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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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— Sind Sie mit Ihrem Pkw gekommen? schrie der überarbeitete und übel geladene Beamte.

— NEIN, HERR WACHTMEISTER, ICH BIN VOLLKOMMEN BLIND! brüllte Klaudius zurück.

sie betrat die landschaft, trat in sie hinein

Die Belegungsstruktur unserer Wohnung blieb im Grunde fast unverändert — war so gut und so schlecht wie in alten Zeiten. Nur Tante Györgyi verlagerte ihre Kochnische in eines der Bäder, kopierte damit unsere Bade- und Koch-Kombination. Ihr Gaskocher stand auf einem gefährlich wackeligen Brett, als Küchentisch diente ihr eine viel zu schmale Platte, die sie über die Badewanne legte. Wenn eine andere weibliche Person gerade baden wollte, konnte sie es darunter ruhig tun. Manchmal fielen ein paar Zwiebelringe, einige Tomatenscheiben oder Wurstwürfel ins Wasser, man witzelte danach über Zwiebel-, Tomaten- oder Wurstbäder. Als einmal ein ganzes Töpfchen mit peperoni-haltigem ungarischen Letscho zwischen die Beine von Urtante Bombe kippte, gab es allerdings Krach. In der Wohnung galten sowieso ganz unterschiedliche hygienische Standards. Der Peperoni-Vorfall wäre bei Erna nicht möglich gewesen. In der ursprünglichen alten Küche, die von ihr dominiert wurde, war nicht einmal das Händewaschen im Spülbecken fürs Geschirr erlaubt.

Mein Zuhause bekam für mich endgültig etwas Panoptikales, und ich paßte als übergereiftes Kind ganz ausgezeichnet darein. Ich ging sowieso wenig aus, da ich die untergehende Stadt außerhalb der Wohnung immer unerträglicher fand. So wurde ich immer mehr zu einem Stuben-Autisten meiner eigenen Liga und hatte bei der mich umgebenden Fürsorglichkeit keinen vernünftigen Grund, depressiv oder bei Gelegenheit ausfällig zu werden — mir fehlte ja nichts. Mein häßlicher Bart wucherte leider nicht ganz gleichmäßig und schützte mich vor fremden Blicken nur unzureichend.Auf der Straße versteckte ich mich gern zusätzlich unter einer abgetragenen Schirmmütze.

Wenn ich mich in der Stadt ausnahmsweise auf Gespräche mit fremden Menschen einließ, bekamen diese überraschend schnell das Gefühl, ich würde mich über sie lustig machen. Das war neu, und ich verstand es selbst nicht. Mir war absolut nicht danach, jemanden zu provozieren — dazu war ich viel zu schwach und demoralisiert, von ironischer Kraftprotzerei weit entfernt. Um nach außen einigermaßen normtüchtig zu wirken, studierte ich meine Mimik vor dem Spiegel und versuchte, an mir zu arbeiten. Nebenbei entwickelte ich eine ganze Palette gesichtsgymnastischer Übungen. Weil ich früher mit den unterschiedlichsten Menschen gut klarkam, wußte ich wenigstens, wie gewöhnliche Gespräche zu klingen und mimisch-gestikulatorisch auszusehen hatten. So mimte ich bei Gelegenheit mich selbst, formte meine Natürlichkeit einfach nach. Ich spielte Leichtigkeit oder Ergriffenheit, täuschte gegenstandsbezogenes Interesse vor — mit meinem ganzen Geschick und den Resten meines Charmes. Leider stand ich dabei oft unter starkem Überdruck. Wenn ich irgendwo am Tisch saß, leitete ich meine überschüssige Spannung in die Füße und die Wadenmuskeln ab, wo diese Krampferei niemandem auffallen konnte. Nach solchen Tischrunden fühlte ich mich oft wie nach einer kleinen Bergtour, im schlimmsten Fall bekam ich Wadenkrämpfe.

Normal war das alles nicht. Mich suchten, wenn ich gerade unter keinen aktuellen Karateverletzungen litt, sowieso schon dauernd diverse hypochondrische Phantasien heim. Die Reste meines Zukunftsoptimismus verließen mich zum Glück aber auch in dieser Zeit nicht ganz. Wenn ich in eine lebensbedrohliche Lage kommen sollte, träumte ich, würde es bestimmt in der Nähe einer spezialisierten Klinik der Fall sein. Selbst eine Herzattacke, die ich als Fußgänger mitten auf einer befahrenen Kreuzung bekommen sollte,würde mich in die Tür eines Rettungsfahrzeugs stolpern lassen.

