Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Der Mann ließ sein Kruzifix langsam sinken und starrte mich mit offenem Mund an. »Eine Hexe?«, sagte er. Er sah aus, als glaubte er, ich hätte den Verstand verloren, was ich unter den Umständen ein wenig übertrieben fand.
»Ihr habt mich gar nicht für eine Hexe gehalten?«, sagte ich und kam mir allmählich etwas albern vor.
Etwas, das wie ein Lächeln aussah, flackerte zuckend im Gewirr seines Bartes auf und verschwand wieder.
»Nein, Madame«, sagte er. »Ich bin es gewohnt, dass die Leute solche Dinge über mich sagen.«
»Ach ja?« Ich betrachtete ihn genau. Der Mann war nicht nur zerlumpt und verdreckt, sondern offensichtlich auch halbverhungert; die Handgelenke, die aus seinem Hemd ragten, waren so dünn wie die eines Kindes. Gleichzeitig jedoch war sein Französisch elegant und gepflegt, auch wenn er einen merkwürdigen Akzent hatte.
»Wenn Ihr ein Hexer seid«, sagte ich, »macht Ihr Eure Sache nicht besonders gut. Wer zum Teufel seid Ihr?«
Bei dieser Frage kehrte die Angst in seine Augen zurück. Er blickte hin und her und suchte einen Fluchtweg, doch der Schuppen war zwar alt, aber solide gebaut, und er hatte keinen anderen Eingang als die Tür, in der ich stand. Schließlich nahm er seinen letzten Mut zusammen, richtete sich zu voller Größe auf – gute sieben Zentimeter weniger als ich – und sagte mit großer Würde: »Ich bin Pastor Walter Laurent aus Genf.«
»Ihr seid Priester?« Ich war wie vom Donner gerührt. Ich konnte mir nicht vorstellen, was einen Priester – aus der Schweiz oder nicht – hierhergeführt hatte.
Vater Laurent sah beinahe so entgeistert aus wie ich.
»Priester?«, wiederholte er. »Ein Papist? Niemals!«
Plötzlich dämmerte mir die Wahrheit.
»Ein Hugenotte!«, sagte ich. »Das ist es – Ihr seid Protestant, nicht wahr?« Ich dachte an die Toten, die ich im Wald hängen gesehen hatte. Das, so dachte ich, erklärte eine Menge.
Seine Lippen zitterten, doch er presste sie einen Moment fest zusammen, ehe er sie öffnete, um zu antworten.
»Ja, Madame. Ich bin Pastor; ich predige seit einem Monat in diesem Distrikt.« Er leckte sich über die Lippen und betrachtete mich. »Verzeihung, Madame – ich glaube, Ihr seid keine Französin?«
»Ich bin Engländerin«, sagte ich, und er entspannte sich plötzlich, als hätte jemand seine Wirbelsäule von allen Versteifungen befreit.
»Großer Vater im Himmel«, betete er. »Dann seid Ihr ebenfalls Protestantin?«
»Nein, ich bin katholisch«, antwortete ich. »Aber ich sehe das nicht fanatisch«, fügte ich hastig hinzu, als ich sah, wie seine hellbraunen Augen ihren alarmierten Blick wieder annahmen. »Keine Sorge, ich werde niemandem sagen, dass Ihr hier seid. Ich vermute, Ihr seid hier, weil Ihr versuchen wolltet, etwas zu essen zu stehlen?«, fragte ich mitfühlend.
»Diebstahl ist eine Sünde!«, sagte er entsetzt. »Nein, Madame. Aber …« Er presste den Mund zu, doch sein Blick in die Richtung des Landhauses verriet ihn.
»Also bringt Euch jemand von den Dienstboten etwas zu essen«, sagte ich. »Ihr überlasst es also ihnen, für Euch zu stehlen. Aber dann könnt Ihr sie vermutlich von der Sünde lossprechen, und alles ist wieder gut. Ziemlich dünnes moralisches Eis, auf dem Ihr Euch da bewegt, wenn Ihr mich fragt«, sagte ich tadelnd, »aber es geht mich ja nichts an.«
In seinen Augen leuchtete Hoffnung auf. »Ihr meint – Ihr werdet mich nicht verhaften lassen Madame?«
»Nein, natürlich nicht. Ich empfinde eine Art Kameradschaft mit Gesetzesflüchtlingen, denn auch ich wäre schon einmal um ein Haar auf dem Scheiterhaufen geendet.« Ich wusste selbst nicht genau, warum ich so redselig war; vermutlich lag es an der Erleichterung, jemandem zu begegnen, der einen intelligenten Eindruck machte. Louise war lieb, hingebungsvoll und gütig … und sie besaß exakt so viel Verstand wie die Kuckucksuhr in ihrem Salon. Bei dem Gedanken an die Schweizer Uhr begriff ich plötzlich, wer Pastor Laurents geheime Gemeindemitglieder waren.
