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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Louise stieß schockierte Laute aus. »Wie furchtbar! Canaille! Aber natürlich kann man Milord Tuarach keine Vorwürfe machen …« Ich konnte die Anspannung in ihrer Stimme hören, während ihre Freundschaft mit ihrer Geschwätzigkeit kämpfte. Wenig überraschend siegte die Geschwätzigkeit.

»Milord Tuarach kann im Moment die Vorzüge seiner Frau nicht genießen; sie bekommt ein Kind, und die Schwangerschaft ist in Gefahr. Natürlich stillt er seine Bedürfnisse in einem Bordell; welcher anständige Mann würde es anders machen? Aber erzähl weiter, Marie! Was ist dann passiert?«

»Nun.« Marie holte Luft, um zum Höhepunkt ihrer Geschichte zu kommen. »Milord Tuarach ist die Treppe hinuntergeeilt, hat den Engländer an der Kehle gepackt und ihn geschüttelt wie eine Ratte!«

»Non! Ce n’est pas vrai!«

»Oh doch! Es waren drei von Madames Bediensteten nötig, um ihn festzuhalten – so ein herrlicher, kraftvoller Mann, nicht wahr? So kämpferisch!«

»Ja, aber was dann?«

»Oh … nun ja, Jacques sagt, der Engländer hat nach Luft geschnappt, dann hat er sich aufgerichtet und zu Milord Tuarach gesagt: ›Jetzt habt Ihr mich schon zweimal beinahe umgebracht, Fraser. Eines Tages gelingt es Euch womöglich noch.‹ Und dann hat Milord Tuarach in dieser fürchterlichen schottischen Sprache geflucht – ich verstehe kein Wort davon, du? –, sich aus dem Griff der Männer befreit, den Engländer mit der bloßen Hand ins Gesicht geschlagen«, Louise keuchte entgeistert auf, »und gesagt: ›Im Morgengrauen bist du tot!‹ Dann hat er kehrtgemacht und ist die Treppe hinaufgerannt, und der Engländer ist gegangen. Jacques sagt, er war kreidebleich – kein Wunder! Stell dir das nur vor!«

Oh ja, ich stellte es mir vor.

»Geht es Euch gut, Madame?« Magnus’ nervöse Worte übertönten Louises weitere Ausrufe. Ich streckte suchend die Hand aus, und er ergriff sie sofort und schob mir die andere Hand unter den Ellbogen, um mich zu stützen.

»Nein. Es geht mir nicht gut. Bitte … richtet es den Damen aus, ja?« Ich wies mit einer schwachen Handbewegung auf den Salon.

»Natürlich, Madame. Sofort; doch erst lasst mich Euch in Euer Gemach bringen. Hier entlang, chère Madame …« Er führte mich die Treppe hinauf und murmelte tröstend auf mich ein, während er mir half. Er führte mich zur Schlafzimmercouch, wo er mich mit dem Versprechen zurückließ, mir sofort eins der Dienstmädchen zu schicken.

Ich wartete nicht auf Hilfe; nachdem der erste Schreck vorüber war, kam ich selbst zurecht, und ich erhob mich und ging zur Ankleidekommode hinüber, auf der meine Arzneitruhe stand. Ich glaubte zwar nicht, dass ich noch in Ohnmacht fallen würde, doch es befand sich ein Fläschchen Ammoniakgeist darin, das ich für alle Fälle zur Hand haben wollte.

Ich klappte den Deckel auf und erstarrte, während ich in die Truhe blickte. Im ersten Moment weigerte sich mein Verstand zu registrieren, was meine Augen sahen; das zusammengefaltete weiße Stück Papier, das sorgfältig aufrecht zwischen die bunten Fläschchen geklemmt worden war. Wie aus der Ferne stellte ich fest, dass meine Finger zitterten, als ich es herausnahm; ich brauchte mehrere Versuche, es auseinanderzufalten.

Es tut mir leid. Die Worte waren deutlich und schwarz; die Buchstaben sorgfältig in die Mitte des Papiers gesetzt, darunter mit derselben Sorgfalt der Buchstabe »J«. Und darunter zwei weitere Worte, ein hastig hingekritzeltes Postskriptum der Verzweiflung: Ich muss.

»Du musst«, murmelte ich vor mich hin, und jetzt versagten mir die Knie. Als ich dann auf dem Boden lag und die Paneele der Zimmerdecke dumpf über mir aufflackerten, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich bis jetzt immer davon ausgegangen war, dass die häufigen Ohnmachten der Damen des achtzehnten Jahrhunderts ihren engen Korsetten geschuldet waren; jetzt jedoch beschlich mich der Verdacht, dass es doch an der Idiotie der Männer des achtzehnten Jahrhunderts liegen könnte.

