Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Oh.« Ich schluckte einen Anflug von Übelkeit herunter und griff nach einer Prise Schafgarbe, um sie der Salbe hinzuzufügen, die ich für Jamie zubereitete. Sie hatte einen schwach adstringierenden Geruch, der zu helfen schien.
»Aber – möglicherweise lässt du ihn doch am Leben?«
»Vielleicht. Möglich, dass ich ihn gegen Lösegeld an seinen Bruder herausgebe – kommt ganz darauf an.«
»Weißt du, du klingst genau wie dein Onkel Colum. Er hätte sich dieselben Gedanken gemacht.«
»Ach ja?« Sein Mundwinkel verzog sich sacht nach oben. »Darf ich das als Kompliment betrachten, Sassenach?«
»Das kannst du gern tun.«
»Aye, schön«, sagte er nachdenklich. Seine steifen Finger klopften auf die Tischplatte, und er zuckte schwach zusammen, als die Bewegung den verletzten Finger durchfuhr. »Colum hatte eine Burg. Und bewaffnete Clansmänner unter seinem Befehl. Mir würde es schon eher Schwierigkeiten bereiten, dieses Haus gegen einen Raubzug zu verteidigen.«
»Ist es das, was du mit ›Kommt ganz darauf an‹ meinst?« Bei dieser Vorstellung wurde mir ganz benommen zumute; der Gedanke, dass jemand das Haus mit Waffengewalt angreifen könnte, um Lionel Brown zu befreien, war mir gar nicht gekommen – und ich begriff, dass die Voraussicht, mit der Jamie Mr. Brown anderswo untergebracht hatte, nicht nur der Schonung meines Zartgefühls gegolten hatte.
»Unter anderem.«
Ich vermischte meine zerstoßenen Kräuter mit etwas Honig und ließ dann einen Schuss gereinigtes Bärenschmalz in den Mörser tropfen.
»Ich gehe nicht davon aus«, sagte ich, den Blick auf meine Mixtur gerichtet, »dass es Zweck hat, Lionel Brown den – den Autoritäten zu übergeben?«
»An welche Autoritäten dachtest du denn da, Sassenach?«, fragte er trocken.
Dieser Teil des Hinterlandes hatte sich noch nicht zu einem Distrikt formiert, obwohl es Bestrebungen in dieser Richtung gab. Wenn Jamie Mr. Brown an den Sheriff des Nachbardistrikts auslieferte, um ihn dort der Gerichtsbarkeit zu überlassen … Tja, nein, vielleicht keine gute Idee. Brownsville lag gerade eben innerhalb der Grenzen des Nachbardistrikts, und der amtierende Sheriff hieß in der Tat Brown.
Ich biss mir auf die Lippe und überlegte. In Zeiten nervlicher Belastung neigte ich immer noch dazu, als das zu reagieren, was ich war – eine Engländerin, die es gewohnt war, sich wie selbstverständlich auf Gesetz und Regierung zu verlassen. Nun gut, Jamie hatte recht; das zwanzigste Jahrhundert hatte seine eigenen Gefahren, aber einiges hatte sich auch verbessert. Doch jetzt schrieben wir das Jahr 1773, und in der Kolonialregierung zeigten sich bereits Risse und Spalten, erste Anzeichen des bevorstehenden Zusammenbruchs.
»Vielleicht könnten wir ihn ja nach Cross Creek bringen.« Farquard Campbell war dort Friedensrichter – und er war mit Jamies Tante Jocasta Cameron befreundet. »Oder nach Wilmington.« Gouverneur Martin und der Großteil des Königlichen Rates residierten in Wilmington. »Hillsboro vielleicht?« Das war der Sitz des Berufungsgerichtes.
»Mmpfm.«
Dieses Geräusch verriet, wie sehr es Jamie widerstrebte, Mr. Brown vor irgendeins dieser Gerichte zu zerren, ganz zu schweigen davon, dem hochgradig unverlässlichen – und häufig korrupten – Gerichtssystem eine Angelegenheit von Bedeutung anzuvertrauen. Ich hob den Kopf und erwiderte seinen Blick, der humorvoll, aber trostlos war. Ich mochte als das reagieren, was ich war, doch Jamie tat es auch.
Und Jamie war ein Gutsherr der Highlands, der es gewohnt war, seinen eigenen Gesetzen zu folgen und seine eigenen Schlachten zu schlagen.
»Aber –«, setzte ich an.
»Sassenach«, sagte er ganz sanft. »Was ist mit den anderen?«
Die anderen. Ich erstarrte, gelähmt von der plötzlichen Erinnerung; ein großer Trupp schwarzer Gestalten, die aus dem Wald kamen, die Sonne im Rücken. Aber dieser Trupp hatte sich geteilt. Sie hatten vorgehabt, sich nach drei Tagen in Brownsville wieder zu treffen – heute, um genau zu sein.
