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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der Geburtshelfer trat ein. Fürst Andrej ging hinaus, traf im Korridor Prinzessin Marja und eilte auf sie zu. Sie sprachen flüsternd miteinander, doch ihr Gespräch verstummte alle Augenblicke. Sie warteten und horchten.

»Allez, mon ami«, sagte Prinzessin Marja.

Fürst Andrej ging wieder zu seiner Frau hinein, setzte sich ins Nebenzimmer und wartete. Eine Frau kam mit verängstigtem Gesicht aus dem Zimmer der Fürstin herübergelaufen und wurde verlegen, als sie den Fürsten Andrej erblickte. Er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und blieb so eine Zeitlang sitzen. Durch die Tür drang ein klägliches, hilfloses, tierisches Stöhnen. Fürst Andrej sprang auf, trat an die Tür und wollte sie aufreißen. Aber jemand hielt die Tür zu.

»Es geht jetzt nicht, es ist unmöglich«, flüsterte eine ängstliche Stimme.

Er fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Das Stöhnen verstummte. Wieder vergingen einige Sekunden. Da plötzlich ertönte ein entsetzlicher Schrei aus dem Nebenzimmer. Das war nicht ihre Stimme, so konnte sie unmöglich schreien. Fürst Andrej stürzte nach der Tür. Alles war wieder still. Man hörte nur das Weinen eines kleinen Kindes.

Wozu hat man denn ein Kind zu ihr gebracht? dachte Fürst Andrej im ersten Augenblick. Ein Kind? Was denn für ein Kind? Was soll denn das Kind dort? Oder ist das etwa das neugeborene Kind?

Da endlich begriff er die glückliche Bedeutung dieses Weinens, und Tränen schnürten ihm die Kehle zu. Aufschluchzend stützte er sich mit beiden Armen auf das Fensterbrett und weinte. Da ging die Tür auf. Der Arzt, ohne Überrock, mit aufgestreiften Hemdärmeln, trat bleich und mit zuckendem Gesicht aus dem Zimmer. Fürst Andrej wandte sich nach ihm um, aber der Arzt warf nur einen verstörten Blick auf ihn und ging, ohne ein Wort zu sagen, an ihm vorüber. Eine Frau wollte herauslaufen, blieb aber, als sie Fürst Andrej sah, zögernd auf der Schwelle stehen. Da ging er in das Zimmer seiner Frau hinüber. Sie lag genauso da, wie er sie vor fünf Minuten gesehen hatte, aber sie war tot. Obgleich ihre Wangen bleich und ihre Augen starr geworden waren, lag noch derselbe Ausdruck auf ihrem reizenden Kindergesichtchen mit der kurzen Oberlippe und dem Bärtchen.

Ich habe euch alle liebgehabt und niemandem etwas Böses zugefügt, was aber habt ihr mir angetan? fragte ihr liebes, rührendes, totes Gesicht.

In der Ecke des Zimmers aber gluckste und wimmerte etwas Winziges und Rotes in Marja Bogdanownas weißen, zitternden Händen.

Zwei Stunden später trat Fürst Andrej mit leisen Schritten in das Zimmer seines Vaters. Der Alte wußte bereits alles. Er stand dicht an der Tür, und als sie sich nur öffnete, schlang er stumm seine hageren, greisen Arme um den Hals seines Sohnes und schluchzte wie ein Kind.

Nach drei Tagen wurde für die kleine Fürstin die Totenmesse gelesen, und Fürst Andrej stieg die Stufen zu ihrem Sarg hinauf, um von ihr Abschied zu nehmen. Auch im Sarg zeigte ihr Gesicht noch denselben Ausdruck, obgleich ihre Augen nun geschlossen waren. Ach, was habt ihr mir angetan? schien ihr Gesicht noch immer zu fragen, und Fürst Andrej fühlte, daß in seiner Seele ein Riß entstanden war, daß er eine Schuld auf dem Gewissen hatte, die er nie wieder gutmachen und vergessen konnte. Aber er konnte nicht weinen. Auch der Alte trat an den Sarg und küßte das wachsfarbene Händchen der Toten, das hoch über der Brust gekreuzt starr dalag, und auch zu ihm schien ihr Gesicht zu sagen: Ach, was habt ihr mir angetan, und warum? Und der Alte wandte sich grimmig weg, nachdem er ihr ins Gesicht gesehen hatte.

Nach weiteren fünf Tagen wurde der kleine Fürst Nikolaj Andrejewitsch getauft. Die Amme hielt mit dem Kinn die Windeln fest, während der Priester mit einer Gänsefeder die runzligen roten Handflächen und Fußsohlen des Täuflings salbte.

Der Großvater als Taufpate trug den Kleinen zitternd vor Angst, ihn hinfallen zu lassen, um das verbeulte blecherne Taufbecken herum und übergab ihn dann der anderen Pate, Prinzessin Marja. Fürst Andrej, halbtot vor Angst, daß man das Kind ertrinken lassen könne, saß im Nebenzimmer und wartete auf die Beendigung des heiligen Sakramentes. Als ihm die Amme endlich den Kleinen brachte, sah er das Kindchen glücklich an und nickte beifällig, als sie ihm mitteilte, daß das Wachsklümpchen mit den Härchen des Kleinen, das man ins Taufbecken geworfen habe, dort nicht untergesunken, sondern obenauf gekommen sei.

10

Rostows Teilnahme an dem Duell zwischen Dolochow und Besuchow war durch Bemühungen des alten Grafen vertuscht worden, und Nikoluschka wurde, statt degradiert zu werden, wie er erwartet hatte, zum Adjutanten des Generalgouverneurs von Moskau ernannt. Infolgedessen konnte er im Frühjahr nicht mit der ganzen Familie aufs Land übersiedeln, sondern mußte seines neuen Kommandos wegen den ganzen Sommer in Moskau bleiben. Dolochow erholte sich langsam wieder, und Rostow freundete sich während der Zeit seiner Genesung ganz besonders mit ihm an. Er lag während seiner Krankheit bei seiner Mutter, die ihn zärtlich und leidenschaftlich liebte. Die alte Marja Iwanowna gewann auch Rostow lieb, weil er ihrem Fedja so viel Freundschaft entgegenbrachte, und sprach mit ihm oft über ihren Sohn.

»Ja, Graf«, pflegte sie zu sagen, »er hat ein zu edles und reines Herz für unsere heutige, verderbte Welt. Die Tugend liebt niemand, sie ist jedem ein Dorn im Auge. Das müssen Sie doch auch sagen, Graf, war das etwa richtig, war das ehrenhaft von Besuchow gehandelt? Mein Fedja mit seinem edlen Charakter hat ihn immer so gern gehabt, und auch jetzt sagt er nichts Schlechtes von ihm. Haben sie in Petersburg ihre tollen Streiche, diesen Scherz da mit dem Revieraufseher, nicht immer zusammen ausgeführt? Und was war das Ende davon? Besuchow hat man laufen lassen, mein Fedja aber hat alles auf seine Schultern genommen. Und was hat er erdulden müssen! Gewiß, er ist rehabilitiert worden; wie hätte es auch anders kommen können? Ich glaube, solcher tapferen Söhne, wie er einer ist, hat das Vaterland im Felde nicht allzu viele gehabt. Und jetzt nun – dieses Duell. Haben denn diese Leute nicht einen Funken Gefühl und Ehre im Leib? Zu wissen, daß er der einzige Sohn ist, und ihn zum Duell herauszufordern und direkt auf ihn zu schießen! Nur ein Glück, daß Gott uns gnädig gewesen ist. Und warum das alles? Wer hat denn heutzutage keine Liebeshändel? Was kann Fedja dafür, wenn dieser Mensch so eifersüchtig ist? Ich meine, das hätte er ihm schon eher zu verstehen geben können, und dabei spielt die Geschichte doch schon über Jahr und Tag. Wahrscheinlich hat er ihn in der Annahme gefordert, Fedja werde sich nicht mit ihm schlagen, weil er ihm Geld schuldig ist. Wie gemein! Wie ekelhaft! Sie verstehen meinen Fedja, mein lieber Graf, das weiß ich, und darum habe ich Sie auch von ganzem Herzen lieb. Glauben Sie mir, es gibt nicht viele, die ihn verstehen. Er hat ein so edles, ein so himmlisches Gemüt!«

Auch Dolochow tat während der Zeit seiner Genesung oft Aussprüche, die man nie von ihm erwartet hätte.

»Man hält mich für einen schlechten Menschen, das weiß ich«, pflegte er zu sagen, »aber mögen sie das ruhig von mir denken. Ich will von niemandem etwas wissen, außer von denen, die ich gern habe. Wen ich aber einmal liebe, den liebe ich so, daß ich mein Leben für ihn hinzugeben bereit bin; die übrigen aber dränge ich beiseite, wenn sie mir im Weg stehen. Ich habe meine unvergleichliche, vergötterte Mutter und zwei, drei Freunde, zu denen auch du zählst, alle übrigen interessieren mich nur, insofern sie mir nützlich oder schädlich sind. Und schädlich sind sie fast alle, ganz besonders die Frauen. Ja, mein Lieber«, fuhr er fort, »Männer habe ich getroffen, die hilfreich, edel und hochgesinnt waren, aber Frauen außer dieser feilen Ware noch niemals – ob das nun Gräfinnen oder Köchinnen sind, ist ganz gleich. Jene himmlische Reinheit und Hingebung, die ich im Weibe suche, habe ich noch niemals gefunden. Fände ich eine solche Frau, so würde ich mein Leben für sie hingeben. Aber diese da …!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Und weißt du, wenn ich das Leben noch liebe, so tue ich es nur deshalb, weil ich noch immer die Hoffnung habe, einmal solch ein himmlisches Wesen zu finden, das mich zu neuem Leben erwecken, rein und heilig machen kann und zu sich emporziehen würde. Aber vielleicht kannst du das nicht verstehen.«

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