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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Das eigentliche Erlebnis des Abends lieferte allerdings der Regisseur selbst. Weil immer mehr Zuschauer vorzeitig flüchteten, entschloß er sich, rigoros durchzugreifen. Schon eine Weile vor dem Schlußvorhang versuchte er, die Flüchtenden am Verlassen des Saales zu hindern. Erst versperrte er vorschriftswidrig von außen einige der Ausgangstüren, mit den Abgefangenen diskutierte er dann halblaut und schaffte es sogar, einige zur Rückkehr zu bewegen. Als dann der Vorhang fiel, die Ausgänge entriegelt werden mußten, stürmten die meisten sofort zu den Türen — natürlich ohne zu applaudieren. Der Mann hielt es nicht mehr aus und tat das einzige, was ihm übrigblieb: Er breitete seine Arme aus und stellte sich dem Strom entgegen.

— Nein, noch nicht! Applaus! schrie er. Es gab noch keinen Applaus!

Als die Menge versuchte, ihm auszuweichen und eine andere Tür anzusteuern, wechselte er — seine langen Arme hielt er die ganze Zeit weit ausgestreckt — zum anderen Ausgang und wiederholte seinen verzweifelten Appelclass="underline"

— Nein, jetzt noch nicht! Das ist nicht richtig, das ist nicht fair!

Ostfront, märz 1944

In einer der Seitenstraßen vom Altstädter Ring, in der der blinde Klaudius wohnte, konnte man öfter seinen mit einer großen schwarzen Brille geschmückten Kopf durch die Menge gleiten sehen. Egal, ob er sich allein auf den Weg gemacht hatte oder nicht, er blieb nie lange allein. Meist war er von mehreren gestikulierenden Bekannten und Freunden umgeben, der Schwarm bewegte sich in der verkehrsberuhigten Zone wie ein Touristengrüppchen. Im Gegensatz zu den Touristen beachteten diese Leute keine Sehenswürdigkeiten, diskutierten laut, und ihre Zahl blieb in der Regel nie konstant — manche verabschiedeten sich zwischendurch, andere kamen hinzu. Kläda alias Klaudius zog mit seiner körperlichen und geistigen Präsenz einfach Menschen an, sah dabei dank seiner Größe und seiner auffälligen Brille wie ein Aussichtsturm aus — oder wie das Periskop eines U-Boots. Von manchen Freunden von früher wurde er» Teiresias «genannt, er mochte es aber nicht.

— Hört auf damit, früher war ich schon mal der» Seher der Partei«. Dabei bin ich einfach nur blind.

In den fünfziger Jahren war er tatsächlich von einem hohen Parteifunktionär in den höchsten Tönen gelobt worden:»Genosse Klaudius ist zwar blind, er SIEHT aber — und besser als viele andere Genossen aus unseren Reihen, er sieht in die Zukunft!«Aber schon Anfang der sechziger Jahre wurde der große Seher wegen seiner Kontakte zu Tito-verdorbenen Jugoslawen verhaftet, verhört und in die Provinz ausgespuckt. Diese Strafaktion hatte unser schöner Präsidenten Novotny höchstpersönlich eingeleitet.

Nach dem Einmarsch von Achtundsechzig avancierteKlaudius endgültig zum Regimegegner auf Lebenszeit. Dank seiner Blindheit hatte er unter den Dissidenten eine Sonderstellung — er wurde von der Staatssicherheit geschont, zum Ausgleich aber um so mehr gehaßt. Trotzdem hielten viele Freunde weiter zu ihm — auch im Verlauf der schärfsten Repressionen. Natürlich aber nicht alle.

— Letzte Woche sind mehrere Leute an mir vorbeigelaufen, ohne zu grüßen… kann ich aber verstehen. Ich erkenne sie auch, wenn sie miteinander nur ganz leise reden. Nachträglich hat sich bei mir einer entschuldigt — mit einem Zettelchen im Briefkasten, sein Sohn will studieren.

Klaudius hatte trotzdem genügend Verbündete. Er fand beispielsweise immer jemanden, der ihm zu Hause vorlas. Daß sich oft ein Schwarm um ihn bildete, konnte man als eine Art Kompensationsangebot verstehen. Klaudius war nach einem Unglück in der Kindheit als einziger am Leben geblieben — als einziger aus seiner Dorfschule. Als seine einklassige Schule einen Ausflug zum nahe gelegenen Fluß unternahm, mußte er als Blinder zu Hause bleiben. Es herrschte Hochwasser, die Fähre, die alle Kinder aufgenommen hatte, war überladen und ging mitten im Strom unter. Danach war Klaudius in seinem Dorf als Kind praktisch allein.

