Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Der Gazevorhang flatterte flüchtig, und er war fort.
Kapitel 26
Fontainebleau
Mehrere Tage lang schlief ich nur. Ich weiß nicht, ob das ein notwendiger Teil meiner körperlichen Heilung war oder eine hartnäckige Verweigerung gegenüber der Realität, doch ich erwachte stets nur widerstrebend, um ein wenig zu essen, und sank dann sogleich wieder in das Vergessen, als wäre das kleine, warme Gewicht der Brühe in meinem Magen ein Anker, der mich hinter sich herzog, hinunter in die finsteren Tiefen des Schlafs.
Ein paar Tage später erwachte ich durch die Geräusche beharrlicher Stimmen an meinem Ohr und die Berührung von Händen, die mich vom Bett aufhoben. Die Arme, die mich hielten, waren kraftvoll und männlich, und im ersten Moment trug mich das Glück. Dann erwachte ich ganz, kämpfte schwach gegen eine Woge von Tabak und billigem Wein und fand mich in den Händen Hugos wieder, des gewaltigen Bediensteten Louise de La Tours.
»Lasst mich los!«, sagte ich und schlug kraftlos nach ihm. Diese plötzliche Auferstehung von den Toten schien ihn so sehr zu verblüffen, dass er mich beinahe fallen gelassen hätte, doch eine hohe, gebieterische Stimme gebot uns beiden Einhalt.
»Claire, meine liebe Freundin! Hab keine Angst, ma chère, es ist schon gut. Ich bringe dich nach Fontainebleau. Die Luft und das gute Essen – das ist es, was du brauchst. Und Ruhe, du brauchst Ruhe …«
Ich blinzelte ins Licht wie ein neugeborenes Lamm. Louises Gesicht schwebte rund, rosa und nervös vor mir wie ein Cherubim auf einer Wolke. Hinter ihr stand Mutter Hildegarde, hochgewachsen und gestreng wie der Engel an der Pforte von Eden, eine himmlische Illusion, die dadurch noch verstärkt wurde, dass sie beide vor dem Buntglasfenster im Vestibül des Hôpitals standen.
»Ja«, sagte Hildegarde, und ihre tiefe Stimme ließ das simpelste Wort mitfühlender klingen als Louises gesamtes Geplapper. »Es wird Euch guttun. Au revoir, meine Liebe.«
Und damit wurde ich schnurstracks die Eingangstreppe des Hôpitals hinuntergetragen und in Louises Kutsche gestopft, da ich weder die Kraft noch den Willen besaß zu protestieren.
Die Kutsche rumpelte über Schlaglöcher und Furchen, so dass ich auf dem Weg nach Fontainebleau weiter wach gehalten wurde. Hinzu kam Louises unablässiges Geplauder, das zu meiner Beruhigung gedacht war. Anfangs unternahm ich noch benommene Versuche zu antworten, begriff aber bald, dass sie gar keine Antworten erwartete und ihr das Reden ohne Erwiderung sogar leichter fiel.
Nach Tagen in den kühlen grauen Steingewölben des Hôpitals fühlte ich mich wie eine frisch ausgewickelte Mumie und erschrak vor dem Ansturm von so viel Helligkeit und Farbe. Ich kam besser damit zurecht, wenn ich mich ein wenig zurückzog und alles an mir vorüberfließen ließ, ohne zu versuchen, Einzelheiten wahrzunehmen.
Diese Strategie funktionierte auch, bis wir ein kleines Wäldchen knapp außerhalb von Fontainebleau erreichten. Die Stämme der Eichen waren dunkel und dick, und ihre breiten Wipfel hingen tief, so dass der Boden darunter in wechselhaftes Licht getaucht war und sich der ganze Wald sacht im Wind zu bewegen schien. Ich betrachtete diesen Effekt mit vagem Staunen, als ich feststellte, dass sich einige der vermeintlichen Baumstämme tatsächlich bewegten und sich ganz langsam hin und her drehten.
»Louise!« Mein Ausruf und meine Hand an ihrem Arm rissen sie mitten aus ihrem Geplapper.
Sie fuhr heftig herum, um nachzusehen, wohin ich schaute, dann ließ sie sich wieder auf ihre Seite der Kutsche fallen und steckte den Kopf aus dem Fenster, um dem Kutscher etwas zuzurufen.
Wir kamen genau vor dem Wäldchen in einer Staubwolke zum Halten. Es waren drei, zwei Männer und eine Frau. Louises schrille, erregte Stimme schimpfte und fragte ohne Unterlass, unterbrochen von den Erklärungs- und Entschuldigungsversuchen des Kutschers, doch ich achtete nicht darauf.
