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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der Diener überreichte ihm ein zur Hälfte aufgeschnittenes Buch, einen Roman in Briefen von Madame Souza[85]. Er fing an, von den Leiden und tugendhaften Kämpfen irgendeiner Amélie de Mansfeldt zu lesen. Warum kämpft sie denn gegen ihren Verführer, wenn sie ihn doch liebt? dachte er. Kann Gott einen Trieb in ihre Seele legen, der seinem Willen zuwiderläuft? Meine frühere Frau kämpfte nicht dagegen an und hatte vielleicht recht. Nichts hat man herausgefunden, nichts hat man durch Gedankenarbeit erreicht, sagte sich Pierre wieder. Das einzige, was wir wissen, ist, daß wir nichts wissen. Das ist die höchste Stufe der menschlichen Weisheit.

Alles in ihm selber und um ihn herum erschien ihm verworren, sinnlos und abstoßend. Aber gerade das Gefühl, daß ihn alles um ihn herum anwiderte, empfand Pierre als eine Art aufreizenden Genusses.

»Darf ich Euer Erlaucht bitten, ein ganz klein wenig Platz für diesen Herrn hier zu machen«, sagte der Stationsaufseher, der ins Zimmer getreten war und einen anderen Reisenden, der ebenfalls wegen des Mangels an Pferden nicht weiterfahren konnte, mitbrachte.

Dieser Reisende war ein untersetzter, derbknochiger alter Mann mit gelbem runzligem Gesicht und leuchtenden Augen von einer unbestimmten grauen Farbe unter buschigen grauen Augenbrauen.

Pierre nahm die Beine vom Tisch, stand auf und legte sich auf das für ihn aufgestellte Bett. Er warf ab und zu einen Blick auf den Fremden, der sich mit müdem, finsterem Gesicht, ohne sich nach Pierre umzusehen, mit Hilfe seines Dieners schwerfällig auskleidete. Nachdem er in einen abgetragenen, mit Nanking überzogenen Schafpelz gekrochen war und Filzstiefel über seine dürren, knochigen Beine gezogen hatte, setzte er sich auf das Sofa, lehnte seinen großen, an den Schläfen sehr breiten, kurzgeschorenen Kopf gegen die Rücklehne und sah sich nun Besuchow an. Der ernste, kluge, sprechende Ausdruck dieses Blickes setzte Pierre in Erstaunen. Er bekam Lust, sich mit ihm zu unterhalten, aber als er sich gerade mit einer Frage über seine Reise an ihn wenden wollte, hatte der Reisende bereits die Augen geschlossen und saß, die runzligen alten Hände gefaltet, an deren einem Finger er einen großen gußeisernen Ring mit einem Adamskopf trug, still und unbeweglich da, entweder um auszuruhen oder, wie es Pierre schien, über irgend etwas ruhig und tief nachzudenken. Der Diener des Reisenden war ebenfalls ein alter Mann mit gelbem, runzligem Gesicht; er trug weder einen Schnurrbart noch einen Backenbart, und zwar hatte er sich den nicht etwa abrasiert, sondern es war ihm nie einer gewachsen. Geschäftig packte dieser Alte jetzt den Proviantsack aus, machte den Teetisch zurecht und brachte einen siedenden Samowar herein. Als alles bereit war, schlug der Reisende die Augen auf, rückte an den Tisch heran, goß sich ein Glas Tee ein, füllte dann noch ein zweites für den bartlosen Diener und reichte es ihm. Pierre wurde unruhig, er fühlte, daß es notwendig, ja unumgänglich war, mit diesem Reisenden ein Gespräch anzuknüpfen.

Der Diener brachte das ausgetrunkene Glas umgestülpt zurück, sowie den Zucker, den er nicht aufgegessen hatte, und fragte, ob der Herr noch etwas wünsche.

»Nein. Gib mir nur noch das Buch«, sagte der Reisende.

Der Diener brachte das Buch, das Pierre für ein religiöses hielt, und der Reisende vertiefte sich in die Lektüre. Pierre beobachtete ihn. Plötzlich legte der Fremde ein Zeichen ins Buch, klappte es zu und legte es beiseite, lehnte sich abermals an die Lehne zurück, schloß die Augen und blieb so wieder in derselben Stellung wie vorhin sitzen. Pierre betrachtete ihn und hatte sich noch nicht wieder abwenden können, als der Alte plötzlich die Augen aufschlug und Pierre mit seinem ernsten, strengen Blick gerade ins Gesicht sah.

Pierre fühlte sich verwirrt und wollte diesem Blick ausweichen, aber die leuchtenden Augen des alten Mannes zogen ihn unwiderstehlich an.

2

»Ich habe das Vergnügen, den Grafen Besuchow vor mir zu sehen, wenn ich nicht irre«, sagte der Fremde laut und gemessen.

