseits scheute sich Pierre selber davor, jenen Ton der entschiedenen Ablehnung und Mißbilligung anzuschlagen, in dem er seinem Schwiegervater zu antworten fest entschlossen war. Außerdem rief er sich das Wort aus den Satzungen der Freimaurer: »Sei freundlich und höflich«, ins Gedächtnis zurück. Er zog die Stirn finster zusammen, wurde rot, stand auf, setzte sich wieder hin und rang innerlich um das, was ihm am schwersten fiel im Leben: einem Menschen, wer es auch immer war, etwas Unangenehmes ins Gesicht zu sagen und nicht das, was jener erwartete. Er war so daran gewöhnt, sich diesem lässigen, selbstbewußten Ton des Fürsten Wassilij unterzuordnen, daß er auch jetzt das Gefühl hatte, er werde nicht imstande sein, ihm zu widerstehen. Gleichzeitig war er sich aber auch bewußt, daß von dem, was er jetzt sagen würde, sein ganzes künftiges Schicksal abhing: ob er den alten Weg von früher weitergehen oder jenen neuen einschlagen werde, den ihm die Freimaurer so lockend gezeigt hatten, und von dem er fest glaubte, daß er auf ihm die Wiedergeburt zu neuem Leben finden werde.

»Komm, mein Lieber«, sagte Fürst Wassilij in scherzendem Ton, »sage mir nur das eine Wörtchen ›ja‹, und ich werde ganz allein an sie schreiben, und wir schlachten dann ein gemästetes Kalb …«

Aber Fürst Wassilij hatte seinen Scherz noch nicht beendet, als Pierre mit einer rasenden Wut im Gesicht, die an seinen Vater erinnerte, ohne den Fürsten anzusehen, flüsternd hervorstieß:

»Fürst, ich habe Sie nicht zu mir rufen lassen, gehen Sie, ich bitte Sie darum, gehen Sie!« Und er sprang auf und öffnete ihm die Tür. »Gehen Sie!« wiederholte er und glaubte sich selber kaum und freute sich über den Ausdruck der Verlegenheit und Furcht, der sich auf Fürst Wassilijs Antlitz zeigte.

»Was hast du? Bist du krank?«

»Gehen Sie!« wiederholte Pierre noch einmal mit zitternder Stimme. Und Fürst Wassilij mußte hinausgehen, ohne auch nur eine Erklärung erhalten zu haben.

Nach acht Tagen reiste Pierre, nachdem er sich von seinen neuen Freunden, den Freimaurern, verabschiedet und ihnen eine große Summe als Almosen zurückgelassen hatte, auf seine Güter ab. Seine neuen Brüder gaben ihm Briefe nach Kiew und Odessa mit, an die dortigen Freimaurer, und versprachen, ihm zu schreiben und ihm für seinen neuen Wirkungskreis Anleitungen zu geben.

