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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Nach einer halben Stunde kehrte der Rhetor zurück, um dem Suchenden die sieben Tugenden zu offenbaren, die den sieben Stufen des Salomonischen Tempels entsprechen, und zu denen sich jeder Freimaurer erziehen muß. Diese sieben Tugenden sind:

1. Bescheidenheit und Beachtung der Ordensgesetze,

2. Gehorsam gegen die Oberhäupter des Ordens,

3. Sittenstrenge,

4. Liebe zur Menschheit,

5. Tapferkeit,

6. Opferfreudigkeit und

7. Liebe zum Tod.

»Was die siebente Tugend anbetrifft«, sagte der Rhetor, »so streben Sie danach, durch häufiges Denken an den Tod so weit zu kommen, daß er Ihnen nicht mehr als furchtbarer Feind, sondern als Freund erscheint, der die im Kampf um die Tugend ermattete Seele von ihrem elenden Erdendasein befreit und sie dahin führt, wo ihr Ruhe und Belohnung zuteil wird.«

Ja, so muß es sein, dachte Pierre, als der Rhetor nach diesen Worten wieder hinausgegangen war und ihn der einsamen Betrachtung überlassen hatte. So muß es sein, aber ich bin noch so schwach, daß ich mein Leben noch liebe, dessen Sinn mir erst jetzt allmählich offenbar wird. Die übrigen fünf Tugenden, die sich Pierre, sie an den Fingern aufzählend, wieder ins Gedächtnis zurückrief, fühlte er bereits in sich: sowohl die Tapferkeit als auch die Opferfreudigkeit, die Sittenstrenge, die Liebe zur Menschheit und ganz besonders den Gehorsam, der ihm nicht einmal als Tugend erschien, sondern vielmehr als Wohltat. So glücklich war er jetzt darüber, von seinem eignen Willen erlöst zu sein und sich demjenigen und denen unterordnen zu dürfen, welche die über jeden Zweifel erhabene Wahrheit erkannt hatten. Die siebente Tugend hatte Pierre vergessen und konnte sich keineswegs mehr darauf besinnen.

Das dritte Mal kam der Rhetor etwas eher zurück und fragte Pierre, ob seine Absicht immer noch feststehe und er entschlossen sei, sich all dem zu unterwerfen, was man von ihm fordern werde.

»Ich bin zu allem bereit«, erwiderte Pierre.

»Ich muß Ihnen noch zur Kenntnis geben«, sagte der Rhetor, »daß unser Orden seine Lehren nicht nur durch Worte erteilt, sondern auch noch durch andere Mittel, die auf einen, der aufrichtig nach Wahrheit und Tugend strebt, vielleicht noch stärker wirken als eine Erklärung durch Worte allein. Diese geweihte Halle, die Sie hier sehen, mit allem, was sie enthält, muß Ihrem Herzen, wenn es ehrlich sucht, mehr enthüllen können, als Worte es vermögen. Bei Ihrer weiteren Aufnahme werden Sie vielleicht noch mehr solcher bildlichen Erklärungen wahrnehmen. Unser Orden folgt hierin dem Vorbild uralter Bünde, die ihre Lehre durch Hieroglyphen offenbarten. Eine Hieroglyphe«, sagte der Rhetor, »ist die konkrete Bezeichnung für einen abstrakten Gegenstand, der Eigenschaften in sich birgt, die mit dem bildlich dargestellten Vorgang Ähnlichkeit haben.«

Pierre wußte sehr gut, was eine Hieroglyphe war, wagte aber nicht, etwas zu sagen. Er hörte schweigend dem Rhetor zu und fühlte aus allem heraus, daß seine Prüfungen sogleich beginnen würden.

»Wenn Sie also fest entschlossen sind, so habe ich nunmehr zu Ihrer Einführung zu schreiten«, sagte der Rhetor und trat näher auf Pierre zu. »Als einen Beweis Ihrer Opferfreudigkeit bitte ich Sie, mir alle Ihre Kostbarkeiten zu übergeben.«

»Aber ich habe ja gar nichts bei mir«, erwiderte Pierre, der annahm, daß man von ihm die Herausgabe alles dessen fordere, was er besitze.

»Nur das, was Sie bei sich haben: die Uhr, das Geld, den Ring …«

Pierre zog den Geldbeutel heraus, nahm die Uhr ab, nur der Trauring wollte sich lange nicht von seinem feisten Finger abziehen lassen. Als er endlich damit fertig war, sagte der Freimaurer: »Zum Zeichen des Gehorsams bitte ich Sie, sich zu entkleiden.«

Pierre zog den Frack und die Weste aus, und auf Befehl des Rhetors auch den linken Stiefel. Der Freimaurer öffnete ihm das Hemd über der linken Brust, beugte sich dann nieder und streifte ihm das linke Hosenbein bis über das Knie hinauf. Pierre wollte hastig auch den rechten Stiefel ausziehen und das rechte Hosenbein aufstreifen, um dem fremden Mann diese Mühe zu ersparen, aber der Freimaurer sagte ihm, dies sei nicht nötig, und reichte ihm einen Pantoffel für den linken Fuß. Mit einem kindlichen Lächeln der Scham, des Zweifels und des Spottes über sich selber, das sich ohne sein Wollen auf seinem Gesicht ausprägte, stand Pierre mit herabhängenden Armen und gespreizten Beinen vor dem Bruder Rhetor da und wartete auf dessen neue Befehle.