Zu Besuch kamen zu uns dieselben Menschen wie früher, sie erschienen mir allerdings wesentlich seltsamer als früher. Eine Freundin von Erna hatte keine Nase, jedenfalls nur einen kleinen Rest davon. Wir Kinder hatten uns früher vor ihr gegruselt, hielten uns aber gern in ihrer Nähe auf, wenn sie bei Erna zu Besuch war. Man konnte der Frau nämlich bis in den Kopf hineinsehen. Und wir begriffen angesichts ihres Schädels schon damals, daß der Kopf eines Menschen nicht voller Gehirnmasse ist, sondern teilweise ziemlich hohl. Gleichzeitig war mir bei den Hohlraumstudien klar geworden, daß nicht alle zentral gelegenen Frauenöffnungen als aufreizend gelten müssen.

Ein Arzt, ehemaliger Busenfreund von Tante Erna, änderte alle halbe Jahre seine Gesichtsfarbe. Mal war er verdüstert grau, dann grünlich, ein Jahr lang sah er ziemlich gelb aus, danach fast weiß. In meiner letzten Erinnerung ist er bläulich. Er trug immer einen extravaganten Hut und nahm ihn auch in der Wohnung oft nicht ab. Einmal mußte ihn Onkel ONKEL im Auto mitnehmen — ungern, versteht sich. Sie kurvten in Onkels lautem Wartburg durch die Stadt, der Verkehr war wie immer voller Nervosität, der Onkel bremste wutgeladen, oft erst im letzten Moment. Er stand wegen einer wichtigen Fernsehsendung, die er nicht verpassen wollte, unter Zeitdruck. Sein in dieser Zeit weißblasser Mitfahrer nahm plötzlich seinen Hut ab und kotzte wortlos hinein.

— Ihr Hut! schrie Onkel ungläubig.

— Und Ihr Auto? sagte der Weißling und warf seinen Hut samt Inhalt noch während der Fahrt aus dem Fenster.

Dieser Mensch des verblassenden Farbspektrums litt angeblich an einer ominösen Stoffwechselkrankheit, die nach und nach alle wichtigen Organe befiel — und sie dann allerdings wieder verließ, ohne einen Schaden anzurichten. Dasbehauptete er jedenfalls. Wegen seiner Verfärbungen nahm man bei uns allerdings an, er sei nicht nur krank, sondern vor allem tablettenabhängig. Als Arzt konnte er sich verschreiben, was er wollte. Zu seiner Selbstmedikation gehörten eventuell Drogen und sicherlich auch noch experimentelle Mittel gegen seine Verfärbungen. Vorsichtshalber ließ sich niemand von uns bei ihm behandeln. Nur meine Mutter hatte ihn in einer Notsituation einmal aufgesucht, und er hatte ihr einen so heftigen Pneumothorax unter die Rippen verpaßt, daß ihr die Luft weggeblieben war. Wegen seiner verfestigten früheren Zuneigung zu Erna kam er leider regelmäßig zu uns — gefürchtet wurde er allerdings nicht wegen seiner medizinischen Gemeingefährlichkeit (»Immer schon zwei linke Hände gehabt…«), sondern wegen seines Ordnungssinns bei gemeinsamen Gesprächen. Oft erst nach einer halben Stunde eines wie immer chaotisch verlaufenden Austauschs rief er laut:

— Stop! Wie sind wir überhaupt auf dieses Thema gekommen?

Und er begann, im Schnelldurchlauf alle Sprünge des Gesprächs, die wilden Assoziationsketten rückwärts zu verfolgen — bis er wieder beim Ausgangspunkt ankam. Alles hatte wieder seine Ordnung, man atmete aus. Nachdem er das allgemeine Durcheinander wieder zugelassen hatte, wußte man, daß es irgendwann wieder ein Stop geben würde. Zu allem Unglück vertrug er es nicht, wenn bei uns Krümel auf dem Fußboden lagen. Er sammelte sie im Umkreis seines Stuhls einzeln auf ein Häufchen und entsorgte sie später auf einmal — inzwischen tat er es, ohne um Erlaubnis zu bitten. Er vertrug außerdem keine Flecke an den Gläsern, polierte sein Glas als erstes grundsätzlich nach, und wenn es noch möglich war, putzte er wortlos auch die der anderen. Einer der Gründe, warum er sich bei uns wohl fühlte und letztlich auch geduldet werden mußte, war, daß er auch aus Ostrau kam — aus der Brutstadt unserer Familie. Erkonnte nicht aufhören, von der Herrlichkeit dieser damals so reichen Industriemetropole zu schwärmen. Niemand war zwar seiner Meinung, über seine Loblieder und seine Begeisterung freute man sich trotzdem.

— So reich, so sauber, so freundlich! Man hätte damals von den Bürgersteigen essen können. Alle, auch die Arbeiter, waren reich, außerdem bekam jeder ständig Gutscheine in die Hand gedrückt wißt ihr noch, diese Einkaufscoupons. Die Arbeiter bekamen sie jedenfalls in den Fabriken und kauften sich überall alles, was sie wollten. Der Handel blühte, alle waren glücklich — und die Stimmung auf den Straßen!

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