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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Wenn Sie mir keine Antwort geben, werde ich selber es Ihnen sagen«, fuhr Helene fort. »Sie haben all dem, was man Ihnen hinterbracht hat, Glauben geschenkt. Man hat Ihnen gesagt« – Helene fing an zu lachen –, »daß Dolochow mein Geliebter sei.« Sie sagte das auf französisch in der ihr eignen groben, unverblümten Redeweise, wobei sie das Wort »Geliebter« ebenso ungeniert aussprach wie alles übrige. »Und das haben Sie geglaubt! Aber was haben Sie nun dadurch bewiesen? Was haben Sie durch dieses Duell bewiesen? Nur das eine, daß Sie ein Dummkopf sind, que vous êtes un sot, was doch alle bereits wußten! Und was kommt bei alledem heraus? Weiter nichts, als daß sich ganz Moskau über mich lustig machen und jedermann sagen wird, daß Sie in sinnlos betrunkenem Zustand einen Menschen zum Duell herausgefordert haben, auf den Sie ohne jeden Grund eifersüchtig gewesen sind« – Helene hob ihre Stimme immer mehr und mehr und wurde immer lebhafter –, »einen Menschen, der in jeder Beziehung viel besser ist als Sie …«

»Hm … hm …« brummte Pierre mit finsterer Stirn, sah sie nicht an und rührte kein Glied.

»Und wie konnten Sie nur glauben, daß er mein Geliebter sei? … Warum? Weil ich seine Gesellschaft liebe? Wenn Sie klüger und angenehmer wären, zöge ich die Ihrige vor.«

»Sprechen Sie nicht mehr zu mir … ich bitte Sie …« stieß Pierre heiser hervor.

»Warum soll ich nicht reden? Ich habe das Recht dazu und kann wohl kühn behaupten, daß selten eine Frau zu finden sein wird, die sich bei einem solchen Mann, wie Sie sind, keine Liebhaber hielte. Ich aber habe es nicht getan!« setzte sie hinzu.

Pierre wollte etwas erwidern, sah sie mit sonderbaren Augen an, deren Ausdruck sie nicht verstand, legte sich aber wieder hin. Er litt in diesem Augenblicke physisch: seine Brust war ihm wie zusammengepreßt, er konnte kaum Atem holen. Er wußte, daß er etwas tun mußte, um diesem Leiden ein Ende zu machen, aber das, was er versucht war zu tun, war zu entsetzlich.

»Es ist das beste … wenn wir uns trennen«, stieß er abgerissen hervor.

»Uns trennen, meinetwegen, aber nur, wenn Sie für meinen Unterhalt aufkommen«, sagte Helene. »Uns trennen! Also damit wollen Sie mich ins Bockshorn jagen!«

Pierre sprang vom Diwan auf und stürzte taumelnd auf sie zu.

»Ich schlage dich tot!« schrie er, riß mit einer ihm bisher unbekannten Kraft die Marmorplatte vom Tisch, trat einen Schritt auf sie zu und holte gegen sie aus.

Helenes Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen, sie kreischte auf und sprang beiseite. Die Natur seines Vaters trat bei ihm zutage. Pierre ließ sich von seiner rasenden Wut hinreißen und empfand ihren Reiz. Er schleuderte die Marmorplatte zu Boden, daß sie zerbrach, stürzte mit vorgestreckten Armen auf seine Frau zu und schrie: »Hinaus!« mit einer so furchtbaren Stimme, daß alle im Hause voller Entsetzen sein Schreien hörten. Gott mag wissen, was Pierre in diesem Augenblick noch getan hätte, wenn Helene nicht aus dem Zimmer geflohen wäre.

Acht Tage später erteilte Pierre seiner Frau eine Vollmacht für die Nutzung aller seiner Güter in Großrußland, welche die größere Hälfte seines Vermögens ausmachten, und reiste allein nach Petersburg ab.

7

Zwei Monate waren vergangen, seit man in Lysyja-Gory die Nachricht erhalten hatte, daß die Schlacht bei Austerlitz verloren und Fürst Andrej vermißt war, doch trotz aller Erkundigungsbriefe durch die Gesandtschaft und trotz aller Nachforschungen war es weder gelungen, seinen Leichnam aufzufinden, noch seinen Namen in den Gefangenenlisten zu ermitteln. Diese Ungewißheit war für die Angehörigen schlimmer als alles, denn es blieb ihnen doch nur noch die einzige Hoffnung, daß Fürst Andrej von Einwohnern auf dem Schlachtfeld aufgelesen worden war und nun genesend oder sterbend irgendwo allein, mitten unter Fremden, lag und nicht imstande war, ihnen Nachricht zu geben.

