Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #5
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Zum zweiten Mal in dieser Nacht fuhren die Männer von ihren Schlaflagern hoch und griffen nach ihren Gewehren. Langsam kam mir der Gedanke, dass der Gouverneur seine Freude an dieser Miliz haben würde; sie waren jedenfalls allzeit bereit, in Sekundenschnelle zur Tat zu schreiten.
»Was zum Teufel …?«, sagte ich zu Roger und wischte mir den Kaffee von den Augenbrauen.
»Vielleicht hätte ich ihn nicht so plötzlich darauf ansprechen sollen«, sagte er.
»Was? Was? Was ist denn los?«, bellte Murdo Lindsay und sah sich funkelnd um, während er seinen Gewehrlauf an den dunklen Bäumen entlangschweifen ließ.
»Werden wir angegriffen? Wo sind die Schufte?« Kenny richtete sich neben mir auf die Hände und Knie auf und blinzelte unter dem Bund seiner Strickmütze hervor wie eine Kröte unter einer Gießkanne.
»Nichts. Gar nichts ist. Ich meine – es ist wirklich alles in Ordnung!«
Meine Beruhigungs- und Erklärungsversuche gingen im allgemeinen Aufruhr mehr oder weniger unter. Allerdings gelang es Roger, der sehr viel größer und lauter war als ich, schließlich, die Unruhe zu beenden und die Dinge zu erklären – soweit sie zu erklären waren. Was zählte schon ein Junge mehr oder weniger? Unter beträchtlichem Murren legten sich die Männer erneut zur Ruhe, bis nur noch Roger und ich übrig waren und uns gegenseitig über die Kaffeekanne hinweg anstarrten.
»Was war es denn?«, fragte ich leicht gereizt.
»Die Narbe? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es der Buchstabe ›D‹ war – ich habe es gesehen, als du ihm den Kaffee gegeben hast und er seine Hand um den Becher gelegt hat.«
Mir ballte sich der Magen zusammen. Ich wusste, was das bedeutete; ich hatte es schon öfter gesehen.
»Dieb«, sagte Roger, den Blick auf mein Gesicht geheftet. »Man hat ihn gebrandmarkt.«
»Ja«, sagte ich unglücklich. »O je.«
»Würden die Leute in Fraser’s Ridge ihn nicht akzeptieren, wenn sie davon wüssten?«, fragte Roger.
»Ich bezweifle, dass es die meisten von ihnen überhaupt interessieren würde«, sagte ich. »Das ist es nicht; es ist die Tatsache, dass er weggelaufen ist, als du ihn darauf angesprochen hast. Er ist nicht nur ein überführter Dieb – ich fürchte, dass er auf der Flucht ist. Und Jamie hat ihn beim gathering an seine Seite gerufen.«
»Ah.« Roger kratzte sich geistesabwesend den Backenbart. »Earbsachd. Jamie wird sich ihm verpflichtet fühlen.«
»Etwas in der Art.«
Roger war Schotte und – zumindest theoretisch – Highlander. Aber er war lange nach dem Untergang der Clans zur Welt gekommen, und weder Geschichte noch Tradition konnten ihm eine Vorstellung von der Kraft des uralten Bandes zwischen Gutsherrn und Pächter vermitteln, zwischen Häuptling und Clansmann. Wahrscheinlich hatte Josiah ja selbst keine Ahnung von der Wichtigkeit des earbsachd-Versprechens – von dem, was auf beiden Seiten versprochen und akzeptiert worden war. Jamie dagegen schon.
»Glaubst du, Jamie erwischt ihn?«, fragte Roger.
»Ich nehme an, er hat ihn schon. Er kann im Dunkeln die Spur des Jungen nicht verfolgen, und wenn er ihm entwischt wäre, wäre er längst wieder hier.«
Es gab noch andere Möglichkeiten – dass Jamie in der Dunkelheit von einem Felsvorsprung gestürzt war, dass er über einen Stein gestolpert war und sich das Bein gebrochen hatte, oder dass er beispielsweise einer Raubkatze oder einem Bären begegnet war – aber ich zog es vor, darüber nicht nachzudenken.
Ich stand auf, reckte meine steifen Glieder und spähte in den Wald, wo Jamie und seine Beute verschwunden waren. Josiah mochte ja ein guter Waldläufer und Jäger sein, aber Jamie war beides schon viel länger. Josiah war klein, flink und von Angst beflügelt; Jamie war ihm an Größe, Kraft und purer Sturheit weit überlegen.
