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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Mir machten vor allem die Rollen auf dem Parkett furchtbare Probleme, weil mich dabei keine Gewebepakete schützten. Ich war voller nicht abgepolsterter Knochen, Gelenkkapseln und Vorsprünge. Ich verletzte mir besonders oft die Ellenbogen, quetschte mir irgendwelche Schleimbeutel kaputt, außerdem waren mein Kreuz, die Schultern und die Arme dauernd mit Blutergüssen übersät. Zusätzlich zu den vielen Härteübungen bekam man beim Training oft noch irgendwelche Zusatzstrafen aufgebrummt. Ich machte beim Üben von Katas — den festgelegten Bewegungsabläufen — immer wieder Schrittfehler, weil ich mir die einzelnen Positionswechsel nicht schnell genug merken konnte. Das gefiel dem strengen Meister ganz und gar nicht. Er paßte gut auf oder kommandierte jemanden ab, der auf die Einhaltung der Schrittfolgen achten und die Sünder herauswinken sollte. Der Meister ließ daraufhin alle anderen weiterüben, die schwarzen Schafe mußten entweder wieder ihre Gelenke ruinieren oder wie Häschen am äußeren Rand der Halle Hüpf marathon veranstalten. Manche fielen mitMuskelkrämpfen irgendwann um. Nach einer kleinen Pause durften sie dann weiterhäseln. Für diejenigen, die einfach in der Hocke blieben, weil ihnen die Kraft ausging, gab es nur Verachtung. Nach dem Ende der Strafrunden ging es weiter mit den Katas. Und beim nächsten Fehltritt wurde man ohne Gnade erneut bestraft, auch die Krampfanfälligen mußten wieder zum Häschenhüpfen antreten. Nachdem der Meister gemerkt hatte, daß mir die Hüpferei nicht viel ausmachte, wurde ich mit Vorliebe zum Gelenkeschinden verurteilt. Wenn es um das abwechselnde Partnertraining der Bauchmuskulatur ging — man drosch seinem Gegenüber mit voller Wucht gegen die Bauchdecke — , teilte mich mein Meister gern einem seiner treuen Jünger zu. Diese hatten sich mit der Zeit natürlich riesengroße Fäuste zugelegt und droschen mit der Schubkraft ihres ganzen Oberkörpers und ihrer breiten Oberschenkel — aus der Hüfte heraus, wie es so schön heißt.

Eine Regel war beim Training besonders gemein: Man durfte sich um die Verletzten auf keinen Fall kümmern. Wer sich so übel weh tat, daß er sich nicht mehr rühren konnte, durfte sich still auf einer Matte in der Ecke winden — den geheiligten Raum nach dem Abklingen der schlimmsten Schmerzen aber trotzdem nicht vorzeitig verlassen. Und tatsächlich schafften es nach gewisser Zeit auch diejenigen, die gerissene Sehnen oder angebrochene Knochen hatten, aufzustehen und — wenn das Training für uns alle vorbei war — sich eigenständig nach Hause zu schleppen.

Diese Art Aufzucht war dazu gedacht, mit der Zeit auch zarte Geister zu brutalisieren. Wer das Härteregime nicht aushielt, mußte früher oder später einfach desertieren. Was mich betrifft, legte ich irgendwann meine frühere Zurückhaltung ab und war bereit, bei Bedarf doch aufs lebende Fleisch meiner Mitmenschen einzuschlagen. Ich wollte das Training bald nicht mehr anders haben, als es war, pflegte mich an den trainingsfreien Tagen intensiv, um wieder regelmäßig antreten zu können. Mein Körpergefühl wurde trotz der vielen Lädierungen insgesamt immer besser, meine Beine kamen auf meinem jüdischen Rennrad wieder zu Kräften, und meine lahmarschige Verdauung lief wieder reibungslos ohne Magendruck oder Darmkrämpfe ab. Zum Glück bin ich beim regelmäßigen Entleeren aber nicht so weit gesunken, daß ich den in der Slowakei aufgeschnappten Spruch GUTES SCHEISSEN IST HALBER BEISCHLAF für mich gelten lassen konnte. Bei den Katas, deren Ablauf ich mir irgendwann fest eingeprägt hatte, liebte ich besonders das befreiende Schlußgebrüll — das» KIAI«, das den zukünftigen realen Gegner akustisch einschüchtern oder gar umhauchen sollte. Meine KIAIs waren eine Art Karate-Orgasmen der Ersatzklasse. Die Kämpfe mochte ich auch, nahm mich dabei aber vor den Burschen in acht, die sonst beim Training besonders freundlich waren und dauernd lächelten. Ausgerechnet diese Lächler verwandelten sich bei den Kämpfen in die verbissensten Schläger, ausgerechnet in ihnen steckte der stärkste Vernichtungswille. Ihr Lächeln verschwand in der Kampfsituation vollständig, man sah ihnen eher so etwas wie die reine Mordlust an.

Natürlich träumte ich auch davon, mit meiner Handkante irgendwann dicke Ziegelsteine zu durchschlagen. Diese Art Schläge hatten wir aber leider nicht geübt. Ich mußte es heimlich für mich tun und drosch zu Hause mit meiner Handkante auf unsere häßlichen Möbelstücke ein, auf alle möglichen Schränke, Kommoden, auf unsere Tische oder auf die Wände. Die Vermöbel-Prügelfrequenz meiner zu bestrafenden Zielobjekte steigerte sich natürlich in Abhängigkeit davon, wie häßlich die einzelnen Prügelziele waren.

— Was tut er da?

— Was machst du, Georg, mein Lieber?

