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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Er nahm die Pistole in die Hand, fragte, wo man sie abdrücken müsse, da er bis auf den heutigen Tag noch nie eine Pistole in der Hand gehabt hatte, was er sich aber nicht merken lassen wollte.

»Ach ja, so war es, ich weiß, ich hatte es nur vergessen«, sagte er.

»Was da Entschuldigungen? Auf keinen Fall!« sagte Dolochow zu Denissow, der seinerseits auch einen Versöhnungsversuch gemacht hatte, und trat ebenfalls auf den ihm bezeichneten Platz.

Man hatte für das Duell eine kleine Lichtung im Fichtenwald ausgewählt, die etwa achtzig Schritt vom Wege, auf dem die Schlitten zurückgeblieben waren, entfernt lag und mit einer durch das Tauwetter der letzten Tage etwas zusammengeschmolzenen Schneedecke bedeckt war. Die Gegner standen, etwa vierzig Schritt voneinander entfernt, an den Rändern der Lichtung. Von dort, wo sie standen, bis an die Stelle, wo Neswizkijs und Denissows Säbel, die die Barriere bedeuten sollten, in den Schnee gesteckt waren, hatten die Sekundanten durch das Abmessen der Schritte in dem tiefen, weichen Schnee einen kleinen Weg gebahnt. Die Entfernung zwischen den Säbeln betrug zehn Schritt. Es taute immer noch und war neblig, so daß man auf vierzig Schritte nichts sehen konnte. Nach drei Minuten war alles fertig, aber man zögerte immer noch anzufangen. Alle schwiegen.

5

»Na los!« rief Dolochow.

»Auf was warten wir noch?« sagte Pierre, immer noch mit demselben Lächeln.

Allen war fürchterlich zumute. Es war klar, daß die Sache, die so leichthin angefangen hatte, jetzt nicht mehr aufzuhalten war, daß sie wie von selber, unabhängig von jedes Menschen Willen, ihren Lauf nahm und nun zu Ende geführt werden mußte. Denissow trat als erster bis an die Barriere vor und rief: »Da die Gegner eine Versöhnung abgelehnt haben, so wolle man bitte nun beginnen. Nehmen Sie die Pistolen und gehen Sie auf das Kommando ›Drei‹ aufeinander zu.«

»Eins … zwei … drei!« kommandierte Denissow zornig und trat beiseite.

Die beiden Gegner schritten in den vorgetretenen Wegen aufeinander zu und erkannten sich bald im Nebel. Sie hatten, während sie auf die Barriere zugingen, das Recht, zu schießen, wenn es ihnen beliebte. Dolochow ging langsam vor, hielt die Pistole gesenkt und sah dem Gegner mit seinen hellen, blitzenden blauen Augen fest ins Gesicht. Um seinen Mund spielte wie immer etwas wie ein Lächeln.

Pierre war bei dem Wort »Drei« mit hastigen Schritten vorwärts geeilt, war von dem gebahnten Weg abgekommen und im tiefen Schnee weitergegangen. Er hielt die Pistole vor sich in der ausgestreckten rechten Hand und hatte offenbar Angst, daß er sich selber damit verletzen könne. Die linke Hand hielt er sorgsam nach hinten, weil er immer in Versuchung war, die Rechte mit ihr zu unterstützen, und doch wußte, daß das nicht anging. Nachdem er sechs Schritte nach vorn und etwas abseits vom Weg in den Schnee gegangen war, sah er zuerst zu Boden, hob dann rasch seinen Blick zu Dolochow auf, streckte, wie man ihm gezeigt hatte, den Finger vor und schoß. Da er einen so starken Knall nicht erwartet hatte, fuhr er bei dem Schusse zusammen, lächelte aber dann selber über seinen Schreck und blieb stehen. Der Rauch, der infolge des Nebels besonders stark war, verhinderte ihn im ersten Augenblick, irgend etwas zu sehen, aber der Gegenschuß, auf den er wartete, erfolgte nicht. Er hörte nur die hastigen Schritte Dolochows und sah aus dem Rauch seine Gestalt auftauchen. Die eine Hand hatte er gegen die linke Seite gepreßt, die andere hing herunter und umklammerte krampfhaft die Pistole. Sein Gesicht war bleich. Rostow sprang auf ihn zu und sagte etwas zu ihm.

»Nei-ein«, stieß Dolochow zwischen den Zähnen hervor, »nein, nicht zu Ende.« Er machte noch ein paar unsichere, schwankende Schritte auf den Säbel zu und sank neben ihm in den Schnee. Seine linke Hand war voller Blut, er wischte sie an seinem Rock ab und stützte sich darauf. Er sah bleich und finster aus und zitterte.

»Wollen …« fing Dolochow an, konnte aber nicht zu Ende sprechen. »Wollen Sie bitte …« fügte er dann mit Anstrengung hinzu.

