Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Wegen meiner vielen Tiere darf ich nicht ernsthaft krank werden, hatte Dana schon früher mehrmals gesagt.
Für die aktuelle Bedrückung im Haus gab es noch einen ganz konkreten Grund. Ausgerechnet durch Danas Gegend sollte die erste sozialistische und endlich RICHTIGE Autobahn in Richtung Brünn geführt werden. Für Dana war das eine Horrorvorstellung. Sie hatte vorgehabt, für immer inder von ihr geliebten Landschaft zu bleiben. Den Dauerkrach der vorbeifahrenden Autos würde sie auf keinen Fall ertragen, meinte sie, niemals ausblenden können.
Ihre letzten Wochen konnte ich mir nachträglich grob rekonstruieren — ich versuchte es jedenfalls. Einiges ging aus ihrem etwas wirren Abschiedsbrief hervor.»Ich habe die Baggerhörner schon gesehen…«In den letzten Wochen, erzählte uns Danas Nachbar, wurden ihre Unterbauchschmerzen unerträglich. Sie hatte ihre Tiere verscheucht oder verschenkt, manche muß sie getötet haben. Wohin sie sich selbst verkrochen haben könnte, wußte niemand. Ihr Brief verriet nur etwas über» Sahnehäubchen guter Tabletten«. Kurioserweise wurde Danas Körper nie gefunden. Ich war mit meiner Mutter mehrmals wegen der Auflösung des Hausrats dort, zu den Kubricks und der nahenden Autobahnbaustelle ging ich aber nicht, verschob es immer wieder. Dagegen hatten die Bauarbeiten viel früher begonnen, als man erwartet hatte. Die Bagger und Planierraupen hatten die Landschaft rigoros zerwühlt und begradigt, wühlten und begradigten immer noch, fraßen sich weiter durch, die im Wege stehenden Grasquader waren dabei offenbar gar nicht aufgefallen. Auch mit dem Innenleben der kleinen Hindernisse hatte sich anscheinend niemand beschäftigt. Als wir in Prag von zwei Polizisten befragt wurden, ging es vor allem um die Tatsache, daß Danas Haus vor einiger Zeit auf meine Mutter umgeschrieben worden war. Sehr gründlich war die Befragung allerdings nicht. Viel wichtiger schien den beiden ein Exhibitionist zu sein, der sich in unseren Parks herumgetrieben haben sollte.
Dana konnte lange nicht für tot erklärt werden, das Haus gehörte meiner Mutter aber trotzdem. Sie fuhr von Anfang an regelmäßig hin, machte dort lange Zeit nur sauber.
Ich lebte in Prag, lebte dort aber gleichzeitig nicht wirklich. Bei uns zu Hause wurden seit Jahren keine Tageszeitungenmehr gelesen — nicht das» Rüde prävo«(»Rotes Recht«), nicht» Die Volksdemokratie «oder» Das freie Wort«.»Die junge Front «oder das Nachmittagsblatt» Das abendliche Prag «natürlich auch nicht. In den Medien gab es bekanntermaßen drei Sorten von Nachrichten: Die wahren — zu denen rechnete man grundsätzlich nur den Sport — , die wahrscheinlichen — das waren die Wetterberichte; bei den restlichen politischen ging man davon aus, daß sie gelogen, bewußt zurechtgewürgt oder voller weißer Flecke waren. Bei uns hörte man aus gutem Grund lieber den äußerst kultivierten Österreichischen Rundfunk, Österreich Eins. Deshalb wußten wir beispielsweise über die österreichische Wirtschaft besser Bescheid als über die einheimische.
— Die armen Österreicher! jammerte immer wieder die Wien-liebende Großmutter Lizzy. Eine Zeitlang machte ihr besonders das sinkende österreichische Bruttosozialprodukt große Sorgen.
Die Atmosphäre in Prag wurde immer bedrückender. Ich war inzwischen voller Haß auf alles, was mich umgab. Das Fernsehen war schon lange unerträglich, der Rundfunk wurde bald genauso ungenießbar. Um die geballten Lügen mit frischem Wind zu vermischen, war — bald nach dem Einmarsch — sogar ein neuer Sender gegründet worden: Radio Vitava. Für mich war das von Anfang an der Sender der Kollaborateure. Er hieß genauso wie der Propagandasender der Okkupationstruppen, der seinerzeit in der DDR installiert worden war und uns im fehlerhaften Tschechisch auf Linie bringen sollte. Im Grunde waren aber längst alle Fernseh- und Rundfunkstationen gleichgeschaltet — die Unterschiede zwischen ihnen waren ohne Belang. Die Intonation der Sprecher wurde immer künstlicher, mich beleidigte schon jeder falsch angesetzte Ton ihrer Stimmen, vollkommen unabhängig vom Lügengehalt der Beiträge. Bereits die ersten ausgesabberten Silben empfand ich als einen gezielten Angriff auf meine Person und wurde auf alle dieseZeichen der Neuzeit bis aufs Kratzblut allergisch. In meiner Machtlosigkeit halfen mir leider keine Karateschläge, keine mit einer Knorpelschicht überwucherten Gelenke, kein KIAI.
Ich schottete mich von allen lauten — nicht nur von den papierenen — Medien möglichst ab, konnte aber nicht immer vor den Rundfunkbelästigern flüchten. In meiner Werkstatt war es zum Glück meistens laut genug, das Radio wurde aber nicht immer vollständig übertönt. Mein geliebtes Tschechisch füllte sich in den Mäulern der Sprecherprofis mit völlig überflüssigen, gerngewichtigen Pausen und kleinen Zusatz-Zäsuren. Die von den Ansagern gekonnt ziselierten Sätze bekamen außerdem sinnwidrig akzentuierte und übertrieben melodiöse Hebungen. Zusätzlich zu denen, die zum natürlich gesprochenen Tschechisch sowieso gehören.
Ich versuchte im Rahmen meiner Seelenhygiene wenigstens, für die diversen Vergewaltigungsakte an der Sprache sachliche Beschreibungen und Termini zu finden. Die angestrebte überkorrekte Intonation sollte uns offenbar — halb singend eben — gedankliche Tiefe, Wahrhaftigkeit und Empathie vorgaukeln. Dabei klang die zur Schau gestellte Lebendigkeit dieser Vorsinger nur nach unreflektiertem Kalkül. Diese munteren Stimmen waren bemüht, einen A-priori-Gleichklang mit uns Hörern herzustellen, uns alle auf den dümmlichsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Anschließend sollten wir alle so etwas wie ein dauerfröhliches Miteinander zelebrieren. Wer sich nicht einbeziehen lassen wollte, sollte — wie ich — unten im Dreck an der Seite des niederen Proletariats vergammeln, seinen Unwert verinnerlichen und beim Anblick der übrigen Verkrachten in sich gehen.
Leider stießen die Sprachdeformationen erstaunlich viele Menschen überhaupt nicht ab, und der Normalbürger gewöhnte sich an das angebotene Verdummungstheater rechtschnell. Auch an den auffälligsten intonatorischen Unstimmigkeiten störte man sich nicht anders als an harmlosen Verhaspelungen — und irgendwann wurden nicht einmal mehr die brisantesten NEUERUNGEN registriert. Der galoppierende Sprachbefall gehörte zu unserem Alltag. Auch der allseits bekannte Spruch der» netten Tür «in der U-Bahn — »Ukoncete vystup a nästup, dvefe se zaviraji«(Beenden Sie den Aus- und Einstieg, die Tür schließt) — klang in meinen musikverwöhnten Ohren grauenhaft. Dieser Singesatz folterte mich jahrelang, eisern bei jeder einzelnen Fahrt bis zum Aussteigen, konsequent in jeder Station, unzählige Male jeden Tag, wieder und wieder. Der Spruch empörte mich wegen der in ihm steckenden Überzeugung, Fürsorglichkeit auszudrücken, quälte mich mit seiner selbstzufriedenen Gewißheit, in der unveränderlichen Frische auch zukünftig immer weiter tönen zu dürfen. Die ihm innewohnende aufgesetzte Freundlichkeit widersprach in erster Linie der VERACHTUNG, die uns der Staat jeden Tag sonst entgegenbrachte. Und weil dieser Staat ein zentral organisiertes Gefüge war und alle seine Teile — auch alle seine Waggons, Türen und Lautsprecher — für die gemeinsamen, von den Einheitsgangstern der Partei ausgerufenen Ziele zu kämpfen hatten, war auch diese Stimme die STIMME DER PARTEI, sie war für mich ein Teil ihres unendlich mächtigen Propagandachors.