Pierre schwieg und sah den Sprechenden fragend durch seine Brille an.

»Ich habe von Ihnen gehört«, fuhr der Fremde fort, »und von dem Unglück, das Ihnen zugestoßen ist, mein Herr.« – Es war, als unterstriche er das Wort »Unglück« ganz besonders, als wolle er damit sagen: Ja, ein Unglück ist es, wie Sie es auch bezeichnen mögen; ich weiß, daß das, was Ihnen in Moskau zugestoßen ist, ein Unglück gewesen ist. – »Das tut mir von Herzen leid, mein Herr.«

Pierre wurde rot, zog hastig die Beine vom Bett herunter, beugte sich zu dem Alten hinüber und lächelte schüchtern und gezwungen.

»Ich fange nicht etwa aus Neugierde davon an, mein Herr, sondern aus viel ernsteren Gründen.«

Er schwieg, ohne seinen Blick von Pierre abzuwenden, rückte dann auf dem Sofa etwas zur Seite, wodurch er Besuchow aufforderte, sich neben ihn zu setzen. Pierre war es peinlich, mit diesem Alten ein solches Gespräch zu führen, aber er fügte sich ihm willenlos, ging zu ihm hin und setzte sich neben ihn.

»Sie sind unglücklich, mein Herr«, fuhr der Fremde fort. »Sie sind noch jung, ich aber bin ein alter Mann. Ich möchte Ihnen helfen, soweit es in meinen Kräften steht.«

»Ach, ja«, erwiderte Pierre mit gezwungenem Lächeln. »Ich danke Ihnen sehr … Woher kommen Sie denn jetzt?«

Das Gesicht des Fremden war unfreundlich, ja sogar kalt und streng, und trotzdem übten sowohl die Worte als auch dieses Gesicht eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Pierre aus.

»Wenn Ihnen aber aus irgendeinem Grund dieses Gespräch mit mir unangenehm sein sollte«, sagte der Alte, »so sagen Sie es mir nur, mein Herr.«

Und plötzlich verklärte ein väterlich liebevolles Lächeln seine Züge.

»Ach nein, durchaus nicht, im Gegenteil, ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte Pierre und betrachtete, als er wieder einen Blick auf die Hände seines neuen Bekannten warf, dessen Ring in der Nähe. Er sah darauf den Adamskopf, das Kennzeichen der Freimaurerei[86].

»Erlauben Sie mir eine Frage«, sagte er. »Sie sind Freimaurer?«

»Ja, ich gehöre zur Brüderschaft der Freimaurer«, erwiderte der Fremde und schaute Pierre immer tiefer und tiefer in die Augen, »und strecke Ihnen in meinem und auch in ihrem Namen die brüderliche Hand entgegen.«

»Ich fürchte nur«, sagte Pierre lächelnd und schwankte zwischen dem Vertrauen, das ihm die Persönlichkeit des Fremden einflößte, und der alten Gewohnheit, über die Ansichten der Freimaurer zu spotten, »ich fürchte nur, daß ich dem Verständnis Ihrer Ideen zu fern stehe, oder wie soll ich sagen, ich fürchte, daß meine Denkweise, was Weltanschauung anbetrifft, der Ihrigen so zuwiderläuft, daß wir einander kaum verstehen werden.«

»Ihre Denkweise ist mir wohlbekannt«, sagte der Freimaurer, »denn diese Ihre Denkweise, von der Sie sagen und annehmen, daß sie die Frucht Ihrer Geistesarbeit sei, ist den meisten Menschen zu eigen; sie ist das bei allen gleiche Ergebnis der Hoffart, der Trägheit und der Unbildung. Verzeihen Sie mir, mein Herr, aber wenn ich das nicht gewußt hätte, hätte ich dieses Gespräch gar nicht angefangen. Ihre Denkweise ist eine trostlose Verirrung.«

»Mit demselben Recht könnte ich annehmen, daß Sie sich in einer Verirrung befinden«, erwiderte Pierre mit schwachem Lächeln.

»Ich würde niemals zu behaupten wagen, daß ich die Wahrheit kenne«, sagte der Freimaurer, der durch seine bestimmte und feste Redeweise Pierre immer mehr und mehr in Erstaunen setzte. »Kein Mensch kann allein bis zur Wahrheit vordringen. Nur Stein auf Stein, unter Mitwirkung eines jeden aus den Millionen von Geschlechtern vom Stammvater Adam bis auf unsere Zeit, kann jener Tempel errichtet werden, der dem großen Gott eine würdige Stätte sein soll«, sagte der Freimaurer und schloß die Augen.

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85

Madame Souza: französische Schriftstellerin (1761-1836), Autorin sentimentaler Romane aus dem Leben der französischen Aristokratie.

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86

den Adamskopf, das Kennzeichen der Freimaurerei: die Darstellung eines menschlichen Schädels über zwei gekreuzten Knochen.

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