Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Bouton!«, sagte sie. »Au pied, reste!«
Nicht minder entschlossen als seine Herrin fuhr der Hund mitten im Laufen herum und sprang auf das Fußende des Bettes. Dort angekommen, nahm er sich einen Moment Zeit, um die Bettdecke mit den Pfoten zurechtzukneten und sich dreimal gegen den Uhrzeigersinn zu drehen, als wollte er den Fluch von seinem Ruheplatz nehmen, dann nahm er zu meinen Füßen Platz und legte sich mit einem tiefen Seufzer die Nase auf die Pfoten.
Zufrieden murmelte Mutter Hildegarde zum Abschied: »Que Dieu vous bénisse, mon enfant«, und verschwand.
Durch den zunehmenden Nebel und die eisige Taubheit, die mich umfingen, war ich ihr vage dankbar für die Geste. Da sie mir kein Kind in die Arme legen konnte, hatte sie mir den besten Ersatz gegeben, den sie persönlich hatte.
Das zottelige Gewicht auf meinen Füßen spendete mir tatsächlich ein wenig körperlichen Trost. Bouton lag so still wie die Hunde zu den Füßen der steinernen Könige auf den Deckeln der Sarkophage von St. Denis, seine Wärme trotzte der Marmorkälte meiner Füße, und seine Gegenwart war deutlich besser als Einsamkeit oder menschliche Gesellschaft, da er nichts von mir verlangte. Nichts war genau das, was ich empfand, und alles, was ich zu geben vermochte.
Bouton stieß einen kleinen, knallenden Hundefurz aus und entspannte sich zum Schlafen. Ich zog mir die Bettdecke über die Nase und versuchte, es ihm gleichzutun.
Irgendwann schlief ich ein. Und ich träumte. Fieberträume voller Erschöpfung und Trostlosigkeit, von einer unmöglichen Aufgabe, die ich endlos wiederholte. Von unerbittlicher, schmerzvoller Mühe an einem steinigen, öden Ort. Von dichtem grauem Nebel, durch den mich der Verlust wie ein Dämon verfolgte.
Ich erwachte ganz plötzlich, um festzustellen, dass Bouton verschwunden war, ich jedoch nicht allein war.
Raymonds Haaransatz verlief vollständig waagerecht, ein gerader Strich, der wie mit dem Lineal über seine breite Stirn gezogen war. Er hatte sich das dichte, ergrauende Haar zurückgestrichen und trug es auf der Schulter, so dass seine massige Stirn sein Gesicht wie ein Steinblock überragte und es komplett überschattete. Jetzt schwebte sie über mir, und für meine fiebrigen Augen sah sie aus wie ein Grabstein.
Die Falten und Furchen bewegten sich sacht, als er mit den Schwestern sprach, und sie erinnerten mich an Buchstaben, die dicht unter der steinernen Oberfläche standen und versuchten, sich nach außen vorzugraben, damit man den Namen des Toten lesen konnte. Ich war überzeugt, dass im nächsten Moment mein Name auf der weißen Fläche erscheinen würde und dass ich in diesem Moment tatsächlich sterben würde. Ich bäumte mich auf und schrie.
»Da, seht Ihr! Sie will Euch nicht, widerliche alte Kreatur – Ihr stört ihre Ruhe. Auf der Stelle fort mit Euch!« Mutter Hildegarde klammerte sich gebieterisch an Raymonds Arm und zerrte ihn von meinem Bett fort. Er wehrte sich und blieb angewurzelt stehen wie ein steinerner Gnom in einem Ziergarten, doch Schwester Celeste unterstützte Mutter Hildegarde mit ihrer nicht unbeträchtlichen Kraft, und sie hoben ihn schlicht vom Boden auf und trugen ihn zwischen sich davon. Als sie gingen, fiel ihm der Holzschuh von einem seiner hektisch strampelnden Füße.
Der Holzschuh blieb liegen, wo er gelandet war, in der Mitte einer sauber geschrubbten Bodenplatte. Ganz im Bann des Fiebers, war ich nicht in der Lage, den Blick davon abzuwenden. Wieder und wieder folgte ich der unmöglich glatten Rundung der abgenutzten Kante, um meinen Blick schließlich von der undurchdringlichen Finsternis im Inneren der Pantine loszureißen. Wenn ich zuließ, dass ich in diese Schwärze eintauchte, würde meine Seele ins Chaos gesogen werden. Wenn mein Blick dort verharrte, konnte ich die Geräusche der Zeitpassage durch den Steinkreis wieder hören, und ich schlug mit den Armen um mich und klammerte mich auf der Suche nach einem Anker gegen die Verwirrung panisch an der Bettdecke fest.
