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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Pierre stand nun allein im Zimmer und lächelte immer noch in derselben Weise. Ein paarmal hob er die Schultern, führte seine Hand bis an das Tuch, als wolle er es abnehmen, ließ sie aber sogleich wieder sinken. Die fünf Minuten, die er so mit verbundenen Augen dagestanden hatte, kamen ihm wie eine Stunde vor. Seine Hände wurden ganz starr, seine Beine knickten ein, er hatte das Gefühl, als wäre er todmüde. Er empfand die verschiedenartigsten, verworrensten Gefühle. Vor dem, was mit ihm geschehen werde, hatte er ein wenig Angst, aber noch mehr fürchtete er, sich diese Angst merken zu lassen. Er war neugierig auf das, was man mit ihm anfangen, ihm enthüllen werde, aber vor allem war er doch glücklich darüber, daß nun endlich der Augenblick gekommen war, wo er den Weg zur Wiedergeburt und einem sittenreinen Leben und Wirken betreten durfte, von dem er seit seiner Begegnung mit Osip Alexejewitsch immer geträumt hatte.

Da ertönten starke Schläge gegen die Tür. Pierre nahm die Binde ab und sah sich um. Im Zimmer war es schwarz und finster, nur in einer Ecke brannte ein Lämpchen in etwas Weißem. Pierre trat näher hinzu und sah, daß das Lämpchen auf einem schwarzen Tische stand, auf dem weiter nichts als ein aufgeschlagenes Buch lag. Das Buch war die Heilige Schrift, und das Weiße, worin das Lämpchen brannte, war ein Totenschädel mit seinen tiefen Augenhöhlen und weißen Zähnen. Pierre las die ersten Worte des Evangeliums: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott«, ging dann um den Tisch herum und erblickte eine große, offene Truhe, die mit etwas angefüllt schien. Es war ein Sarg mit menschlichen Gebeinen. Doch all das, was er hier sah, setzte ihn keineswegs in Erstaunen. Er hatte in der Hoffnung, ein ganz neues Leben anfangen zu können, das von seinem früheren himmelweit verschieden war, etwas ganz Außergewöhnliches erwartet, etwas noch Ungewöhnlicheres, als er hier sah. Den Totenschädel, den Sarg, das Evangelium – dies alles schien er erwartet zu haben, ja, fast noch mehr. Er sah sich um, bemüht, eine weiche Stimmung in sich hervorzurufen. »Gott, Tod, Liebe, Brüderschaft unter den Menschen«, murmelte er vor sich hin und verband mit diesen Worten dunkle, aber freudige Vorstellungen. Da ging die Tür auf und jemand trat herein.

Bei dem schwachen Licht, bei dem sich Pierre aber trotzdem hatte umschauen können, erkannte er in dem Eintretenden einen Menschen von kleinem Wuchs. Da dieser Mensch sichtlich aus dem Hellen in diese Finsternis trat, blieb er einen Augenblick unsicher stehen, ging dann mit vorsichtigen Schritten auf den Tisch zu und legte seine kleinen, mit Lederhandschuhen bekleideten Hände darauf.

Dieser kleine Mann war mit einem weißen Lederschurz bekleidet, der seine Brust und einen Teil der Beine bedeckte. Um den Hals trug er eine Art Halsband, und unter diesem Halsband hervor trat eine hohe weiße Faltenkrause, die sein ovales Gesicht umrahmte, auf das von unten her ein matter Lichtschein fiel.

»Wozu sind Sie hierher gekommen?« fragte der Eingetretene Pierre und wandte sich auf ein Geräusch, das Pierre verursacht hatte, nach diesem um. »Wozu sind Sie, der Sie nicht an die Wahrheit des Lichtes glauben und das Licht nicht sehen, hierher gekommen, und was wollen Sie von uns? Weisheit, Tugend, Aufklärung?«

In dem Augenblick, als die Tür aufgegangen und ein ganz fremder Mensch eingetreten war, hatte Pierre ein ähnliches Gefühl der Furcht und der Andacht empfunden, wie er es als Kind vor der Beichte gehabt hatte: er befand sich Aug in Auge mit einem den äußeren Lebensbedingungen nach ihm völlig fremden Menschen, der ihm als Mitmensch und Bruder doch auch wieder ganz nahestand. Mit einem Herzklopfen, das ihm fast den Atem raubte, trat Pierre ein paar Schritte auf den Rhetor zu – so nannte man im Freimaurerorden den Bruder, der den »Suchenden« zum Eintritt in den Bund vorbereitete. Doch als er näher herankam, sah er, daß der Rhetor ein Bekannter von ihm, namens Smoljaninow, war. Dieser Gedanke störte ihn: er hätte in dem Eingetretenen lieber nur einen Bruder und Lehrer der Tugend gesehen.

Lange konnte Pierre kein Wort hervorbringen, so daß der Rhetor seine Frage wiederholen mußte.

»Ja, ich … ich … will die Wiedergeburt«, stieß Pierre mit Mühe hervor.

