Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Onkel Jamie hat vor, seine Fragen zu stellen«, antwortete er und warf mir einen vorsichtigen Blick zu, während er nach dem Brot griff.
»Ach, wirklich?«, sagte ich verständnislos, doch bevor ich mich erkundigen konnte, was er damit meinte, verkündete das Geräusch von Schritten auf dem Weg Fergus’ Ankunft.
Er sah aus, als hätte er im Wald geschlafen – nun ja, dachte ich, das hatte er ja auch. Oder vielmehr hatte er nicht geschlafen; die Männer hatten während ihrer Verfolgung der Hodgepile-Bande kaum Rast gemacht. Fergus hatte sich zwar rasiert, aber sein normalerweise tadelloses Aussehen ließ heute zu wünschen übrig, und sein attraktives Gesicht war eingefallen, die tiefliegenden Augen von Schatten umringt.
»Milady«, murmelte er und bückte sich unerwarteterweise, um mir die Wange zu küssen, die Hand auf meiner Schulter. »Comment ça va?«
»Très bien, merci«, erwiderte ich und lächelte zaghaft. »Wie geht es Marsali und den Kindern? Und unserem Helden Germain?« Ich hatte Jamie auf dem Rückweg nach Marsali gefragt, und er hatte mir versichert, dass es ihr gutging. Germain, das kleine Äffchen, war geradewegs auf einen Baum geklettert, als er Hodgepiles Männer kommen hörte. Von dort oben hatte er alles gesehen, und sobald die Männer aufgebrochen waren, war er hinuntergeklettert, hatte seine halb bewusstlose Mutter vom Feuer weggezerrt und schnellstens Hilfe geholt.
»Ah, Germain«, sagte Fergus, und ein schwaches Lächeln hob für einen Moment die Schatten der Erschöpfung. »Notre p’tit guerrier. Er sagt, Grand-père hat ihm eine eigene Pistole versprochen, damit er auf böse Menschen schießen kann.«
Damit war es Grand-père zweifellos ernst, dachte ich. Mit einer Muskete kam Germain nicht zurecht, da er selbst ein ganzes Stück kürzer war als die Waffe – aber eine Pistole würde funktionieren. In meinem gegenwärtigen Geisteszustand erschien mir die Tatsache, dass Germain erst sechs war, nicht besonders wichtig.
»Hast du schon gefrühstückt, Fergus?« Ich schob die Kanne zu ihm hinüber.
»Non. Merci.« Er bediente sich mit kaltem Gebäck, Schinken und Kaffee, obwohl mir auffiel, dass er ohne großen Appetit aß.
Wir saßen alle drei schweigend da, tranken Kaffee und lauschten den Vögeln. Carolina-Zaunkönige hatten ihr Nest unter der Traufe des Hauses gebaut, und die Vogeleltern sausten direkt über unseren Köpfen ein und aus. Ich konnte das schrille Zwitschern der Jungen hören und sah Zweige und leere Eierschalen auf der Veranda verstreut liegen.
Der Anblick der Eierschale erinnerte mich an Monsieur l’Œuf. Ja, das war es, was ich tun würde, beschloss ich, ein wenig erleichtert, weil ich jetzt etwas Bestimmtes vorhatte. Ich würde nachher Marsali besuchen. Und vielleicht auch Mrs. Bug.
»Hast du Mrs. Bug heute Morgen schon gesehen?«, fragte ich an Ian gewandt. Seine Hütte – kaum mehr als ein mit Zweigen bedeckter Schuppen – stand gleich hinter der der Bugs; er musste auf dem Weg zum Haus bei ihnen vorbei.
»Oh, aye«, sagte er mit überraschter Miene. »Sie hat gerade gefegt, als ich vorbeigekommen bin. Hat mir Frühstück angeboten, aber ich habe ihr gesagt, ich würde hier essen. Ich wusste doch, dass Onkel Jamie Schinken hat, aye?« Er grinste und hob zur Illustration sein viertes Schinkenbrötchen.
»Dann fehlt ihr also nichts? Ich dachte, sie wäre womöglich krank; normalerweise ist sie meistens ganz früh hier.«
Ian nickte und biss herzhaft in sein Brötchen.
»Aye, sie wird wohl beschäftigt sein, weil sie sich um den ciomach kümmert.«
Mein brüchiges Wohlgefühl zerbarst wie die Zaunkönigeier. Ein ciomach war ein Gefangener. In meiner schwammigen Euphorie war es mir irgendwie gelungen, die Existenz Lionel Browns zu vergessen.
Ians Bemerkung, dass Jamie vorhatte, heute Morgen Fragen zu stellen, fügte sich plötzlich in einen Zusammenhang – genau wie Fergus’ Anwesenheit. Und das Messer, das Ian geschärft hatte.
