Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
So unbedeutend dieser Beschluss auch war, danach ging es mir sofort besser, und ich fühlte mich weniger wackelig. Seit Hodgepile und seine Männer beim Malzschuppen aufgetaucht waren, war ich vollständig in der Hand anderer gewesen und hatte keinen unabhängigen Schritt tun können. Zum ersten Mal seit Tagen – es kam mir viel länger vor – konnte ich selbst entscheiden, was ich tun würde. Diese Freiheit kam mir sehr kostbar vor.
Nun gut, dachte ich. Was würde ich also tun? Ich würde … Kaffee trinken. Eine Scheibe Toast essen? Nein. Ich tastete vorsichtig mit der Zunge in meinem Mund umher; auf der einen Seite hatte ich mehrere lose Zähne, und meine Kiefermuskeln waren so wund, dass ernsthaftes Kauen nicht in Frage kam. Also nur Kaffee, und während ich ihn trank, würde ich entscheiden, wie mein Tag ablaufen sollte.
Zufrieden mit diesem Plan, stellte ich den einfachen Holzbecher zurück und deckte den Tisch stattdessen mit einer einzelnen Porzellantasse und -untertasse, ein zartes, mit Veilchen handbemaltes Stück, das Jocasta mir geschenkt hatte.
Jamie hatte vorhin schon das Feuer gestocht, und das Wasser im Kessel kochte: Ich schöpfte etwas Wasser, um die Kanne zu wärmen, spülte sie durch und öffnete die Hintertür, um es auszuschütten. Zum Glück sah ich zuerst hinaus.
Ian saß im Schneidersitz auf der Veranda, einen kleinen Schleifstein in der einen Hand, ein Messer in der anderen.
»Guten Morgen, Tante Claire«, sagte er fröhlich und zog das Messer über den Stein. Daher stammte das leise, monotone Schabegeräusch, das ich vorhin gehört hatte. »Geht’s dir besser?«
»Ja, gut«, versicherte ich ihm. Er zog skeptisch eine Augenbraue hoch und betrachtete mich von oben bis unten.
»Nun, besser, als du aussiehst, hoffe ich.«
»So gut nun auch wieder nicht«, sagte ich schnippisch, und er lachte. Er legte Messer und Schleifstein beiseite und stand auf. Er war inzwischen viel größer als ich und hatte beinahe Jamies Körpergröße erreicht, wenn auch nicht sein Gewicht. Er hatte den sehnigen Körperbau seines Vaters geerbt, zusammen mit dem Humor des älteren Ian – und seiner Zähigkeit.
Er fasste mich an den Schultern und drehte mich zum Sonnenlicht, und als er mich dann näher betrachtete, schürzte er die Lippen. Ich blinzelte zu ihm auf und malte mir aus, wie ich wohl aussehen musste. Ich hatte noch nicht die Nerven gehabt, in einen Spiegel zu schauen, aber ich wusste, dass die Prellungen gerade jetzt von ihren ursprünglichen Schwarz- und Rottönen in eine bunte Mischung aus Blau, Grün und Gelb übergehen mussten. Fügte man noch das verkrustete Schwarz der aufgeplatzten Lippe und der anderen kleinen Wunden hinzu, ergab sich bestimmt ein Bild tadelloser Gesundheit.
Ians sanfte Haselaugen sahen mir konzentriert ins Gesicht, ohne jedoch Überraschung oder Bestürzung an den Tag zu legen. Schließlich ließ er mich los und klopfte mir sacht auf die Schulter.
»Du machst das schon, Tante Claire«, sagte er. »Du bist es doch immer noch, oder?«
»Ja«, sagte ich. Und ohne jede Warnung stiegen mir die Tränen in die Augen und liefen über. Ich wusste genau, was er damit gemeint und warum er es gesagt hatte – und es stimmte.
Ich fühlte mich, als hätte sich mein Innerstes plötzlich verflüssigt und strömte aus; nicht vor Trauer, vor Erleichterung. Ich war immer noch ich. Zerbrechlich, geschunden, wund und argwöhnisch – aber ich selbst. Erst als mir das klarwurde, begriff ich, wie sehr ich mich davor gefürchtet hatte, es nicht zu sein – dass ich aus dem Schockzustand auftauchen und feststellen würde, dass ich mich unwiderruflich verändert, einen lebenswichtigen Teil meiner selbst für ewig verloren hatte.
