Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Auf der Straße sprach man untereinander natürlich noch anders. Die melodiöse Verlogenheit expandierte aber trotzdem — ganz ähnlich sprachen plötzlich auch Redakteure von wissenschaftlichen Sendungen oder Verkünder irgendwelcher Neuigkeiten für Bastler. Die ekligen Stimmhebungen verunstalteten bald jeden gewöhnlichen Aussagesatz, nach und nach wurde jede Natürlichkeit aus den offiziell gesprochenen Sätzen getilgt. Jeder Mensch, der in den Medien anders gesprochen hätte, hätte verraten, sich nicht an die geltenden Regeln halten zu wollen — man hätte ihn früher oder später von seinem Mikrophon verjagt. Schließlich übernahmen nach und nach auch alle Schauspieler diesen künstlichen Tonfall, und das Neu-Tschechisch fraß sich gnadenlos in die Kulturlandschaft ein. Ausländische Filme, die synchronisiert wurden, konnten der Verunstaltung ebenfalls nicht entkommen — und auch filmische Großtaten wurden dadurch ungenießbar. Für mich blieb das SYNTHETISCHE Neu-Tschechisch immer eine Kunstsprache.
Als ich zufällig einmal kurz eine primitive amerikanische Serie in Onkels Fernsehgerät verfolgte, traute ich meinen Ohren nicht. Die Perversion hatte die nächste Qualitätsstufe erreicht. Die Synchronsprecher versuchten mit Mitteln des entwurzelten Tschechisch, sich locker-kraftstrotzend und souverän-freiheitsverwöhnt zu geben — eben amerikanisch. Ihre Stimmen überschlugen sich regelrecht vor Übermut — allerdings völlig inadäquat und unlogisch, eben unabhängig vom emotionalen Gehalt der Dialoge. Infolgedessen wirkten die auf dem Bildschirm agierenden Schauspieler wie Kinder unter Kokain, wie Manisch-Depressive, die gerade ihre positive Erregungsphase auslebten — oder wie Ferdydurkisten, die an einer unpassenden Stelle der Gesellschaftshierarchie in eine falsche Erziehungsanstalt gesteckt worden waren. Ich mußte auch an Marquis de Sade und Peter Weiss' Stück denken. Vielleicht verdrehte und parodierte hier ein neuzeitlicher Sadist, umgeben von der Nachwuchsgarde eines Irrenhauses, irgendwelche Vorlagen, deren ursprüngliche Intention und ideologische Stoßvektorisierung mir nicht zugänglich war.
Zur Beruhigung versuchte ich wieder und wieder, für den allgemeinen Sprechwahn und Sprachverfall Worte zu finden, suchte nach einem Satz, mit dem man diese partielle Abkoppelung der Sprache vom Seelenleben der Gesellschaft beschreiben könnte.»Was diese Leute bei ihrer pervertierten Beschallung mit uns treiben«, notierte ich mir eines Tages,»ist AUF EINLULLUNG UND ÜBEREINSTIMMUNGZIELENDER PARASEMANTISCHER TRANSPORT VON NUR MUSIKALISCH ZU ERFASSENDEN SIGNALEN — EIN TRANSFER, DER UNTERSCHWELLIG VONSTATTEN GEHT UND AUF DIE FINALE ÜBERSTÜLPUNG DER SCHEINBAR TRANSPARENT FEILGEBOTENEN INHALTE ANGELEGT IST. «Sicher war das aber nicht die letztgültige Definition des damaligen Verbrechens an meiner Sprache. Allerdings war auch ein von mir konsultierter Phonetiker nicht in der Lage, diese Beobachtungen der klanglichen Vorgänge ohne weiteres einzuordnen, geschweige denn sie wirklich schlüssig zu klassifizieren.
Das Volk sah sich die nicht nur sprachlich verunstalteten Machwerke im Kino und im Fernsehen trotz allem gern an. Und über die aktuellen Folgen der unterschiedlichen, vor allem der originaltschechischen Fernsehserien wurde mit vollem Ernst fleißig diskutiert — wie über das wahre Leben selbst. Und was für niedliche und reizende Kinderfilme im Lande immer noch produziert würden! schwärmte man bei den auswertenden Gesprächen während der Arbeitszeit. Sie würden sogar erfolgreich exportiert — sieh mal einer an! Zu meinem Entsetzen mutierten die Leute langsam zu Notprogramm-Patrioten und versuchten, wenigstens auf etwas — und sei es aufgepäppelter Schrott — stolz zu sein. Die gehaltreduzierten Unterhaltungsproduktionen waren allerdings äußerst geschickt gestrickt — tatsächlich zu gleichen Maßen für die zu erziehenden Kleinen wie für die klein zu haltenden Großen gedacht.