6

Pierres Duell mit Dolochow war totgeschwiegen worden, und trotz der damaligen Strenge des Kaisers in solchen Dingen ließ man sowohl die beiden Gegner als auch ihre Sekundanten völlig unbehelligt. Aber der Skandal, den das Duell hervorgerufen hatte und der nun durch Pierres Bruch mit seiner Frau noch bestätigt wurde, sprach sich doch in der Gesellschaft herum. Pierre, den man zuerst als unehelichen Sohn nur gönnerhaft über die Achsel angesehen und dann, als er die beste Partie des ganzen russischen Kaiserreichs geworden war, verwöhnt und in den Himmel gehoben hatte, war nach seiner Hochzeit, als die heiratsfähigen Damen und Mütter nichts mehr von ihm zu hoffen hatten, in der Wertschätzung der Gesellschaft stark gesunken, um so mehr, als er sich selber die Gunst der Gesellschaft nicht zu erwerben verstand und dies auch gar nicht wollte. Jetzt schob man ihm allein alle Schuld an dem Vorgefallenen zu, es hieß, er sei ohne jeden Sinn und Verstand eifersüchtig und denselben Anfällen blutdürstiger Raserei unterworfen wie sein Vater. Und als Helene nach Pierres Abreise nach Petersburg zurückkehrte, wurde sie nicht nur von allen ihren Bekannten freudig aufgenommen, sondern man brachte ihr sogar etwas wie Ehrerbietung, die ihrem Unglück gelten sollte, entgegen. Wenn die Rede auf ihren Mann kam, nahm Helene, ohne selber zu wissen warum, eine würdige Haltung an, die sie sich dank dem ihr eignen Taktgefühl angeeignet hatte. Durch diese Miene brachte sie zum Ausdruck, daß sie entschlossen sei, ihr Unglück, ohne zu klagen, auf sich zu nehmen, und daß ihr Mann das Kreuz sei, das zu tragen ihr Gott auferlegt habe. Fürst Wassilij brachte seine Meinung schon unverhohlener zum Ausdruck. Er zuckte mit den Schultern, wenn das Gespräch auf Pierre kam, tippte auf die Stirn und sagte: »Nicht ganz richtig im Kopfe, je le disais toujours.«

»Das habe ich doch vorausgesagt«, meinte Anna Pawlowna von Pierre, »ich habe das damals gleich gesagt, noch früher als alle anderen« – sie wollte sich darin von niemand den Rang ablaufen lassen –, »daß er ein törichter junger Mann ist, der durch die zügellosen Ideen unseres Jahrhunderts ganz verdorben worden ist. Das habe ich schon damals gesagt, als noch alle von ihm entzückt waren, als er eben erst aus dem Ausland zurückgekommen war und einmal auf einer Abendgesellschaft bei mir, wissen Sie noch, aus sich einen reinen Moralisten machte. Und wohin hat das alles geführt? Ich war von jeher gegen diese Heirat und habe das alles vorausgesagt, was nun auch eingetroffen ist.«

Anna Pawlowna gab in ihrem Hause in zwangloser Folge noch dieselben Abendgesellschaften wie früher, wie solche zu veranstalten eben nur sie die Gabe hatte, Abendgesellschaften, bei denen sich alles versammelte, la crème de la véritable bonne société, la fine fleur de l’essence intellectuelle de la société de Pétersbourg, wie Anna Pawlowna selber sagte. Außer dieser feingewählten Gesellschaft zeichneten sich die Abende bei Anna Pawlowna immer noch dadurch aus, daß Anna Pawlowna zu jedem ihrer Abende ihren Gästen immer irgendeine neue, interessante Persönlichkeit auftischte, und daß sich nirgends klarer und deutlicher als bei diesen Abendgesellschaften erkennen ließ, wie der Stand des politischen Thermometers, die Stimmung der ihrem Kaiserhaus treuergebenen Hofgesellschaft gerade war.

Ende des Jahres 1806, als schon die traurigen Einzelheiten von der Vernichtung der preußischen Armee durch Napoleon bei Jena und Auerstedt und von der Übergabe eines großen Teiles der preußischen Festungen bei uns bekanntgeworden waren, als unsere Truppen bereits in Preußen einrückten und man sich zu einem zweiten Feldzug gegen Napoleon rüstete, gab Anna Pawlowna bei sich wieder einmal eine Abendgesellschaft. La crème de la véritable bonne société bestand diesmal aus der liebreizenden, unglücklichen, von ihrem Mann verlassenen Helene, aus Mortemart, aus dem bezaubernden Fürsten Hippolyt, der soeben erst aus Wien zurückgekehrt war, aus zwei Diplomaten, der Tante, einem jungen Mann, den man einfach unter der Bezeichnung d’un homme de beaucoup de mérite im Salon eingeführt hatte, einer neuernannten Hofdame mit ihrer Mutter und aus noch anderen Personen, die weniger von Bedeutung waren.

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