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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Laß es doch so«, sagte Dolochow, obgleich er anscheinend gar nicht nach Rostow hingesehen hatte, »um so schneller gewinnst du deinen Verlust zurück. Zwar schlage ich dich immer, während ich anderen auszahlen muß. Oder hast du vielleicht Angst vor mir?« wiederholte er.

Rostow gehorchte, ließ die achthundert Rubel stehen und setzte auf eine Herz-Sieben mit abgerissener Ecke, die er von der Erde aufgehoben hatte. An all das erinnerte er sich später ganz genau. Er legte die Herz-Sieben auf den Tisch, schrieb mit einem Stück Kreide eine Achthundert in runden, steilen Zahlen darauf, trank das ihm gereichte Glas Champagner, der inzwischen schon abgestanden war, auf einen Zug aus, lächelte zu Dolochows Worten und sah mit Herzklopfen auf dessen Hände, die die Karten hielten, in der Erwartung, daß er eine Sieben abziehen möge. Ob ihm die Herz-Sieben Gewinn oder Verlust brachte, war für Rostow von größter Bedeutung. Am Sonntag voriger Woche hatte der Graf Ilja Andrejewitsch seinem Sohn zweitausend Rubel gegeben und ihm gesagt, obgleich er nie gern davon sprach, wenn er in Geldverlegenheit war, daß dies die letzte Summe sei, die er ihm vor Mai geben könne, und daß er deshalb seinen Sohn bitte, diesmal etwas sparsamer zu sein. Nikolaj hatte erwidert, das sei mehr als genug und er gebe sein Ehrenwort, bis zum Frühjahr kein Geld weiter zu verlangen. Von diesem Geld hatte er jetzt noch zwölfhundert Rubel übrig. Verlor die Herz-Sieben, so bedeutete das für ihn nicht nur einen Verlust von sechzehnhundert Rubel, sondern auch die Notwendigkeit, sein Wort zu brechen. Bangen Herzens sah er auf Dolochows Hände und dachte: Schnell, schnell, laß mich nur auf diese eine Karte gewinnen. Dann nehme ich meine Mütze, fahre nach Hause und esse mit Denissow, Natascha und Sonja zu Abend und rühre niemals wieder eine Karte an. In diesem Augenblick stieg die Erinnerung an sein Leben zu Hause, das Scherzen mit Petja, die Gespräche mit Sonja, die Duette mit Natascha, das Pikett mit dem Vater, ja, sogar sein friedliches Bett in dem Haus in der Powarskaja mit solcher Macht und so klar und verführerisch vor seiner Seele auf, als wäre es ein vergangenes, unschätzbares Glück, das er schon lange verloren habe. Er konnte es nicht für möglich halten, daß solch ein dummer Zufall, ob eine Sieben mehr nach rechts als nach links zu liegen kam, ihn eines Glückes, das er soeben in neuem Licht gesehen und neu verstanden hatte, berauben und ihn in die Tiefen eines Unglücks versenken konnte, das er noch nie erfahren und ergründet hatte. Das konnte nicht sein, und doch wartete er mit Herzklopfen auf jede Handbewegung Dolochows. Diese derbknochigen, roten, stark behaarten Hände, die aus den Hemdärmeln heraussahen, legten jetzt das Kartenspiel hin und griffen nach einem dargebotenen Glas und einer Pfeife.

»Also du hast keine Angst, mit mir zu spielen?« wiederholte Dolochow, legte, als wenn er eine lustige Geschichte erzählen wollte, die Karten hin, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fing langsam und lächelnd an: »Ja, meine Herren, man hat mir erzählt, in Moskau sei das Gerücht verbreitet, daß ich ein Falschspieler sei, deshalb rate ich Ihnen, mir gegenüber vorsichtiger zu sein.«

»Na, so zieh doch die Karten ab!« rief Rostow.

»Ach, diese Moskauer Klatschbasen!« fuhr Dolochow fort und nahm lächelnd die Karten wieder auf.

»Oooh«, rief Rostow ziemlich laut und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare. Die Sieben, die er brauchte, war schon heraus, als erste Karte in dem neuen Spiel. Er hatte mehr verloren, als er bezahlen konnte.

»Na, deshalb brauchst du dir nicht den Kopf abzureißen«, sagte Dolochow, warf einen flüchtigen Blick auf Rostow und spielte weiter.