»Und endlich, zum Zeichen der Offenherzigkeit, bitte ich Sie, mir Ihre Hauptleidenschaft zu nennen«, sagte der Freimaurer.

»Meine Hauptleidenschaft? Ich hatte deren so viele …« stammelte Pierre.

»Ich meine diejenige Leidenschaft, die Sie mehr als alle anderen auf dem Pfad der Tugend zum Straucheln gebracht hat«, sagte der Freimaurer.

Pierre schwieg und dachte nach. War es der Wein? Die Völlerei? Der Müßiggang? Die Faulheit? Der Jähzorn? Die Bosheit? Die Weiber? ging er in Gedanken seine Laster durch, wog sie gegeneinander ab und wußte nicht, welches die meiste Gewalt über ihn gehabt hatte.

»Die Weiber«, sagte er dann endlich mit leiser, kaum hörbarer Stimme.

Der Freimaurer rührte sich nicht und sagte nach dieser Antwort lange kein Wort. Endlich trat er wieder auf Pierre zu, nahm das Tuch, das auf dem Tisch lag, und verband ihm wieder die Augen.

»Zum letztenmal sage ich Ihnen, wenden Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit sich selber zu, legen Sie Ihre Gefühle in Fesseln und suchen Sie das Heil nicht in den Leidenschaften, sondern in Ihrem Herzen. Die Quelle des Glücks ist nicht außerhalb, sondern in unserm Innern …«

Aber Pierre fühlte diese erfrischende Quelle des Glücks, die jetzt seine Seele mit Freude und Rührung erfüllte, schon in sich.

4

Bald darauf trat, um Pierre zu holen, nicht der frühere Rhetor in den dunkeln Raum ein, sondern sein Bürge Willarski, den Pierre an der Stimme erkannte. Auf die abermaligen Fragen nach der Festigkeit seines Entschlusses erwiderte Pierre: »Ja, gewiß, ich bin bereit!« und ging mit strahlendem Kinderlächeln, die feiste Brust entblößt, mit dem einen beschuhten und dem andern unbeschuhten Fuß zaghaft und ungleichmäßig auftretend, auf Willarski zu, obgleich dieser ihm einen Degen auf die nackte Brust setzte.

Aus dem Zimmer führte man ihn durch Korridore hindurch, die bald eine Biegung nach vorn, bald nach rückwärts machten, um ihn endlich bis an die Pforten der Loge zu geleiten. Willarski hustete, freimaurerische Hammerschläge antworteten ihm, und die Tür tat sich vor ihnen auf. Eine Baßstimme – Pierres Augen waren immer noch verbunden – stellte ihm verschiedene Fragen: Wer er sei? Woher er komme? Wann er geboren sei? und so weiter.

Dann wurde er wieder, ohne daß man ihm die Binde von den Augen nahm, weitergeführt und während des Gehens allegorisch auf die Mühseligkeiten seines Wandels, auf die Heiligkeit der Freundschaft, auf den allewigen Erbauer der Welt hingewiesen und auf die Tapferkeit, mit der er all diese Mühseligkeiten und Gefahren ertragen müsse. Bei diesem Rundgang bemerkte Pierre, daß man ihn bald einen »Suchenden«, bald einen »Duldenden«, bald einen »Verlangenden« nannte und daß dabei alle in verschiedener Weise mit ihren Hämmern und Degen klopften. Als man ihn zu irgend etwas heranführen wollte, bemerkte Pierre, daß unter seinen Leuten eine Unruhe und Verwirrung entstand. Er hörte, wie die Brüder um ihn herum flüsternd miteinander stritten und der eine darauf bestand, daß er auf einen Teppich geführt werde. Darauf nahmen sie seine rechte Hand, legten sie auf irgend etwas, ließen ihn mit der linken einen Zirkel auf seine linke Brust halten und befahlen ihm, die Worte nachzusprechen, die ein anderer ihm vorlas, um den Gesetzen des Ordens den Eid der Treue zu schwören. Dann löschten sie die Lichter, zündeten Spiritus an, was Pierre am Geruch merkte, und sagten ihm, er werde nun gleich das kleine Licht sehen. Man nahm ihm die Binde ab, und Pierre sah bei einem schwachen Spirituslicht wie im Traum, daß einige Männer mit ebensolchen Schürzen wie der Rhetor ihm gegenüberstanden und ihre Degen gegen seine Brust gerichtet hielten. Mitten unter ihnen stand ein Mann in einem weißen, blutbefleckten Hemd. Als Pierre dies sah, reckte er seine Brust vor und bot sie den Degen dar in dem Wunsch, von ihnen durchbohrt zu werden. Aber die Degen wichen vor ihm zurück, und sogleich band man ihm die Augen wieder zu.

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