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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Was ist geschehen? fragte er sich. Ich habe einen Liebhaber getötet, den Liebhaber meiner Frau getötet. Ja, das war es. Aber warum? Wie bin ich so weit gekommen?

Weil du sie geheiratet hast, antwortete eine Stimme in ihm.

Aber worin besteht denn meine Schuld? fragte er sich. Darin, daß du sie geheiratet hast, ohne sie zu lieben, darin, daß du sie und dich selber getäuscht hast. Und deutlich trat jener Augenblick nach dem Abendessen beim Fürsten Wassilij wieder vor seine Seele, wo er die Worte, die so lange nicht über seine Lippen gewollt hatten, endlich ausgesprochen hatte: »Je vous aime.« Und davon dies alles! Ich fühlte schon damals, dachte er, ich fühlte schon damals, daß es nicht so war, wie es sein sollte, und daß ich kein Recht dazu hatte. Und so ist nun auch alles gekommen.

Er dachte an seine Flitterwochen und errötete bei dieser Erinnerung. Besonders lebendig, verletzend und beschämend war für ihn die Erinnerung an einen Augenblick, wo er einmal kurz nach der Hochzeit mittags um zwölf Uhr im seidenen Schlafrock aus dem Schlafzimmer in sein Arbeitszimmer gegangen war und dort den Oberverwalter vorgefunden hatte, der sich ehrerbietig verbeugte und mit einem Blick auf Pierres Gesicht und seinen Schlafrock leicht gelächelt hatte, als wolle er durch dieses Lächeln seine ehrerbietige Teilnahme an dem Glück seines Herrn zum Ausdruck bringen.

Wie oft bin ich stolz auf sie gewesen, stolz auf ihre majestätische Schönheit, stolz auf ihr gesellschaftliches Taktgefühl, dachte Pierre, stolz auf mein Haus, in dem sie ganz Petersburg empfing, stolz auf ihre Unnahbarkeit und Schönheit. Und nun sehe ich, auf was ich stolz gewesen bin! Damals dachte ich, ich verstünde sie nicht. Wie oft habe ich mir gesagt, wenn ich mich in ihren Charakter hineinzudenken versuchte, daß es an mir liege, wenn ich sie nicht begriffe, wenn ich diese stete Ruhe und Befriedigung, dieses Fehlen aller Wünsche und Interessen nicht verstünde, und dabei war die ganze Lösung dieses Rätsels nur das eine furchtbare Wort, daß sie ein gemeines Weib ist. Nun ich dieses furchtbare Wort ausgesprochen habe, ist mir alles klar geworden!

Anatol kam zu ihr, um sich Geld von ihr zu borgen, und küßte sie auf die nackten Schultern. Das Geld gab sie ihm nicht, aber sie erlaubte ihm, sie zu küssen. Ihr Vater wollte sie einmal aus Scherz eifersüchtig machen, aber sie erwiderte lächelnd und in aller Ruhe, so dumm, eifersüchtig zu sein, sei sie nicht; ›mag er machen, was er will‹, sagte sie von mir. Einmal fragte ich sie, ob sie noch keine Anzeichen von Schwangerschaft fühle. Da lachte sie verächtlich und sagte, eine solche Gans sei sie nicht, sich Kinder zu wünschen, und von mir werde sie niemals welche haben.

Dann dachte er an ihre rohen und frechen Gedanken und an die gemeine Ausdrucksweise, die ihr eigen war, obgleich sie in den höchsten aristokratischen Kreisen erzogen worden war. »Ich bin doch nicht die erste beste Straßengans … lauf doch und versuch dein Glück … allez vous promener«, pflegte sie zu sagen. Oft, wenn er ihre Erfolge bei alten und jungen Männern und auch bei Frauen gesehen hatte, hatte er sich nicht erklären können, warum nur er allein sie nicht liebte. Ja, ich habe sie niemals geliebt sagte sich Pierre. Ich wußte, daß sie ein gemeines Weib ist, sagte er sich noch einmal, aber ich wagte nicht, es mir einzugestehen. Und nun Dolochow! Er liegt im Schnee, lächelt gezwungen und stirbt vielleicht, trotzt aber dennoch meiner Reue mit einem erkünstelten Heldentum.

Pierre war einer von denjenigen Menschen, die trotz ihrer äußeren sogenannten Charakterschwäche niemals einen Vertrauten für ihren Kummer suchen. Er verarbeitete sein Leid in sich allein.