»Gut«, sagte Smoljaninow und fuhr sogleich fort: »Haben Sie eine Vorstellung von den Mitteln, mit denen unser Orden Ihnen zur Erreichung Ihrer Ziele behilflich sein kann? …« Dies sagte der Rhetor schnell, aber ruhig.

»Ja … ich hoffe … auf Führung … auf Beistand … zur Wiedergeburt«, erwiderte Pierre mit zitternder Stimme und suchte mühsam nach Worten, was sowohl durch die Aufregung als auch durch die ungewohnte Notwendigkeit bedingt war, sich bei abstrakten Gegenständen der russischen Sprache zu bedienen.

»Was für eine Vorstellung haben Sie von der Freimaurerei?«

»Ich stelle mir vor, daß die Freimaurerei eine fraternité und Gleichheit aller Menschen ist, welche die Tugend als Ziel hat«, sagte Pierre, aber je länger er sprach, desto mehr schämte er sich, daß seine Worte so wenig mit der Feierlichkeit des Augenblicks übereinstimmten. »Ich stelle mir vor …«

»Gut«, sagte der Rhetor hastig und schien mit dieser Antwort durchaus zufrieden zu sein.

»Haben Sie die Mittel und Wege zur Erreichung Ihres Zieles in der Religion gesucht?«

»Nein, ich habe die Religion nicht für die Wahrheit gehalten und mich nicht nach ihr gerichtet«, erwiderte Pierre so leise, daß der Rhetor ihn nicht verstand und noch einmal fragte, was er gesagt habe.

»Ich war Atheist«, antwortete Pierre.

»Sie suchen die Wahrheit aus dem Grunde, um im Leben ihre Gesetze zu befolgen, folglich suchen Sie Erkenntnis und Tugend, nicht wahr?« fragte der Rhetor nach kurzem Schweigen.

»Ja, gewiß«, bestätigte Pierre.

Der Rhetor räusperte sich, kreuzte die Hände über der Brust und fing dann an: »Nun ist es an mir, Ihnen die Hauptziele unseres Ordens zu enthüllen, und wenn diese Ziele mit den Ihrigen übereinstimmen, so wird es Ihnen zum Segen gereichen, wenn Sie in unseren Bund eintreten. Unser erstes, heiligstes Ziel und zugleich die Grundlage unseres Ordens, auf der er so sicher ruht, daß keine menschliche Gewalt ihn je wieder stürzen kann, besteht darin, ein heiliges Geheimnis zu bewahren und der Nachwelt zu übermitteln, das uns aus längst vergangenen Jahrhunderten, ja sogar aus der ersten Zeit der Menschheit, überliefert worden ist, ein Geheimnis, von dem vielleicht das ganze künftige Schicksal des Menschengeschlechts abhängen wird. Da aber jenes Geheimnis von der Art ist, daß niemand es begreifen und sich zunutze machen kann, der sich nicht durch jahrelange, emsige Läuterung seiner selbst darauf vorbereitet hat, so darf nicht jeder hoffen, alsobald in den Besitz dieses Geheimnisses zu gelangen. Daraus ergibt sich unser zweites Ziel, das darin besteht, unsere Mitglieder so gut wie nur möglich vorzubereiten, ihre Herzen zu bessern, sie zu läutern und ihren Geist mit jenen Mitteln zu erleuchten, die uns durch Überlieferung von Männern, die sich um das heilige Geheimnis suchend bemüht haben, offenbar geworden sind, um so unsere Brüder zur Empfängnis des Mysteriums geeignet zu machen. Indem wir so unsere Mitglieder läutern und bessern, bemühen wir uns drittens, die ganze Menschheit zu veredeln dadurch, daß wir ihnen in unseren Brüdern ein Muster an Gottesfurcht und Tugend vor Augen stellen, und suchen mit allen unseren Kräften dem Bösen zu steuern, das in der Welt herrscht. Denken Sie über meine Worte nach, ich werde dann wieder zu Ihnen hereinkommen«, sagte er und verließ das Zimmer.

»Dem Bösen zu steuern, das in der Welt herrscht …« wiederholte Pierre und stellte sich vor, wie er künftighin in dieser Weise wirken werde. Er dachte an solche Menschen, wie er selber noch vor vierzehn Tagen einer gewesen war, und wandte sich in Gedanken an sie mit belehrend ermahnenden Worten. Er stellte sich lasterhafte und unglückliche Menschen vor, denen er mit Wort und Tat helfen konnte, stellte sich Bedrücker vor, deren Opfer er errettete. Von den drei Zielen, die der Rhetor ihm genannt hatte, stand dieses letzte, die Besserung der ganzen Menschheit, Pierre ganz besonders nahe. Jenes heilige Geheimnis, das der Rhetor erwähnt hatte, erregte zwar seine Wißbegierde, erschien ihm aber doch nicht so wesentlich, und das zweite Ziel, die Läuterung und Besserung seiner selbst, beschäftigte ihn wenig, weil er sich in diesem Augenblick mit Wonne bewußt war, daß er von seinen früheren Lastern schon gänzlich befreit und nur noch zum Guten bereit war.

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