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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Fass mich nicht an«, sagte er. »Geh ins Bett.« Seine Stimme war beinahe geistesabwesend, doch ich blieb stehen, wo ich war.

»Aber deine Hand …«, begann ich.

»Beachte sie nicht. Geh ins Bett«, wiederholte er.

Die Fingerknöchel seiner rechten Hand waren blutig, und die Manschette seines Hemdes war starr von Blut, doch ich hätte es in diesem Moment nicht einmal gewagt, ihn zu berühren, wenn er ein Messer im Bauch stecken gehabt hätte. Ich überließ ihn seiner Betrachtung des Todestanzes der Florfliegen und ging zu Bett.

Ich erwachte kurz vor dem Morgengrauen, als das erste Licht des kommenden Tages die Umrisse der Möbel im Zimmer verschwimmen ließ. Durch die Flügeltür zum Vorzimmer konnte ich Jamie sehen, wie ich ihn zurückgelassen hatte – er saß nach wie vor am Tisch. Jetzt war die Kerze heruntergebrannt, die Florfliegen waren fort, und er saß mit dem Kopf in den Händen da, die Finger im brutal gestutzten Haar vergraben. Das Licht raubte dem Zimmer jede Farbe; selbst das Haar, das wie Flammen zwischen seinen Fingern aufsprang, hatte nur noch die Farbe von Asche.

Ich glitt aus dem Bett und fror in meinem dünnen, bestickten Nachthemd. Er drehte sich nicht um, als ich hinter ihn trat, doch er wusste, dass ich da war. Als ich seine Hand berührte, ließ er sie auf den Tisch sinken, dann legte er den Kopf zurück, bis er genau unter meinen Brüsten ruhte. Er seufzte tief, als ich ihn massierte, und ich spürte, wie seine Anspannung nachließ. Meine Hände arbeiteten sich über seinen Hals und seine Schultern vor, und ich spürte durch das dünne Leinen, wie kalt seine Haut war. Schließlich stellte ich mich vor ihn hin. Er streckte die Hand aus und umfasste meine Taille, dann zog er mich an sich und vergrub den Kopf in meinem Nachthemd über der Rundung des ungeborenen Kindes.

»Ich friere«, sagte ich schließlich ganz leise. »Kommst du und wärmst mich?«

Nach einer Sekunde nickte er und stolperte blindlings hoch. Ich führte ihn zum Bett, entkleidete ihn, während er widerstandslos dasaß, und deckte ihn zu. Ich legte mich in die Rundung seines Arms, dicht an ihn gedrückt, bis die Kühle seiner Haut nachgelassen hatte und wir in einer Höhle aus angenehmer Wärme lagen.

Zögernd legte ich meine Hand auf seine Brust und streichelte ihn sanft, bis sich die Brustwarze aufrichtete, ein winziger Knoten aus Verlangen. Er legte die Hand auf die meine, um sie festzuhalten. Ich hatte Angst, dass er mich von sich schieben würde, und das tat er auch, jedoch nur so, dass er sich mir zudrehen konnte.

Das Licht nahm jetzt zu, und er verbrachte lange Zeit damit, mir einfach nur ins Gesicht zu sehen, es von der Schläfe bis zum Kinn zu streicheln, mir mit dem Daumen am Hals entlangzufahren und hinaus über den Flügel meines Schlüsselbeins.

»Gott, ich liebe dich«, flüsterte er wie zu sich selbst. Er küsste mich, ehe ich antworten konnte, und kreiste mit der verletzten rechten Hand über meine Brust, bereit, mich zu nehmen.

»Aber deine Hand …«, sagte ich zum zweiten Mal in dieser Nacht.

»Beachte sie nicht«, sagte er zum zweiten Mal in dieser Nacht.

Vierter Teil

Scandale

Kapitel 22

Das königliche Gestüt

Die Kutsche rumpelte langsam über einen besonders schlechten Abschnitt der Straße hinweg, der von den Winterfrösten und den peitschenden Frühlingsschauern voller Schlaglöcher war. Bis jetzt war es ein nasses Jahr gewesen; selbst im Frühsommer befanden sich noch feuchte, sumpfige Stellen unter den üppigen Stachelbeersträuchern am Straßenrand.

Jamie saß neben mir auf der schmalen, gepolsterten Bank, die den einen Sitz der Kutsche bildete. Fergus lag schlafend in der Ecke der anderen Bank. Die Bewegungen der Kutsche ließen seinen Kopf hin und her rollen wie den Kopf einer mechanischen Puppe mit einer Sprungfeder im Hals. In der Kutsche war es warm, und durch die Fenster drang der Staub in kleinen goldenen Wölkchen herein, wenn wir über eine trockene Stelle fuhren.