Plötzlich schoss ein Arm durch die Vorhänge, und eine von der Arbeit gerötete Hand schnappte sich den Schuh und verschwand. Seines Konzentrationspunktes beraubt, wirbelte mein erhitzter Verstand eine Weile an den Fugen der Steinplatten entlang, dann kehrte er sich, von der geometrischen Ebenmäßigkeit getröstet, nach innen und sank wankend in den Schlaf wie ein trudelnder Kreisel.
Doch in meinen Träumen gab es keine Ruhe, und ich stolperte erschöpft durch Labyrinthe aus sich wiederholenden Umrissen und endlosen Kringeln und Schleifen. Ich empfand tiefe Erleichterung, als ich endlich die irregulären Züge eines menschlichen Gesichtes sah.
Und es war in der Tat ein irreguläres Gesicht, verkniffen, die Lippen mahnend gespitzt. Erst als ich den Druck der Hand auf meinem Mund verspürte, begriff ich, dass ich gar nicht mehr schlief.
Der breite, lippenlose Mund der Wasserspeierfratze schwebte an meinem Ohr.
»Seid still, ma chère. Wenn sie mich erneut hier finden, bin ich erledigt!« Die großen, dunklen Augen huschten hin und her, um keine Bewegung der Vorhänge zu übersehen.
Ich nickte langsam, und er gab meinen Mund frei. Seine Finger ließen einen schwachen Hauch von Schwefel und Ammoniak zurück. Irgendwo hatte er eine zerschlissene graue Mönchskutte gefunden – oder gestohlen, dachte ich dumpf – und damit den schmierigen Samt seiner Apothekerrobe verdeckt. Die Tiefen der Kapuze verbargen sowohl das auffällige Silberhaar als auch die monströse Stirn.
Der Fieberwahn ließ ein wenig nach, um den letzten Resten von Neugier zu weichen, die mir noch geblieben waren. Ich war zu schwach, um mehr als »Was …« zu sagen, doch er legte mir erneut einen Finger auf die Lippen und warf das Laken zurück, mit dem ich zugedeckt war.
Etwas verwundert sah ich zu, wie er hastig die Schnüre meines Nachthemds löste und das Kleidungsstück bis zur Taille offen legte. Seine Bewegungen waren fließend und sachlich, ohne den geringsten Hauch von Anzüglichkeit. Nicht, dass ich mir vorstellen konnte, dass irgendjemand versuchen würde, sich über ein vom Fieber verzehrtes Gerippe wie das meine herzumachen, schon gar nicht in Mutter Hildegardes Hörweite. Dennoch …
Wie aus der Ferne sah ich fasziniert zu, wie er mir die gekrümmten Hände auf die Brüste legte. Sie waren breit und beinahe quadratisch, die Finger alle gleich lang, mit ungewöhnlich langen, beweglichen Daumen, die erstaunlich zart um meine Brüste strichen. Bei ihrem Anblick musste ich plötzlich an Marian Jenkinson denken, eine Mitschülerin im Krankenhaus in Pembroke, die den aufmerksamen Bewohnerinnen des Schwesternheims erzählte, dass die Größe und Form der Daumen eines Mannes ein sicherer Hinweis auf die Qualitäten seiner intimeren Gliedmaße waren.
»Und es ist wahr, das schwöre ich«, hatte Marian erklärt und theatralisch das blonde Haar geschüttelt. Auf Beispiele angesprochen, kicherte sie jedoch nur und blickte mit verdrehten Augen zu Leutnant Hanley hinüber, der trotz seiner opponierbaren – und alles andere als kleinen – Daumen große Ähnlichkeit mit einem Gorilla hatte.
Die großen Daumen drückten sich sanft, aber fest in meine Haut, und ich konnte spüren, wie sich meine geschwollenen Brustwarzen unter den harten Handflächen aufrichteten, denn diese waren kalt im Vergleich mit der Hitze meiner eigenen Haut.
»Jamie«, sagte ich, und ein Schauer lief über mich hinweg.
»Still, Madonna«, sagte Raymond. Seine Stimme war leise, gütig, aber auch irgendwie geistesabwesend, als beachtete er mich gar nicht, seinem Tun zum Trotz.
Der Schauer kehrte zurück; es war, als ginge die Hitze von mir zu ihm über, ohne jedoch seine Hände zu erwärmen. Seine Finger blieben kühl, und ich fror und zitterte, als das Fieber abebbte und mir aus den Knochen wich.
Das Licht des Nachmittags fiel gedämpft durch die dicken Gazevorhänge, und Raymonds Hände lagen dunkel auf der weißen Haut meiner Brüste. Doch die Schatten zwischen den dicken, schmutzigen Fingern waren nicht schwarz. Sie waren … blau, dachte ich.