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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Das sieht ja aus wie eine Kuckucksuhr«, sagte ich ungläubig.

»Du hast schon einmal eine gesehen? Ich hatte nicht gedacht, dass es in Paris noch eine gibt!« Louise schmollte ein wenig bei der Vorstellung, dass ihr neues Spielzeug womöglich nicht einzigartig war, doch ihre Miene erhellte sich, als sie die Zeiger der Uhr auf die volle Stunde drehte. Sie trat zurück und strahlte vor Stolz, als der kleine geschnitzte Vogel den Kopf heraussteckte und mehrmals nacheinander schrill Kuckuck! rief.

»Ist das nicht süß?« Sie fasste kurz an den Kopf des Vögelchens, bevor es wieder in seinem Versteck verschwand. »Berta, unsere Haushälterin, hat sie mir besorgt; ihr Bruder hat sie den ganzen Weg aus der Schweiz mitgebracht. Man kann ja über die Schweizer sagen, was man will, aber schnitzen können sie, oder?«

Ich hätte am liebsten nein gesagt, murmelte stattdessen aber etwas taktvoll Bewunderndes.

Louises Grashüpfergedanken sprangen hurtig zum nächsten Thema, vermutlich ausgelöst durch den Gedanken an Bedienstete aus der Schweiz.

»Weißt du, Claire«, sagte sie mit einem Hauch von Tadel, »du solltest wirklich morgens zur Messe in die Kapelle kommen.«

»Warum?«

Sie wies mit dem Kopf zur Tür, wo eins der Dienstmädchen mit einem Tablett vorüberging.

»Mir selbst ist es ja gleichgültig, aber die Dienstboten … hier auf dem Land sind sie so abergläubisch. Und einer der Hausdiener aus Paris war so töricht, der Köchin diese alberne Geschichte zu erzählen, dass du La Dame Blanche bist. Ich habe ihnen natürlich gesagt, dass das alles Unsinn ist, und gedroht, dass ich jeden entlassen werde, den ich dabei erwische, dass er solche Gerüchte verbreitet, aber … es könnte helfen, wenn du zur Messe kommst. Oder wenigstens hin und wieder laut betest, so dass sie dich hören können.«

Ungläubig, wie ich nun einmal war, fand ich, dass der tägliche Messgang in die Kapelle des Hauses vielleicht ein wenig zu weit ging, doch ich erklärte mich vage belustigt einverstanden zu tun, was ich konnte, um den Dienstboten ihre Angst zu nehmen. Und so verbrachten Louise und ich die folgende Stunde damit, uns gegenseitig Psalmen vorzulesen und gemeinsam das Vaterunser zu sprechen – laut und deutlich. Ich hatte zwar keine Ahnung, was für eine Wirkung diese Darbietung auf das Personal haben würde, doch zumindest war ich am Ende so erschöpft, dass ich auf mein Zimmer ging, um ein Nickerchen zu machen, und bis zum nächsten Morgen traumlos schlief.

Ich hatte häufig Schwierigkeiten zu schlafen, möglicherweise, weil sich auch mein Wachzustand kaum von unruhigem Dösen unterschied. In der Nacht lag ich wach und blickte an die weiße Decke mit ihren Gipsfrüchten und -blumen hinauf. Sie hing in der Dunkelheit über mir wie ein dumpfer grauer Schatten, die Verkörperung der Depression, die mir bei Tag die Gedanken verfinsterte. Wenn ich nachts die Augen schloss, träumte ich. Die Träume konnte ich nicht auf Abstand halten, indem ich mich mit Grau umgab; sie kamen in lebhaften Farben in der Dunkelheit auf mich eingestürzt. Und so schlief ich selten.

Ich hörte kein Wort über Jamie – oder von ihm. Ob es sein schlechtes Gewissen oder eine Verletzung gewesen war, die ihn daran hinderte, zu mir ins Hôpital zu kommen, wusste ich nicht. Doch er war nicht gekommen, und er kam auch nicht nach Fontainebleau. Inzwischen war er vermutlich auf dem Weg nach Oviedo.

Manchmal fragte ich mich, wann – oder ob – ich ihn wiedersehen würde und was – falls überhaupt – wir wohl zueinander sagen würden. Doch meistens zog ich es vor, nicht darüber nachzudenken, die Tage kommen und gehen zu lassen, einen nach dem anderen, und jeden Gedanken an Zukunft und Vergangenheit zu vermeiden, indem ich einzig in der Gegenwart lebte.

Seines Idols beraubt, sackte Fergus in sich zusammen. Wieder und wieder sah ich ihn von meinem Fenster aus trostlos unter einem Weißdornbusch im Garten sitzen, die Hände um die Knie gelegt und den Blick auf die Straße nach Paris gerichtet. Schließlich raffte ich mich auf, zu ihm zu gehen, und bewegte mich schwerfällig in den Garten hinunter.