Anfangs hatten wir uns unverbindlich über die Landschaft unterhalten, über die königlichen Stallungen in Argentan, die unser Ziel waren, über den Klatsch und Tratsch, der alltäglich die Gespräche bei Hofe und in den Kreisen der Kaufleute beherrschte. Eingelullt vom Rhythmus der Kutsche und der Wärme des Tages, wäre auch ich gern eingeschlafen, doch aufgrund meines veränderten Körperumfangs war es unbequem, länger in einer Haltung zu sitzen, und die Stöße der Kutsche verursachten mir Rückenschmerzen. Außerdem wurde das Baby immer lebendiger, und aus dem leisen Flattern der ersten Bewegungen waren kleine Tritte und Pikser geworden; angenehm, aber auch störend.

»Vielleicht hättest du zu Hause bleiben sollen, Sassenach«, sagte Jamie mit einem kleinen Stirnrunzeln, als ich mich auf der Stelle wand, um erneut die Lage zu wechseln.

»Es geht schon«, sagte ich und lächelte. »Ich kann nur nicht stillsitzen. Und es wäre doch eine Schande gewesen, mir all das entgehen zu lassen.« Ich wies auf das Kutschfenster, wo die breiten Flächen der Felder smaragdgrün zwischen Windbrechern aus dunklen, kerzengleichen Pappeln aufleuchteten. Staubig oder nicht, die frische Luft auf dem Land war herrlich und berauschend nach den drückenden, fauligen Gerüchen der Stadt und den medizinischen Gestänken im Hôpital des Anges.

Als vorsichtige Freundschaftsgeste gegenüber den diplomatischen Avancen der Engländer hatte Louis es dem Herzog von Sandringham gestattet, vier Percheron-Zuchtstuten des königlichen Gestüts in Argentan zu erwerben, um die Blutlinien der kleinen Herde von Kaltblütern zu verbessern, die Seine Durchlaucht daheim in England hielt. Daher stattete Seine Durchlaucht dem Gestüt heute einen Besuch ab, und er hatte Jamie eingeladen, ihn bei der Auswahl der Stuten zu beraten. Er hatte diese Einladung bei einer Abendgesellschaft ausgesprochen; eins hatte zum anderen geführt, und am Ende hatte dieser Besuch die Form eines ausgewachsenen Picknickausflugs angenommen, an dem sich vier Kutschen und diverse Höflinge beteiligten.

»Das ist doch ein gutes Zeichen, meinst du nicht?«, fragte ich, nachdem ich mich mit einem vorsichtigen Blick vergewissert hatte, dass unser Begleiter tatsächlich schlief. »Dass Louis es dem Herzog gestattet, Pferde zu kaufen, meine ich. Wenn er den Engländern mit freundlichen Gesten begegnet, hegt er doch vermutlich keine Sympathien für James Stuart – zumindest nicht offen.«

Jamie schüttelte den Kopf. Er weigerte sich hartnäckig, eine Perücke zu tragen, und der kühne, klare Umriss seines kurzgeschorenen Kopfes hatte nicht wenig Aufmerksamkeit bei Hofe erregt. Im Moment hatte dies durchaus Vorteile; auf seinem langen, geraden Nasenrücken schimmerte zwar ein schwacher Schweißfilm, doch er sah nicht annähernd so erschlafft aus wie ich.

»Nein, ich bin mir hinreichend sicher, dass Louis nichts mit den Stuarts zu tun haben will – zumindest was ihre Ansprüche auf den Thron betrifft. Monsieur Duverney hat mir versichert, dass der Ministerrat absolut dagegen ist. Möglich, dass Louis früher oder später dem Drängen des Papstes nachgibt und Charles einen geringen Unterhalt zahlt. Doch er hat nicht vor, den Stuarts in Frankreich irgendwelche Bedeutung einzuräumen, während ihn gleichzeitig George von England scharf beobachtet.« Er trug sein Plaid heute an der Schulter festgesteckt, mit einer Brosche, die ihm seine Schwester aus Schottland geschickt hatte, ein Schmuckstück in Form zweier rennender Hirsche, die sich an den Köpfen und Schwänzen berührten und so einen Kreis bildeten. Er ergriff ein Stück des Plaids und wischte sich damit über das Gesicht.

»Ich glaube, ich habe in den letzten Monaten mit jedem Bankier in Paris gesprochen, der auch nur einigen Einfluss besitzt, und allen ist das gleiche grundsätzliche Desinteresse gemeinsam.« Er lächelte ironisch. »Niemand hat so viel Geld, dass er ein derart riskantes Unterfangen wie die Wiedereinsetzung der Stuarts unterstützen möchte.«

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