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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Plötzlich hustete der Freimaurer heiser, wie es alte Leute zu tun pflegen, und rief seinen Diener.

»Wie steht’s mit den Pferden?« fragte er, ohne Pierre anzusehen.

»Es sind Ersatzpferde beschafft worden«, erwiderte der Diener. »Aber wollen Sie sich nicht noch etwas ausruhen?«

»Nein, laß anspannen!«

Kann er wirklich so fortgehen und mich allein lassen, ohne mir alles gesagt und mir Hilfe versprochen zu haben? dachte Pierre, stand auf, fing an mit gesenktem Kopf, ab und zu einen Blick auf den Freimaurer werfend, im Zimmer auf und ab zu gehen. Ja, das habe ich nie bedacht, daß ich ein so nichtswürdiges, ausschweifendes Leben geführt habe, aber ich habe dieses Leben nie geliebt, nie gewollt, dachte Pierre. Und dieser Mensch kennt nun die Wahrheit und könnte sie mir offenbaren, wenn er wollte.

Pierre wollte das dem Freimaurer sagen, hatte aber nicht den Mut dazu. Der Reisende packte mit seinen greisen Händen, die an solche Arbeit gewöhnt zu sein schienen, seine Sachen zusammen und knöpfte den Schafpelz zu. Als er damit fertig war, wandte er sich an Besuchow und fragte in gleichmütigem, höflichem Ton: »Wohin reisen Sie nun, mein Herr?«

»Ich? … nach Petersburg«, erwiderte Pierre mit kindlich unentschlossener Stimme. »Ich möchte Ihnen noch meinen Dank aussprechen. Ich bin in allem mit Ihnen einverstanden. Glauben Sie nicht, daß ich so schlecht bin. Ich wünschte von Herzen, so zu sein, wie Sie mich haben wollen, aber noch nie hat mir ein Mensch seine hilfreiche Hand dazu geboten … Übrigens bin ich ja vor allem selber daran schuld. Helfen Sie mir, lehren Sie mich, und vielleicht werde ich dann …«

Pierre konnte nicht weitersprechen, er schnaufte durch die Nase und wandte sich ab.

Der Freimaurer schwieg lange, offenbar dachte er über etwas nach.

»Alle Hilfe kommt von Gott«, sagte er dann. »Aber jenes Maß von Beistand, das unser Orden gewähren kann, soll Ihnen zuteil werden, mein Herr. Sie reisen nach Petersburg, überbringen Sie das dem Grafen Willarski.« Er zog ein Notizbuch hervor und schrieb ein paar Worte auf ein großes, vierfach zusammengefaltetes Blatt. »Und noch einen Rat darf ich Ihnen wohl geben, mein Herr. Wenn Sie in die Residenz kommen, so widmen Sie die erste Zeit nur der Einsamkeit und Selbstbetrachtung und geraten Sie nicht wieder auf Ihre früheren Lebenspfade. Und nun wünsche ich Ihnen Glück auf den Weg, mein Herr«, sagte er, als er bemerkte, daß der Diener ins Zimmer getreten war, »und guten Erfolg …«

Der Fremde war Osip Alexejewitsch Basdjejew[87] gewesen, wie Pierre dann aus dem Fremdenbuch des Stationsaufsehers ersah. Basdjejew war einer der berühmtesten Freimaurer und Martinisten[88] noch aus Nowikows Zeiten[89]. Noch lange nach seiner Abfahrt legte sich Pierre nicht schlafen, fragte auch nicht nach Pferden, sondern ging im Stationszimmer auf und ab, überdachte seine schändliche Vergangenheit und malte sich, von seiner Wiedergeburt begeistert, ein seliges, makelloses, sittenreines künftiges Leben aus, das ihm so leicht schien. Er glaubte nur deshalb lasterhaft gewesen zu sein, weil seine Seele gewissermaßen nur zufällig das Bewußtsein verloren habe, wie schön es war, ein sittenreines Leben zu führen. In seinem Herzen war nicht eine Spur der früheren Zweifel zurückgeblieben. Er glaubte fest an die Möglichkeit einer brüderlichen Vereinigung aller Menschen, um sich gegenseitig auf dem Weg der Tugend zu unterstützen, und als eine solche brüderliche Vereinigung erschien ihm der Freimaurerbund.

3

In Petersburg angelangt, ließ Pierre niemanden etwas von seiner Ankunft wissen, fuhr nirgendshin und verbrachte ganze Tage über der Lektüre des Thomas a Kempis[90], dessen Buch ihm durch unbekannte Hand zugegangen war. Während er dieses Buch las, wurde ihm immer wieder das eine klar, und er empfand es als einen noch nie gekosteten Genuß, an die Möglichkeit glauben zu können, daß die Vollkommenheit erreichbar war und es eine brüderlich tätige Liebe unter den Menschen gab, wie ihm Osip Alexejewitsch verkündet hatte.

Ungefähr acht Tage nach seiner Ankunft kam der junge polnische Graf Willarski, den Pierre aus der Petersburger Gesellschaft flüchtig kannte, eines Abends zu ihm und trat mit derselben offiziellen, feierlichen Miene in sein Zimmer, mit der seinerzeit Dolochows Sekundant bei ihm eingetreten war. Nachdem er die Tür fest hinter sich geschlossen und sich überzeugt hatte, daß außer Pierre niemand im Zimmer war, wandte er sich zu ihm.