»Wo ist Jamie?«, fragte ich schwach. »Habt ihr ihn gesehen?«
»Oh, aye«, sagte Ian erneut überrascht. Er schluckte und wies mit dem Kinn zur Tür. »Er ist nur draußen in der Werkstatt und macht neue Schindeln. Er sagt, das Dach hat ein Leck.«
Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als es oben auf dem Dach hämmerte. Natürlich, dachte ich. Eins nach dem anderen. Doch schließlich würde Lionel Brown auch nirgendwo hingehen.
»Vielleicht … sollte ich einen Blick auf Mr. Brown werfen«, sagte ich und schluckte.
Ian und Fergus wechselten einen Blick.
»Nein, Tante Claire, das solltest du nicht«, sagte Ian ganz ruhig, aber mit einer Autorität, die ich von ihm nicht gewohnt war.
»Wie zum Kuckuck meinst du das?« Ich starrte ihn an, aber er aß einfach nur weiter, wenn auch etwas langsamer.
»Milord sagt, Ihr sollt es nicht tun«, bekräftigte Fergus und ließ einen Löffel Honig in seinen Kaffee rinnen.
»Was sagt er?«, fragte ich ungläubig.
Keiner von ihnen wagte es, mich anzusehen, aber sie schienen dichter zusammenzurücken und strahlten eine widerstrebende Art sturer Widersetzlichkeit aus. Jeder von ihnen würde alles tun, was ich verlangte, das wusste ich – außer Jamie zu trotzen. Wenn Jamie der Meinung war, dass ich nicht nach Mr. Brown sehen sollte, würden mir weder Ian noch Fergus dabei behilflich sein.
Ich ließ den Löffel, an dem noch ungegessene Klümpchen klebten, zurück in meine Porridgeschale fallen.
»Hat er zufällig auch erwähnt, warum er meint, dass ich Mr. Brown nicht besuchen soll?«, fragte ich, angesichts der Umstände überraschend ruhig.
Beide Männer sahen verblüfft aus, dann wechselten sie erneut einen Blick, diesmal länger.
»Nein, Milady«, sagte Fergus ohne jeden Ausdruck in der Stimme.
Es folgte ein kurzes Schweigen, während sie beide zu überlegen schienen. Dann sah Fergus Ian an und überließ ihm achselzuckend das Wort.
»Nun, verstehst du, Tante Claire«, sagte Ian vorsichtig, »wir haben vor, den Mann zu verhören.«
»Und wir werden unsere Antworten bekommen«, sagte Fergus, den Blick auf den Löffel gerichtet, mit dem er seinen Kaffee umrührte.
»Und wenn Onkel Jamie sicher ist, dass er uns alles gesagt hat, was er sagen kann …«
Ian hatte das frisch geschliffene Messer neben seinem Teller auf dem Tisch liegen. Er nahm es in die Hand und zog es nachdenklich der Länge nach über eine Wurst, deren Hülle prompt aufplatzte und das Aroma von Salbei und Knoblauch entweichen ließ. Dann blickte er auf und sah mir direkt in die Augen. Und mir wurde klar, dass ich zwar nach wie vor ich sein mochte – dass Ian aber längst nicht mehr der Junge von früher war. Ganz und gar nicht.
»Dann werdet ihr ihn umbringen?«, sagte ich, und meine Lippen waren trotz des heißen Kaffees taub.
»O ja«, sagte Fergus ganz leise. »Davon gehe ich aus.« Auch er sah mir jetzt in die Augen. Seine Miene war trostlos und grimmig, und seine tiefliegenden Augen waren so hart wie Stein.
»Er – es – ich meine … er ist es doch nicht gewesen«, sagte ich. »Das wäre doch gar nicht möglich gewesen. Er hatte sich doch schon das Bein gebrochen, als –« Mir schien die Luft zu fehlen, um meine Sätze zu beenden. »Und Marsali. Das war nicht – ich glaube nicht, dass er …«
Etwas veränderte sich hinter Ians Augen, als er begriff, was ich sagte. Er presste die Lippen fest zusammen, und er nickte.
»Gut für ihn«, sagte er knapp.
»Auch gut«, kam Fergus’ Echo, »aber ich glaube nicht, dass es letztendlich eine Rolle spielen wird. Wir haben die anderen getötet – warum sollte er am Leben bleiben?« Er stieß sich vom Tisch ab und ließ seinen Kaffee stehen. »Ich denke, ich gehe jetzt, Vetter.«
»Aye? Dann begleite ich dich.« Ian schob seinen Teller von sich und nickte mir zu. »Kannst du Onkel Jamie sagen, dass wir schon vorgegangen sind, Tante Claire?«