Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Egal, was du uns erzählen willst, Klädo, sagte der Philosoph K, ich möchte kurz eines loswerden: Bei solchen Zuschreibungen von außerhalb — also auch bei diesem fremdländischen Blick auf die angeblichen Schwejks — werden meistens Prioritäten mißachtet oder disparate Ebenen miteinander vermischt. Außerdem wird der Grad der Bewußtheit, die bei den Leuten ja doch im Spiel ist, nicht ernst genommen.
— Das ist mir zu allgemein… hoffentlich reden wir nicht aneinander vorbei.
— Laß mich das zu Ende bringen: Zwischenmenschlich, also UNTEREINANDER, geht es hier dauernd und trotz des politischen Drucks doch mit Witz und humorig zu, das sieht du bestimmt nicht anders. Die Leute albern ohne Ende — auch wenn es von Haseks Spielvorlage weit entfernt sein dürfte. Auch sprachlich jonglieren die meisten gernherum, ausgiebig und ohne Ende. An sich sind die Tschechen als Ironiker wirklich begabt — egal, was für ein häßliches Bild manche magengequälten Gnome äußerlich auch abgeben. Natürlich sind die Witzeleien meistens nichts anderes als geschickte Abwehr, man federt einen Teil der eingesteckten Schläge ab. Aber warum sollte dabei auch die natürliche Intuition versagt haben?
— Abwehr, abfedern… solche Wörter mag ich nicht, sagte der Kritiker und ehemalige Chefredakteur J. Er wedelte dabei mit seinem Fensterputzereimer und seiner Holzstange in der Luft, da er beim Sprechen gern mit beiden Händen gestikulierte. Sich die Dinge auf Distanz halten ist heutzutage absolut nötig.
— Was soll man mit der Alltagshärte sonst tun? fragte zwischendurch der Politologe H. Die Leute schützen sich einfach vor Demütigungen. Wir verlieren aber den Faden, fürchte ich.
— Trotzdem kann einem sozusagen die Art der Ausführung auf die Nerven gehen, beeilte sich noch J., der ehemalige Chefredakteur, zu sagen, wobei er seinen Eimer auf die Stange fädelte und sich diese auf seine Schulter hob. Die Leute zerren dauernd auch an den ernstesten Realitätssplittern — hochintelligent, keine Frage. Ganz bestimmte Tatsachen werden dabei aber natürlich ausgeblendet, einfach geschickt nicht einbezogen. Scheiß Eimer, ich bin heute aber wirklich früh fertig geworden! sagte er noch und hatte inzwischen seine beiden Hände frei. Sein Eimer baumelte auf der Stange hinter seinem Rücken.
— Moment! Ich will noch einen Satz loswerden und zusammenfassen, sagte K. Lacht aber nicht, es geht um die Lage der Nation! Ich persönlich gehe, was die aktuelle Situation anbetrifft, immer noch von einem intellektuellen Kultivierungsprozeß aus — und dieser nährt sich eben von der lebendigen Alltagssprache. Trotz aller Düsterkeit um uns herum, trotz der Sprache der Medien, also egal, wieversprengt sich diese Kreativität an der Basis auch manifestiert.
— STOP! rief Kläda, laßt uns doch endlich über Schwejk reden. Ich habe im Kopf einen längeren Vortrag fertig, zum Abtippen habe ich jetzt aber absolut keine Zeit. Dabei geht es um das schlimmste Mißverständnis unserer Literaturgeschichte, meiner Meinung nach wurde es noch nicht schlüssig benannt.
— Die Tschechen als Schwejks — das könnte man als einen volkstümlichen Topos vielleicht auch stehenlassen.
— Nein! Es ist gefährlicher Unsinn! Ein einlullendes Klischee! Der Geniestreich von Hasek wird nur benutzt — und man drückt sich einfach davor, im heutigen Dreck zu wühlen. Dabei stinkt der Vergleich an allen Ecken und Enden, sagte Kläda, wurde aber wieder unterbrochen.
— Schwejk entstand nicht WÄHREND der Unterwerfung, sondern als es die Monarchie nicht mehr gab, mischte sich der ungeduldig gewordene Politologe H. ein. Die Figur ist sowieso das Ergebnis einer rückwärtigen Projektion — damit will ich natürlich nichts gegen Hasek sagen.
— Stör' nicht meine Exponentialkurven, blaffte ihn Kläda an. Wir haben nun mal seit mehr als fünfzig Jahren dieses Buch und haben die dazugehörigen Interpretationen. Außerhalb der Buchdeckel zappeln wir als Nation aber wie unbedarft weiter, lassen uns von entzückten Zaungästen etikettieren — und verwenden das Klischee bei Bedarf auch noch selbst. Schwejk ist doch ein kleiner Held, oder? Jedenfalls wird er als ein solcher weltweit gefeiert… ein so einfach gestricktes Pappmodell! Und ein viel zu dünnes Schutzschild obendrein.