»Mir fehlt nichts«, versicherte ich Ian und wischte mir hastig mit der Schürze über die Augen. »Nur ein bisschen –«
»Aye, ich weiß«, sagte er und nahm mir die Kanne ab, um das Wasser am Wegrand ins Gras zu schütten. »Es ist ein bisschen seltsam, aye? Zurückzukommen?«
Ich nahm die Kaffeekanne wieder an mich und drückte ihm dabei fest die Hand. Er war schon zweimal aus der Gefangenschaft heimgekehrt, war aus Geillis Duncans seltsamer Festung auf Jamaika gerettet worden, um sich später für das Exil bei den Mohawk zu entscheiden. Er war auf dieser Reise zum Mann geworden, und ich fragte mich in der Tat, welche Teile seiner selbst er unterwegs hinter sich gelassen hatte.
»Möchtest du Frühstück, Ian?«, fragte ich schniefend und betupfte vorsichtig meine geschwollene Nase.
»Aber natürlich«, sagte er grinsend. »Komm und setz dich, Tante Claire – ich mache es.«
Ich folgte ihm ins Haus, goss den Kaffee auf und ließ ihn ziehen, dann setzte ich mich an den Tisch, ließ mir die Sonne durch die offene Tür auf den Rücken scheinen und sah zu, wie Ian in der Vorratskammer umherstöberte. Mein Verstand fühlte sich schwammig an, zu keinem Gedanken fähig, doch ein Gefühl des Friedens stahl sich über mich, grün und sanft wie das wogende Licht, das durch die Kastanienbäume fiel. Selbst das Pochen und Ziehen hier und dort erschien mir angenehm, denn es gab mir das Gefühl, dass im Stillen meine Heilung vor sich ging.
Ian breitete eine Ladung zusammengesuchter Lebensmittel auf dem Tisch aus und setzte sich mir gegenüber.
»Geht es, Tante Claire?«, fragte er erneut und zog eine seiner fedrigen Augenbrauen hoch, die er von seinem Vater geerbt hatte.
»Ja. Allerdings ist es ein Gefühl, als säße man auf einer Seifenblase, nicht wahr?« Ich sah ihn an, während ich uns Kaffee einschenkte, aber er hielt den Blick auf das Stück Brot gesenkt, das er gerade mit Butter bestrich. Ich hatte den Eindruck, dass sich seine Lippen zu einem kleinen Lächeln verzogen, konnte es aber nicht mit Gewissheit sagen.
»Etwas in der Art«, sagte er leise.
Die Hitze des Kaffees wärmte mir durch das Porzellan hindurch die Hände, sein Aroma strich wohltuend über die wunden Schleimhäute meiner Nase und meines Gaumens. Ich fühlte mich, als hätte ich stundenlang geschrien, konnte mich aber an nichts dergleichen erinnern. Hatte ich geschrien, mit Jamie in der letzten Nacht?
Eigentlich hätte ich lieber gar nicht an letzte Nacht gedacht; sie war Teil des Seifenblasengefühls. Jamie war schon fort gewesen, als ich erwachte, und ich war mir nicht sicher, ob ich darüber froh oder traurig war.
Ian redete nicht, sondern futterte sich konzentriert durch einen halben Brotlaib mit Butter und Honig, drei Rosinenmuffins, zwei dicke Scheiben Schinken und einen Krug Milch. Ich sah, dass Jamie gemolken hatte; er benutzte immer den blauen Sahnekrug, während Mr. Wemyss den weißen nahm. Ich fragte mich vage, wo Mr. Wemyss wohl war – ich hatte ihn noch nicht gesehen, und das Haus fühlte sich leer an –, aber eigentlich interessierte es mich gar nicht. Mir kam der Gedanke, dass Jamie möglicherweise Mr. Wemyss und Mrs. Bug gebeten hatte, sich eine Weile vom Haus fernzuhalten, weil er glaubte, dass ich vorerst lieber allein blieb.
»Noch Kaffee, Tante Claire?«
Auf mein Nicken hin erhob sich Ian vom Tisch, nahm die Karaffe vom Regal und goss einen großen Schluck Whisky in meine Tasse, bevor er sie wieder füllte.
»Mama hat immer gesagt, das hilft gegen alles«, sagte er.
»Deine Mutter hat recht. Möchtest du auch einen Schluck?«
Er atmete den aromatischen Duft ein, schüttelte aber den Kopf. »Nein, ich glaube nicht, Tante Claire. Ich brauche heute Morgen einen klaren Kopf.«
»Wirklich? Warum?« Der Porridge im Topf war zwar keine neun Tage alt – nicht ganz –, aber er stand schon drei oder vier Tage da. Natürlich; es war ja niemand da gewesen, der ihn hätte essen können. Ich warf einen kritischen Blick auf die zementartige Masse, die an meinem Löffel klebte, beschloss, dass er noch weich genug zum Essen war, und beträufelte ihn mit Honig.
Ian kämpfte gerade mit einem Löffel derselben Substanz und brauchte einen Moment, um seinen Gaumen davon zu befreien, bevor er antwortete.