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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Genau hier«, sagte er beinahe verträumt. »Am unteren Ansatz des Brustbeins. Und von dort schnell hinunter zur Wölbung der Leisten. In den meisten Fällen ist der Knochen gut zu sehen. Noch einmal«, und der Brieföffner blitzte erst zur einen Seite, dann zur anderen, schnell und elegant wie der Zickzackflug eines Kolibris, »am Rippenbogen entlang. Man darf nicht tief schneiden, denn man will ja den Sack nicht perforieren, der die Eingeweide umschließt. Dennoch muss man Haut, Fett und Muskeln durchdringen, und zwar mit einem Schnitt. Das«, sagte er zufrieden und richtete den Blick auf sein Spiegelbild in der Tischplatte, »ist Kunst.«

Er legte das Messer sacht auf den Tisch und wandte sich mit einem freundlichen Achselzucken wieder an Jamie.

»Danach ist es eine Frage der Schnelligkeit und Geschicklichkeit, aber wenn man exakt vorgegangen ist, stellt es keine große Schwierigkeit dar. Die Eingeweide liegen in einer Membran wie in einem Beutel. Wenn man diese nicht zufällig verletzt hat, ist es ein einfacher Vorgang, der nur ein wenig Kraft erfordert, die Hände unter die Muskelschicht zu schieben und die ganze Masse herauszuziehen. Ein rascher Schnitt an Magen und Anus«, er warf einen geringschätzigen Blick auf den Brieföffner, »und dann kann man die Eingeweide ins Feuer werfen.«

Wieder hob er mahnend den Finger. »Wenn man schnell und akkurat gearbeitet hat, hat man nun eine kurze Atempause, denn noch sind ja keine großen Blutgefäße verletzt.«

Mir war schwindelig, obwohl ich saß, und ich war mir sicher, dass ich so weiß im Gesicht war wie Jamie. Trotz seiner Blässe lächelte Jamie, als befände er sich in höflicher Konversation mit einem Gast.

»So dass … das Subjekt … noch etwas länger leben kann?«

»Mais oui, Monsieur.« Die glänzenden schwarzen Augen des Henkers schweiften über Jamies kräftigen Körperbau hinweg und registrierten seine breiten Schultern und die muskulösen Beine. »Die Wirkung eines solchen Schocks ist unvorhersehbar, doch ich habe schon gesehen, wie ein kräftiger Mann in diesem Zustand noch eine Viertelstunde gelebt hat.«

»Ich vermute, dem Subjekt kommt es deutlich länger vor«, sagte Jamie trocken.

Monsieur Forez, der dies nicht zu hören schien, griff erneut nach dem Brieföffner und schwang ihn durch die Luft, während er weitersprach.

»Wenn dann der Tod herannaht, muss man tief in die Körperhöhle greifen, um das Herz zu packen. Auch dies bedarf einigen Könnens. Ohne die Verankerung der Gedärme zieht sich das Herz zurück, und oft liegt es überraschend weit oben. Außerdem ist es äußerst schlüpfrig.« Zur Demonstration wischte er sich eine Hand an seinem Rockschoß ab. »Doch die größte Schwierigkeit liegt darin, schnell die großen Blutgefäße darüber zu durchtrennen, so dass man das Organ herausziehen kann, während es noch schlägt. Man möchte ja den Zuschauern etwas bieten«, erklärte er. »Es macht sich bei der Entlohnung deutlich bemerkbar. Was den Rest betrifft …« Seine hageren Schultern zuckten herablassend. »Metzgersarbeit. Ist das Leben erloschen, ist kein Können mehr vonnöten.«

»Nein, vermutlich nicht«, sagte ich schwach.

»Doch wie blass Ihr seid, Madame! Ich habe Euch viel zu lange mit meinen ermüdenden Schilderungen aufgehalten!«, rief er aus. Er griff nach meiner Hand, und ich unterdrückte das Bedürfnis, sie zurückzureißen. Seine Hand war kühl, doch die Wärme seiner Lippen, die jetzt meinen Handrücken streiften, war so überraschend, dass ich vor Verblüffung leicht zudrückte. Auch er drückte mir unsichtbar die Hand und wandte sich dann Jamie zu, um sich förmlich zu verneigen.

»Ich muss mich verabschieden, Monsieur Fraser. Ich hoffe, dass ich Euch und Eurer bezaubernden Gemahlin wieder begegnen werde … unter ähnlich angenehmen Umständen, wie sie uns heute vergönnt waren.« Die Blicke der beiden Männer trafen sich eine Sekunde. Dann schien sich Monsieur Forez an den Brieföffner zu erinnern, der sich noch in seiner Hand befand. Mit einem überraschten Ausruf hielt er ihn Jamie auf der offenen Hand entgegen. Jamie zog eine Augenbraue hoch und ergriff das Messer vorsichtig an der Spitze.