Auch bei der Benennung der Prager U-Bahn-Stationen beging unsere Obrigkeit ein schweres Verbrechen. Gegen alle üblichen sprachlichen Regeln wurden die einzelnen Stationen damals nicht schlicht nach dem entsprechenden Stadtteil, der anliegenden Straße oder dem zugehörigen Platz benannt, sondern adjektivistisch. Statt» Kleinstadt «sollte die Station an der Moldau plötzlich» Die Kleinstädter«, die am anderen Ufer statt» Altstadt«»Die Altstädter «heißen. Unsere Station bekam natürlich den Namen» Die Hradschiner «verpaßt. Dabei konnte der» Prag Hauptbahnhof «weiterhin den schlichten alten Namen behalten und wurde nicht in» Der Prager «umbenannt. Die U-Bahn-Station» Museum «durfte wahrscheinlich nur deswegen» Museum «heißen, weil man sie schwerlich» Die Museale «nennen konnte. Das hinter dieser schiefen Benennungspraxis stehende psychologische Motiv erklärte ich mir bald: Alles hing wieder mit dem angestrebten NETTEN TON zusammen, mit dem man in jedem U-Bahn-Zug umsabbert wurde. Die gütige Staats- und Parteiführung schenkte uns Pragern die ersehnte Metro mit allen ihren schönen Bahnhöfen, und sie wollte uns nach der feierlichen Eröffnung unbedingt folgendes singen hören:»Freuen wir uns alle miteinand! Seien wir dankbar! Tanzen wir doch vorsichtig eine Bahnsteigpolonäse, statt nur verstockt herumzustehen. Es ist unser aller Metro — und wir wollen die nächste angesagte Station NICHT mit der eigentlichen Altstadt verwechseln, es ist doch die prächtige… es ist UNSERE neuerbaute ALTSTÄDTER, und die nächste wird unser aller KLEINSTÄDTER Station sein, und klatschen wir gemeinsam in die Hände: Die übernächste, an dem beispielsweise auch unser lieber Georg aussteigen wird, ist unsere besonders schön gestaltete HRADSCHINER.«
Leider wurde ich — dauergequält, wie ich war — nach und nach zu einem Radikalinski, redete wie ein Radikalinski und wurde als ein solcher gern beschämt.
— Na, na, nicht so radikal, Georg, warum so radikal, junger Mann…
Das besonders Kränkende daran war, daß an diesen ruhig vorgetragenen Vorwürfen etwas dran war. Und ich ahnte, daß es mir wahrscheinlich nicht helfen würde, noch mehr zu wüten. Ich mußte lernen, meinen Ekel zu schlucken — wie nach der in der Presse publizierten Selbstkritik meines Idols Bohumil HRABAL. Hrabal hatte sich irgendwannnicht mehr kräftig und gesund genug gefühlt, um wieder als ein Ausgestoßener existieren zu können, und er hatte sich dem Druck gebeugt. Pro forma, versteht sich. Seine Selbstkritik wurde in einem betont lockeren, freundlich geführten Inteview untergebracht. Trotzdem konnte ich die Bücher, die dann offiziell erscheinen durften, aus Enttäuschung lange Jahre nicht lesen. Sie waren ohnehin nicht nur zensurbereinigt, sondern auch eigenhändig von Hrabal entschärft worden.
Die ganze offizielle Kultur wurde für mich vollständig tabu, die Verlogenheit erfaßte inzwischen auch den allerletzten Winkel der Gesellschaft. Inzwischen mied ich auch symphonische Konzerte. Der Dirigent mußte zur Eröffnung des Konzerts zwar nicht bekennen, er würde die Politik der Partei unterstützen und den Einmarsch der befreundeten Armeen gutheißen, man wußte aber, daß er eine derartige Erklärung öffentlich abgegeben haben mußte, wenn er dort stand, wo er stand. Einmal wollte ich mich über die NEUE GRAUSAMKEIT aber doch informieren und ging gezielt in ein ideologisch besonders verschrieenes Theater. Dort hatte, wie ich wußte, ein politisch hartgesottener Regisseur — und nun auch Chef des Hauses — ein strenges Regime eingeführt. Seine Inszenierung war so grauenhaft, daß auch bekannte Schauspieler auf der Bühne wie Amateure wirkten. Außerdem gab es dauernd böse Pannen. Die Kulissenschieber schlampten und brachten zur falschen Zeit Dekorationen in Bewegung, in anderen Situationen fehlten auf der Bühne die nötigen Gesprächspartner. Es sah beinah nach Sabotage aus. Das Publikum amüsierte sich bei dieser Peer-Gynt-Inszenierung köstlich.