Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Mon père, sagen Sie mir, wie es gewesen ist«, bat sie unter Tränen.
»Geh, geh! Er ist in jener Schlacht gefallen, in der man Rußlands beste Söhne und Rußlands Ruhm zum Opfer gebracht hat. Gehen Sie, Prinzessin Marja. Geh, und sage es Lisa. Ich komme nach.«
Als die Prinzessin von ihrem Vater zu der kleinen Fürstin zurückkehrte, saß diese mit einer Handarbeit in ihrem Zimmer und sah sie mit einem so innigen, stillglücklichen Blick an, wie er nur schwangeren Frauen eigen ist. Ihre Augen nahmen sichtlich Prinzessin Marja gar nicht wahr, sondern schauten tief in ihr eignes Sein hinein, in das glückliche und geheimnisvolle Wunder, das sich in ihrem Inneren vollzog.
»Marie«, sagte sie, indem sie vom Stickrahmen beiseiterückte und sich zurücklehnte, »gib mir mal deine Hand.«
Sie ergriff Prinzessin Marjas Hand und legte sie auf ihren Leib. Ihre Augen lächelten in der Erwartung, die Oberlippe mit dem Bärtchen hatte sich ganz in die Höhe gezogen und senkte sich nicht wieder herab, was ihr einen kindlich glücklichen Ausdruck verlieh.
Prinzessin Marja kniete vor ihr nieder und verbarg ihr Gesicht in den Falten des Kleides ihrer Schwägerin.
»Da! da! Fühlst du es? Das kommt mir so merkwürdig vor.
Weißt du, Marja, ich werde es sehr, sehr liebhaben«, sagte Lisa und sah die Schwägerin mit glücklich strahlenden Augen an.
Prinzessin Marja konnte den Kopf nicht aufheben: sie weinte.
»Was hast du, Mascha?«
»Nichts … mir ist nur so schwer ums Herz … wegen Andrej«, sagte sie und trocknete sich auf dem Schöße der Schwägerin die Tränen ab.
Noch einige Male versuchte Prinzessin Marja an diesem Morgen, ihre Schwägerin vorzubereiten, aber jedesmal brach sie in Tränen aus. Obgleich die kleine Fürstin nichts argwöhnte, so wurde sie doch durch diese Tränen, deren Grund sie nicht verstand, in Aufregung und Unruhe versetzt. Sie sagte nichts, sah sich aber immer erregt um, als suche sie etwas. Vor dem Mittagessen kam der alte Fürst, vor dem sie sich stets fürchtete, mit ganz besonders erregtem, bösem Gesicht zu ihr aufs Zimmer, sagte aber kein Wort und ging gleich wieder hinaus. Sie sah Prinzessin Marja an, schaute dann mit jenem Ausdruck nach innen gelenkter Aufmerksamkeit, wie er schwangeren Frauen eigen ist, sinnend vor sich hin und fing plötzlich an zu weinen.
»Habt ihr von Andrej Nachricht erhalten?« fragte sie.
»Nein, du weißt, daß noch gar keine Nachricht da sein kann. Aber mon père ist sehr in Sorge und auch ich ängstige mich.«
»Also noch nichts da?«
»Nichts«, sagte Prinzessin Marja und sah mit ihren glänzenden Augen die Schwägerin fest an.
Sie war zu dem Entschluß gekommen, ihr nichts zu sagen und auch den Vater zu überreden, daß er die furchtbare Nachricht bis nach ihrer Entbindung, die in den nächsten Tagen bevorstand, vor ihr geheimhielt. Und so trugen denn beide, Prinzessin Marja und der alte Fürst, ihren Kummer im geheimen, jedes nach seiner Art. Der alte Fürst wollte keine Hoffnung aufkommen lassen, er glaubte entschieden, Fürst Andrej sei tot, und wenn er auch einen Beauftragten nach Österreich schickte, um nach Spuren von seinem Sohn suchen zu lassen, so bestellte er doch gleichzeitig für ihn in Moskau ein Denkmal, das er ihm in seinem Park zu errichten gedachte, und sagte zu allen, sein Sohn sei gefallen. Er gab sich alle Mühe, derselbe zu bleiben, führte sein früheres Leben ebenso weiter, aber seine Kräfte waren nicht mehr dieselben: er konnte weniger laufen, weniger essen, weniger schlafen und wurde mit jedem Tag schwächer. Prinzessin Marja aber hoffte. Sie betete für ihren Bruder wie für einen Lebenden und erwartete jeden Augenblick die Nachricht von seiner Heimkehr.
