Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Eigentlich stank die ganze Stadt nach faulen Eiern.
— Nein!
— Doch, doch. Das kam von dem ganzen Schwefel aus der Kohle, die Hochöfen standen doch mitten in der Stadt. Ich war als Kind dauernd krank, krank von dem Ruß und den Giften.
— Das bißchen Ruß!
— Ein bißchen? Der Himmel war nie richtig zu sehen, von den Stahlwerken und aus den Kokereien strömten unendlich breite Rauchwolken. Und auf dem Boden lag überall eine dicke Dreckschicht.
— Ja, das stimmt. Nach dem Lüften mußte man alle Möbel gleich wieder sauberwischen. In manchen Haushalten blieb auf Dauer alles nur noch unter Tüchern verborgen, besonders die Polstermöbel.
— Ostrau war doch bekanntlich die dreckigste Stadt auf der ganzen Welt, traute sich die nächste Tante zu sagen. Ich sehe das noch vor mir — der Dreck fiel in dicken Flocken hinunter wie schwarzer Schnee. Und die Rußkörner waren groß wie kleine Erbsen, die Kinder hätten auf dem Ruß Schlitten fahren können.
— Sie schlitterten auch, mitten im Sommer!ÜDer nächste Experte unseres Panoptikums war ein GUTER UND SCHÖNER Internist, der das Leben eines — sagen wir — Kampf-Rauchers führte. Er war einer von Mutters Vertrauten, als sie sich mit ihrer auch von ihm nicht erkannten Tuberkulose gequält hatte. Dank seiner Schönheit wog dieses kleine Versagen aber nie wirklich schwer. Dieser von Frauen umschwärmte Mensch hörte etwa alle zwei Jahre auf zu rauchen. Wenn er wieder anfing, wußte seine Frau, daß er im Krankenhaus eine neue Schwester als Geliebte gefunden hatte. Einmal sah ich ihn und seine Frau zufällig in der Stadt. Sie liefen auf der anderen Straßenseite lang, zwischen ihnen klaffte eine gut sichtbare Bezogenheitslücke. Ich verfolgte und beobachtete die beiden eine Weile. Seitdem glaube ich zu wissen, welchen Gesichtsausdruck ein Mann im Beisein seiner Frau trägt, wenn er in Gedanken mit seiner Geliebten beschäftigt ist. Er rauchte wie besessen.
Leider war dieser Arzt in spannungsgeladenen Zeiten — mit oder ohne Nikotin, also fast immer — ein furchtbarer Diskutant. Er redete allen alles aus und verhinderte damit nebenbei, daß man beispielsweise das Thema Untreue oder sein kompliziertes Suchtverhalten zum Gesprächsthema machen konnte. Er war in der Lage, alle vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was sie zuvor gedacht hatten, das heißt mit Gewißheit zu wissen glaubten. Bei der nächsten Gelegenheit war er allerdings ohne weiteres in der Lage, den finalen Beweis des genauen Gegenteils seiner eigenen Behauptungen abzuliefern. Er redete auf denjenigen, der sich ihm leichtsinnig in den Weg stellte, so lange ein, bis dieser Mensch — bei uns war es immer eine Frau — anfing zu weinen.
— Die Niederländer errichteten die humansten Kolonien der Welt. Wenn niederländische Kolonien Vorbild für alle anderen gewesen wären, hätten die Belgier bei der Vernichtung durch Arbeit nicht das neuzeitliche Massenmordeneingeläutet, die Engländer immer noch die besten Teeplantagen der Welt besessen — und die Deutschen hätten sich in Afrika auch besser benommen. Und Hitler wäre uns eventuell erspart geblieben.
— Die Holländer haben in Indonesien furchtbare Massaker begangen, glaube ich. Habe ich jedenfalls gehört, wandte Tante Györgyi vorsichtig ein.
— Nein! Das waren ganz harmlose Befriedungsmaßnahmen. Die NIEDERländer waren viel zu intelligent, um Haß zu säen! Von Max Havelaar nie etwas gehört, was? Dieses Völkchen wußte schon immer, daß gute Behandlung zu einem guten Miteinander und ein gutes Verhältnis dann auch zur besseren Produktivität führt. Jeder Niederländer läßt dem anderen einfach seine Würde — »in zijn waarde laten«, sagen sie gern. Also wenn sich dazu eine Gelegenheit bietet.
— Die Deutschen sind im Grunde die besseren Juden, wandte die kältephobe Tante Györgyi ein, um der finalen Schlacht um die Niederländer zu entgehen.
— He?
— Das fiel mir neulich so ein. Die Deutschen sind noch fleißiger, noch ordentlicher und akkurater als wir.
— Aber…
— Nein, nein, laß es bitte so stehen. Eigentlich müßte man nach Deutschland auswandern. Im Grunde beginnt hier in Prag schon der Balkan.
— Und dann immer jammern wegen» tehen turö«, griff Erna sie überraschend erregt an.
— Genau! Tehen turö, tehen turö — das haben wir gern.
— Stimmt, meinte Györgyi, der tschechische Quark ist so würgig-trocken und fest, nicht so leicht wie tehen turö — den kriegen die Tschechen einfach nicht hin. Und pogäcsa gibt es hier auch nicht. Ich will aber noch etwas zu den Gaskammern sagen. Die ganze Welt hat sich auf die Gaskammern und die Deutschen eingeschossen, dabei die Russen vollkommen aus den Augen verloren.- Die Russen haben für vieles keine eigenen Wörter, gar keine Ausdrücke, unglaublich! rief unser schöner Internist unangemessen laut aus.
— Laß mich doch ausreden! Mir ist hier nicht warm genug, ich gehe gleich.
— Bitte, bitte.