— Bist du schon bei deiner Theorie, oder ist das erst die Einleitung zur Weiterleitung an die Überleitung? hakte H. nach.
— Ich möchte jetzt nicht mehr unterbrochen werden! Im Kern geht es mir um folgendes: Schwejk ist eine reineKunstfigur. Und weil er eine so großartige Erfindung ist, ist er in vielem auch sehr wahr. ABER! — dieser Mann ist nur innerhalb der Romankonstruktion das besondere Wesen, das uns ans Herz gewachsen ist. Und nur dort kann man ihn so großartig finden.
— Andere humoristische Konstruktionen sind auch nur dazu da, Emotionen unauffällig zu bedienen — vielleicht nur anders als bei Hasek, wandte der eimertragende Chefredakteur ein. Und solche Humorgebilde basieren generell auf Übertreibung. Nebenbei können sie schamlos böse sein — sie sind eben NICHT GANZ ERNST. Alles wie bei Hasek gehabt…
— Ja, ja, ich habe hier aber noch ein Stück weitergedacht, sagte Kläda ungeduldig. Keine Angst — ich will bei der Begründung nur einige ganz konkrete Knotenpunkte ansprechen. Schwejk wird für die Wirklichkeit — und das ist der Kern meines Vortrags — für immer untauglich sein und hier immer nur ein Phantom bleiben, bleiben müssen. Auf dem Papier ist er dagegen nicht nur witzig, sondern auch glaubhaft. Ihr habt bestimmt den Film mit Hrusinsky gesehen — ich kenne ihn auch…
— GRAUENHAFT! Auch im Theater ist Schwejk unerträglich.
— Da haben wir es doch! rief Kläda so laut, daß sich Leute in der näheren Umgebung umdrehten. Er funktioniert nur beim Lesen so reibungslos — dank unserer Phantasie. Die müssen WIR eben beisteuern — und erst dann kommt die Humormaschine wirklich in Gang. Bei vergleichbaren Verschiebungen ins Absurde läuft es natürlich auch nicht viel anders, da hast du recht.
— Oscar Wilde oder Shaw… Haben sonstweiche berühmten Satiriker anders gearbeitet?
— Hasek ist aber einmalig und extrem, deswegen streitet man sich über ihn bis heute. Aber ich komme jetzt zu den anderen Knotenpunkten, diese betreffen den Lesevorgang: Wir reichern uns die egal wie absurden Handlungen von Haseks Akteuren beim Lesen automatisch mit Haseks Intelligenz und seinem Witz als Schreiber an. Ohne es zu merken, werden wir von ihm also mit kontextualem Wissen beliefert und bekommen die Möglichkeit, uns über die Gegenspieler von Schwejk zu erheben — natürlich auch über den dummen Schwejk selbst.
— Darüber habe ich aber schon mal geschrieben, sagte der Philosoph K.
— Das hier sind Vorgänge auf einer Metaebene! Darum ging es bei dir nicht.
— Kann sein. Mir ging es um das Hybride in der Figur. Er ist dumm, er ist aber auch wissend — und wir wissen, daß er — manchmal jedenfalls — Bescheid weiß. Wobei wir auch wissen, daß er bei dem ganzen Schwachsinn, den er anrichtet, doch nur begrenzt intelligent sein dürfte. In diesem Zusammenhang habe ich nachgewiesen, daß die These, Schwejk würde seine Dummheit die ganze Zeit nur vortäuschen, vollkommen unhaltbar ist.
— Ich habe diese ganzen Widersprüche jetzt endlich aufgelöst, ob du es glaubst oder nicht! rief Kläda so erregt, daß einige Passanten uns ruckartig auswichen. Außerdem bekamen wir eine sichtbare Begleitung. Das wurde Kläda durch gezielte Klopfzeichen mit dem Ellenbogen bekanntgegeben.
— Wenn wir uns klarmachen, fuhr Kläda fort und ließ sich nicht stören, daß der Wissende in der Schwejkfigur eben nur Hasek ist, nicht Schwejk selbst, wird das Denkgebäude wieder sauber und problemlos begehbar. Hier liegt aber auch der Schwachpunkt der Transposition in die Realität! In unserer Realität ist der nützliche Genius von Hasek einfach nicht vorhanden. Die intellektuelle Draufsicht fehlt einem im Alltag sowieso oft genug, jedem von uns.