Roger stellte sich neben mich. Sein hageres Gesicht war leicht besorgt, als er in die Bäume blinzelte, die uns umringten.
»Es dauert ziemlich lange. Wenn er den Jungen erwischt hat, was macht er dann mit ihm?«
»Die Wahrheit aus ihm herauskitzeln, nehme ich an«, sagte ich. Ich biss mir auf die Lippe bei diesem Gedanken. »Jamie kann es nicht haben, wenn man ihn anlügt.«
Roger blickte leicht erschrocken zu mir herab.
»Wie denn?«
Ich zuckte mit den Achseln.
»So, wie es am besten geht.« Ich hatte schon gesehen, wie er es mit Argumenten, mit List, mit Charme, mit Drohungen – und gelegentlich auch mit roher Gewalt bewerkstelligte. Ich hoffte, dass er keine Gewalt anwenden musste – wenn auch mehr um seinet- als um Josiahs willen.
»Verstehe«, sagte Roger leise. »Nun denn.«
Die Kaffeekanne war leer; ich hüllte mich in meinen Umhang und ging zum Bach hinunter, um sie auszuspülen und neu zu füllen, hängte sie erneut zum Kochen über das Feuer und setzte mich hin, um zu warten.
»Du solltest dich schlafen legen«, sagte ich ein paar Minuten später zu Roger. Er lächelte mich nur an, wischte sich die Nase ab und verkroch sich tiefer in seinem Umhang.
»Du auch«, sagte er.
Es wehte kein Wind, aber es war sehr spät, und die Kälte hatte sich in unserer Mulde festgesetzt und lag feucht und schwer über dem Boden. Die Decken der Männer waren vom Kondenswasser schlaff geworden, und ich konnte spüren, wie die dichte Kälte des Bodens durch die Falten meines Rockes drang. Ich dachte daran, mir meine Hose zu holen, konnte aber nicht genügend Energie aufbringen, um nach ihr zu suchen. Die Aufregung, die durch Josiahs Auftauchen und Flucht ausgelöst worden war, war dahin, und allmählich überkam mich die Lethargie der Kälte und Erschöpfung.
Roger stocherte ein wenig im Feuer herum und legte ein paar kleine Holzstücke auf. Ich wickelte mir den Rock fester um die Oberschenkel, zog Umhang und Schultertuch eng um mich und vergrub meine Hände in den Falten des Stoffes. Die Kaffeekanne hing dampfend über der Feuerstelle, und gelegentlich unterbrach das Zischen fallender Tropfen das schleimerfüllte Schnarchen der Männer.
Doch was ich sah, waren nicht die in Decken gehüllten Gestalten, was ich hörte, nicht das Seufzen der dunklen Kiefern. Ich hörte das Knistern trockenen Laubes in einem schottischen Eichenwald, in den Hügeln oberhalb von Carryarick. Dort hatten wir mit dreißig Männern aus Lallybroch gelagert, zwei Tage vor Prestonpans – unterwegs, um uns Charles Stuarts Armee anzuschließen. Und plötzlich war ein Junge aus der Dunkelheit gekommen, und ein Messer hatte im Schein des Feuers aufgeblitzt.
Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Ich schüttelte mich, um die plötzlichen Erinnerungen zu vertreiben: ein schmales, weißes Gesicht und die vor Schreck und Schmerz weit aufgerissenen Augen des Jungen. Die Klinge eines Dolches, die sich in der Glut eines Feuers glühend verdunkelte. Der Geruch von Schießpulver, Schweiß und verbranntem Fleisch.
»Ich habe vor, Euch zu erschießen«, hatte er zu John Grey gesagt. »Kopf oder Herz?« Mit Drohungen, mit List – mit roher Gewalt.
Das war damals; dies war jetzt, sagte ich mir. Aber Jamie würde tun, was er für nötig hielt.
Roger saß schweigend da und beobachtete die tänzelnden Flammen und den Wald dahinter. Sein Blick war verschleiert, und ich fragte mich, was er dachte.
»Machst du dir Sorgen um ihn?«, fragte er leise, ohne mich anzusehen.
»Was, jetzt? Oder allgemein?« Ich lächelte, wenn auch ohne großen Humor. »Wenn ich das täte, hätte ich im Leben keine ruhige Minute.«
Er wandte mir den Kopf zu, und ein schwaches Lächeln berührte seine Lippen.
»Heißt das, du bist jetzt nicht nervös?«
Ich lächelte erneut, trotz allem ein richtiges Lächeln.
»Noch gehe ich nicht auf und ab«, antwortete ich trocken. »Und ich ringe auch nicht die Hände.«