8
»Ma bonne amie«, sagte die kleine Fürstin am Morgen des neunzehnten März nach dem Frühstück zu Prinzessin Marja, und ihre Oberlippe mit dem Bärtchen hob sich wieder nach alter Gewohnheit; aber wie jedes Lächeln, jeder Tonfall, ja sogar jeder Schritt in diesem Hause seit dem Eintreffen der furchtbaren Nachricht Kummer ausdrückte, so paßte sich auch jetzt dieses Lächeln der kleinen Fürstin der allgemeinen Stimmung, deren Ursache sie nicht kannte, an und war somit eher danach angetan, an den allgemeinen Kummer zu erinnern. »Ma bonne amie, ich fürchte, daß das ›Fruhschtik‹ von heute morgen, wie euer Koch Foka es nennt, mir nicht gut bekommen ist.«
»Was hast du denn, mein Seelchen? Du bist blaß. Ach, du siehst ja ganz weiß aus«, rief Prinzessin Marja erschrocken und eilte mit ihren schweren Schritten auf die Schwägerin zu.
»Euer Durchlaucht, soll nicht nach Marja Bogdanowna geschickt werden?« fragte eine der gerade anwesenden Zofen. Marja Bogdanowna war die Hebamme aus der Kreisstadt, die sich schon seit vierzehn Tagen in Lysyja-Gory aufhielt.
»Wirklich, du hast recht«, stimmte Prinzessin Marja bei. »Vielleicht ist das das Richtige. Ich werde selber zu ihr gehen. Courage, mon ange!« Sie küßte Lisa und wollte hinausgehen.
»Ach, nein, nein!« Auf dem Gesicht der kleinen Fürstin zeigte sich außer der durch den physischen Schmerz hervorgerufenen Blässe noch eine kindliche Furcht vor den Leiden, denen sie nicht entrinnen konnte. »Non, c’est l’estomac … Nicht wahr, es ist doch der Magen, Marie, sag doch, daß es der Magen ist, sag doch …« und die kleine Fürstin brach, eigensinnig und etwas übertrieben jammernd wie ein kleines Kind, in Tränen aus und rang die kleinen Hände.
Prinzessin Marja verließ eilig das Zimmer und lief zu Marja Bogdanowna.
»Mon Dieu! Mon Dieu! Oh!« hörte sie hinter sich.
Sich die derben, kleinen, weißen Hände reibend, kam ihr die Hebamme schon mit vielsagend ruhigem Gesichtsausdruck entgegen.
»Marja Bogdanowna! Ich glaube, es geht los«, sagte Prinzessin Marja und sah die alte Frau mit großen, erschrockenen Augen an.
»Na, Gott sei Dank, Prinzessin«, erwiderte Marja Bogdanowna, ohne ihre Schritte zu beschleunigen. »Aber Sie als junges Mädchen dürfen doch davon gar nichts wissen.«
»Ist denn der Arzt aus Moskau noch nicht gekommen?« fragte die Prinzessin.
Auf Lisas und Andrejs Wunsch hatte man für den angenommenen Termin einen Geburtshelfer aus Moskau bestellt, der jeden Augenblick erwartet wurde.
»Machen Sie sich keine Sorge, Prinzessin«, entgegnete Marja Bogdanowna. »Es wird auch ohne Doktor alles gut gehen.«
Fünf Minuten später hörte Prinzessin Marja in ihrem Zimmer, wie etwas Schweres über den Korridor getragen wurde. Sie sah hinaus: ein paar Diener trugen das Ledersofa, das sonst immer in Fürst Andrejs Arbeitszimmer gestanden hatte, in das Schlafzimmer der kleinen Fürstin. Die Gesichter der Träger sahen ernst und feierlich aus.
Prinzessin Marja saß allein in ihrem Zimmer, horchte auf jedes Geräusch im Hause, machte ab und zu die Tür auf, wenn jemand vorbeiging, und beobachtete, was auf dem Korridor vor sich ging. Ein paar Frauen aus der Dienerschaft huschten mit leisen Schritten hin und her, sahen Prinzessin Marja an und wandten sich ab. Sie wagte es nicht, sie zu fragen, machte die Tür wieder zu und kehrte in ihr Zimmer zurück. Sie setzte sich in den Lehnstuhl, nahm ein Gebetbuch zur Hand und kniete dann vor dem Heiligenschrein nieder. Aber zu ihrem Kummer und ihrer Verwunderung fühlte sie, daß das Gebet ihrem erregten Herzen diesmal keine Ruhe brachte. Plötzlich ging die Tür ihres Zimmers leise auf und auf der Schwelle erschien ihre alte Kindermuhme Praskowja Sawischna, ein Tuch um den Kopf, die, nachdem es der Fürst einmal verboten hatte, fast nie mehr zu ihr aufs Zimmer zu kommen wagte.
»Ich wollte mich ein bißchen zu dir setzen, Maschenka«, sagte die Kindermuhme, »und hier habe ich die Traukerzen von Fürst Andrej und Fürstin Lisa mitgebracht, die wollen wir vor ihrem Schutzheiligen anzünden, mein Engelchen«, fügte sie seufzend hinzu.