Obwohl sie sich drehten und ihre Kleider sacht flatterten, waren sie ganz still, viel regloser als die Bäume, an denen sie hingen. Ihre Gesichter waren schwarz, weil sie erstickt waren; Monsieur Forez hätte nur Missfallen dafür übriggehabt, dachte ich durch den Nebel des Schocks. Eine amateurhafte Hinrichtung, die ihren Zweck dennoch erfüllt hatte. Der Wind drehte sich, und schwacher Fäulnisgestank wehte über uns hinweg.
Louise kreischte auf und hämmerte außer sich vor Entrüstung gegen den Fensterrahmen, und die Kutsche setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, der sie auf ihren Sitz zurückwarf.
»Merde!«, sagte sie und fächelte sich hastig Luft in das erhitzte Gesicht. »Was für ein Idiot, ausgerechnet hier zu halten! Wie gedankenlos! Der Schreck ist sicherlich schlecht für das Baby, und du, meine Arme … Oje, meine arme Claire! Entschuldige, ich wollte dich nicht daran erinnern … wie kannst du mir verzeihen, ich bin ja so taktlos …«
Glücklicherweise hatte ihre Bestürzung darüber, mich möglicherweise verletzt zu haben, zur Folge, dass sie ihren eigenen Schreck über den Anblick der Leichen vergaß, doch der Versuch, ihren Entschuldigungen Einhalt zu gebieten, strengte mich furchtbar an. Schließlich wechselte ich in meiner Verzweiflung das Thema und kam doch noch einmal auf die Gehängten zurück.
»Wer?« Die Ablenkung funktionierte; sie blinzelte, erinnerte sich wieder an ihren eigenen Schreck, zog ein Fläschchen Ammoniakgeist hervor und roch so kräftig daran, dass sie niesen musste.
»Huge… tschih! Hugenotten«, brachte sie schniefend und keuchend hervor. »Protestantische Häretiker. Sagt der Kutscher.«
»Man hängt sie? Heute noch?« Irgendwie hatte ich solche religiösen Verfolgungen für ein Relikt früherer Zeiten gehalten.
»Nun, für gewöhnlich nicht nur deshalb, weil sie Protestanten sind, obwohl das schon ausreicht«, sagte Louise und zog die Nase hoch. Sie betupfte sich geziert die Nase mit einem bestickten Taschentuch, warf einen kritischen Blick auf das Resultat und hielt sich das Tuch noch einmal vor die Nase, um herzhaft hineinzuschneuzen.
»Ah, das ist besser.« Sie steckte das Taschentuch wieder ein und lehnte sich mit einem Seufzer zurück. »Jetzt geht es wieder. Was für ein Schreck! Schön und gut, wenn sie sie hängen müssen, aber müssen sie es an einer öffentlichen Straße tun, wo Damen diese Abscheulichkeit sehen müssen? Hast du sie gerochen? Pfui! Dieses Land gehört dem Comte Medard; er wird einen bösen Brief von mir bekommen, wart’s nur ab.«
»Aber warum haben sie diese Menschen gehängt?«, unterbrach ich sie auf jene brutale Art, die die einzige Möglichkeit war, tatsächlich ein Gespräch mit Louise zu führen.
»Oh, Hexerei wahrscheinlich. Du hast ja gesehen, dass eine Frau dabei war. Normalerweise ist Hexerei der Grund, wenn es Frauen sind. Wenn es nur Männer sind, haben sie meistens aufrührerische Predigten gehalten, aber die Frauen predigen nicht. Hast du ihre hässlichen dunklen Kleider gesehen? Furchtbar! So deprimierend, immer nur dunkle Farben zu tragen. Was für eine Religion zwingt denn ihre Anhänger, sich ständig derart schlicht zu kleiden? Das kann ja nur das Werk des Teufels sein. Sie haben Angst vor Frauen, das ist es, und deshalb …«
Ich schloss die Augen und lehnte mich zurück. Ich hoffte, dass es nicht mehr weit war bis zu Louises Landhaus.
Zusätzlich zu dem Affen, mit dem sie unzertrennlich verbunden war, war Louises Landhaus mit einer ganzen Reihe weiterer Gegenstände ausgestattet, die von zweifelhaftem Geschmack zeugten. In Paris musste sie sich an den Geschmack ihres Mannes und ihres Vaters halten, demzufolge waren die Räume des Hauses zwar durchaus prunkvoll, aber neutral dekoriert. Doch in das Landhaus kam Jules nur selten, da er in der Stadt zu viel zu tun hatte, und so hatte Louises Geschmack hier freien Lauf gehabt.
»Das ist mein neuestes Spielzeug; ist es nicht hübsch?«, gurrte sie und fuhr liebevoll mit der Hand über das dunkle Holz eines kleinen, geschnitzten Häuschens, das völlig unpassend neben einem Bronzeleuchter in Form einer Eurydike-Statue aus der Wand spross.