— Die Russen haben riesige Häftlingskolonnen bei schlimmster Kälte in Marsch gesetzt — ohne Essen und ohne Decken, die Baracken waren noch nicht fertiggebaut.
— Das stimmt, meinte Tante Eva. Man tötete die Leute einfach durch Schlamperei — und genauso massenhaft. Überlebt haben den Wahnsinn irgendwelche kriminellen Kannibalen. Im Grunde ist es vergleichbar mit den Gaskammern.
— NEIN! DIE KÄLTE IST VIEL SCHLIMMER ALS GAS, TÖTET LANGSAMER! schrie Tante Györgyi erhitzt. Ich gehe jetzt.
— Jeder denkt sich sein Leben so oder anders zurecht, sagte Lizzy.
— Was soll das wieder bedeuten? fragte Györgyi.
— Ich habe mich an diesen Spruch neulich erinnert, weiß aber nicht, von wem er stammt. Mit dir oder deinem Kälteproblem hat es aber nichts zu tun, entschuldige, Györgyi.
— Es müßte heißen: Jeder FÜHLT sich sein Leben zurecht, sagte der ungeduldig paffende Internist. Habe ich recht? Natürlich habe ich recht.
Besondere Schwierigkeiten gab es, wenn bei uns Besuch aus dem Ausland aufkreuzte — zum Beispiel unsere reichen Verwandten aus Long Island, New York (die» Besitzer «der Totenmaske von Karl Kraus). Ich mochte diese beiden ehemaligen Ostrauer überhaupt nicht. Die amerikanische Tante lachte breitmäulig und so muskulös, daß ich als Kind oft Angst hatte, sie könnte jederzeit auch zubeißen. Über die Häßlichkeit unseres Zuhauses mußten die beiden entsetzt gewesen sein, ließen sich aber kaum etwas anmerken.Wenn sie in Prag waren, wohnten sie sowieso im Hotel. Zu einem schweren Eklat kam es, als man der Ami-Tante wegen ihrer Hüftschmerzen ein Schmerzzäpfchen empfahl — und ihr eines aushändigte. Man ahnte nicht, wie fremd für sie im fernen Amerika Arschzäpfchen geworden waren, wunderte sich nur, warum sie plötzlich ein Glas Wasser verlangte. Dann ging alles sehr schnell, und das fette Ding war ruck, zuck geschluckt. Danach herrschte eine Weile die totale Stille — bis jemand meinte, die Wirkstoffe müßten auch auf diese Weise in den Körper gelangen. Die hüftleidende Frau bekam von dem Zäpfchen leider eine Gallenkolik und schwor, nie wieder nach Europa zu kommen. Dann ging sie zu guter Letzt auf die falsche Toilette und entdeckte dort Tante Erna, die sich vor ihr an diesem Tag verstecken wollte. Zum Schluß wurde noch unser Land beschimpft, das nicht in der Lage war, immer ausreichende Mengen an Toilettenpapier zu produzieren.
— Man braucht doch nur den Durchschnittsverbrauch mit der Bevölkerungszahl zu multiplizieren — und so viel Toilettenpapier herstellen wie eben nötig. Wofür habt ihr denn eure Planwirtschaft?
Manchmal hatte ich fast den Eindruck, in Ostrau vor dem Krieg zu leben. Daher paßten seit meinem Wiedereintritt in die Prager Troposphäre einige Menschen nicht in mein antiquiertes Umfeld, rückten zwischenzeitlich von mir weit weg. Danas Leben fand ich mittlerweile auch mehr als wunderlich. Mit meiner Mutter war sie allerdings längst versöhnt.
Als ich Dana doch einmal besuchte, kam mir schleierhaft vor, aus welchen Quellen ihr Chaos immer noch seine Lebensfähigkeit schöpfte und wieso die lahmende Gemeinschaft noch nicht untergegangen war. Dana sah eingefallen aus, war gealtert. Von meiner Mutter wußte ich, daß Dana seit längerem über Bauch- und Rückenschmerzen klagte,trotzdem aber nicht zum Arzt gegangen war. Das Haus befand sich in einem fürchterlichen Zustand. Mäuse bewegten sich inzwischen in Scharen frei herum. Hinter einem Küchenschrank und einem Regal befanden sich offenbar einige Nester. Durch die Fugen der dazugehörigen Rückwände sah ich da und dort einen dünnen Mäuschenschwanz hängen oder sogar seitlich herausragen. Da ich wenigstens diese Plage — in Danas Interesse — etwas reduzieren wollte, erklärte ich dem Mäusevolk heimlich den Krieg. Ich rechnete mir gute Gewinnchancen aus. Die Nager sind zwar flink, haben auf ihren Schwänzen aber keine Augen. Und nachdem Dana mit einem mit ihr befreundeten Landvermesser zu den Kubricks gegangen war, um ihnen irgendwelche geometrisch relevanten Koordinaten zu verpassen (oder sie zu überprüfen), nahm ich eine schmale Flachzange und zog die Mäuse an ihren langen Schwänzen nach und nach ins Freie. Ich verfütterte sie frisch an die Katzen und die äußerlich nicht alternden Störche. Wenn ich mit der Maus dem weniger scheuen Alfons näher kam, warf er seinen Schnabelkopf weit nach hinten, baute sich vor mir schutzlos wie vor seinem Partner auf — und klapperte mir im voraus seinen Dank zu. Die Restmäuse, die ich nicht erwischen konnte, weil sie sich hinter zu schmalen Fugen aufhielten und ihre Schwänze nicht freigaben, erstach ich mit einem Brotmesser. Sie fielen naturgemäß nach unten, wo ich sie unter dem Regal einsammeln konnte. Nach der leicht blutigen Aktion bekam ich fürchterliche Angst um alles, was im Haus noch lebte.