Pierre, der kaum ein Schluchzen unterdrücken konnte, lief auf Dolochow zu und wollte schon den Zwischenraum, der die Barrieren trennte, überschreiten, als Dolochow ihm zurief: »An die Barriere!« Da begriff Pierre, was er wollte, und blieb neben dem Säbel stehen. Sie waren nur noch zehn Schritte voneinander entfernt. Dolochow ließ den Kopf in den Schnee sinken, nahm lechzend etwas davon in den Mund, hob den Kopf wieder hoch, richtete sich auf, zog die Beine ein und setzte sich, um dadurch für die Last seines Körpers einen festen Halt zu bekommen. Er sog an dem kalten Schnee und schluckte ihn hinunter, seine Lippen zitterten, aber trotzdem lächelte er immer noch, und seine Augen blitzten vor Anstrengung und Feindseligkeit, während er seine letzten Kräfte sammelte. Er hob die Pistole auf und fing an zu zielen.

»Seitlich stellen! Sich mit der Pistole decken!« rief Neswizkij.

»Decken Sie sich doch!« schrie sogar Denissow, der sich nicht mehr halten konnte, seinem Gegner zu.

Pierre stand mit einem sanften Lächeln des Bedauerns und der Reue breitbeinig und die Arme auseinandergespreizt hilflos vor Dolochow da, bot ihm offen seine breite Brust und sah ihn traurig an. Denissow, Rostow und Neswizkij schlossen die Augen. Da hörten sie auch schon den Schuß Dolochows und gleichzeitig einen wütenden Schrei.

»Gefehlt!« schrie Dolochow und sank ohnmächtig mit dem Gesicht nach unten in den Schnee.

Pierre griff sich an den Kopf, wandte sich um, stampfte durch den hohen Schnee in den Wald hinein und stieß laut unzusammenhängende Worte aus.

»Dumm … dumm! Tod … Lüge …« wiederholte er immer wieder und runzelte die Stirn.

Neswizkij holte ihn ein und brachte ihn nach Hause.

Rostow und Denissow führten den verwundeten Dolochov zurück.

Dolochow lag schweigend und mit geschlossenen Augen im Schlitten und antwortete kein Wort auf die Fragen, die man ihm stellte. Als sie aber in Moskau einfuhren, kam er plötzlich zu sich, hob mit Mühe den Kopf hoch und ergriff Rostows Hand, der neben ihm saß. Rostow fiel der völlig veränderte, unerwartet zärtliche und erregte Ausdruck seines Gesichtes auf.

»Nun, wie steht’s? Wie fühlst du dich?« fragte Rostow.

»Schlecht. Aber das ist es nicht, mein Freund«, sagte Dolochow mit stockender Stimme. »Wo sind wir? In der Stadt, ich weiß. Mit mir hat das nichts auf sich, aber sie … sie habe ich getötet … Sie wird es nicht ertragen … sie wird es nicht ertragen …«

»Wer denn?« fragte Rostow.

»Meine Mutter. Meine engelsgute, angebetete Mutter.« Und Dolochow fing an zu weinen und drückte Rostows Hand.

Nachdem er etwas ruhiger geworden war, erzählte er Rostow, daß er mit seiner Mutter zusammen lebe und daß diese es niemals überleben würde, wenn sie ihn sterben sähe. Er flehte Rostow an, zu ihr hinzufahren und sie vorzubereiten.

Rostow fuhr voraus, um diesen Auftrag auszuführen, und erfuhr zu seinem größten Erstaunen, daß Dolochow, dieser Durchgänger und Raufbold, in Moskau mit einer alten Mutter und einer buckligen Schwester zusammen wohnte und der zärtlichste Sohn und Bruder war.

6

Pierre hatte seine Frau in letzter Zeit selten unter vier Augen gesehen. Sowohl in Petersburg als auch in Moskau hatten sie das Haus stets voller Gäste gehabt. In der auf das Duell folgenden Nacht ging er, wie er das oft zu tun pflegte, nicht in das Schlafzimmer, sondern blieb in dem großen Zimmer seines Vaters, in demselben, wo der alte Graf Besuchow gestorben war.

Er legte sich auf den Diwan und wollte schlafen, um alles zu vergessen, was mit ihm geschehen war, aber er konnte nicht. Ein solcher Sturm von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen erhob sich plötzlich in seiner Seele, daß er keinen Schlaf finden, ja nicht einmal ruhig liegen bleiben konnte, sondern aufspringen und mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab gehen mußte. Und er sah sie vor sich, wie er sie in der ersten Zeit nach der Hochzeit gesehen hatte, mit nackten Brüsten und müdem, leidenschaftlichem Blick, aber sogleich tauchte neben ihr das hübsche, freche, spöttische Gesicht Dolochows auf, wie er es bei dem Festessen gesehen hatte, und dann wieder das bleiche, zuckende, leidende Gesicht jenes Dolochow, der sich umgewandt hatte und in den Schnee gesunken war.

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