»Hört zu«, sagte ich, »wenn Ihr hierbleiben möchtet, gehe ich zum Château und sage Berta oder Maurice, dass Ihr hier seid.«
Der arme Mann bestand aus nichts als Haut, Knochen und Augen. Alles, was er dachte, spiegelte sich in diesen großen, sanften, braunen Sphären. In diesem Moment dachte er eindeutig, dass, wer auch immer versucht hatte, mich auf den Scheiterhaufen zu bringen, auf der richtigen Spur gewesen war.
»Ich habe von einer Engländerin gehört«, begann er langsam und griff erneut nach seinem Kruzifix, »die die Pariser ›La Dame Blanche‹ nennen. Sie steht mit Raymond, dem Häretiker, im Bunde.«
Ich seufzte. »Das bin ich. Obwohl ich wohl nicht mit Meister Raymond ›im Bunde stehe‹. Wir sind nur befreundet.« Als ich sah, wie er skeptisch die Augen zusammenkniff, holte ich erneut Luft. »Pater Noster …«
»Nein, nein, Madame, bitte.« Zu meiner Überraschung hatte er sein Kruzifix gesenkt und lächelte.
»Ich bin ebenfalls mit Meister Raymond bekannt. Ich bin ihm in Genf begegnet, wo er ein berühmter Arzt und Kräuterkundler war. Jetzt fürchte ich leider, dass er dunklere Wege eingeschlagen hat, obwohl natürlich nichts bewiesen wurde.«
»Bewiesen? In welcher Hinsicht? Und was heißt das, Raymond, der Häretiker?«
»Das wusstet Ihr nicht?« Dünne Augenbrauen hoben sich über den braunen Augen. »Ah. Dann steht Ihr also nicht mit Meister Raymonds … Treiben in Verbindung.« Er entspannte sich sichtlich.
»Treiben« schien eine erbärmliche Beschreibung für die Art zu sein, wie mich Raymond geheilt hatte, also schüttelte ich den Kopf.
»Nein, aber ich wünschte, Ihr würdet mir davon erzählen. Oh, aber ich sollte hier nicht herumstehen und reden; ich sollte gehen und Berta mit etwas zu essen schicken.«
Er winkte würdevoll ab.
»Es drängt nicht, Madame. Der Appetit des Körpers ist bedeutungslos, verglichen mit dem Appetit der Seele. Und katholisch oder nicht, Ihr seid gütig zu mir gewesen. Wenn Ihr noch nicht mit Meister Raymonds okkultem Treiben in Verbindung steht, so solltet Ihr rechtzeitig gewarnt werden.«
Und ohne den Schmutz und die splittrigen Bodendielen zu beachten, verschränkte er die Beine und setzte sich mit dem Rücken an die Wand des Schuppens, während er mich mit einer eleganten Handbewegung einlud, mich ebenfalls zu setzen. Fasziniert sank ich ihm gegenüber zu Boden und steckte mir die Rockfalten hoch, damit sie nicht im Mist landeten.
»Habt Ihr schon einmal von einem Mann namens du Carrefours gehört, Madame?«, sagte der Pastor. »Nein? Nun, sein Name ist in Paris weithin bekannt, doch Ihr tätet besser daran, ihn nicht auszusprechen. Dieser Mann war der Organisator und Anführer eines Ringes von unaussprechlicher Lasterhaftigkeit, verbunden mit den primitivsten okkulten Praktiken. Ich bringe es nicht über mich, einige der Zeremonien zu beschreiben, die im Verborgenen unter den Adeligen vollzogen wurden. Und sie nennen mich einen Hexer?«, murmelte er kaum hörbar.
Er hob seinen knochigen Zeigefinger, als wollte er meinem unausgesprochenen Einwand zuvorkommen.
»Ich bin mir bewusst, Madame, dass oft Gerüchte verbreitet werden, die nicht auf Tatsachen beruhen – wer sollte das besser wissen als ich? Doch das, was du Carrefours und seine Anhänger getan haben … Es ist allgemein bekannt, denn er wurde dafür vor Gericht gestellt, eingekerkert und schließlich als Bestrafung für seine Verbrechen auf dem Place de la Bastille verbrannt.«
Ich erinnerte mich an Raymonds scherzhafte Bemerkung, in Paris sei seit, oh, mindestens zwanzig Jahren niemand mehr verbrannt worden, und erschauerte trotz des warmen Wetters.
»Und Ihr sagt, Meister Raymond hat mit diesem du Carrefours in Verbindung gestanden?«