14

Nach anderthalb Stunden betrachteten die meisten Herren ihr eigenes Spiel nur noch als einen Scherz, Rostow war es allein, der spielte. Statt der sechzehnhundert Rubel war ihm eine lange Reihe Zahlen angekreidet worden, die er bis zehntausend mitgerechnet hatte, die aber jetzt, wie ihm dunkel vorschwebte, bereits auf fünfzehntausend gestiegen sein mochte. In Wirklichkeit aber betrug seine Schuld bereits über zwanzigtausend Rubel. Dolochow hörte nicht mehr auf die Gespräche der anderen und erzählte auch selber keine Geschichten mehr, er verfolgte jede Handbewegung Rostows und warf ab und zu einen flüchtigen Blick auf die vor ihm angeschriebene Zahlenreihe. Er hatte sich vorgenommen, so lange weiterzuspielen, bis dessen Schuld auf dreiundvierzigtausend Rubel gestiegen sein würde. Diese Zahl hatte er deshalb gewählt, weil dreiundvierzig die Summe war, die herauskam, wenn er seine und Sonjas Lebensjahre zusammenzählte. Rostow saß, den Kopf auf beide Hände gestützt, vor dem vollgeschriebenen, mit Karten bedeckten Tisch, der ganz mit Wein begossen war. Die eine qualvolle Empfindung wurde er nicht los: diese derbknochigen, roten, behaarten Hände, die aus den Hemdärmeln hervorguckten, diese Hände, die er gleichzeitig liebte und haßte, hatten ihn ganz in ihrer Gewalt.

Sechshundert Rubel, As, Paroli, Neun … unmöglich, etwas wiederzugewinnen! … und wie lustig wäre es jetzt zu Hause … nun der Bube vor … aber das kann doch nicht sein … Warum tut er mir das nur an? dachte Rostow und versuchte sich zu erinnern. Manchmal belegte er eine Karte mit einem Rieseneinsatz, aber Dolochow nahm das nicht an und setzte selber die Summe fest. Nikolaj fügte sich ihm und betete bald zu Gott, wie er es in der Schlacht an der Ennsbrücke getan hatte, bald wahrsagte er sich selber, daß diejenige Karte, die ihm aus einem Haufen verbogener, unter den Tisch geworfener Karten als erste in die Hände geraten werde, ihn retten würde, bald zählte er die Schnüre an seinem Uniformrock und suchte dann auf eine Karte, welche die so gewonnene Augenzahl hatte, seinen ganzen Verlust zu setzen, bald sah er sich hilfesuchend nach den anderen Spielern um, bald blickte er in das jetzt kalte Gesicht Dolochows und suchte zu ergründen, was in ihm vorging.

Aber er weiß doch, was dieser Verlust für mich zu bedeuten hat. Er kann doch nicht mein Verderben wollen? Er war doch mein Freund. Ich habe ihn liebgehabt … Aber er ist doch nicht schuld, was kann er denn dafür, wenn das Glück ihm hold ist? Doch auch ich bin nicht schuld, sagte er zu sich selber. Ich habe nichts Unrechtes getan. Habe ich etwa jemanden erschlagen, beleidigt oder auch nur Böses gewünscht? Warum nun dieses furchtbare Unglück? Und wann hat es eigentlich angefangen? Eben noch trat ich an diesen Tisch in der Absicht, hundert Rubel zu gewinnen, um Mama zum Namenstag jene Schatulle zu kaufen, und dann nach Hause zu fahren. Ich war so glücklich, so frei und so froh! Und wußte es gar nicht, wie glücklich ich war. Wann war das zu Ende, und wann fing dieser neue, furchtbare Zustand an? Woran kann man den Umschwung erkennen? Ich habe ebenso auf diesem Platz, an diesem Tisch hier gesessen und ebenso Karten gezogen und ausgewählt und ebenso diesen derbknochigen, geschickten Händen zugesehen. Wann ist das geschehen? Und was ist eigentlich geschehen? Ich bin noch stark und gesund und immer noch derselbe auf demselben Platz. Nein, das kann nicht sein. Sicherlich verläuft sich das alles im Sande.

Er sah rot aus und war ganz in Schweiß gebadet, obgleich es im Zimmer nicht allzu heiß war. Sein Gesicht zeigte, besonders durch das ohnmächtige Bestreben, ruhig zu scheinen, einen furchtbaren, jämmerlichen Ausdruck.

Seine Schuld war jetzt bis auf die verhängnisvolle Zahl von Dreiundvierzigtausend gestiegen. Rostow hielt schon eine Karte bereit, auf die er noch einmal die soeben gewonnenen dreitausend Rubel setzen wollte, als Dolochow mit den Karten auf den Tisch klopfte, sie beiseite legte, die Kreide zur Hand nahm und flink mit seiner klaren, festen Handschrift die Schuldsumme zu addieren begann, daß die Kreide bröckelte.

»Bitte zum Souper! Es ist Zeit. Da sind auch schon die Zigeuner.«

Wirklich traten jetzt Männer und Frauen mit dunklen Gesichtern aus der Kälte herein und sagten etwas mit zigeunerhafter Betonung. Rostow begriff, daß alles zu Ende war, und sagte in gleichmütigem Ton: »Was, du willst nicht weiterspielen? Und ich hatte gerade eine so famose Karte in Bereitschaft.« Er gab sich den Anschein, als dächte er nur an die Lust des Spielens.

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