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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Ich öffnete meine Arzneitruhe und kramte zwischen den Schachteln und Gläsern umher. Odermennig, Rotulme, Mauerglaskraut … ah, da war es ja. Ich zog das kleine blaue Gläschen hervor, das mir Monsieur Forez geschenkt hatte, und schraubte es auf. Ich roch vorsichtig daran; Salben wurden leicht ranzig, aber diese hier schien reichlich Salz zur Konservierung zu enthalten. Sie duftete angenehm mild und hatte eine schöne Farbe – das satte Gelblichweiß frischer Sahne.

Ich holte einen ordentlichen Klecks aus dem Glas und verteilte ihn auf dem langen Oberschenkelmuskel, nachdem ich Jamie den Kilt bis über die Hüfte geschoben hatte, damit er nicht im Weg war. Die Haut an seinem Bein war warm, doch es war keine Entzündungshitze, sondern nur die normale Körperwärme eines jungen Mannes, der von der Bewegung und dem Pulsschlag der Gesundheit gut durchblutet war. Während ich die Creme sanft einmassierte, spürte ich die Schwellung des harten Muskels und betastete den vierköpfigen und den hinteren Oberschenkelmuskel, die sich deutlich voneinander abhoben.

»Tut’s weh?«, fragte ich.

»Aye, etwas, aber hör nicht auf«, antwortete er. »Ich habe das Gefühl, dass es mir guttut.« Er gluckste. »Ich würde das ja vor niemandem außer dir zugeben, Sassenach, aber es hat Spaß gemacht. Ich habe mich seit Monaten nicht mehr so bewegt.«

»Schön, dass du dich gut amüsiert hast«, sagte ich trocken und tauchte den Finger noch einmal in die Creme. »Ich hatte auch einen interessanten Tag.« Ohne die Massage zu unterbrechen, erzählte ich ihm von Sandringhams Angebot.

Er grunzte als Erwiderung und zuckte sacht zusammen, als ich eine empfindliche Stelle traf. »Dann hatte Colum also recht mit seiner Vermutung, dass der Mann mir helfen könnte, eine Aufhebung der Klage zu bewirken.«

»Es sieht so aus. Die Frage ist wohl – möchtest du seine Hilfe annehmen?« Ich gab mir Mühe weiterzuatmen, während ich auf seine Antwort wartete. Erstens wusste ich ja schon, wie sie lauten würde; die ganze Fraser-Familie war für ihre Sturheit bekannt, und obwohl seine Mutter eine MacKenzie gewesen war, war Jamie ein Fraser, wie er im Buche stand. Da er fest entschlossen war, Charles Stuart aufzuhalten, war es wenig wahrscheinlich, dass er den Versuch einfach so aufgeben würde. Dennoch war es ein verlockender Köder – für mich genauso wie für ihn. Nach Schottland zurückkehren zu können, nach Hause; in Frieden zu leben.

Doch da war natürlich der nächste Haken. Wenn wir zurückkehrten und Charles Plänen jenen Lauf ließen, der mir bekannt war, dann würde der Friede in Schottland nicht von langer Dauer sein.

Jamie prustete leise, denn anscheinend war er meinen Gedankengängen gefolgt. »Nun, ich sage dir, Sassenach – wenn ich glauben würde, dass Charles Stuart Erfolg haben könnte, dass er Schottland aus der Herrschaft der Engländer befreien könnte, dann würde ich mein Land, meine Freiheit, ja, mein Leben geben, um ihm zu helfen. Er mag ein Narr sein, aber er ist ein königlicher Narr, und ich finde, auch kein unritterlicher Narr.« Er seufzte.

»Doch ich kenne den Mann, und ich habe eingehend mit ihm gesprochen – genau wie mit all den Jakobiten, die an der Seite seines Vaters gekämpft haben. Und angesichts dessen, was du mir voraussagst, falls es noch einmal zum Aufstand kommt … glaube ich nicht, dass ich eine andere Wahl habe, als zu bleiben, Sassenach. Wenn ihm Einhalt geboten ist, mag eine Rückkehr möglich sein – oder aber auch nicht. Doch vorerst muss ich das Angebot Seiner Durchlaucht dankend ablehnen.«

Ich tätschelte ihm sacht den Oberschenkel. »Ich habe mir schon gedacht, dass du das sagen würdest.«

Er lächelte mich an, dann senkte er den Blick auf die gelbliche Creme, die meine Finger bedeckte. »Was ist das?«

»Monsieur Forez hat es mir geschenkt. Er hat nicht gesagt, wie er es nennt. Ich glaube nicht, dass es wirksame Zutaten hat, aber es ist eine schöne fettige Creme.«

Der Körper unter meinen Händen erstarrte, und Jamie sah sich nach dem blauen Gläschen um.