In meiner Nähe erscholl ein bestürzter Ausruf, dann hoben mich hilfreiche Hände hoch, und ich spürte die weiche Nachgiebigkeit der mit Wolle gefüllten Matratze unter mir und kühle, nach Essig duftende Tücher auf meiner Stirn und meinen Handgelenken.

Ich war zwar bald wieder bei Sinnen – soweit sie mir geblieben waren –, doch mir war absolut nicht nach Reden zumute. Ich versicherte den Dienstmädchen, dass es mir gutging, scheuchte sie aus dem Zimmer und legte mich auf die Kissen zurück, um zu überlegen.

Es war natürlich Jack Randall, und Jamie war fort, um ihn zu töten. Das war mein einziger klarer Gedanke in dem wirbelnden Morast aus Grauen und Spekulation, der meinen Kopf erfüllte. Doch warum? Was konnte ihn dazu gebracht haben, das Versprechen zu brechen, das er mir gegeben hatte?

Während ich im Kopf noch einmal Revue passieren ließ, was Marie berichtet hatte – was ja nur aus dritter Hand stammte –, war ich überzeugt, dass es mehr gewesen sein musste als nur der Schock der unerwarteten Begegnung. Ich kannte den Hauptmann, kannte ihn um einiges besser, als es mir lieb war. Und wenn ich mir einer Sache sicher war, so war es, dass er nicht die üblichen Dienste eines Bordells in Anspruch genommen hätte – es lag nicht in seiner Natur, sich einfach mit einer Frau zu vergnügen. Was ihm Vergnügen bereitete, was er brauchte, waren Schmerz, Angst und Erniedrigung.

Natürlich konnte man das ebenfalls käuflich erwerben, wenn auch zu einem höheren Preis. Ich hatte im Rahmen meiner Arbeit im Hôpital des Anges genug gesehen, um zu wissen, dass es les putains gab, deren wichtigste Handelsware sich nicht zwischen ihren Beinen befand, sondern in kräftigen Knochen bestand, die von so kostbarer, verletzlicher Haut bedeckt waren, dass sie sofort blau wurde und jede Spur eines Peitschenhiebes oder Schlages deutlich zeigte.

Und wenn Jamie, dessen helle Haut von den Narben der Vorlieben Randalls gezeichnet war, den Hauptmann dabei erwischt hatte, dass er sich auf ähnliche Weise mit einer der Damen des Etablissements vergnügte … Das, so glaubte ich, hätte ihn jeden Gedanken an sein Versprechen, jede Zurückhaltung vergessen lassen können. Er hatte eine kleine Narbe an der linken Brust, direkt unter der Brustwarze; eine kleine weißliche Erhebung an der Stelle, wo er sich die Brandmarke aus der Haut geschnitten hatte, die Jonathan Randalls erhitzter Siegelring hinterlassen hatte. Die Rage, die ihn dazu getrieben hatte, sich lieber selbst zu verstümmeln als dieses Schandmal zu tragen, konnte leicht wieder ausgebrochen sein, um ihren Auslöser zu vernichten – und seine unschuldigen Nachfahren mit ihm.

»Frank«, sagte ich, und meine linke Hand krümmte sich unwillkürlich um den Schimmer meines goldenen Eherings. »O großer Gott. Frank.« Für Jamie war Frank nicht mehr als ein Geist, die entfernte Möglichkeit einer Zuflucht für mich, für den unwahrscheinlichen Fall, dass das notwendig wurde. Für mich war Frank der Mann, mit dem ich mein Leben geteilt hatte, mein Bett und meinen Körper – den ich schließlich verlassen hatte, um bei Jamie Fraser zu bleiben.

»Ich kann es nicht«, flüsterte ich an die Leere gewandt, an den kleinen Begleiter, der sich träge in meinem Inneren rekelte, unberührt von meiner Bestürzung. »Ich kann nicht zulassen, dass er es tut!«

Das Licht des Nachmittags war dem Dämmergrau gewichen, und das Ende der Welt schien das Zimmer mit Verzweiflung zu erfüllen. Im Morgengrauen bist du tot. Heute Abend gab es keine Hoffnung, Jamie zu finden. Ich wusste, dass er nicht zur Rue Tremoulins zurückkehren würde; er hätte diese Note nicht hiergelassen, wenn er vorgehabt hätte zurückzukehren. Niemals würde er die Nacht an meiner Seite verbringen, während er wusste, was er am Morgen vorhatte. Nein, er hatte zweifellos in einem Wirtshaus oder Gasthaus Zuflucht gesucht, um sich dort allein auf die gerechte Strafe vorzubereiten, die er Randall geschworen hatte.

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