Und an allem, an allem ist nur sie allein schuld, sagte er sich, aber was folgt daraus? Warum habe ich mich an sie gekettet und ihr dieses: »Je vous aime« gesagt, das eine Lüge, ja vielleicht noch schlimmer als eine Lüge war? Ich bin schuldig und muß es nun tragen … Aber was? Die Schande meines Namens, das Unglück meines Lebens? Ach was, das ist ja alles Unsinn, dachte er. Sowohl die Schande des Namens als auch die Ehre sind ja nur konventionelle Begriffe, das alles hängt doch ganz allein von mir selber ab. Ludwig der Sechzehnte wurde hingerichtet, ging es Pierre durch den Kopf, weil man sagte, er sei ein Ehrloser und ein Verbrecher, und die das sagten, hatten sicher von ihrem Standpunkt aus recht. Aber ebenso recht hatten auch diejenigen, die dann für ihn den Märtyrertod starben und ihn zu den Heiligen erhoben. Und später richteten sie auch einen Robespierre[84] hin, weil er ein Despot sein sollte. Wer war im Recht? Wer trug die Schuld? Niemand. Solange man lebt, soll man sich dieses Lebens freuen: morgen schon kann man sterben, wie mich vor einer Stunde der Tod hätte ereilen können. Lohnt es sich da nun, sich noch so zu quälen, wenn unser Leben im Vergleich zur Ewigkeit sowieso nur einen Augenblick währt?

Aber gerade, als er sich durch derartige Erwägungen etwas beruhigt fühlte, stieg sie wieder vor ihm auf in den Augenblicken, als er ihr am stärksten seine unaufrichtige Liebe gezeigt hatte, und er fühlte, wie ihm das Blut zum Herzen schoß, so daß er wieder aufstehen, sich bewegen und alles, was ihm unter die Hände geriet, zerbrechen und zerreißen mußte. Warum habe ich zu ihr gesagt: »Je vous aime?« wiederholte er immer und immer wieder. Doch als er sich diese Frage ein dutzendmal vorgelegt hatte, fiel ihm ein Satz aus einem Molièreschen Lustspiel ein: »Mais que diable allait-il faire dans cette galère?« und er mußte über sich selber lachen.

Mitten in der Nacht rief er seinen Kammerdiener und befahl ihm zu packen, er wolle morgen nach Petersburg fahren. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er jetzt mit ihr sprechen sollte.

So beschloß er, am Morgen abzureisen und ihr einen Brief zu hinterlassen, in dem er ihr seine Absicht, sich auf immer von ihr zu trennen, mitteilen wollte.

Als am Morgen der Kammerdiener ins Zimmer trat und den Kaffee brachte, lag Pierre mit geschlossenen Augen, ein Buch in der Hand, auf dem Diwan und schlief.

Er kam zu sich, sah sich erschrocken um und konnte lange nicht begreifen, wo er sich befand.

»Die Frau Gräfin haben fragen lassen, ob Euer Erlaucht zu Hause seien«, meldete der Diener.

Aber Pierre hatte noch nicht Zeit gehabt, die Antwort zu finden, die er ihr geben wollte, als die Gräfin selber in einem Morgengewand von weißem, mit Silber besticktem Atlas und einfacher Frisur – sie hatte das Haar nur in zwei prächtigen Zöpfen wie ein Diadem zweimal um den Kopf geschlungen – ruhig und majestätisch ins Zimmer trat. Nur auf ihrer marmornen, etwas gewölbten Stirn lag eine Zornesfalte. In ihrer unerschütterlichen Ruhe sagte sie kein Wort, weil der Kammerdiener anwesend war. Sie wußte von dem Duell und wollte mit Pierre darüber sprechen. Aber sie wartete, bis der Kammerdiener den Kaffee serviert hatte und hinausgegangen war. Pierre sah sie durch seine Brille schüchtern an und versuchte, liegenzubleiben und weiterzulesen, wie ein Hase, der, von Hunden umringt, die Ohren zurücklegt und geduckt angesichts seiner Feinde liegenbleibt. Aber er fühlte, daß dies unsinnig und unmöglich war, und warf wieder einen schüchternen Blick auf sie. Sie sah ihn mit einem verächtlichen Lächeln an und wartete, ohne sich hinzusetzen, bis der Kammerdiener hinausgegangen sein würde.

»Was soll denn das nun wieder heißen? Was haben Sie da angestellt, frage ich Sie?« fing sie in strengem Ton an.

»Ich? Was ist denn mit mir?« erwiderte Pierre.

»Sie haben sich ja auf einmal als Held entpuppt! Aber so geben Sie mir doch eine Antwort, was war das für ein Duell? Was hat das zu bedeuten? Was, frage ich Sie!«

Pierre drehte sich schwerfällig auf dem Diwan um, machte den Mund auf, konnte aber kein Wort herausbringen.

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84

Robespierre: Maximilien de R. (1758 – 1794), der führende Revolutionär in der Französischen Revolution, betrieb den Sturz und die Hinrichtung des Königs, bekannte sich als Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, des führenden Organs der jakobinischen Diktatur mit fast unumschränkter Macht (seit Juli 1793) zum terreur, zur Schreckensherrschaft, dem er schließlich selber zum Opfer fiel, nachdem er unter seinen Gesinnungsgenossen zu »säubern« begonnen hatte 1794 wurde er guillotiniert.

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