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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Ein kleines Andenken von Mutter Hildegarde«, erklärte er. »So wie ich es verstehe, ist es ein bevorzugtes Heilmittel der maîtresses sage-femme. Sie hat auch Instruktionen zu seiner Anwendung aufgeschrieben.« Er zog eine zusammengefaltete, versiegelte Note aus seiner Innentasche und reichte sie mir.

Ich roch an dem Päckchen. Himbeerblätter und Steinbrech; dazu noch etwas, das ich nicht erkannte. Ich hoffte, dass Mutter Hildegarde auch eine Liste der Zutaten beigefügt hatte.

»Bitte richtet Mutter Hildegarde meinen Dank aus«, sagte ich. »Und wie geht es allen im Hôpital?« Die Arbeit dort fehlte mir genau wie die Nonnen und die seltsame Ansammlung der Mediziner. Wir plauderten eine Weile über das Hôpital und sein Personal, während Jamie hin und wieder einen Kommentar beisteuerte, meistens jedoch nur mit einem höflichen Lächeln zuhörte oder – wenn ihm das Thema zu klinisch wurde – die Nase in sein Weinglas steckte.

»Wie schade«, sagte ich bedauernd, als Monsieur Forez seine Beschreibung beendete, wie er ein zerschmettertes Schulterblatt instand gesetzt hatte. »Bei so etwas habe ich noch nie zugesehen. Die Chirurgie fehlt mir wirklich sehr.«

»Ja, mir wird sie auch fehlen.« Monsieur Forez nickte und trank einen kleinen Schluck aus seinem Weinglas. Es war noch mehr als halbvoll; anscheinend hatte er nicht gescherzt, als er sich als Abstinenzler bezeichnet hatte.

»Ihr verlasst Paris?«, sagte Jamie überrascht.

Monsieur Forez zuckte mit den Schultern, und die Falten seines langen Rocks raschelten wie Federn.

»Nur vorübergehend«, sagte er. »Dennoch, ich werde fast zwei Monate fort sein. Und das, Madame«, sagte er und neigte erneut den Kopf in meine Richtung, »ist auch der eigentliche Grund für meinen heutigen Besuch.«

»Ach ja?«

»Ja. Ich reise nämlich nach England, und mir kam der Gedanke, dass es, falls es Euer Wunsch ist, Madame, das Einfachste der Welt für mich wäre, eine Nachricht mitzunehmen. Falls es jemanden gibt, mit dem Ihr gern kommunizieren würdet«, fügte er mit der ihm üblichen Präzision hinzu.

Mein Blick fiel auf Jamie, dessen Gesicht sich plötzlich verändert hatte, von einer Miene höflichen Interesses zu jener freundlich lächelnden Maske, die jeden Gedanken verbarg. Einem Fremden wäre der Unterschied nicht aufgefallen, mir aber schon.

»Nein«, sagte ich zögernd. »Ich habe keine Freunde oder Verwandten in England; leider habe ich dort überhaupt keine Verbindungen mehr, seit ich … Witwe geworden bin.« Ich verspürte den üblichen kleinen Stich bei dieser Anspielung auf Frank, unterdrückte ihn jedoch.

Falls Monsieur Forez daran etwas Seltsames fand, ließ er sich das nicht anmerken. Er nickte nur und stellte sein halb getrunkenes Weinglas hin.

»Ich verstehe. Dann könnt Ihr Euch ja glücklich schätzen, hier Freunde zu haben.« Es schien etwas Warnendes in seiner Stimme zu liegen, doch er sah mich nicht an, sondern bückte sich, um sich den Strumpf gerade zu ziehen, ehe er sich erhob. »Dann werde ich Euch bei meiner Rückkehr besuchen und hoffe, Euch dann wieder bei guter Gesundheit anzutreffen.«

»Was ist es denn, das Euch nach England führt, Monsieur?«, fragte Jamie unverblümt.

Monsieur Forez wandte sich mit einem schwachen Lächeln an ihn. Er legte den Kopf schief, seine Augen leuchteten, und wieder fiel mir seine Ähnlichkeit mit einem großen Vogel ins Auge. Diesmal aber keine Aaskrähe, sondern ein Raubvogel.

»Was für einen Reisegrund kann es für einen Mann meiner Profession geben, Monsieur Fraser?«, fragte er. »Ich wurde verpflichtet, mein übliches Amt auszuüben, in Smithfield.«

»Ein bedeutender Anlass also«, sagte Jamie. »Wenn er es erfordert, dass man einen Mann von Eurem Können verpflichtet, meine ich.« Seinen Augen entging nichts, obwohl seine Miene nach wie vor nur höflich und fragend war.

Das Leuchten in Monsieur Forez’ Augen nahm zu. Er erhob sich langsam und blickte auf Jamie hinunter, der am Fenster saß.