Außerhalb des Trainingsraumes fühlte ich mich bald unangreifbar und unverwundbar, dank der Abwehrtechnikden Normalbürgern hochgradig überlegen — und so wollte ich endlich auch im realen Leben zuschlagen. Das wurde uns natürlich strengstens verboten. Um mir nicht feige vorzukommen, suchte ich mir nachts beim Spazierengehen irgendwelche dicken großen Kerle aus. Sie sollten möglichst größer, schwerer und stärker sein als ich. Ganze Grüppchen zu erledigen wäre auch einem angehenden Karateka sicher möglich gewesen, das wollte ich aber erst später in Angriff nehmen. Ich wußte, daß diese Kunst nicht nur eine Frage der Übung war. Bei den blitzschnellen Entscheidungen über die sinnvolle Reihenfolge der Schläge und über die Bewegungsabläufe in bezug auf den hierarchisch einzuschätzenden Gruppengegner spielte vielmehr die Intuition eine wichtige Rolle. In der Theorie war ich gut, für den praktischen Einsatz noch etwas unentschlossen. Ich ging auf die ausgewählte Zielperson in irgendeiner Nebenstraße schnell zu und achtete vor allem auf das Nichtvorhandensein von Zeugen. Schon mein Gang und mein Blick schüchterten diese Männer furchtbar ein. Ein Mensch, dem man sich auf eine solche entschlossene Art und Weise nähert, weiß, daß er geschlagen werden wird.

— Nein! ruft er dann, was ist los, ich hab doch nichts…

Solche Leute erstarren vor Schreck, und man kann sie schlagen, wohin man will. Es war eine Art Training am lebendigen Menschensack. Wegen der oft fehlenden oder mangelhaften Abwehr waren diese Trainingseinheiten natürlich vollkommen wertlos.

Mein Musikgeschmack änderte sich in dieser Zeit rasant, ich wollte immer brutalere Töne hören als je zuvor — und so unschöne, wie es nur ging. Zum Glück erkrachte diese Art von Musik überall, und ich war wie elektrisiert, wenn ich üble Geräusche, schmutzige Oberton-Derivate oder dumpfrhythmische Vibrationen zu hören bekam. Zum Beispiel an Baustellen, wenn Stahlträger in die Erde gerammt wurdenoder wenn Kampfarbeiter mit Preßlufthämmern antraten, um Betonruinen zu zerpulvern. Aber auch unser Haus war voller derart dreckiger Musik — dauernd wurde beim Bohren die Knorpelsubstanz des Hauses malträtiert, beim Hämmern die Mikrostruktur des alles zusammenhaltenden Fugenmörtels geschwächt. Außerdem waren die Innereien vieler Wasserhähne alt und ausgeleiert, und wenn sie aufgedreht wurden, produzierten sie ein unbarmherziges Rattern. Je grausamer diese Geräusch-Absonderungen waren, desto besser. Das ganze Rohrsystem des Hauses fieberte manchmal mit, die Wände zitterten, lose Gegenstände vibrierten, überall gab es tonfarben-intensive Rückmeldungen, Resonanzeffekte en masse. Das ganze Haus war ein Orchesterensemble, das von Tante Ernas Kreischen oft noch unterstützt wurde.

— Ich kann nicht mehr — wie die VI!

- Über die haben die Engländer doch gelacht, hast du mal erzählt.

Eine Zeitlang konnte ich ausschließlich nur die» Plastic People of the Universe «hören, hatte mir alle greifbaren, illegal verbreiteten Aufnahmen besorgt und mit meinem Spulengerät überspielt. Ihre Konzerte wurden inzwischen nur in bestimmten Kneipen, nur im engen Umkreis des Undergrounds und erst einen Tag vor dem Auftritt bekanntgegeben — und ich erfuhr von den Konzerten immer erst im Nachhinein. Um so maßloser hörte ich mir meine Tonbänder an, liebte die alles andere als elastische Radikalität dieser Rockmusik, genoß die gebrüllten Wutausbrüche. Das Volumen der hartplastischen Stimme von Milan Hlavsa war umwerfend:»UNGEZIEFER IN DER HAUT, UNGEZIEFER IN DEN HAAREN, UNGEZIEFER IM BLUT…«Die spastischen Metaphern stimmten mit meinen eigenen Bildern überein:»AM HIMMEL LÄUFT EIN UNGEHEUER — IST DAS DIE LEPRA ODER DIE PEST?… DIE WÖLFE KOMMEN AUS DEN BERGEN… DIE KRÄHEN KREISCHEN HÄSSLICH AUF…«Die magma-heiße Gefühlslage dieser Leute war einfach auch meine:»DER APOKALYPTISCHE VOGEL KAUT EINE BLUTIGE MASSE ZU BREI… DER APOKALYPTISCHE VOGEL SPRITZT GIFT INS DENKEN… DER APOKALYPTISCHE VOGEL HUSTET SCHWEFELSTAUB«. Hlavsas Stimme war voller unerhörter Kraft. Der gigantische Überdruck, den sein Brustkorb aufbauen konnte, hätte meine eher zarten Stimmbänder sicher auf der Stelle zerfetzt und sie wie Schleimreste aus mir herausgeschleudert. Hlavsa lief irgendwo in der gleichen Stadt herum. Ich war scheu und einsam — unfähig, mich diesem verwandten und angeblich überaus freundlichen Menschen zu nähern.»IN EINER MAGISCHEN NACHT BEGANN DIE ZEIT… WIR LEBEN IN PRAG, DAS IST DORT… IN EINER MAGISCHEN NACHT BEGANN DIE ZEIT… WIR LEBEN IN PRAG… IN EINER MAGISCHEN NACHT WIRD HIER DER GEIST ERSCHEINEN… WIR LEBEN IN PRAG, DAS IST DORT«.

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