Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Es ist leider nicht ganz klar, wie sich die Kommunisten zu der Fliegerei verhalten werden.
Skopkas bester Freund aus seinem Studium war ein Spezialist für massive, angeblich tötungsfähige Schleudern und Armbrüste. Er baute sie, wie Skopka seinen Drachen, ebenfalls aus Leichtmetall. Allein schon die langen Gummizüge der langstieligen Geräte konnten einem — sogar im schlaffen Zustand — Angst einjagen. Speziell die Schleudern wurden von diesem schießwütigen Menschen schöpferisch weiterentwickelt. Sie hatten am unteren Ende des langen Haltegriffs einen Dorn und ließen sich problemlos in die Erde rammen. Beim Schießen stemmte man sich gegen die Schleuder mit einem ausgestreckten Bein. Auf diese Weise war es möglich, die starken und langen Gummizüge ungeheuer weit zu spannen. Die beiden Bastler borgten sich eines Tages ein Auto, packten Skopkas Rogallo-Wing aufs Dach, Schleuder und scharfe Munition — spitze Stahlstachel — kamen in den Kofferraum. So bewaffnet brachen sie nach Südmähren auf, wo sich ebenfalls wunderbar kahle Hügel befinden. Es war im Herbst, Skopkas Freund wollte auf Hasenjagd gehen, außerdem hatten die beiden vor, südmährische Weine zu verkosten. Kurz vor dem Ziel hatten sie sich leider verfahren und kamen so nah an die österreichische Grenze, daß man sie festnahm. Die Grenzer gingen sofort von versuchter Republikflucht aus, andere Vergehen kannten sie dort sowieso kaum. Als sie im Kofferraum das Waffenarsenal fanden (»Du wolltest deinem Freund Deckung geben, was?«), war es für alle Ausreden zu spät. Skopka war verzweifelt und wurde beim Verhör irgendwann frech.
— Du wolltest also nur aus Spaß fliegen, du Spaßvogel?
— Nein! brüllte Skopka, der auch seinen zweiten Flugversuch als Fiasko enden sah, ich wollte aus der Luft auf unser Land scheißen!
Sein Rogallo wurde schließlich demoliert, und die beiden wurden verprügelt. Die gezielten Faustschläge hinterließen interessanterweise keine Blutergüsse. Spätnachts warf man sie dann im Wald aus dem Auto. Und weil den Grenzern offenbar aufgegangen war, eventuell zu weit gegangen zu sein, verständigten sie nicht die Staatsanwaltschaft. Und Skopka und sein Freund konnten weiterstudieren — auch weil eine entsprechende Meldung der örtlichen mährischen Polizei von einer Sekretärin der Fakultät absichtlich verkramt wurde.
Als im Jahre 1977 die Charta gegründet wurde, war Skopka mit seinem Studium längst fertig und mit seiner Arbeit unzufrieden; unrettbar veraltete Motore für Kleinflugzeuge weiterzuentwickeln fand er lächerlich. Außerdem lag sein Betrieb am Rand von Prag, und Skopka hatte keine Lust, sich jeden Tag in den überfüllten Bussen drängen zu müssen. Zusätzlich fühlte er sich bei diesen Fahrten von den Busfahrern würdelos behandelt. Einmal schnappte er, als sich die barbarischen Lenker an einer Endhaltestelle unterhielten, etwas auf, was seinen Verdacht voll und ganz bestätigte.
— Die Idioten kullern wie eine Ladung Kartoffel, wenn man schnell genug bremst.
— In scharfen Kurven fallen sie gern die Treppen runter. Oder setzen sich den anderen auf den Schoß, krallen sich an irgendwelchen Frisuren fest. Im Spiegel sieht das irre aus.
Skopka unterschrieb die Charta 77 und erfüllte sich infolgedessen einen anderen großen Techniker-Traum — er wurde Bauarbeiter bei der Metro. Mir ging es ausgerechnet in dieser Zeit psychisch so miserabel, daß mir einiges von Skopkas Werdeabstieg entgangen war. Ich war mit meiner Mutter, meinem Karate und meiner Metallverarbeitung ausreichend ausgelastet und für nichts anderes zu gebrauchen. An sich hätte ich auch gern für das Gute an der Seite der Besten gekämpft, dazu war ich inzwischen aber zu negativistisch geladen und vollkommen isoliert.
Zu den Schikanen, die die Charta-Unterzeichner über sich ergehen lassen mußten, gehörte, daß man die Autobesitzer unter ihnen auf die Zulassungsstelle bestellte, um ihnenihre Papiere aus vorgeschobenen Gründen abzunehmen. Gern weitete man dies auch — im Sinne der wiederbelebten Sippenhaft — auf alle greifbaren Familienangehörigen aus. So bestellte man auch Skopkas Vater ein — in der irrigen Annahme, dieser würde sein Auto nebenbei auch seinem Sohn überlassen. Bei der Gelegenheit lernte Vater Skopka zufällig den blinden Dissidenten Klaudius kennen, der kurioserweise tatsächlich auch ein Auto besaß. Gefahren wurde es allerdings von anderen — von seiner Frau, seinen Freunden oder Freundinnen. Zur Zulassungsstelle kam der Charta-Unterzeichner Klaudius wie gewohnt allein mit der Straßenbahn. Er fuhr durch die halbe Stadt — ausgerüstet nur mit seiner extradunklen Ray-Charles-Brille. Vater Skopka sah den bebrillten ruhigen Mann im Warteraum sitzen, und ihm fiel nicht ein, daß dieser Mensch blind sein könnte. Klaudius wurde irgendwann aufgerufen und betrat schnellen Schrittes das Büro. Seine Pkw-Zulassung hielt er dabei in der Hand. Im Gegensatz zum alten Skopka wußte er genau, was ihm blühte. Durch die noch halbgeöffnete Tür konnten schließlich alle Wartenden den Anfang eines denkwürdigen Dialogs hören: