Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Wenn es Gelegenheit gab, sah ich gern zu, wenn die von mir so bewunderten Gleisarbeiter ihre Großeinsätze zelebrierten — ich ging genauso gern hin wie in der Kindheit. Diese besondere Berufsgruppe behielt noch in der Zeit der allgemeinen Demoralisierung ihr Arbeitsethos, vielleicht waren diese schönen Männer inzwischen die letzten Arbeitsmohikaner des Landes. Sicher spielte es eine Rolle, daß die Gleisverleger gezwungen waren, straßenmittig vor aller Augen zu arbeiten. Außerdem mußten sie immer im strengen Zeitplan bleiben — und jedesmal auch wirklich fertig werden, da man die betroffenen Straßenbahnlinien nicht tagelang stilllegen konnte. Manchmal wurden nur kleine Schienenabschnitte ausgewechselt, verschweißt, die Nähte anschließend glattgeschliffen. In der Regel passierte das alles nachts, die glühenden Funkengeysire sah ich dann noch beim Einschlafen vor mir.Die Männer waren natürlich auch in der Lage, hochkomplizierte, mehrmals verzweigte und zusätzlich noch gewölbte Kreuzungen über Nacht aufzureißen und auf der gesamten Fläche noch in der gleichen Nacht neue Weichen und kurvengebogene Gleise zu verlegen, so daß am nächsten Morgen der Straßenbahnverkehr wieder rollen konnte. Im Laufe des nächsten Tages wurden höchstens die letzten Reste der Fahrbahn zugepflastert.
Ausgerechnet unsere blutgetränkte Kreuzung mit den vielen Weichen gehörte zu denen, die oft repariert oder komplett erneuert werden mußten. Der Ablauf der entsprechenden Hau-Ruck-Aktionen war immer der gleiche. Am frühen Abend rückte eine riesige Kompanie an, die Kreuzung wurde mit museumsreifen Bogenlampen umstellt, einige wenige Baufahrzeuge und Preßluftkompressoren brummten am Rande oder stanken still vor sich hin. Der Erfolg der ganzen Mission basierte vor allem auf reiner Muskelkraft — die Arbeiter, es waren an die fünfzig Mann, standen überall in Grüppchen herum oder waren am Rande mit irgendwelchen Vorbereitungen beschäftigt. Auch die unvermeidlichen Zuschauer gingen irgendwann in Position oder nahmen sich vor, später wiederzukommen. Als ich kleiner war, hatte ich das Problem, daß ich nachts nicht allein auf die Straße durfte. Meine Mutter hatte bei einer Elternversammlung dankend aufgeschnappt, daß Grundschulkinder bis zwanzig Uhr zu Hause zu sein hätten. Es war ein übler mutterherrschaftlicher Trick, um mich zu bändigen und zusätzlich zu knechten. Ich mußte mich damals also, wenn ich diese Kreuzungswiedergeburten hatte verfolgen wollen, heimlich anziehen und mich hinausschleichen.
Die Arbeiter legten Punkt zweiundzwanzig Uhr los. Alle umliegenden Straßen wurden abgesperrt, und auf der ganzen Kreuzung begann es zu wimmeln. Die Männer bewegten sich nicht unbedingt schnell, dafür aber hochorganisiert. Und ganz wichtig: Alle ihre Griffe waren von einer gewachsenen Ästhetik. Man sah ihnen ihren individuellen Stolz an, auch den Stolz auf den Mannschaftsgeist. Zu diesem gehörte der Anspruch auf die bedingungslose Präzision jedes einzelnen. Und sie wußten, wie genau sie beobachtet wurden. Im Sommer lief diese halbe Hundertschaft natürlich mit nackten Oberkörpern herum. Auch einige ungewöhnlich elegante und auffällig frisierte Herren fanden sich am Rande der Baustelle ein — wie von riesigen Magneten aus weit entfernten Bezirken angezogen. Solche feinen Gestalten hatte ich in größerer Zahl nur bei diesen Gelegenheiten zu sehen bekommen.