»Bon voyage, Monsieur Forez«, sagte er. »Und ich danke Euch«, sein Mund verzog sich zu einer trockenen Miene, »für Euren äußerst lehrreichen Besuch.«

Er bestand darauf, unseren Besucher persönlich zur Tür zu begleiten. Allein gelassen, stand ich auf und ging zum Fenster, wo ich tief durchatmete, bis die dunkelblaue Kutsche um die Ecke der Rue Gamboge bog und verschwand.

Hinter mir öffnete sich die Tür, und Jamie trat ein. Er hatte den Brieföffner noch in der Hand. Mit gezielten Schritten trat er auf die große Rosenvase am Kamin zu und ließ das Papiermesser klirrend hineinfallen, dann wandte er sich mir zu und gab sich alle Mühe zu lächeln.

»Nun«, sagte er, »wenn das keine wirkungsvolle Warnung war …«

Ich erschauerte flüchtig.

»Nicht wahr?«

»Was glaubst du, wer ihn geschickt hat?«, fragte Jamie. »Mutter Hildegarde?«

»Vermutlich. Sie hat mich gewarnt, als wir die Musik dechiffriert haben. Sie hat gesagt, es wäre sehr gefährlich, was du tust.« Wie gefährlich, war mir allerdings bis zum Besuch des Henkers nicht klar gewesen. Ich hatte zwar die Morgenübelkeit längst hinter mir, doch jetzt konnte ich spüren, wie es mir hochkam. Wenn die jakobitischen Anführer wüssten, was ich hier tue, würden sie es als Hochverrat betrachten. Und welche Maßnahmen würden sie ergreifen, wenn sie es herausfanden?

Nach außen hin war Jamie ein eingefleischter Anhänger der Jakobiten; in dieser Tarnung besuchte er Charles, lud den Grafen Marischal zum Essen ein und erschien bei Hofe. Und bis jetzt hatte er großes Geschick darin bewiesen – bei seinen Schach- wie bei seinen Zechpartien –, die Sache der Stuarts zu unterlaufen, während er sie eigentlich zu unterstützen schien. Außer uns beiden wusste nur Murtagh, dass wir versuchen wollten, einen Stuart-Aufstand zu vereiteln – und selbst er wusste nicht, warum, sondern akzeptierte nur das Wort seines Anführers, dass es richtig war. Diese Vorspiegelung falscher Tatsachen war notwendig, solange wir in Frankreich zugange waren. Doch sie würde Jamie zum Verräter stempeln, sollte er je den Fuß auf britischen Boden setzen.

Natürlich war mir das klar gewesen, doch in meiner Ahnungslosigkeit hatte ich gedacht, dass es keinen großen Unterschied zwischen dem Galgentod eines Gesetzlosen und der Hinrichtung als Verräter gab. Mit dieser Naivität hatte Monsieur Forez bei seinem Besuch gerade gründlich aufgeräumt.

»Du nimmst das ja verdammt ruhig hin«, sagte ich. Ich hatte immer noch Herzklopfen, und meine Handflächen waren kalt, aber verschwitzt. Ich wischte sie mir am Kleid ab und steckte sie mir zwischen die Knie, um sie zu wärmen.

Jamie zuckte schwach mit den Achseln und lächelte mich schief an.

»Nun, es gibt jede Menge unangenehme Todesarten, Sassenach. Und wenn eine davon mein Los sein sollte, würde es mir gewiss nicht besonders gefallen. Aber die Frage ist: Macht mir diese Möglichkeit solche Angst, dass ich mit dem, was ich tue, aufhöre, um ihr aus dem Weg zu gehen?« Er setzte sich zu mir auf das Sofa und nahm eine meiner Hände zwischen die seinen. Seine Handflächen waren warm, und sein kräftiger Körper an meiner Seite wirkte beruhigend.

»Ich habe lange darüber nachgedacht, Sassenach, während der Wochen meiner Genesung im Kloster. Und als wir in Paris eingetroffen sind. Und als ich Charles Stuart begegnet bin.« Er schüttelte den Kopf, den er über unsere Hände gebeugt hatte.

»Aye. Ich kann mich auf dem Schafott stehen sehen. Ich habe den Galgen in Wentworth gesehen – habe ich dir das erzählt?«

»Nein. Nein, das hast du nicht.«

Er nickte, und sein Blick wurde ausdruckslos, als er sich in seiner Erinnerung verlor.

»Sie sind mit uns auf den Innenhof marschiert, mit allen Insassen der Todeszelle. Und haben uns in Reihen auf dem Steinpflaster aufgestellt, um einer Hinrichtung zuzusehen. Sechs Männer haben sie an diesem Tag gehängt, Männer, die ich kannte. Ich habe zugesehen, wie jeder Einzelne die Stufen hinaufgestiegen ist – es waren zwölf Stufen – und dann dastand, die Hände auf dem Rücken gefesselt, und auf den Hof hinuntergeblickt hat, als sie ihm die Schlinge um den Hals gelegt haben. Damals habe ich mich gefragt, wie es wohl sein würde, wenn ich an die Reihe käme, diese Stufen zu erklimmen. Würde ich weinen und beten wie John Sutter, oder würde ich in der Lage sein, aufrecht zu stehen wie Willie MacLeod und einem Freund unten im Hof zuzulächeln?«

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