Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ich muß Ihnen gestehen, ich glaube nicht … glaube nicht an Gott«, entgegnete Pierre wie bedauernd, und als ob es ihn Mühe koste, dies auszusprechen. Aber er fühlte, daß er die volle Wahrheit sagen mußte.
Der Freimaurer sah Pierre aufmerksam an und lächelte, wie ein Reicher, der Millionen in Händen hat, über einen armen Schlucker lächelt, der ihm eingesteht, daß er armer Kerl nicht fünf Rubel besitze, die zu seinem Glück hinreichen würden.
»Ja, Sie kennen Ihn nicht, mein Herr«, sagte der Freimaurer. »Sie können Ihn gar nicht kennen, und deshalb sind Sie auch unglücklich, weil Sie Ihn nicht kennen.«
»Ja, ja, unglücklich bin ich«, bestätigte Pierre, »aber was soll ich tun?«
»Sie kennen Ihn nicht, mein Herr, und deshalb sind Sie so unglücklich. Sie kennen Ihn nicht, und doch ist Er hier, Er ist in mir, Er ist in meinen Reden, Er ist in dir und sogar in jenen lästerlichen Worten, die du soeben aussprachst«, sagte der Freimaurer ernst und mit zitternder Stimme. Er schwieg eine Weile und seufzte, sichtlich bemüht, ruhiger zu werden.
»Wenn Er nicht existierte«, fuhr er dann leise fort, »hätten wir nicht über Ihn sprechen können, mein Herr. Und von was, von wem haben wir gesprochen? Wen hast du geleugnet?« sagte er plötzlich, und seine Stimme klang begeistert, streng und eindringlich. »Wer hat Ihn sich erdacht, wenn Er nicht ist? Warum ist in dir die Vermutung aufgestiegen, daß es solch ein unbegreifliches Wesen gibt? Warum schlummert in dir und aller Welt eine Ahnung von dem Vorhandensein eines solch unfaßbaren, allmächtigen Wesens, das von Ewigkeit zu Ewigkeit und in allen seinen Eigenschaften unendlich ist?«
Er hielt inne und schwieg lange. Pierre konnte und wollte dieses Schweigen nicht brechen.
»Er ist, aber es ist schwer, Ihn mit dem Verstande zu fassen«, fing der Freimaurer wieder an. Er sah Pierre nicht mehr ins Gesicht, sondern blickte vor sich hin und blätterte mit seinen welken Händen, die er vor innerer Erregung nicht ruhig halten konnte, in den Seiten des Buches. »Wenn das ein Mensch wäre, an dessen Existenz du zweifeltest, so würde ich ihn zu dir hinführen, ihn an die Hand nehmen und ihn dir zeigen. Aber wie kann ich armer Sterblicher Seine ganze Allmacht, Seine ganze Unendlichkeit, Seine ganze Allgüte einem Menschen zeigen, der blind ist, oder einem, der absichtlich die Augen schließt, damit er Ihn nicht sieht, Ihn nicht begreift, um seine eigne Abscheulichkeit und Verderbtheit nicht zu sehen und sich ihrer nicht bewußt zu werden.« Er schwieg. »Wer bist du? Was bist du? Du bildest dir ein, ein Weiser zu sein, weil du diese lasterhaften Worte aussprechen kannst«, sagte er mit finsterem, verächtlichem Lächeln, »und doch bist du törichter und unvernünftiger als ein kleines Kind, das mit den Teilen einer kunstvoll zusammengesetzten Uhr spielt und zu sagen wagt, da es die Bedeutung dieser Uhr nicht verstehe, könne es auch nicht an den Meister glauben, der sie zusammengesetzt hat. Ihn zu begreifen ist schwer … Seit Jahrtausenden, vom Urvater Adam bis auf unsere Zeit, arbeiten wir an dieser Erkenntnis und sind noch eine Ewigkeit vom Ziel entfernt. Daß es aber so schwer ist, ihn zu begreifen, ist nur ein Beweis für unsere eigne Schwäche und Seine Größe.«
Pierre hatte mit klopfendem Herzen dem Freimaurer zugehört und sah ihm mit leuchtenden Augen gerade ins Gesicht. Er hatte ihn nicht unterbrochen, nichts gefragt und glaubte von ganzem Herzen alles, was ihm dieser fremde Mensch da sagte.
Glaubte er den klugen Beweisen in der Rede des Freimaurers? Oder glaubte er, wie es Kinder zu tun pflegen, an den Tonfall, an die Überzeugtheit, an die Herzlichkeit seiner Worte? Glaubte er an das Beben seiner Stimme, das ihn mitunter fast zum Stocken brachte? Oder an die leuchtenden Greisenaugen, die nur in dieser einen Überzeugung alt geworden waren? Oder an die Ruhe und Festigkeit im Bewußtsein der eignen Bestimmung, welche die ganze Persönlichkeit des Freimaurers verklärten und die auf Pierre im Vergleich zu seiner eignen niedergedrückten und hoffnungslosen Stimmung einen ganz besonders starken Eindruck machten? Mit ganzer Seele gab er sich dem Wunsch hin zu glauben, und er glaubte. Und gleichzeitig empfand er das Glücksgefühl der Beruhigung, der Wiedergeburt, der Rückkehr ins Leben.