»Ich komme mit einem Auftrag und einem Vorschlag zu Ihnen, Graf«, sagte er, ohne Platz zu nehmen. »Eine in unserer Brüderschaft sehr hochstehende Persönlichkeit hat sich dafür verwandt, Sie vor Ablauf der gesetzten Frist in unseren Bund aufzunehmen, und mich gebeten, Ihr Bürge zu sein. Ich erachte es für eine heilige Pflicht, den Willen dieser Persönlichkeit zu erfüllen. Wollen Sie unter meiner Bürgschaft in den Bund der Freimaurer eintreten?«

Der kalte, ernste Ton dieses Menschen, den Pierre bisher fast immer nur mit dem liebenswürdigsten Lächeln auf Bällen und in Gesellschaft schöner Damen gesehen hatte, setzte Pierre in Erstaunen.

»Ja, das ist mein Wunsch«, sagte Pierre.

Willarski senkte den Kopf.

»Noch eine Frage, Graf«, sagte er dann, »und ich bitte Sie, mir diese Frage nicht als künftiger Freimaurer, sondern als Ehrenmann in aller Aufrichtigkeit zu beantworten: Haben Sie sich von Ihren früheren Überzeugungen losgemacht, glauben Sie an Gott?«

Pierre dachte nach.

»Ja … ja, ich glaube an Gott«, sagte er.

»Dann …« wollte Willarski fortfahren, aber Pierre unterbrach ihn: »Ja, ich glaube an Gott«, sagte er noch einmal.

»Dann können wir fahren«, erwiderte Willarski. »Mein Wagen steht zu Ihren Diensten.«

Während des ganzen Weges sprach Willarski kein Wort. Auf Pierres Frage, was er zu tun und zu antworten habe, erwiderte er nur, daß Brüder, die würdiger seien als er, ihn prüfen würden, und er weiter nichts zu tun habe, als die Wahrheit zu sagen.

Nachdem sie in den Torweg des großen Hauses, wo sich die Loge befand, eingefahren und eine dunkle Treppe hinaufgestiegen waren, traten sie in ein kleines, erleuchtetes Vorzimmer, wo sie ihre Pelze ablegten, ohne daß irgendwelche Diener ihnen dabei behilflich waren. Aus diesem Vorraum schritten sie in ein anderes Zimmer. Ein Mensch in ganz eigentümlicher Kleidung erschien an der Tür. Willarski ging auf ihn zu, sagte ein paar französische Worte zu ihm und trat dann an einen kleinen Schrank, in dem Pierre noch mehr solcher Kleidungsstücke, wie er sie bisher noch nie gesehen hatte, hängen sah. Dann nahm Willarski ein Tuch aus dem Schrank, legte es Pierre über die Augen und band die Enden hinten zu einem Knoten zusammen, wobei er Pierres Haare mit zu fassen bekam, was diesem ziemlich weh tat. Darauf zog er ihn an sich, küßte ihn, nahm ihn bei der Hand und führte ihn irgendwohin. Pierre fühlte noch immer das Ziepen der mit in den Knoten gebundenen Haare, und dieser Schmerz zog ihm die Stirne kraus, aber er lächelte, als schäme er sich dessen. So ging er mit seiner riesigen Gestalt, den herabhängenden Armen, der finsteren Stirn und der lächelnden Miene mit unsicheren, zaghaften Schritten hinter Willarski her.

Nachdem Willarski Pierre etwa zehn Schritte weit geführt hatte, blieb er stehen.

»Was auch mit Ihnen geschehen mag«, sagte er, »Sie müssen wie ein Mann alles ertragen, wenn Sie wirklich fest entschlossen sind, in unsere Brüderschaft einzutreten.« Pierre antwortete ihm mit einem zustimmenden Kopfnicken. »Wenn Sie ein Klopfen an der Tür hören, nehmen Sie die Binde von Ihren Augen«, fuhr Willarski fort. »Ich wünsche Ihnen Mut und Erfolg.« Willarski drückte Pierre die Hand und ging hinaus.

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87

Ossip Alexejewitsch Basdjejwe: für Basdjejew diente Tolstoi O. A. Posdejew, ein bekannter Freimaurer des 18. Jahrhunderts, als Vorbild.

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88

Martinisten: eine nach Marquis L. C. de Saint Martin im Zusammenhang mit der Freimaurerei des 18. Jh. genannte esoterische Gruppierung.

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89

noch aus Nowikows Zeiten: N. I. Nowikow (1744-1818), einer der bekanntesten Literaten der russischen Aufklärung, Herausgeber satirischer Zeitschriften, Freimaurer und engagierter Menschenfreund. Im Kreis um Nowikow wurde seinerzeit auch der deutsche Sturm- und Drang-Dichter J. M. R. Lenz aufgenommen und gepflegt.

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90

Thomas a Kempis: deutscher Mystiker (1380-1471), dessen Schrift »Von der Nachfolge Christi« mit ihrer Propagierung von Weltentsagung und innerer Einkehr, von Demut, Gottesliebe und Barmherzigkeit zu einem der wichtigsten Erbauungsbucher gerade auch der Freimaurer wurde.

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