Bei der unter Leistungsdruck stehenden Aktion mußte jeder Handgriff zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Alle möglichen Teilmontagen auf Nebenschauplätzen waren aufeinander abgestimmt, Vorarbeiter verständigten sich bei dem hymnischen Riesenkrach mit ausgeklügelten Handzeichen. Außerdem führten die Arbeiter ab und an gewisse Glanznummern auf. Ich liebte es besonders, wenn mit Vorschlaghämmern lange eiserne Pflöcke in die Erde gerammt wurden. Es sprach nichts dagegen, diese Arbeit einen einzigen Mann machen zu lassen, man stellte dafür aber immer zwei ab. Das auf die beiden zukommende Problem bestand vor allem darin, sich räumlich-rhythmisch einwandfrei abzustimmen und zu ergänzen. Die beiden Männer stellten sich frontal zueinander, der Pflock steckte mittig zwischen ihnen. Dann ging es abwechselnd und im atemberaubenden Rhythmus los. Weil das Tempo so hoch war, schob sich der zu versenkende Stab erstaunlich schnell in den Boden, etwas ruckartig, ähnlich gleitend, wie es beim Daumenkino der Fall gewesen wäre.
Und es war wie im Kino. Diese rasende Hauerei, bei der im schnellen Takt zwei schwere Hämmer aneinanderglitten, abwechselnd aus großer Höhe knapp am Kopf des gebückten Partners vorbeisausten und das Ende des Pflocks TREFFEN MUSSTEN, war umwerfend. Das war höchste Kunst, diese Hauerei war gleichzeitig auch die beste Musik für meine Ohren.
Zum konkreten Ablauf der Hauerei noch folgendes: Nach dem erfolgten Schlag auf den Pflock mußte der nach vorn gebückte Arbeiter immer sofort links zur Seite weichen, weil der Riesenhammer seines Gegenübers schon auf den Weg in Richtung seines Hinterkopfes geschickt worden war — und zwar ohne jede Rücksicht. Der fallende Hammer nahm bald schon an Geschwindigkeit zu, der untere Mann richtete sich in einem kleinen seitlichen Bogen behende auf, die Bahn und die Aufprallstelle waren nun vollständig frei, der beschleunigte obere Hammer sauste weiter und schlug dann mit voller Wucht zu — und der inzwischen oben angekommene Mann sammelte sich längst schon gleitend zu seiner Entladung, sein Hammer war bereits im Zenit, der Mann legte los, ließ seinem jetzt gefragten Hammer seine Muskelkraft zukommen und konnte dabei genausowenig darauf achten, wo sich der Kopf seines Kumpans in diesem Moment befand. Die Vollkommenheit des Zusammenspiels ergänzte die Schönheit der beiden pulsierenden Körper noch zusätzlich. Viele der anderen Arbeiter schauten während dieser kurzen Intermezzi zu, trotz des Zeitmangels — auch sie wollten den Anblick genießen und nicht allein den Bordsteingästen das ganze Vergnügen überlassen. Tack — tack — tack — tack — tack — tack… Ich erlebte nie, daß einer der Männer danebengehauen, den Partner in rhythmische Bedrängnis gebracht oder umgebracht hätte. Das schnelle Trommeln, das angesichts der großen Masse der Hämmer etwas unwirklich wirkte, war leider immer viel zu schnell zu Ende. Die Männer richteten sich anschließend auf, die Arbeit um sie herum ging schon wieder weiter. Der Stolz der Hammermänner verbot es ihnen, sich nach anerkennenden Blicken umzuschauen. Zum Glück kam nie einer aus dem Publikum auf die Idee zu applaudieren.
