Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ach, wie freue ich mich, daß du gekommen bist, Muhme.«
»Gott ist gnädig, mein Täubchen.«
Die Alte zündete die goldumsponnenen Kerzen vor dem Heiligenschrein an und setzte sich mit ihrem Strickstrumpf neben die Tür. Prinzessin Marja nahm ein Buch zur Hand und fing an zu lesen. Und nur wenn sie Stimmen oder Schritte hörten, sahen sie einander an, die Prinzessin ängstlich und fragend, die Alte still und beruhigend.
Dasselbe Gefühl, das Prinzessin Marja empfand, während sie in ihrem Zimmer saß, hatte sich über das ganze Haus verbreitet und aller bemächtigt. Dem alten Aberglauben gemäß, daß eine Gebärende um so weniger zu erdulden habe, je weniger Leute von ihren Leiden wüßten, gaben sich alle die größte Mühe, zu tun, als wüßten sie von nichts, und kein Mensch sprach davon. Und doch merkte man bei all der gewohnten Zurückhaltung und Ehrfurcht und den guten Manieren, die immer im Hause des Fürsten herrschten, der gesamten Dienerschaft an, daß eine gemeinsame, sie besonders weich stimmende Sorge sie bedrückte und sie sich bewußt waren, daß etwas Großes, Unbegreifliches in diesem Augenblick vor sich ging.
Aus dem geräumigen Zimmer der Zofen war kein Lachen zu hören. In der Gesindestube saßen alle schweigend da und hielten sich bereit. In den Wirtschaftsgebäuden brannten Kerzen und Kienspäne. Niemand schlief. Der alte Fürst ging, mit den Hacken aufstampfend, in seinem Zimmer auf und ab und schickte Tichon zu Marja Bogdanowna, um fragen zu lassen, wie es gehe.
»Sage nur, der Fürst lasse fragen, wie es gehe, und berichte mir dann, was sie gesagt hat.«
»Melde dem Fürsten, daß die Wehen begonnen haben«, sagte Marja Bogdanowna und sah den Boten bedeutsam an.
Tichon ging und meldete es dem Fürsten.
»Gut«, sagte der Fürst und machte die Tür hinter sich zu. Und Tichon hörte aus seinem Zimmer nicht den geringsten Laut mehr.
Tichon wartete eine Weile und ging dann in das Zimmer seines Herrn hinein, wie wenn er nach den Kerzen sehen wollte. Als er den Fürsten auf dem Sofa liegen sah, betrachtete er dessen verstörtes Gesicht, schüttelte den Kopf, näherte sich ihm stumm, küßte ihm die Schulter und ging dann wieder hinaus, ohne nach den Kerzen gesehen oder gesagt zu haben, warum er gekommen sei.
Das feierliche Geheimnis der Natur ging indessen seiner Vollendung immer weiter entgegen. Der Abend kam, die Nacht sank hernieder. Und das Gefühl der Erwartung und Rührung vor dem Unbegreiflichen verminderte sich nicht, sondern wurde immer stärker und stärker. Niemand tat ein Auge zu.
Es war eine jener Nächte im März, in denen der Winter noch einmal die Gewalt an sich zu reißen versucht und in grimmiger Verzweiflung seine letzten Schneestürme aussendet. Dem deutschen Arzt aus Moskau, der jeden Augenblick erwartet wurde, hatte man frische Pferde und Reiter mit Laternen bis an die große Landstraße entgegengeschickt, um ihn den ausgefahrenen Feldweg an den Wassergräben vorbeizuleiten.
Prinzessin Marja hatte das Buch schon lange beiseite gelegt. Stumm saß sie da und heftete die leuchtenden Augen starr auf das runzlige, ihr bis auf den kleinsten Zug bekannte Gesicht der Kindermuhme, auf die graue Haarsträhne, die unter dem Tuch hervorlugte, und auf den unter ihrem Kinn herabhängenden Kropf.
Die Muhme Sawischna erzählte ihr, den Strickstrumpf in der Hand, mit leiser Stimme, ohne selber ihre Worte zu hören und zu verstehen, zum hundertstenmal, wie die verstorbene Fürstin in Kischinew Prinzessin Marja zur Welt gebracht habe, ohne eine Hebamme, nur mit Hilfe einer Moldauer Bäuerin.
»Gott ist gnädig, da braucht’s keinen Doktor«, sagte sie.
Plötzlich fuhr ein Windstoß gegen das eine Fenster des Zimmers, aus dem man den Doppelrahmen herausgenommen hatte – immer wenn die Lerchen kamen, wurde auf Befehl des Fürsten in jedem Zimmer ein Doppelfenster herausgenommen –, riß den schlecht geschlossenen Riegel auf, blähte die Stoffgardine weit auf und fuhr mit einem Schauer von Kälte und Schnee durchs ganze Zimmer. Die Trankerze erlosch. Prinzessin Marja erschrak. Die Alte legte den Strumpf beiseite, ging ans Fenster, beugte sich hinaus und haschte nach dem aufgerissenen Flügel. Der eisige Wind ließ die Enden ihres Kopftuches und die darunter hervorschauenden grauen Haarsträhnen flattern.
»Prinzessin, mein Goldkindchen, da kommt jemand die Allee heraufgefahren«, rief sie, hielt den Fensterflügel in der Hand, machte ihn aber nicht zu. »Mit Laternen kommen sie, das muß der Doktor sein …«
»Ach, ihr Heiligen! Gott sei Dank!« sagte Prinzessin Marja. »Ich muß ihm entgegen gehen. Er kann nicht Russisch.«
Prinzessin Marja warf einen Schal um und lief dem Ankommenden entgegen. Als sie durchs Vorzimmer eilte, sah sie durch das Fenster einen Wagen und Laternen vor der Einfahrt stehen. Sie lief auf die Treppe hinaus. Auf dem Geländerpfeiler stand ein Talglicht und tropfte im Wind. Etwas tiefer, auf dem ersten Treppenabsatz, stand der Diener Philipp mit einem anderen Licht in der Hand. Er sah ganz erschrocken aus. Von ganz unten, unterhalb der Biegung, hörte man Schritte in weichen Stiefeln die Treppe heraufschallen. Und eine Stimme, die Prinzessin Marja merkwürdig bekannt vorkam, sagte etwas.
»Gott sei Dank!« sagte die Stimme. »Und der Vater?«
»Haben sich schlafen gelegt«, erwiderte die Stimme des Hausmeisters Demian, der schon unten war.
Dann sagte die Stimme noch irgend etwas, worauf Demian wieder eine Antwort gab, und die Schritte in den weichen Stiefeln näherten sich nun auf der unteren Hälfte der Treppe, die man der Biegung wegen nicht übersehen konnte, immer eiliger.
Das ist Andrej, dachte Prinzessin Marja. Nein, das kann nicht sein, das wäre zu wunderbar.
Aber im selben Augenblick, als ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoß, erschien auf dem Treppenabsatz, wo der Diener mit dem Licht stand, das Gesicht und die Gestalt des Fürsten Andrej im Pelzmantel mit dicht beschneitem Kragen. Ja, er war es, aber sein Gesicht war bleich und abgezehrt und zeigte einen ganz veränderten, merkwürdig weichen und erregten Ausdruck. Er eilte die Treppe hinauf und schloß die Schwester in seine Arme.
»Habt ihr meinen Brief nicht erhalten?« fragte er und lief, ohne eine Antwort abzuwarten, die er auch gar nicht hätte erhalten können, da Prinzessin Marja außerstande war, ein Wort hervorzubringen, wieder hinunter und stieg gleich darauf mit dem Geburtshelfer, der ihm auf dem Fuße folgte – sie waren von der letzten Station an zusammen gefahren –, hastigen Schrittes die Treppe wieder hinauf und umarmte abermals die Schwester.
»Welch eine Fügung des Schicksals!« stieß er hervor. »Mascha, meine liebe Mascha!« Und er warf Pelz und Stiefel ab und eilte nach den Gemächern der Fürstin.
9
Die kleine Fürstin lag, ein weißes Häubchen auf dem Kopf, still in den Kissen. Die Wehen hatten soeben etwas nachgelassen. Ein paar losgelöste Strähnen ihres schwarzen Haares ringelten sich auf ihren erhitzten, schweißbedeckten Wangen, das reizende rote Mündchen mit der Oberlippe und dem schwarzen Schnurrbärtchen war halb geöffnet, sie lächelte glücklich. Fürst Andrej trat ins Zimmer und blieb zu Füßen des Sofas, auf dem sie lag, vor ihr stehen. Ihre glänzenden Augen mit dem erschrockenen, erregten Kinderblick blieben, ohne ihren Ausdruck zu verändern, auf ihm ruhen. Ich habe euch alle liebgehabt und keinem etwas Böses getan, warum muß ich nun so leiden? So helft mir doch! sagte ihr Blick. Sie sah ihren Mann an, verstand aber die Bedeutung seines Kommens nicht. Fürst Andrej trat auf das Sofa zu und küßte sie auf die Stirn.
»Mein Liebling«, sagte er, wie er sie früher nie genannt hatte, »Gott ist gnädig …«
Sie sah ihn mit fragenden, kindlich vorwurfsvollen Blicken an.
Ich habe von dir Hilfe erwartet, und auch du, auch du hilfst mir nicht, sagte ihr Blick.
Sie wunderte sich nicht, daß er da war, begriff nicht, daß er gekommen war. Sein Kommen stand zu ihren Leiden und deren Linderung in keiner Beziehung.
Da setzten die Qualen von neuem ein, und Marja Bogdanowna riet dem Fürsten Andrej, das Zimmer zu verlassen.