Wir konnten davon ausgehen, dass vorerst noch niemand aus Brownsville wusste, was geschehen war – dass Hodgepile und seine Männer tot waren oder dass Lionel Brown in Fraser’s Ridge gefangen gehalten wurde. Doch angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich Neuigkeiten in den Bergen verbreiteten, würde es innerhalb einer Woche jeder wissen.
In dem Aufruhr nach meinem Schockzustand hatte ich irgendwie die Tatsache übersehen, dass eine Reihe der Banditen nach wie vor auf freiem Fuß war – und dass sie sowohl wussten, wer ich war, als auch, wo ich wahrscheinlich zu finden sein würde. Würde ihnen klar sein, dass ich sie gar nicht identifizieren konnte? Geschweige denn bereit sein würde, dieses Risiko einzugehen?
Offenbar war Jamie nicht bereit, das Risiko einzugehen, Fraser’s Ridge zu verlassen, um Lionel Brown an einen anderen Ort zu bringen.
»Oh.« Ich schluckte und lenkte ein wenig vom Thema ab.
»Warum hast du Ian gesagt, dass ich Mr. Brown nicht sehen darf?«
»Das habe ich nicht gesagt. Aber ich halte es für besser, wenn du ihn nicht siehst, das ist wahr.«
»Weil?«
»Weil du einen Eid abgelegt hast«, sagte er und klang etwas überrascht, dass ich nicht automatisch darauf gekommen war. »Kannst du es ertragen, einen Verletzten zu sehen und ihn leiden zu lassen?«
Die Salbe war fertig. Ich wickelte seinen Finger aus, der aufgehört hatte zu bluten, und drückte so viel Salbe wie möglich unter den beschädigten Nagel.
»Wahrscheinlich nicht«, sagte ich und hielt den Blick auf meine Arbeit gerichtet. »Aber warum –«
»Wenn du ihn behandelst und pflegst – und ich dann beschließe, dass er sterben muss?« Er ließ seinen Blick fragend auf mir ruhen. »Wie wäre das für dich?«
»Nun, das wäre ein wenig unangenehm«, sagte ich und holte tief Luft, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Ich wickelte einen schmalen Leinenstreifen um den Nagel und verknotete ihn. »Aber trotzdem …«
»Trotzdem möchtest du dich um ihn kümmern? Warum?« Er klang neugierig, aber nicht wütend. »Ist dein Eid denn so stark?«
»Nein.« Ich stützte mich mit beiden Händen an der Tischkante ab; meine Knie schienen plötzlich nachzugeben.
»Weil ich froh bin, dass sie tot sind«, flüsterte ich mit gesenktem Kopf. Meine Hände waren wund, und ich arbeitete ungeschickt, weil meine Finger immer noch geschwollen waren; tiefrote Striemen waren immer noch in die Haut meiner Handgelenke gegraben. »Und ich empfinde große –« Was? Angst; Angst vor den Männern, Angst vor mir selbst. Eine grauenhafte Art von Erregung. »Scham«, sagte ich. »Ich schäme mich furchtbar.« Ich blickte zu ihm auf. »Und das hasse ich.«
Er hielt mir die Hand entgegen und wartete. Er war so klug, mich nicht zu berühren; ich hätte in dieser Minute keine Berührung ertragen. Ich ergriff sie nicht, nicht sogleich, obwohl ich es gern getan hätte. Ich wandte den Blick ab und redete mit Hochgeschwindigkeit auf Adso ein, der auf der Arbeitsplatte erschienen war und mich mit seinem unergründlichen, grünen Blick betrachtete.
»Wenn ich – ich denke pausenlos … wenn ich ihn sähe, ihm helfen würde – Himmel, nicht, dass ich das will, ganz und gar nicht! Aber wenn ich es könnte – dass es vielleicht … irgendwie helfen würde.« Dann blickte ich auf und fühlte mich von den Toten heimgesucht. »Abbitte zu leisten.«
»Weil du froh bist, dass sie tot sind – und weil du dir auch seinen Tod wünschst?«, fragte Jamie sanft.
Ich nickte und fühlte mich, als sei ein kleines, schweres Gewicht von mir genommen worden, als er diese Worte aussprach. Ich konnte mich nicht erinnern, seine Hand ergriffen zu haben, aber sie hielt die meine fest umfasst. Blut sickerte durch den Verband an seinem Finger, doch er beachtete es nicht.
»Möchtest du ihn töten?«, fragte ich.