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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Ich schloss die Augen und beobachtete das Wirbeln der zweifarbigen Muster, die sofort hinter meinen Lidern erschienen. Als ich sie dann wieder öffnete, war es so, als bliebe etwas von der Farbe zurück und hüllte Raymonds Hände ein.

Als mein Kopf mit dem sinkenden Fieber klarer wurde, hob ich blinzelnd den Kopf, um besser sehen zu können. Raymond drückte fester zu, damit ich mich wieder hinlegte, und ich ließ den Kopf auf das Kissen fallen und blickte aus den Augenschlitzen über meine Brust hinweg.

Es war tatsächlich keine Einbildung – oder doch? Raymonds Hände bewegten sich nicht, doch ein Hauch von farbigem Licht schien über sie hinwegzuflackern und ließ meine weiße Haut in rosigem Schimmer und bläulicher Blässe leuchten.

Meine Brüste wurden jetzt wärmer, doch es war die natürliche Wärme der Gesundheit, nicht das zehrende Brennen des Fiebers. Der Luftzug, der außen durch die offene Saaltür wehte, fand den Weg zwischen den Vorhängen hindurch und hob mir das feuchte Haar von den Schläfen, doch mich fröstelte nicht mehr.

Raymond hatte den Kopf gesenkt, das Gesicht in der Kapuze der geliehenen Kutte verborgen. Nach einer Weile, die mir lang erschien, bewegte er die Hände von meinen Brüsten ganz langsam über meine Arme hinweg. An den Gelenken hielt er inne und übte nacheinander sanften Druck auf Schulter und Ellbogen, Handgelenke und Finger aus. Die Schmerzen ließen nach, und ich hatte den Eindruck, flüchtig eine schwache blaue Linie im Inneren meines Oberarms zu sehen, den leuchtenden Geist des Knochens.

Mit Berührungen, die keine Eile kannten, bewegte er die Hände über die flache Rundung meines Schlüsselbeins und den Meridian meines Körpers abwärts, breitete die Handflächen über meine Rippen.

Das Merkwürdigste daran war, dass ich überhaupt nicht erstaunt war. Es schien grenzenlos natürlich zu sein, und mein gequälter Körper entspannte sich dankbar in die harte Form, die seine Hände vorgaben, schmolz und formte sich neu wie flüssiges Wachs. Allein die Konturen meines Skeletts hielten mich zusammen.

Ein seltsames Gefühl der Wärme ging jetzt von seinen breiten, quadratischen Arbeiterhänden aus. Sie bewegten sich mit langsamer Gründlichkeit über meinen Körper hinweg, und ich konnte den Tod der Bakterien in meinem Blut merken, denn jeder infizierte Funke verschwand mit einer kleinen Explosion. Ich konnte jedes einzelne innere Organ spüren, vollständig und dreidimensional, konnte es sehen, als stünde es vor mir auf einem Tisch. Da der hohlwandige Magen, hier die festen Lappen der Leber und jede einzelne Darmschlinge, die sich um sich selbst wand, ordentlich verpackt im schimmernden Netz der Mesenterialmembran. Die Wärme breitete sich glühend durch jedes Organ und ließ es aufleuchten wie eine kleine Sonne in meinem Inneren, dann erstarb sie und wanderte weiter.

Raymond hielt inne, die Hände nebeneinander auf meinen geschwollenen Bauch gedrückt. Ich hatte den Eindruck, dass er die Stirn runzelte, doch es war schwer zu sagen. Der Kapuzenkopf wandte sich um und lauschte, doch in der Ferne erklangen die üblichen Geräusche des Krankenhauses, keine Schritte, die warnend in unsere Richtung kamen.

Ich keuchte mit einer unwillkürlichen Bewegung auf, als eine Hand noch tiefer wanderte und sich kurz zwischen meine Beine legte. Zunehmender Druck der anderen Hand mahnte mich zu schweigen, und die stumpfen Finger glitten in mich hinein.

Ich schloss die Augen und wartete, während ich spürte, wie sich meine Innenwände an den seltsamen Eindringling gewöhnten und die Entzündung Stück für Stück nachließ, während er sich sacht weiter vortastete.

Jetzt berührte er das Zentrum meines Verlustes, und ein schmerzhafter Krampf zog die schweren Wände meiner entzündeten Gebärmutter zusammen. Ich stöhnte leise auf, dann presste ich die Lippen zusammen, denn er schüttelte den Kopf.

Die andere Hand glitt tiefer hinunter, um sich beruhigend auf meinen Bauch zu legen, während die tastenden Finger der anderen meine Gebärmutter berührten. Dann kam er zur Ruhe und hielt die Quelle meines Schmerzes zwischen seinen beiden Händen, als sei sie eine Kugel aus Kristall, schwer und zerbrechlich.

