Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Er sah mich lange an, bevor er antwortete.
»Oh, aye«, sagte er ganz leise. »Aber im Moment ist sein Leben die Garantie für deins und Marsalis. Vielleicht für uns alle. Und deshalb bleibt er am Leben. Vorerst. Aber ich werde ihm Fragen stellen – und ich werde Antworten erhalten.«
Ich nickte wortlos, und er stand auf, um zu gehen. Doch mir kam noch ein Gedanke.
»Jamie!«
»Aye?« Er drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen um.
»Wo wir gerade von Antworten reden …« Mein Magen war verknotet und ballte sich jetzt noch fester zusammen, doch ich musste ihn fragen. »Als du – als wir … uns die Toten angesehen haben. Kannst du dich erinnern, ob einer von ihnen Indianer war? Ziemlich jung, mit langem, buschigem Haar?«
Im ersten Moment war seine Miene verständnislos, doch dann runzelte er konzentriert die Stirn. Die beiden steifen Finger seiner rechten Hand klopften gegen seinen Oberschenkel, und er schüttelte den Kopf.
»Das kann ich nicht sagen. Ich kann mich nicht an einen solchen Mann erinnern – aber ich habe die Toten nicht alle selbst gesehen. Warum?«
Ich hob den Deckel von meinem Blutegelgefäß und stieß einen seiner Bewohner sanft an. Er regte sich faul und entfaltete sich.
»Ich – ich sage es dir später. Du hast jetzt zu tun.« Mein Mund fühlte sich trocken an. »Wenn – wenn es Mr. Brown sehr schlechtgeht, Jamie, komm mich holen. Bitte?«
»Das werde ich«, sagte er. Er zog den Mund kraus, doch das Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen. »Ich will schließlich nicht, dass er von selber stirbt.«
Nachdem er gegangen war, blieb ich noch eine Weile in meinem Sprechzimmer sitzen. Nach meinem langsamen Auftauchen aus dem Schock hatte ich mich sicher gefühlt, beschützt von unserem Haus und unseren Freunden, von Jamie. Jetzt musste ich mich mit der Tatsache anfreunden, dass nichts sicher war – ich nicht, unser Haus nicht, unsere Freunde nicht … und ganz bestimmt nicht Jamie.
»Aber das bist du schließlich nie, nicht wahr, du verflixter Schotte?«, sagte ich laut und lachte schwach.
So zaghaft mein Lachen war, es weckte meine Lebensgeister. Ich erhob mich, von plötzlicher Entschlossenheit erfüllt, und machte mich daran, meine Schränke aufzuräumen, indem ich die Fläschchen der Größe nach sortierte, verstreute Kräuterreste wegfegte und alle Flüssigkeiten wegwarf, die mir schal oder verdächtig vorkamen.
Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, Marsali zu besuchen, aber Fergus hatte mir beim Frühstück erzählt, dass Jamie sie mit den Kindern zu den McGillivrays geschickt hatte, wo man sich um sie kümmern und wo sie in Sicherheit sein würde. Wenn es Sicherheit in Menschenmassen gab, war das Haus der McGillivrays zweifellos der richtige Ort dafür.
Dieses lag am Woolam’s Creek direkt neben Ronnie Sinclairs Küferwerkstatt und beherbergte eine brodelnde Masse menschlicher Herzlichkeit, die nicht nur Robin und Ute McGillivray, ihren Sohn Manfred und ihre Tochter Senga einschloss, sondern auch Ronnie, der als Untermieter bei ihnen wohnte. Das übliche Gewimmel wurde abwechselnd durch Senga McGillivrays Verlobten, Heinrich Strasse, und seine deutsche Verwandtschaft aus Salem verstärkt, als auch durch Inge und Hilde sowie deren Ehemänner und Kinder und die Verwandten der Ehemänner.
Fügte man dem noch die Männer hinzu, die sich täglich in Ronnies Werkstatt einfanden, weil sich diese als Rastplatz an der Straße nach Woolam’s Mill anbot, so war es unwahrscheinlich, dass irgendjemand Marsali und ihre Familie in diesem Gewühl bemerken würde. Bestimmt würde niemand versuchen, ihr dort etwas anzutun. Doch wenn ich sie dort besuchte …
Das Taktgefühl und die Diplomatie der Highlander waren eine Sache. Ihre Gastfreundschaft und Neugier waren eine andere. Wenn ich in Frieden zu Hause blieb, würde ich vermutlich auch in Frieden gelassen werden – zumindest vorerst. Wenn ich nur einen Fuß in die Nähe der McGillivrays setzte … Ich erbleichte bei dieser Vorstellung und beschloss hastig, Marsali eventuell morgen zu besuchen. Oder am Tag danach.
Das Haus umgab mich mit Frieden. Keine modernen Hintergrundgeräusche von Heizung, Ventilatoren, Wasserleitungen und Kühlschränken. Keine zischenden Zündflammen, keine summenden Kompressoren. Nur dann und wann das Ächzen eines Dachbalkens oder einer Bodendiele und das merkwürdige Schaben der Holzwespen, die unter der Dachtraufe ein Nest bauten.
Ich sah mich in der geordneten Welt meines Sprechzimmers um – schnurgerade Reihen glänzender Glasbehälter und Flaschen, mit trocknendem Pfeilwurz und Lavendel beladene Leinensiebe, Nesseln, Schafgarbe und Rosmarin, die in Bündeln von der Decke hingen. Adso, der zusammengerollt auf der Arbeitsplatte lag, den Schwanz ordentlich um die Füße gelegt, die Augen in schnurrender Selbstbetrachtung halb geschlossen.
Zu Hause. Ein leiser Schauer lief mir über den Rücken. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als allein zu sein, in Sicherheit und allein, in meinen eigenen vier Wänden.
Sicherheit. Mir blieb ein Tag, möglicherweise zwei, an dem das Haus noch Sicherheit bieten würde. Und dann …
Ich merkte, dass ich schon seit einiger Zeit still stand und ziellos in eine Dose mit gelben Tollkirschen starrte, rund und glänzend wie Murmeln. Langsam schloss ich das Gefäß und stellte es zurück in das Regal.
Was dann?
Es gab ständig irgendetwas zu tun – doch nichts wirklich Dringendes, da gerade niemand nach Essen, Kleidung oder Zuwendung schrie. Mit einem sehr merkwürdigen Gefühl spazierte ich eine Weile durch das Haus und ging schließlich in Jamies Studierzimmer, wo ich sein Bücherregal durchstöberte, bis ich mich für Henry Fieldings Tom Jones entschied.
Ich wusste gar nicht mehr, wie lange es schon her war, dass ich zuletzt einen Roman gelesen hatte. Und das am helllichten Tag! Mit einem angenehmen Gefühl der Verruchtheit setzte ich mich in meinem Sprechzimmer ans offene Fenster und begab mich entschlossen in eine Welt, die weit von der meinen entfernt lag.
Ich verlor jedes Zeitgefühl und bewegte mich nur, um die Insekten zu vertreiben, die durch das offene Fenster hereinkamen, oder um Adso geistesabwesend den Kopf zu kraulen, wenn er mich anstupste. Dann und wann driftete mir ein Gedanke an Jamie und Lionel Brown durch den Hinterkopf, doch ich schob ihn jedes Mal beiseite wie die Grashüpfer oder Mücken, die auf meiner Buchseite landeten. Was auch immer in der Hütte der Bugs geschah, war schon geschehen oder würde geschehen – ich konnte mich einfach nicht damit befassen. Während des Lesens bildete sich die Seifenblase um mich herum von neuem, angefüllt mit vollkommener Stille.
Die Sonne hatte ihren Weg am Himmel schon halb hinter sich, als sich ein schwaches Hungergefühl regte. Erst als ich aufblickte, mir die Stirn rieb und mich abwesend fragte, ob wohl noch Schinken übrig war, sah ich, dass ein Mann in der Tür zum Sprechzimmer stand.
Ich schrie auf und sprang hoch, und Henry Fielding segelte durch das Zimmer.
»Bitte um Verzeihung, Mistress!«, platzte Thomas Christie heraus. Er sah beinahe genauso erschrocken aus, wie ich mich fühlte. »Ich wusste nicht, dass Ihr mich nicht gehört hattet.«
»Nein. Ich – ich – habe gelesen.« Ich zeigte wie ein Idiot auf das Buch auf dem Boden. Mein Herz hämmerte, und das Blut rauschte scheinbar ziellos in meinem Körper hin und her, so dass mein Gesicht errötete, meine Ohren dröhnten und meine Finger kribbelten, ohne dass ich es hätte kontrollieren können.
Er bückte sich, um das Buch aufzuheben, und strich den Umschlag mit der Sorgfalt eines Menschen glatt, der Bücher zu schätzen weiß, obwohl das Buch selbst schon mitgenommen war und sein Umschlag mit Ringabdrücken übersät war, weil jemand feuchte Gläser oder Flaschen darauf abgestellt hatte. Jamie hatte es als Teil der Bezahlung für eine Ladung Kaminholz vom Betreiber eines Wirtshauses in Cross Creek bekommen; ein Gast hatte es vor Monaten dort liegengelassen.
»Ist denn niemand hier, der sich um Euch kümmert?«, fragte er und sah sich stirnrunzelnd um. »Soll ich meine Tochter holen gehen?«
»Nein. Ich meine – ich brauche niemanden. Es geht mir gut. Was ist mit Euch?«, fragte ich schnell, um weiteren Äußerungen der Besorgnis zuvorzukommen. Er warf einen Blick auf mein Gesicht, dann wandte er hastig die Augen ab. Als er sie sorgfältig auf die Gegend meines Schlüsselbeins gerichtet hatte, legte er das Buch auf den Tisch und hielt mir seine rechte Hand hin, die in ein Tuch gewickelt war.