petr skopka
Skopka war im Grunde ein apolitischer Mensch, studierte Maschinenbau, konzentrierte sich zusätzlich auf die Flugzeug- und Raketentechnik. Sein großes Vorbild war — neben dem verstorbenen Koroljow — der amerikanische Aerodynamiker Francis Melvin Rogallo, der lange mit der Entwicklung flexibler Tragflächen beschäftigt gewesen war und schließlich für die NASA am Gemini-Projekt gearbeitet hatte. Rogallos Gleitschirme kamen bei der NASA zwar nie zum Einsatz, mit dem dreieckigen Flügel konnte sich der ein oder andere Mensch aber den Wunsch erfüllen, endlich wie ein neuerschaffenes Wesen längere Zeit in der Luft zu kurven. Als die ersten Bilder der Rogallo-Drachen in den Zeitschriften erschienen waren, war Skopka wie getrieben und vernachlässigte sein Studium. Die Geräte schienen — die Herrlichkeit dieser Vorstellung ging ihm nicht aus dem Kopf — im Zusammenspiel mit dem Körper des Fliegers steuerbar zu sein. Man hing in ihrer relativ einfachen Rohrkonstruktion fast waagerecht und durfte sich, auch wenn man sich in puncto Wendigkeit mit Schwalben oder Stubenfliegen sicher nicht messen konnte, wie ein König der Lüfte fühlen. Da es Skopka nicht gelang, einen Bauplan für den Flügel aufzutreiben, erarbeitete er schließlich eigenhändig — als Vorlage dienten ihm Fotos aus deutschen Zeitschriften — eine professionelle technische Zeichnung. Nach einem längeren Besorgungskampf hatte er endlich alle nötigen Leichtmetallrohre und — profile zusammen, und nachdem er auch noch Dacron für die Bespannung bekommen hatte, konnte er mit dem Bau seines eigenen Fluggeräts beginnen. Er war sicher einer der ersten in der damaligen Tschechoslowakei.Sein erster Flugversuch war leider alles andere als erfolgreich. Skopka hatte in seinen Berechnungen eine Kleinigkeit nicht berücksichtigt: Die gewünschte Gleitfähigkeit 1 zu 3 wäre nur bei einem Gegenwind von mindestens sechs Metern pro Sekunde zu erreichen gewesen. Auch das Verhältnis bestimmter Längenmaße stimmte nicht ganz. Die durch die Perspektive verzerrten Fotos waren als Vorlage eben nicht ideal. Bei seinem ersten Start war Skopka voller Optimismus. Er lief mit seinem imposanten Flügel den Hang herunter, lief und lief, hob und hob aber trotzdem nicht ab — der benötigte Gegenwind kam ihm an dem Tag leider nicht entgegen. Er lief verbissen weiter, obwohl er keinen nennenswerten Auftrieb spürte und obwohl er wußte, daß er wegen seiner Größe und seiner schweren Knochen nicht der Leichteste war. Für ihn gab es keinen Grund, an seinen Berechnungen zu zweifeln, keinen Grund, irgendwann an den Abbruch der Raserei und an das rechtzeitige Abbremsen zu denken. Der Hang des kegeligen und baumlosen Hügels bei Louny hatte genau die richtige Neigung, und Skopka rechnete damit, in der nächsten oder spätestens übernächsten Sekunde abzuheben. Er lief wirklich schnell, lief so lange, bis der Hang mit einem scharfen Knick in der Ebene des Flusses Ohre endete und sein Flügel sich in den fruchtbaren Ackerboden hineinbohrte. Skopka brach sich bei dem Aufprall sein linkes Schlüsselbein und zertrümmerte sich teilweise die linke Schulter. Logischerweise hatten auch die wertvollen Spezialrohre stark gelitten — das schmerzte Skopka noch viel mehr. Seine Genesungszeit nutzte er anschließend zur Weiterbildung. Beim zweiten Versuch wollte er alles richtig machen und endlich abheben. Als ich ihn in dieser Zeit einmal traf, war er nur in einem Punkt etwas skeptisch.