»Das ist wahr, Monsieur Fraser«, sagte er leise. »Denn es kommt dabei tatsächlich auf das Können an. Einen Mann am Strick zu Tode zu würgen – pah! Das kann jeder. Ihm sauber mit einem raschen Fall das Genick zu brechen, bedarf gewisser Berechnungen seines Gewichts und der Fallhöhe und dazu eine gewisse Übung in der Positionierung des Stricks. Aber die Gratwanderung zwischen diesen Methoden, die korrekte Ausführung der Todesstrafe eines Verräters, das erfordert in der Tat beträchtliches Können.«

Mein Mund war plötzlich trocken, und ich griff nach meinem Glas. »Die Todesstrafe eines Verräters?«, fragte ich, obwohl ich eigentlich das Gefühl hatte, dass ich die Antwort gar nicht hören wollte.

»Hängen, Strecken und Vierteilen«, sagte Jamie knapp. »Das ist es doch, was Ihr meint, Monsieur Forez?«

Der Henker nickte. Jamie erhob sich wie unwillkürlich, und trat dem hageren, in Schwarz gekleideten Besucher gegenüber. Sie waren in etwa gleich groß und konnten einander mühelos ins Gesicht sehen. Monsieur Forez trat einen Schritt auf Jamie zu, und seine Miene war plötzlich fokussiert, als sei er im Begriff, ein medizinisches Problem zu erklären.

»Oh ja«, sagte er. »Ja, das ist die Todesstrafe für Verräter. Erst muss der Mann gehängt werden, wie Ihr sagt, aber mit Berechnung, so dass er sich weder das Genick bricht noch seine Luftröhre zerquetscht wird – der Erstickungstod ist nicht das gewünschte Resultat, versteht Ihr?«

»Oh, ich verstehe.« Jamies Stimme war leise und hatte einen beinahe spöttischen Unterton, und ich warf ihm einen verwunderten Blick zu.

»Tatsächlich, Monsieur?« Monsieur Forez lächelte schwach, fuhr dann aber fort, ohne eine Antwort abzuwarten. »Es ist eine Frage der Zeitabstimmung; man entscheidet nach Augenmaß. Das Gesicht wird durch das Blut beinahe augenblicklich dunkel anlaufen – schneller noch, wenn das Subjekt sehr hellhäutig ist –, und wenn ihm der Atem vergeht, wird ihm die Zunge aus dem Mund gedrückt. Das ist es natürlich, was die Zuschauer begeistert, ebenso wie das Vorquellen der Augen. Aber man hält nach Spuren von Röte in den Augenwinkeln Ausschau, wo die kleinen Blutgefäße platzen. Wenn das geschieht, muss man sofort das Signal geben, dass das Subjekt losgeschnitten wird – ein verlässlicher Assistent ist natürlich unverzichtbar.« Er wandte sich mir zu, um mich in dieses makabere Gespräch mit einzubeziehen, und ich nickte unwillkürlich.

»Dann«, fuhr er, wieder an Jamie gewandt, fort, »muss man augenblicklich ein Stimulanzmittel verabreichen, um das Subjekt wiederzubeleben, während man ihm das Hemd entfernt – man muss darauf bestehen, dass er ein Hemd bekommt, das sich vorn öffnen lässt; es ist oft schwierig, es über den Kopf zu ziehen.« Er streckte seinen langen, schlanken Finger aus und zeigte auf Jamies mittleren Hemdknopf, ohne jedoch das frisch gestärkte Leinen tatsächlich zu berühren.

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Jamie.

Monsieur Forez zog den Finger zurück und nickte beifällig über dieses Anzeichen, dass man ihn verstand.

»Nun denn. Der Assistent wird vorher das Feuer geschürt haben; dies ist unter der Würde des Scharfrichters. Und dann ist die Zeit für das Messer gekommen.«

Es herrschte Totenstille im Zimmer. Jamies Gesicht war nach wie vor unergründlich, doch an seinem Hals schimmerte ein feuchter Film.

»Hier ist nun die größte Kunstfertigkeit vonnöten«, erklärte Monsieur Forez und hob mahnend den Finger. »Man muss schnell arbeiten, damit das Subjekt nicht stirbt, ehe man fertig ist. Ein Mittel, das die Blutgefäße verengt, unter das Stimulantium zu mischen, schafft einige zusätzliche Momente Gnadenfrist, aber nicht viel.«

Er erspähte einen silbernen Brieföffner auf dem Tisch, schritt hinüber und hob ihn auf. Er hielt ihn mit der Hand am Griff und stützte den Zeigefinger auf die Oberseite der Klinge, so dass die Spitze auf das glänzende Nussbaumholz der Schreibtischplatte zeigte.

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