In Prag wollte er nie geführt werden, einhaken wollte er sich auch auf keinen Fall. Beim Nebeneinanderschlendern reichte ihm offenbar die Infrarotstrahlung der körperlichen 100-Watt-Birne, die Geräusche der Schritte und das Rascheln der Kleidung. Wenn man die Richtung wechselte, ging er mit, reagierte so fein wie ein mit dem Partner abgestimmter Profi-Tänzer. Als ich ihn einmal mitten in einer Gruppe von Freunden laufen und gestikulieren sah, gesellte ich mich vorsichtig hinzu und blieb erst einmal still — grüßte vor allem aus Scheu nicht gleich. So bekam ich noch mit, wie er den Rest der Länder Afrikas aufsagte.

— … Zaire, Angola, Sambia, Namibia, Botsuana… Ich bat die Männer mit einem Zeichen, ihn nicht zu unterbrechen.Er hatte, wie ich später noch erfuhr, irgendwo an der geo-politisch schwierigsten Westküste angefangen: Senegal, Gambia, Bissau, Guinea, Sierra Leone… weiter über Togo bis Königreich Dahomey, das inzwischen Benin hieß… und im Anschluß an Kamerun hatte er den ganzen Norden und Osten abgearbeitet, sich schließlich ins Kontinentinnere durchgewühlt, allmählich dann in den Süden.

— Soll ich noch alle asiatischen Flüsse aufzählen, bis mir auch der Letzte glaubt? sagte er, nachdem er mit Swasiland und Lesotho die Aufzählung abgeschlossen hatte.

— Nein! Wir wollten doch über den blöden Schwejk reden, sagte etwas ungeduldig sein Freund, der Politologe H. - noch bevor ich den Mund aufmachen konnte.

— Ich könnte euch gern auch den Verlauf der Ostfront beschreiben — vor Stalingrad oder nach Stalingrad, egal in welchem Kriegsjahr oder Kriegsmonat.

— Du wolltest doch selbst zu Schwejk…

— Natürlich! Ich habe mir neulich wieder mal den Schwejk vorgenommen — und zwar gründlich. Wir sind aber mehr geworden, nicht wahr? Jemand läuft mit.

— Hier bin ich, sagte ich nach zwei Schritten.

Er drehte sich um und fand schnell meine Schulter, meinen Arm und natürlich auch meine nach zwei Schritten in seine Dunkelheit ausgestreckte Hand. Seine Berührung zu spüren war wieder ein kleines Erlebnis. Daß die Frauen es mochten, war kein Wunder.

— Du riechst ähnlich wie deine Mutter, Georg. Wann wurde dein barockes Tor gebaut? Das weißt du aber längst… Komm mit. Die ganze Welt ist von unserem Schwejk immer so begeistert — und mir geht das schon lange auf den Geist. Es ist ein Beispiel dafür, daß Literatur auch viel Schaden anrichten kann — sie kann den Ruf ganzer Landstriche schädigen oder ein Volk in eine Schieflage bringen. Wir als kleine Schwejks! — inzwischen ist dieser Irrtum mit uns verwachsen wie ein schlecht plazierter Tumor. Zusätzlich geistern inden Hinterköpfen der Leute auch noch die Figuren von Hrabal herum. Als Ausländer stellt man sich gern vor, die Tschechen würden sich dauernd nur amüsieren, egal, wie scharf ihnen die Jauche ins Gesicht geblasen wird. Dabei bringt sich hier dauernd jemand um — oder emigriert und stirbt in München an seiner Verlorenheit. Und denjenigen, die aus diesem Kessel unbedingt rausmöchten, aber aus Angst hierbleiben, setzen gnadenlos ihre Magenbeschwerden zu. Wo sollen bei uns Leichtigkeit oder wurzelfeste Heiterkeit überhaupt herkommen — bei diesem Mangel an Sonne und erlaubter Reife? Und bei dieser stehenden Prager Dreckluft, nebenbei gesagt? Und wenn in diesem Morast einer gerade nicht selbst depressiv ist, ist es zur Abwechslung sein bester Freund, den gerade die Frau verlassen hat und dem jede Klarsicht verlorenging. Leider sind wir keine stolze Nation, stimmt's? Die Hussitenzeit liegt schon viel zu weit zurück. Damals waren wir aber wirklich die Avantgarde von Europa — allen weit voraus, auch als es dann um die religiöse Versöhnung ging.

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