In den Zeitungen, aus denen der alte Fürst zuerst etwas über die Niederlage bei Austerlitz erfahren hatte, war nur, wie immer, kurz und unbestimmt mitgeteilt worden, daß die Russen nach einer glänzenden Schlacht gezwungen gewesen seien, sich zurückzuziehen, und sich dieser Rückzug völlig ordnungsgemäß vollzogen habe. Dieser offiziellen Nachricht entnahm der alte Fürst, daß unsere Truppen geschlagen waren. Acht Tage später als die Zeitung, die ihm die Nachricht von der Schlacht bei Austerlitz gebracht hatte, kam ein Brief von Kutusow, der dem Fürsten über das Schicksal, das seinen Sohn betroffen hatte, Mitteilung machte.

»Ihr Sohn ist vor meinen Augen«, schrieb Kutusow, »an der Spitze des Regiments mit der Fahne in der Hand wie ein Held zu Boden gesunken, würdig seines Vaters und seines Heimatlandes. Zu meinem Leidwesen und zum Bedauern des ganzen Heeres ist bis auf den heutigen Tag nicht in Erfahrung zu bringen gewesen, ob er noch am Leben ist oder nicht. Dennoch möchte ich, Ihnen und mir zur Hoffnung, an dem Glauben festhalten, daß Ihr Sohn noch lebt, denn im anderen Fall müßte er doch in der Liste der auf dem Schlachtfeld gefundenen Offiziere, die mir durch Parlamentäre überreicht worden ist, genannt sein.«

Diese Nachricht erhielt der alte Fürst spät abends, als er in seinem Arbeitszimmer saß. Am nächsten Tag machte er früh wie gewöhnlich seinen Morgenspaziergang, aber er verhielt sich dem Verwalter, dem Gärtner und dem Architekten gegenüber schweigsam und sagte, obgleich er grimmig aussah, keinem ein Wort.

Als Prinzessin Marja zur gewohnten Stunde zu ihm kam, stand er an der Drehbank und drechselte, sah aber wie gewöhnlich nicht zu ihr auf.

»Ah, Prinzessin Marja!« sagte er plötzlich in gezwungenem Ton und warf den Meißel fort. Das Rad drehte sich im Schwung noch eine Weile weiter. Prinzessin Marja behielt dieses immer schwächer werdende Ächzen des Rades noch lang im Gedächtnis, weil es in ihr mit dem, was nun folgte, zu einem Eindruck zusammenfloß.

Sie trat auf den Vater zu, sah ihm ins Gesicht und hatte plötzlich das Gefühl, als ob etwas Schweres auf sie herniedersänke. Es legte sich wie ein Schleier über ihre Augen. An seinem Gesicht, das nicht traurig und niedergeschlagen, sondern grimmig, unnatürlich und gewaltsam beherrscht erschien, merkte sie, daß in diesem Augenblick ein entsetzliches Unglück über ihrem Haupt schwebte und sie zu erdrücken drohte, ein Unglück, wie es kein schlimmeres im Leben gibt und wie sie es noch nie erfahren hatte, ein unfaßbares Unglück, das nie wieder gutzumachen ist: der Tod eines Menschen, den man lieb hat.

»Mon père! André!« stammelte die Prinzessin in ihrer unbeholfenen, linkischen Art, aber ihr unaussprechlicher Kummer und ihre Selbstvergessenheit verliehen ihr einen so rührenden Reiz, daß der Vater ihren Blick nicht ertragen konnte, aufschluchzte und sich abwandte.

»Ich habe Nachricht erhalten. Er ist nicht unter den Gefangenen und auch nicht unter den Toten. Kutusow schreibt: ›zu Boden gesunken!‹« Er schrie diese Worte so durchdringend, als wolle er Prinzessin Marja damit verjagen.

Die Prinzessin sank nicht um und wurde auch nicht ohnmächtig. Bleich war sie schon vorher gewesen, aber als sie diese Worte hörte, ging eine Veränderung auf ihrem Gesicht vor, und aus ihren schönen, glänzenden Augen strahlte ein leuchtendes Licht. Es war, als wenn ein Glück, ein überirdisches Glück, unabhängig von den Freuden und Leiden dieser Welt, all den tiefen Kummer, der in ihr war, überflutete. Sie vergaß ihre Furcht vor dem Vater, trat auf ihn zu, ergriff seine Hand, zog ihn zu sich heran und umschlang seinen dürren, sehnigen Hals.

»Mon père«, sagte sie, »wenden Sie sich nicht von mir. Wir wollen zusammen weinen.«

»Diese Hunde! Diese Schufte!« schrie der Alte und wandte sein Gesicht von ihr ab. »Richten eine ganze Armee zugrunde, Tausende von Menschen! Und warum? Wozu? Geh, geh, und sage es Lisa!«

Die Prinzessin ließ sich kraftlos auf einen Sessel neben ihrem Vater sinken und fing an zu weinen. Sie sah den Bruder vor sich, wie er mit zärtlichem und zugleich hochmütigem Gesicht von ihr und Lisa Abschied genommen hatte, sah ihn vor sich, wie er gerührt und spöttisch zugleich das Heiligenbildchen umgehängt hatte. War er gläubig geworden? Hatte er seinen Unglauben bereut? Ist er jetzt dort, dort in den Gefilden des ewigen Friedens, der ewigen Seligkeit? dachte sie.

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