»Kannst du dir denn keine Beschäftigung suchen, Fergus?«, fragte ich ihn. »Einer der Stalljungen könnte doch zum Beispiel gewiss Hilfe brauchen.«

»Ja, Milady«, pflichtete er mir skeptisch bei. Er kratzte sich geistesabwesend am Hintern. Ich beobachtete dieses Verhalten mit großem Argwohn.

»Fergus«, sagte ich und verschränkte die Arme, »hast du Läuse?« Er riss die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.

»Oh nein, Milady.«

Ich streckte die Hand aus und zog ihn hoch, schnupperte vorsichtig in seine Richtung und schob ihm einen Finger so weit in den Kragen, dass der schmutzige Ring um seinen Hals sichtbar wurde.

»Baden«, sagte ich knapp.

»Nein!« Er fuhr mit einem Ruck zurück, doch ich packte ihn bei der Schulter. Seine heftige Reaktion überraschte mich; er badete zwar auch nicht lieber als andere Pariser – die bei der Vorstellung, ins Wasser zu tauchen, einen an Grauen grenzenden Widerwillen empfanden –, doch ich konnte das normalerweise folgsame Kind, das ich kannte, kaum mit der kleinen Furie in Verbindung bringen, die sich plötzlich unter meinen Händen wand.

Ich hörte etwas reißen, und er war frei und rannte durch die Blaubeerbüsche wie ein Kaninchen, das von einem Wiesel verfolgt wird. Blätter raschelten, und Steine kollerten beiseite, dann war er fort und hielt jenseits der Mauer auf die Nebengebäude an der Rückseite des Anwesens zu.

Ich schlängelte mich durch das Labyrinth aus baufälligen Nebengebäuden hinter dem Château und fluchte leise vor mich hin, während ich einer Schlammpfütze nach dem nächsten Berg von Dreck auswich. Plötzlich hörte ich heftiges Summen, und eine Wolke von Fliegen stieg von dem Haufen dicht vor mir auf, so dass ihre Körper im Sonnenlicht blaue Funken schlugen.

Ich war ihnen nicht so nah, dass ich sie hätte aufstören können; die Bewegung musste aus dem dunklen Eingang neben dem Dunghaufen gekommen sein.

»Aha!«, sagte ich laut. »Hab ich dich, du dreckiger kleiner Lausebengel! Komm sofort da heraus!«

Es kam niemand, doch irgendetwas bewegte sich hörbar in dem Schuppen, und ich glaubte, etwas Weißes in seinem schattigen Inneren aufblitzen zu sehen. Ich hielt mir die Nase zu und trat über den Misthaufen hinweg in den Schuppen.

Zwei Stimmen keuchten erschrocken auf; meine beim Anblick von etwas, das aussah wie der Wilde Mann von Borneo und sich flach an die Rückwand presste, und seine beim Anblick meiner Person.

Die Sonne, die durch die Ritzen in den Wänden drang, spendete so viel Licht, dass wir einander deutlich sehen konnten, sobald sich meine Augen an die relative Dunkelheit gewöhnt hatten. Eigentlich sah er doch nicht so schlimm aus, wie ich im ersten Moment gedacht hatte, viel besser jedoch auch nicht. Sein Bart war genauso verdreckt und verfilzt wie sein Haar, das ihm über die Schultern auf das Hemd fiel, zerlumpt wie das eines Bettlers. Er war barfuß, und wenn der Begriff sans-culottes noch nicht gebräuchlich war, so lag es nicht an ihm.

Ich hatte keine Angst vor ihm, weil er so offensichtlich Angst vor mir hatte. Er drückte sich fest an die Wand, als versuchte er, sie per Osmose zu durchdringen.

»Ist ja gut«, sagte ich beruhigend. »Ich tue Euch nichts.«

Doch statt sich beruhigen zu lassen, richtete er sich abrupt auf, griff in den Halsausschnitt seines Hemds und zog ein hölzernes Kruzifix an einem Lederriemen hervor. Das hielt er mir entgegen und begann mit vor Grauen bebender Stimme zu beten.

»Grundgütiger«, sagte ich aufgebracht. »Doch nicht schon wieder!« Ich holte tief Luft. »Pater-Noster-qui-es-in-coelis-et-in-terra …« Die Augen quollen ihm aus dem Kopf, doch immerhin hörte er infolge dieses Vortrags auf zu beten.

»… Amen!«, schloss ich und schnappte nach Luft. Ich hielt beide Hände hoch und bewegte sie vor seinem Gesicht hin und her. »Seht Ihr? Kein Wort verdreht, kein einziges verkehrtes quotidianus da nobis hodie, nicht wahr? Ich hatte nicht einmal die Finger gekreuzt. Also kann ich doch keine Hexe sein, oder?«

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