»Monsieur Forez hat sie dir geschenkt?«, sagte er beklommen.

»Ja«, antwortete ich überrascht. »Was ist denn?« Denn er hatte meine cremebeschmierten Hände beiseitegeschoben und schwang jetzt die Beine von der Couch, um nach einem Handtuch zu greifen.

»Hat das Gläschen eine Lilie auf dem Deckel, Sassenach?«, fragte er und wischte sich die Salbe vom Bein.

»Ja, hat es«, sagte ich. »Jamie, was ist mit dieser Salbe?« Seine Miene war extrem merkwürdig; sie schwankte zwischen Bestürzung und Belustigung.

»Oh, ich würde nicht sagen, dass etwas damit ist, Sassenach«, antwortete er schließlich. Nachdem er sich das Bein so fest abgerubbelt hatte, dass die Haut unter den gesträubten rotgoldenen Härchen ebenfalls rot war, warf er das Handtuch beiseite und richtete den Blick nachdenklich auf das Gläschen.

»Monsieur Forez muss sehr viel von dir halten, Sassenach«, sagte er. »Diese Salbe ist sehr teuer.«

»Aber –«

»Nicht, dass ich es nicht zu schätzen wüsste«, versicherte er mir hastig. »Ich fühle mich nur etwas seltsam dabei, nachdem ich um Haaresbreite selbst zu einer der Zutaten geworden wäre.«

»Jamie!« Ich spürte, wie meine Stimme schriller wurde. »Was ist das?« Ich packte das Handtuch und wischte mir hastig die mit Salbe bedeckten Hände ab.

»Schmalz von Gehängten«, antwortete er widerstrebend.

»Geh-h-h …« Ich bekam das Wort gar nicht heraus und begann von vorn. »Du meinst …« Eine Gänsehaut lief mir über die Arme und sträubte mir die Härchen wie die Nadeln in einem Nadelkissen.

»Äh, aye. Ausgelassenes Fett gehängter Krimineller«, sagte er fröhlich, denn er fand die Fassung jetzt genauso schnell wieder, wie ich die meine verlor. »Sehr gut gegen Rheuma und Gicht, heißt es.«

Ich erinnerte mich an die Sorgfalt, mit der Monsieur Forez die Überreste seiner Operationen im Hôpital des Anges eingesammelt hatte, und an Jamies seltsame Miene beim Anblick des hochgewachsenen Chirurgien, als dieser mich heimbegleitet hatte. Meine Knie wurden weich, und mein Magen drehte sich um wie ein Pfannkuchen.

»Jamie! Wer in Dreiteufelsnamen ist Monsieur Forez?«, schrie ich beinahe.

Jetzt gewann die Belustigung in seiner Miene definitiv die Oberhand.

»Er ist der Henker im Fünften Arondissement, Sassenach. Ich dachte, das wüsstest du.«

Jamie kehrte feucht und durchgefroren aus dem Stall zurück, wohin er zum Waschen gegangen war, da die Schüssel im Schlafzimmer nicht genügend Wasser für ein solches Vorhaben fasste.

»Keine Sorge, es ist alles fort«, versicherte er mir, während er sich aus seinem Hemd schälte und nackt unter die Bettdecke schlüpfte. Er hatte eine rauhe, kalte Gänsehaut und erschauerte flüchtig, als er mich in die Arme nahm.

»Was ist denn, Sassenach? Ich rieche doch nicht mehr danach, oder?«, fragte er, weil ich mich starr unter der Bettwäsche zusammenkauerte und die Arme um mich selber schlang.

»Nein«, sagte ich. »Ich habe Angst, Jamie. Ich blute.«

»Himmel«, sagte er leise. Ich konnte den plötzlichen Schauer der Angst spüren, der ihn bei meinen Worten genauso durchfuhr wie mich. Er schmiegte mich an sich, glättete mir das Haar und streichelte mir den Rücken, doch wir empfanden beide nur grauenvolle Hilflosigkeit angesichts einer körperlichen Katastrophe, gegen die sein Eingreifen vergeblich war. Trotz seiner Kraft konnte er mich nicht beschützen; so gern er es getan hätte, er konnte nicht helfen. Zum ersten Mal war ich in seinen Armen nicht sicher, und dieses Bewusstsein erschreckte uns beide.

»Meinst du …«, begann er, dann brach er ab und schluckte. Ich konnte das Beben in seinem Hals spüren und hörte, wie er seine Angst hinunterschluckte. »Ist es schlimm, Sassenach? Kannst du das sagen?«

»Nein«, sagte ich. Ich klammerte mich fester an ihn, versuchte, einen Anker zu finden. »Ich weiß es nicht. Es blutet nicht stark, zumindest noch nicht.«

Die Kerze brannte noch. Er sah mich an, die Augen dunkel vor Sorge.

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