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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Der Kerzenleuchter auf dem bronzegefassten Tisch warf Jamies Schatten übergroß und flackernd an die gegenüberliegende Wand. Jamie starrte ihn an, die Fäuste geballt, als stünde er einem Giganten gegenüber, der ihn drohend überragte.

»Aye«, flüsterte er wie zu sich selbst. »Ich bin ein großer Junge. Groß und stark. Ich kann eine Menge aushalten. Ja, das kann ich.« Er fuhr zu mir herum und schrie mich an.

»Ich kann eine Menge aushalten! Aber heißt das auch, dass ich es muss? Muss ich immer für die Schwächen der anderen einstehen? Kann ich nicht auch einmal schwach sein?«

Er begann, im Flur auf und ab zu schreiten, und der Schatten tobte schweigend hinter ihm her.

»Das kannst du nicht von mir verlangen! Ausgerechnet du! Du, die du weißt, was … was …« Er verstummte, sprachlos vor Rage.

Im Vorübergehen hämmerte er mit der Seite der Faust mehrere Male heftig auf die Steinwand ein. Der Stein schluckte jeden Hieb mit lautloser Brutalität.

Er wandte sich zurück und kam schwer atmend vor mir zum Halten. Ich stand vollkommen reglos da und wagte weder, mich zu bewegen noch zu sprechen. Er nickte ein- oder zweimal schnell, als käme er zu einem Entschluss, dann zog er den Dolch aus seinem Gürtel und hielt ihn mir vor die Nase. Nur mit sichtlicher Mühe wahrte er beim Sprechen die Ruhe.

»Du kannst wählen, Claire. Er oder ich.« Die Kerzenflammen tanzten auf dem blanken Metall, als er das Messer langsam drehte. »Ich kann nicht leben, wenn er lebt. Wenn du nicht zulässt, dass ich ihn umbringe, dann bring mich jetzt selber um!« Er packte meine Hand und legte meine Finger mit Gewalt um den Griff des Dolches. Er riss seinen Rüschenkragen auf, entblößte seine Kehle und zerrte meine Hand in die Höhe, die Finger fest um die meinen gekrallt.

Ich zog mit aller Kraft dagegen, doch er zwang die Dolchspitze in die kleine Mulde über dem Schlüsselbein, just unterhalb der rötlichen Narbe, die Randall selbst dort vor Jahren mit einem Messer hinterlassen hatte.

»Jamie! Hör auf damit! Hör sofort auf!« Ich drückte mit der anderen Hand auf sein Handgelenk, so fest ich konnte, und erschütterte seinen Griff zumindest so, dass ich meine Finger befreien konnte. Das Messer fiel klappernd zu Boden und hüpfte von den Steinen auf die Ecke des blattgemusterten Aubussonteppichs, wo es lautlos zum Liegen kam. Mit jenem klaren Blick für kleine Details, der die schlimmsten Momente des Lebens begleitet, sah ich, dass die Klinge quer über einem Stengel mit einer großen grünen Weintraube lag, als wollte sie sie abschneiden, damit uns die Früchte vor die Füße rollen konnten.

Erstarrt stand er vor mir, das Gesicht weiß wie ein Skelett, und seine Augen brannten. Ich nahm seinen Arm, hart wie Holz unter meinen Fingern.

»Bitte glaube mir, bitte. Ich würde das nicht tun, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe.« Ich holte tief und bebend Luft, um das Herzklopfen unter meinen Rippen zu stillen.

»Du verdankst mir dein Leben, Jamie. Nicht einmal, sondern zweimal. Ich habe dich vor dem Galgen in Wentworth gerettet und vor dem Fieber im Kloster. Du bist mir ein Leben schuldig, Jamie!«

Er starrte mich lange an, ehe er antwortete. Als er es dann tat, war seine Stimme wieder ruhig, doch sie hatte einen bitteren Unterton.

»Ich verstehe. Und diese Schuld forderst du jetzt ein?« In seinen Augen brannte das klare, tiefe Blau, das im Herzen einer Flamme glüht.

»Ich muss es tun! Anders kann ich dich ja nicht zur Vernunft bringen!«

»Vernunft. Ah, Vernunft. Nein, Vernunft ist etwas, das mir im Moment tatsächlich fremd ist.« Er legte die Arme in seinen Rücken und umfasste die steifen Finger der rechten Hand mit den gekrümmten seiner Linken. Er entfernte sich langsam von mir und schritt mit gesenktem Kopf durch den endlosen Flur.

Der Flur war mit Gemälden gesäumt, die zum Teil von unten durch Kandelaber beleuchtet wurden, zum Teil durch vergoldete Wandleuchter; einige weniger begünstigte Exemplare drückten sich dazwischen im Dunklen herum. Jamie schritt langsam zwischen ihnen umher, und hin und wieder blickte er auf, als führte er ein Gespräch mit den geschminkten Perückenköpfen der Galerie.