»Man kommt nicht durch den Verstand zu ihm hin, sondern nur durch das Leben«, sagte der Freimaurer.
»Aber ich verstehe nicht«, warf Pierre ein, der voll Angst einen Zweifel in sich aufsteigen fühlte und fürchtete, daß er durch schwache und unklare Beweise des Freimaurers seinen Glauben wieder verlieren könne, »ich verstehe nicht«, sagte er, »warum der menschliche Verstand nicht bis zu jener Erkenntnis gelangen kann, von der Sie sprechen.«
Der Freimaurer lächelte in seiner sanften, väterlichen Art.
»Die höchste Weisheit und Wahrheit ist wie ein ungetrübter Quell, den wir in uns aufzunehmen streben«, erwiderte er. »Kann ich diesen ungetrübten Quell in einer unsauberen Schale auffangen und dann über seine Klarheit urteilen? Nur nach einer inneren Reinigung meiner eignen Person kann ich den aufgenommenen Quell in seiner natürlichen Klarheit erhalten.«
»Ja, ja, so ist es«, rief Pierre froh aus.
»Die höchste Weisheit fußt nicht nur auf dem Verstand, auf jenen weltlichen Wissenschaften wie Physik, Geschichte, Chemie und so weiter, aus denen sich unser Verstandeswissen zusammensetzt. Die höchste Weisheit ist nur ein einziges Ganzes. Die höchste Weisheit umfaßt nur eine einzige Wissenschaft, die Erkenntnis des Alls, die für den ganzen Bau der Welt und die Stellung, die der Mensch darin einnimmt, eine Erklärung bietet. Um aber diese Erkenntnis in sich aufzunehmen, muß man sich selber erst reinigen und seinen inneren Menschen erneuern, man muß also erst glauben und vollkommen werden, ehe man zur Erkenntnis gelangt. Und damit wir dieses Ziel erreichen können, ist uns ein Strahl göttlichen Lichtes in die Seele gelegt worden, den wir Gewissen nennen.«
»Ja, ja«, stimmte Pierre bei.
»Betrachte mit geistigen Augen deinen inneren Menschen und frage dich selber: bist du zufrieden mit dir? Was hast du erreicht, während du dich nur vom Verstand allein lenken ließest? Was bist du? Sie sind jung, Sie sind reich, Sie sind klug und gebildet, mein Herr. Was haben Sie gemacht mit allen diesen Gaben, die Ihnen geschenkt wurden? Sind Sie mit sich und Ihrem Leben zufrieden?«
»Nein, ich hasse mein Leben«, stieß Pierre stirnrunzelnd hervor.
»Du hassest es? So ändere es doch, reinige dich, und je lauterer du wirst, um so mehr wirst du in die Erkenntnis eindringen. Sehen Sie sich Ihr Leben an, mein Herr! Wie haben Sie es verbracht? In wilden Orgien und Ausschweifungen. Sie haben alles von der Gesellschaft erhalten und ihr nichts wiedergegeben. Ihnen wurde Reichtum zuteil. Wie haben Sie ihn angewandt? Was haben Sie für Ihren Nächsten getan? Haben Sie an die Tausende Ihrer Sklaven gedacht, haben Sie sie körperlich und sittlich gefördert? Nein. Sie haben ihre Arbeit ausgebeutet, um ein ausschweifendes Leben zu führen. Das ist es, was Sie getan haben. Haben Sie sich ein Arbeitsfeld im Staate gewählt, wo Sie Ihrem Nächsten hätten Nutzen bringen können? Nein. Sie haben Ihr Leben im Müßiggang verbracht. Dann haben Sie sich verheiratet, mein Herr, haben die Verantwortung übernommen, einer jungen Frau ein Lenker und Berater zu sein, und was haben Sie getan? Sie haben ihr nicht geholfen, mein Herr, den Weg zur Wahrheit zu finden, sondern haben Sie in einen Abgrund von Lüge und Unglück hineingestoßen. Ein Mensch hat Sie beleidigt, Sie haben ihn fast totgeschlagen. Und nun sagen Sie, daß Sie Gott nicht kennen und Ihr Leben hassen. Das ist nicht zu verwundern, mein Herr!«
Nach diesen Worten ließ sich der Freimaurer, als wäre er müde vom ununterbrochenen Reden, an die Lehne des Sofas zurückfallen und schloß wieder die Augen. Pierre sah in sein strenges, starres, fast lebloses Greisengesicht und bewegte lautlos die Lippen. Er wollte sagen: Ja, ich habe ein schändliches, träges, ausschweifendes Leben geführt, wagte aber nicht, das Schweigen zu brechen.