»Jetzt«, sagte er leise. »Ruft ihn. Ruft den roten Mann. Ruft ihn.«

Der Druck der Finger in meinem Inneren und der Handfläche von außen wurde fester, und ich presste die Beine gegen das Bett, um dagegen anzukämpfen. Doch ich hatte keine Kraft mehr, um mich zu wehren, und der Druck hielt unerbittlich an, bis die Kristallkugel zerbrach und das Chaos im Inneren frei war.

Mein Kopf füllte sich mit Bildern, schlimmer als das Elend der Fieberträume, weil sie der Wirklichkeit entsprangen. Ich wurde von Schmerz und Trauer und Angst geschüttelt, und der staubige Duft von Tod und weißer Kreide stieg mir in die Nase. Während ich in den Zufallsmustern meiner Gedanken nach Hilfe suchte, hörte ich die Stimme, die nach wie vor geduldig, aber entschlossen »Ruft ihn« murmelte, und ich suchte meinen Anker.

»Jamie! JAMIE!«

Hitze durchfuhr meinen Bauch von einer Hand zur anderen wie ein Pfeil durch die Mitte meines Beckens. Der drückende Griff entspannte sich, verschwand, und ich wurde von der Leichtigkeit der Harmonie erfüllt.

Das Bettgestell erbebte, als er sich gerade noch rechtzeitig darunter duckte.

»Milady! Geht es Euch gut?« Schwester Angelique schob sich durch die Vorhänge, das runde Gesicht unter ihrem Kopfputz sorgenvoll. Unter die Sorge in ihren Augen mischte sich Resignation; die Schwestern wussten, dass ich bald sterben würde – sollte dies nach meinem letzten Ringen aussehen, würde sie den Priester rufen.

Ihre kleine, feste Hand ruhte kurz auf meiner Wange, wanderte hastig zu meiner Stirn, dann wieder zurück. Das Laken lag noch um meine Beine geknüllt, und mein Hemd stand offen. Ihre Hände fuhren hinein, bis in meine Achselhöhlen, wo sie einen Moment verharrten, ehe sie sich zurückzogen.

»Gott sei gepriesen!«, rief sie, und ihre Augen wurden feucht. »Das Fieber ist fort!« Sie beugte sich dicht über mich, um mich plötzlich alarmiert zu betrachten und sich zu vergewissern, dass das Verschwinden des Fiebers nicht der Tatsache geschuldet war, dass ich tot war. Ich lächelte sie schwach an.

»Es geht mir gut«, sagte ich. »Sagt es Mutter Hildegarde.«

Sie nickte eilig, hielt gerade lange genug inne, um das Laken sittsam über mich zu ziehen, dann eilte sie aus dem Zimmer. Kaum hatten sich die Vorhänge hinter ihr geschlossen, als Raymond unter dem Bett hervorkam.

»Ich muss gehen«, sagte er. Er legte mir die Hand auf den Kopf. »Alles Gute, Madonna.«

Obwohl ich so schwach war, richtete ich mich auf und fasste nach seinem Arm. Ich ließ die Hand der Länge nach an seinem stahlharten Muskel emporgleiten, suchte, fand aber nichts. Seine Haut war makellos glatt bis weit auf seine Schulter hinauf. Er blickte erstaunt auf mich hinunter.

»Was macht Ihr da, Madonna?«

»Nichts.« Ich sank enttäuscht zurück. Ich war zu schwach und zu benommen, um auf meine Worte zu achten.

»Ich wollte sehen, ob Ihr eine Impfnarbe habt.«

»Impfnarbe?« Ich konnte inzwischen so gut Gesichter lesen, dass ich das leiseste begreifende Aufzucken gesehen hätte, ganz gleich, wie schnell er es verbarg. Doch es gab keins.

»Warum nennt Ihr mich denn noch Madonna?«, fragte ich. Meine Hände ruhten auf der sanften Wölbung meines Bauches, sacht, als wollten die die klirrende Leere nicht stören. »Ich habe mein Kind doch verloren.«

Er sah schwach überrascht aus.

»Ah. Ich habe Euch nicht Madonna genannt, weil Ihr ein Kind erwartet, Milady.«

»Warum denn dann?« Eigentlich erwartete ich gar keine Antwort, doch ich bekam sie. Müde und erschöpft, wie wir beide waren, war es so, als schwebten wir beide an einem Ort, an dem es weder Zeit noch Konsequenzen gab; zwischen uns gab es nur Raum für die Wahrheit.

Er seufzte.

»Jeder Mensch hat eine Farbe an sich«, sagte er schlicht. »Sie umgibt ihn wie eine Wolke. Eure ist blau, Madonna. Wie der Mantel der Jungfrau. Wie die meine.«

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