Der Flur erstreckte sich über die gesamte erste Etage. Er war mit Teppichen ausgelegt und mit Wandbehängen geschmückt und hatte an jedem Ende ein enormes Buntglasfenster. Er ging bis zum einen Ende, dann wendete er mit der Präzision eines Soldaten bei einer Parade und kam den ganzen Weg formellen, langsamen Schrittes zurück. Hin und zurück, hin und zurück, wieder und wieder.

Da meine Beine zitterten, ließ ich mich am Ende des Flurs auf einen Lehnsessel sinken. Einmal näherte sich einer der allgegenwärtigen Bediensteten unterwürfig, um zu fragen, ob Madame Wein wünschte oder vielleicht Gebäck? Ich winkte ihn beiseite, so höflich ich konnte.

Schließlich kam er vor mir zum Stehen, die Füße in den silberbeschlagenen Schuhen breit auseinander, die Hände nach wie vor im Rücken verschränkt. Sein Gesicht war gefasst und legte nicht das leiseste nervöse Zucken an den Tag, obwohl er tiefe Falten der Anspannung rings um die Augen hatte.

»Ein Jahr also«, war alles, was er sagte. Augenblicklich wandte er sich ab und war schon mehrere Meter entfernt, ehe ich mich aus dem dunkelgrünen Samtsessel hochgekämpft hatte. Ich war kaum auf den Beinen, als er plötzlich an mir vorüberwirbelte, mit drei Schritten bei dem großen Buntglasfenster war und mit der rechten Hand hindurchfuhr.

Das Fenster bestand aus Tausenden kleiner bunter Glasstückchen, die durch Bänder aus geschmiedetem Blei an ihrem Platz gehalten wurden. Obwohl das gesamte Fenster, eine mythologische Szene des Gerichtes über Paris, in seinem Rahmen erbebte, hielt das Blei es zum Großteil intakt; trotz des klirrenden Getöses ließ nur ein gezacktes Loch zu Aphrodites Füßen die sanfte Frühlingsluft ein.

Einen Moment stand Jamie da und presste sich beide Hände fest vor den Bauch. Ein dunkelroter Fleck breitete sich auf der Rüschenmanschette aus, die mit Spitze besetzt war wie ein Brauthemd. Wieder strich er an mir vorüber, als ich mich auf ihn zubewegte, und stapfte wortlos davon.

Ich ließ mich so schwer zurück auf den Armsessel fallen, dass ein kleines Staubwölkchen aus dem Plüsch aufstieg. Erschlafft lag ich mit geschlossenen Augen da und ließ die kühle Abendluft über mich hinwegstreichen. Das Haar an meinen Schläfen war feucht, und ich konnte den Puls wie den eines Vogels am Ansatz meines Halses rasen spüren.

Würde er mir je vergeben? Mein Herz ballte sich wie eine Faust, als ich an das Wissen um den Verrat in seinen Augen dachte. »Wie kannst du das von mir verlangen?«, hatte er gefragt. »Du, die du doch weißt …« Ja, ich wusste es, und ich fürchtete, dass mich dieses Wissen von Jamie fortreißen würde, so wie ich Frank entrissen worden war.

Doch ob Jamie mir vergeben konnte oder nicht, ich würde mir selbst nie vergeben können, wenn ich einen Unschuldigen zum Tode verurteilte – einen Mann, den ich einst geliebt hatte.

»Die Sünden der Väter«, murmelte ich leise. »Die Sünden der Väter sollen nicht über ihre Kinder kommen.«

»Madame?«

Ich fuhr zusammen und öffnete die Augen, um mich einem Zimmermädchen gegenüberzusehen, das ebenso erschrocken zurückwich. Ich fuhr mir mit der Hand an das hämmernde Herz und schnappte nach Luft.

»Madame, fühlt Ihr Euch nicht gut? Soll ich vielleicht …«

»Nein«, sagte ich, so entschlossen ich konnte. »Es geht mir gut. Ich möchte nur gern eine Weile hier sitzen. Bitte geht wieder.«

Das Mädchen schien es eilig zu haben, mir Folge zu leisten. »Oui, Madame«, sagte sie und verschwand durch den Flur. Ich blieb zurück und starrte blicklos auf eine Liebesszene in einem Garten, die mir gegenüberhing. Weil ich plötzlich fror, zog ich den Umhang um mich, den ich nicht hatte ablegen können, und schloss die Augen wieder.

Es war nach Mitternacht, als ich schließlich in unser Schlafzimmer ging. Jamie saß an einem kleinen Tisch, anscheinend in die Betrachtung zweier Florfliegen vertieft, die gefährlich um die Kerze flatterten, von der das einzige Licht im Raum stammte. Ich ließ meinen Umhang zu Boden fallen und ging zu ihm.

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